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Nur noch 3 Wochen bis zum Halbmarathon. Ein Trainingspunkt bis dahin ist klar: Der letzte langsame lange Lauf steht an Ostern an. Aber beim Schwerpunkt für den heutigen Lauf bin ich mir zunächst unsicher. Egal was ich mache, es ist notwendig. Denn Tempo, Hügel, Ausdauer… alles hat noch Luft nach oben. Meine innere Schweinehündin Lisa hat im Moment wenig zu melden. Aber sie flüstert mir trotzdem immer wieder ein, dass ich meine Form für den Halbmarathon nicht mal ansatzweise rechtzeitig aufgebaut bekomme und deswegen auch gleich kneifen könnte. Deswegen treffe ich heute eine Entscheidung für die Psyche. 10 km auf der Zielstrecke im HM-Renntempo. Wenn das hinhaut, habe ich zumindest eine kleine Chance, das in 3 Wochen im Wettkampf auf 21 km zu wiederholen. Wegen der Baustelle muss ich die Strecke etwas ändern, aber die wesentlichen Mörderanstiege mit dem langsamen Sterben (O-Ton von Schatz) sind auf jeden Fall drin. So der Plan.

Gegen 14:30 mache ich mich auf den Weg. Nicht meine Uhrzeit. Ich bin eher Morgen- oder Abendläufer. Aber mit Sonne und Vogelgezwitscher sind die Voraussetzungen für die Psyche schon mal sehr gut. Ich trabe mich 1,5 km ein, bis zum Sportplatz. Hier wird es in 3 Wochen losgehen. Auch mittags. Ich gebe einen imaginären Startschuss ab und laufe los.

Es geht ein kurzes Stück eben, bis zu dem ersten langgezogenen immer steiler werdenden Anstieg. Galloway bleibt zu Hause und ich laufe den Anstieg durch. Ich versuche immer wieder einen Blick auf meine Uhr zu erhaschen und die Pace abzulesen. Das stellt sich aber schnell als unsinniges Unterfangen heraus. Durch die Steigungen ist die Anzeige der Pace träge und der Schnappschuss sagt mir wenig. Außer dass ich im Anstieg langsamer bin als die Zielpace. Aber das wusste ich vorher schon. Ich ändere die Taktik und versuche einfach mit möglichst gleicher Anstrengung statt gleicher Pace zu laufen. Und das nach Gefühl. Mal sehen was dabei rauskommt.

Am Hang laufe ich die langgezogene Kurve mit dem grenzgenialen Blick über den See auf die verschneiten Berge. Das ist immer wieder ein toller Moment. Ich muss aufpassen, dass ich vor lauter Schauen nicht zu langsam werde und gebe wieder etwas Gas. Die Baustelle nimmt inzwischen auch etwas von der Schönheit der Natur. Die Anstiegskilometer waren 25sek über der Zielpace. Die ebenen Kilometer etwa 20sek darunter. Mal sehen ob sich das ausgleichen wird. Jetzt passiere ich die riesige Wiese. Bis zum Halbmarathon soll sie kräftig gelb und weiss blühen. Ob sie das in 3 Wochen schafft? Im Moment ist es eher ein braches Ackerfeld.

Es geht rein in den Wald. Ich genieße den Schatten mit lockeren und längeren Schritten. In der Sonne wurde es nämlich ganz schön warm und ich triefe vor mich hin. Raus aus dem Wald und locker bis zum nächsten Abzweig. Beinahe nehme ich den falschen. Aber ich erinnere mich noch rechtzeitig, dass hier die Streckenposten die Viertele Läufer von den Halbmarathon Läufern trennen. Ich habe jetzt 8,5 km auf der Uhr und bin noch vor dem Haus am Wald… dem Mörderanstieg. Wenn ich den Halbmarathon laufe, werde ich dort 8 km mehr unter den Sohlen haben.

Die Strecke führt jetzt abwärts durch die Felder rein ins Dorf. Vorbei an dem Garten, wo beim letzten Mal die Band gespielt hatte und an der Stelle, wo ein paar Kollegen grillend die ganze Mannschaft angefeuert hatten. Ja und jetzt liegt er vor mir. Der Mörderanstieg. Er sieht eigentlich ganz harmlos aus. Und trotzdem sind damals sehr viele Läufer den Anstieg hoch gegangen. Heute erlaube ich mir keine Gehpause. Ich will einfach wissen, was geht… und laufe in kleinen Schritten den Hang rauf. Oben angekommen wird mir klar, warum er so gemein ist. Er fängt harmlos und immer ganz leicht steiler werdend an. Dann kommt ein deutlich steileres Stück um danach wieder in einen langen Anstieg überzugehen. D.h. man hat das Gefühl, einfach nie oben anzukommen. Linzi hatte mir damals gesagt: „Nicht nach oben schauen, sondern nur auf meine Waden.“ Ich muss schmunzeln, denn die Vorstellung ihrer Waden hat mich auch diesmal wieder den Berg rauf gebracht.

