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Die Wirkung des Aperitifs ist abgeklungen, der Salatteller und die Antipasti haben sich gesetzt. Nun steigt die Vorfreude auf das Hauptgericht. Wiederum zwei Tage nach den Antipasti wurde es serviert. Das Hauptgericht sollte der Gang sein, der einem lange in guter Erinnerung bleiben sollte. Der Lauf, der hier als Hauptgericht deklariert wurde, hat gute Chancen dazu.
Anvisiert hatte ich die Original-Strecke der 6. Etappe des diesjährigen Transalpine runs.
Lange hatte ich gehadert, ob ich mir die Strecke an diesem Tag vornehmen sollte. Die Wetterprognose prophezeite ein grau in grau mit Regenschauern, die mitunter stundenlang anhalten könnten. Dazu war es am Vortag schon regnerisch und in der Nacht ist ein Wolkenbruch niedergegangen, der reichlich Munition für die Bergbäche und Wasserfälle spendete. Wie würden dann die Gebirgswege aussehen? Kann ich unter diesen Bedingungen eine solche Etappe als One-Man-Show wagen, ohne Briefing eines Renndirektors, ohne Laufbetreuung, ohne Laufpartner?
Ich wagte es und nahm mir vor, wenn es zu heikel würde, ins Tal zurückzukehren und dem Fluss entlang zurück zu laufen oder den Bus zu nehmen.
Die Etappe dürfte meines Erachtens eine leichtere sein, den der Startort Prettau im Ahrntal liegt auf 1476 Meter (der höchstgelegene Etappenort der Ostroute), der Zielort Sand in Taufers auf 873 Meter. Vom Start zum Ziel könnte man entlang der Ahr nahezu steigungsfrei das Tal entlang trudeln und wäre nach 25 Kilometern dort. Das wäre jedoch nicht transalpin-like. Deshalb führt der Weg an der Weißen Wand, die an der Bretterscharte bei 2452 Höhenmetern überquert wird, über den Höhenzug der Durreck-Gruppe. Es drängt sich mir auf, als wäre das eine Regenerations-Etappe für die Transalpinisten nach der Überquerung des Alpenhauptkammes.

Als ich mich in Prettau aussetzen ließ, zeigte sich das Ende des Ahrntales recht freundlich. Über der Birnlücke, an der in ein paar Wochen die diesjährigen Transalpine Runner nach Südtirol kommen, war blauer Himmel.
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Am Ortsende von Prettau führte mich ein breiter Wirtschafts- bzw. Forstweg in Serpentinen stetig den Berg hoch.
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Die Zillertaler Alpen am gegenüberliegenden Hang hüllten sich teilweise in Wolkenfetzen. Dennoch war die Aussicht beeindruckend, dazu verbinde ich mit exakt diesen Bergen die tollen Eindrücke einer Schneeschuhwanderung, die ich vor 1,5 Jahren mit unserem Hotelier gemacht hatte.
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Hoch über dem Tal passierte ich die Stegeralm und bald darauf die Alprechalm.
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Die Alprechalm und der Weg dorthin

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Vor der Alm passierte ich dieses Bachbett

Danach wurde aus dem breiten Weg ein grasbewachsener Pfad, der sich den Geländeformationen anpasste.
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Der Lauf dort entlang machte viel mehr Spaß als der breite Weg zuvor. Kleine Steigungen und Gefälle wechselten sich ab.
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Die Zillertaler Alpen und das Ahrntal

Nach dem Passieren mehrerer Bergeinfaltungen erkannte ich deutlich das, was das Hasental sein musste. Dort führte der Weg wieder bergan, auf die Weiße Wand zu, die sich jetzt immer besser vor mir aufbaute.
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Die obere Hasentalalm, hinten rechts rückt die Weiße Wand ins Blickfeld

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Blick von der Hasentalalm zum Ahrntal

