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Laufen ist Religion...:D

Original: Achim Achilles, Laufkolummne auf Spiegel.de

Statt sich passiv unterhalten zu lassen, hatten die Bürger den Individualismus entdeckt und vergnügten sich selbst. So wurde aus dem Kirchgang ein Waldlauf, aus dem Evangelium ein Trainingsplan und aus dem Vaterunser ein Wadenkrampf. Seither sind Millionen Menschen übergelaufen. Sie sind deswegen nicht weniger gläubig, im Gegenteil: Sie sind religiöse Fanatiker. Als Rosenkranz tragen sie den Brustgurt zur Herzfrequenzmessung, ihre Bibel heißt "Runner’s World", statt Hostien und Wein lassen sie Isostar und Powerbar auf der Zunge zergehen, ihre Götzen heißen Steffy, Dimeo, Wessinghage oder Karraß.

Weltreligion Laufen. Tibetische Lamas laufen, dicke Amis und dünne Afrikaner, Inder, die schon 100 sind und jede Menge Muslime. In Laufschuhen sind alle gleich, ausgesprochen friedfertig, vor allem nach 20 Kilometern, und sie können sich auf den maskulinen Minimalkonsens verständigen, dass Frauen nur laufen sollten, wenn sie Männer nicht überholen. Dschihad gibt es höchstens auf den letzten Metern des Marathons. Dann fließt Blut. Aber nur aus dem Schuh, von den wunden Hackfleischzehen.

Gerade an Feiertagen wie Ostern sollten sich unsere Kirchenfürsten mal überlegen, wie sie den Gottesdienst auf den Waldweg bekommen. Kann doch nicht so schwer sein. Ist ja alles da, was unsere Freunde in Rom reich und mächtig gemacht hat. Der Ablasshandel funktioniert bei den Läufern schon mal prächtig. Wir tragen jedes Jahr Tausende von Euro in die Opferstöcke bei "Karstadt Sport", aus Angst, wir könnten zu langsam sein und in der Hoffnung, mit einer Spende ein paar Hilfsmittel zu bekommen, die unser Tempo verbessern. Statt Aschekreuz bekommen wir drei Streifen.
Unser Kreuzweg ist 42 Kilometer lang. Er führt zwar nicht durch den Staub Jerusalems, aber dafür, viel schlimmer, durch die hinterletzte Kleinstadt. Statt Holzkreuz tragen wir ab Kilometer 30 noch viel schwerer an dem Mann mit dem Hammer im Nacken. Und die Dornenkrone nicht auf dem Kopf, sondern spätestens nach zwei Stunden zwischen den Oberschenkeln, wenn wir mal wieder an der Vaseline gespart haben. Die besonders gläubigen Büßer bluten aus den Brustwarzen. Dafür ist die Fastenzeit aufs ganze Jahr ausgedehnt. Und die Buße auch. Wenn wir nicht gerade bluten, leiden wir beim Tempotraining.

Und abends sinken wir matt und hungrig auf unser Lager und beten still vor uns hin:

Trainer unser, der Du bist am Klemmbrett.
Geheiligt werde Dein Name,
mein Erfolg komme.
Dein Wille geschehe,
im Wald wie auf der Laufbahn.
Unser täglich Endorphin gibt uns heute,
und vergib uns unser Motzgesicht,
so wie wir vergeben Deine illusorischen Zeitvorstellungen.
Und führe uns nicht in den Unterzucker,
sondern erlöse uns von den Krämpfen.
Denn Dein ist die Bestzeit,
die Stoppuhr
und die Excel-Tabelle,
in Ewigkeit.
Die Lahmen.

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