Die Pace dieses Kilometers war um 50 sek schlechter als die Zielpace. Aber ab jetzt geht es nur noch bergab und da könnte sich das vielleicht noch ausgleichen. Ich lass es runterwärts laufen bis zum Abzweig, der mich dann eben wieder zum Sportplatz zurückführt. Ich stelle mir den Zieleinlauf vor und strecke mich etwas… bis ich den nächsten Mörderanstieg sehe. Den hatte ich ganz vergessen. Lisa jault auf und fordert eine Gehpause ein. Objektiv betrachtet ist der Mörderanstieg absolut lächerlich. Die Strecke abwärts auf Asphalt steckt mir aber irgendwie mehr in den Waden, als die bergauf Stücke. Ich bin demoralisiert. Den Sportplatz kann ich jetzt schon sehen und kenne keine Gnade für die Wade. Auf geht es in Zeitlupentempo, aber laufend. Die letzte Gerade. Ich sehe die Baustellenabsperrung… mein Zieleinlauftor… und mit einem Lächeln durch.

Auf dem Heimweg schleppe ich mich noch 1,5 km dahin und resümiere den Lauf.
Die Pace war in Summe 5 sek schlechter, als erhofft und genauso 5 sek besser, als vor 3 Jahren. Mit etwas gutem Willen hätte ich vielleicht noch 3-4 km in der Pace durchgehalten, aber keine 11. Allerdings bin ich stärker als vor 3 Jahren. Die Anstiege habe ich bedeutend besser genommen, als damals. Und das diesmal ohne Hasen. Das mit dem Halbmarathon innerhalb der Zielschlusszeit ist also durchaus möglich. Aber Reserven bei Tempo oder Durchhaltevermögen sehe ich keine. Ich frage mich, wieviel ich in 3 Wochen überhaupt noch an Form aufbauen kann, um da auf der sicheren Seite zu sein. Es bleibt auf jeden Fall spannend.

5
Gesamtwertung: 5 (2 Wertungen)

Viel Erfolg

Ich habe mit großem Interesse deinen Bericht über den lauf gelesen und wünsche dir für den Halbmarathon viel Erfolg. Du hast in all deinen Überlegungen nicht bedacht, dass das Wettkampf-Gefühl und die Atmosphäre mit den anderen Läufern einen wesentlichen Einfluss auf deine Leistung haben wird. Die Chancen dass du einen sehr guten Halbmarathon laufen wirst sind aus meiner Sicht sehr gut.

Mach Dir keine Sorgen!

Du bist den heutigen 10er aus dem Training heraus gelaufen. Wenn Du nächste Woche den letzten langen Lauf im Kasten hast, beginnt die Tapering-Phase. In dieser Zeit schraubst Du das Training runter und Dein Körper erholt sich von den Anstrengungen des Trainings. Und wenn der Tag X dann da ist, stehst Du ausgeruht am Start. Dann wirst Du die Kraft haben, die Du Dir heute nicht vorstellen konntest.
Und wenn so zwischen km 14 und 17 die mentale Saure-Gurken-Phase kommt, denkst Du einfach an Linzis Waden :-)
Viele Grüße, WWConny

Conny hat Recht

Testlauf ist schön und gut, Wettkampf etwas ganz anderes. Da kannst du mehr und bist erholt. Von daher: alles gut!

"Gelaufen wird wie es geht, geschlafen wann es sein muß und wenn ich im Ziel bin, bin ich da" (Schalk)

Saarvoir courir - laufen im Saarland

Ich suche noch den Fehler...

... Der Testlauf lief doch wie ein Länderspiel. Du hast dir die Strecke noch mal angesehen. Zu wissen wann es wie hoch geht, scheint mir nicht ganz unwichtig. Gerade wo du dich kopfmäßig damit schwertust. Dann kannst du es auch über den Kopf besser ausgleichen. Zu dem beschriebenen Mörderanstieg fällt mir ein, dass ich bewußt in dem steileren Abschnitt nicht an der Grenze Druck mache, um ab da wo es wieder leicht flacher wird bewußt aufs Dembo zu drücken. Gibst du im steilen Abschnitt ebenso Gas, hast du allgemein nicht die Kraft so zu beschleunigen und normal verliert man im steilen nicht die Zeit, die man später gut machen kann.
Das Thema Tapering kam ja schon von Conny und Strider. Völlig korrekt. Aus dem vollen Training ist was ganz anderes als ausgeruht im Wettkampf.
Das wird! Da ist kein Fehler!
;-)
Beim Schalk läuft die Vorbereitung auf die TortourdeRuhr!

Das wird schon!

das Wettkampf-Adrenalin wird´s schon richten, keine Angst.

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