Ich war davon ausgegangen, dass die Weiße Wand ihren Namen hat, weil sich auf ihrer Nordseite der Schnee fast das gesamte Jahr halten würde. Weit gefehlt. Ein Schneefeld sah ich nur kurz vor der Hasenalm im Bachbett. Die Wand bestand überwiegend aus weißem Gestein, auch zartrosafarbenes war stark vertreten.
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Der Pfad führte in teilweise steilen Serpentinen an der Weißen Wand hoch. Die ich schaffte es noch, ein paar Fotos vom ausgedehnten Grünland der Hasenalm und dem Grat zu schießen, als eine Wolke den Berg hochkroch.
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Es fing an zu nieseln, das in den nächsten Minuten in Regen übergehen sollte. Oben führte der Pfad ein Stück nur wenige Dezimeter unterhalb des Grates entlang,
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dann ein paar Meter auf dem Grat, bevor er auf der anderen Seite herunter führte. Nur knapp unterhalb des Grates grünte und blühte es auf der Südseite schon wieder.
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Ich war zwar in den Wolken unterwegs, die Sicht war jedoch ausreichend, dass ich immer wenigstens 30 Meter weit sehen konnte und der Weg war nicht zu verfehlen.
Nachdem ich ein paar Höhenmeter abgegeben hatte, war es an der Zeit, mich umzuziehen. Bis dahin war ich im kurzen Shirt, das vom Aufstieg durchgeschwitzt war, unterwegs. Der Regen tat ein Übriges. Nun schlüpfte ich in das langärmlige Shirt und die Regenjacke, die ich bei meinen südtiroler Läufen bisher nur im Rucksack spazieren getragen hatte. Als Umkleidekabine diente meine persönliche Regenwolke, aber es war ohnehin niemand da, den mein Strip hätte interessieren können ;-)

Auf dem schmalen Pfad erntete ich mit den Unterschenkeln die Wassertropfen von den Gräsern und sonstigen Pflanzen, mit dem Effekt, dass mir das Wasser in die Schuhe lief.
Bald hatte ich den Reiner Höhenweg und die Durraalm erreicht. Dort genehmigte ich mir eine leckere Speckknödelsuppe und eine Apfelschorle. Außer mir hatten sich noch zwei Wandererpaare dorthin verirrt. Der Pfad führte den Reiner Höhenweg entlang, zunächst wieder gut 100 Höhenmeter hinauf. Trotz des abschüssigen Geländes zu meiner Linken, hielten sich eine Menge Pfützen auf dem Weg. Anfangs noch den Slalom drumherum gemacht, war ich bald so weit eingesaut, dass es sich nicht mehr lohnte und ich zumindest die kleineren Pfützen ignorierte.
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Dem inzwischen im Netz verfügbaren Höhenprofil zufolge hatte ich hier eine kleine Abweichung zur Originalstrecke. Die scheint von der Durraalm dem Fuldaer Weg ins Knuttental nach Rein in Taufers zu folgen (ständiges Gefälle), um dann wieder über 300 Meter anzusteigen.

Die Wolken ließen einen kurzen Blick auf das Örtchen Rein in Taufers zu.
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Das Bergpanorama hatte eine Bildstörung in Form eines weiß-grauen Vorhangs.
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Wie das Panorama bei gutem Wetter aussehen könnte, wusste ich von einer Wanderung ein paar Tage zuvor (mit etwas veränderter Perspektive).
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Der Hochgall

Etliche kleinere Bergbäche waren zu überqueren und auch am jenseitigen Hang zogen sich die Bäche und Wasserfälle als silbern schimmernde Bänder zu Tale. Irgendwann wurde aus dem Pfad ein Wirtschaftsweg. Der Weg führte meist leicht bergab hatte aber immer wieder kleine Gegenanstiege.
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Wie dort der genaue Verlauf des Transalpine ist, wusste ich beim Lauf nicht mit absoluter Sicherheit, hatte scheinbar aber einen guten Riecher. Ich wählte die Abzweigung zu „Kofler zwischen Wänden“ und kam auf einen klasse Gebirgspfad. Nach ein paar Kilometer Wirtschaftsweg war es ohnehin an der Zeit, die Koordination zu schulen und die Pace in den Keller zu drücken.
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Ich hatte über nassen Fels, nasse Wurzeln, wassergetränkten Waldboden und Kissen aus abgeworfenen Baumnadeln zu laufen. Einmal ist ein Fuß beim Aufsetzen weggerutscht, ich konnte mich jedoch rechtzeitig abfangen, bevor ich mir den Steiß auf dem Fels prellte.

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Auf einem Stück durfte ich den Weg mit einem Bergbach teilen

Dass ich die Füße wieder weitgehend trocken gelaufen hatte, fiel mir auf, als ich durch nasses Gras lief und wieder Feuchtigkeit eindrang. Hm, das Gore-Tex-Modell meiner Trailschuhe stand gut aufgehoben zu Hause im Keller. Die hätten nun Sinn gemacht. Vorher, als das Wasser von oben in die Schuhe lief, hätte das Gore-Tex-Material auch nix genützt.

Dort, wo ich aus dem Wald kam, hatte ich noch einen kleinen Anstieg zum Parkplatz bei der Ruine Tofel (je nach Beschilderung oder Karteneintrag nennt sie sich auch Tobl, Tobel oder Kofl), dem Stammsitz der Herren von Taufers bis sie im 12. Jht. mit dem Bau der Burg Taufers oberhalb von Sand begannen.
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Teile der Ruine Tofel

Danach kam ich an den vier Wasserfällen des Reinbaches vorbei, wo bedeutend mehr Wasser hindurchdonnerte, als bei unserer Wanderung am Anfang unseres Urlaubs. So schnell konnte man kaum ein Foto schießen, wie die Kamera von der Gischt klatschnass war.
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Einer der vier Reinbach-Wasserfälle am Lauftag...

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... und zum Vergleich fünf Tage zuvor

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Der untere Reinbach-Wasserfall

Von dort war es nicht mehr weit nach Sand. Am Lauftag verlor sich die Sicht nach der Burg im Wolkenkissen. Bei unserer Wanderung war noch die Sicht auf die Zillertaler Alpen möglich.
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Zu verbuchen waren 30,5 Kilometer und 1500 Höhenmeter positiv bzw. 2100 Meter im Gefälle. Nach gut fünf Stunden war ich im Ziel bei unserem Hotel. Direkt daneben war auch beim Transalpine 2008 das Zieltor aufgebaut.

Trotz des bescheidenen Wetters konnte ich den Lauf genießen. Wenn ich im nächsten Jahr am Start des Transapline runs (dann die Westroute) stehe, kann ich auch nicht sagen, dass mir das Wetter nicht gut genug sei und ich morgen wieder kommen würde.

Der Lauf war allemal mit dem Hauptgericht eines Menüs gleichzusetzen. Abgerundet wird das Südtiroler Menü mit einem Dessert, das in kürze aufgetragen wird.

cherry65

4.8
Gesamtwertung: 4.8 (5 Wertungen)

Sehr schön. Für mich als

Sehr schön. Für mich als Südtiroler besonders interessant.

Wunderbar!

Magen verdorben incl. rektaler Disharmonie

beim Lesen der vielen Höhenmeter! Aber o.k., von nix kommt nix! Meine Bewunderung dafür, wie du dein Programm durchziehst hast du garantiert! Alle Achtung!

Ich habe gesehen, dass du tatsächlich unseren Wink mit dem Zaunpfahl folgst und beim Alb-Marathon mitmachst! ***freu*** Möglicherweise bist du dort mit den gerade mal 1.070 Höhenmetern etwas unterfordert! Doch du könntest ja zusammen mit Franzl diesem äußerst charmanten und sympathischen Herrn - sofern er auch dieses Jahr wieder am Start ist - zeigen, wo der Hammer hängt!

;-))

Wir sind BORN - Verstand ist zwecklos!

Mal wieder

mal wieder ein klasse Bericht. Ich bin gespannt auf die Nachspeise!!
Gruß Manajah

Wenn cherry eine Reise tut...

...dürfen wir alle zwei Tage neu staunen. Danke!

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

mmmmmhhhhhh...

...welch gaumenfreude
____________________
laufend genießt: happy

@MagnumClassic

Ich gehe davon aus, dass Du zunächst das Allgäu rockst und anschließend selbst diesem Herrn zeigst, wo es lang geht! ;-)

cherry65

Jeder, der vor mir läuft, hat es sich verdient

BORN to run

Wolken

Die Wolkenbilder sind halt aus dem richtigen Leben.

Außerdem gibt es kein schlechtes Wetter, nur unangepasste Bekleidung.

cherry65

Jeder, der vor mir läuft, hat es sich verdient

BORN to run

Super schön!

Ich halte es wie strider und bleibe im Flachland. Aber gucken darf man ja;-)

Laufende Grüße von Tame

da hast Du ja

essenstechnisch ganz schön zugeschlagen im Urlaub!
Köstlich!!
Danke für die tollen Bilder und Gruß von der Obermemme in Österreich.

29.August Friesathlon, 19.Sep. Löwenburglauf, 3.Okt. Köln-HM
17.Okt. 3-Brückenlauf, 12.Dez. Verabredung mit mainrenner

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