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Ich war schon ein bißchen verrückt früher: Gejoggt bin ich auch im Winter bei Schnee und Eis in kurzen Hosen und T-Shirt. An den Händern habe ich gefroren, aber insgesamt wurde es mir irgendwann trotzdem warm - man muß nur schnell genug laufen. Danach ein heißes Bad war dann das Beste - aaah! :)

Irgendwann hat dann der damalige Geschäftsführer meines Ex-Arbeitgebers verkündet, wer mit einem Firmen-T-Shirt beim ersten Erlanger Städtemarathon starten würde, bekäme selbiges samt Startgebühr gesponsort. Also meldete ich mich spontan an. Trainiert habe ich nicht, mein letztes Jogging war sechs Wochen vor dem Wettkampf. Einige Kollegen, die regelmäßig liefen, hatten eine Trainingsgruppe gebildet, einer davon - unser Triathlet, der schon mehrere Ironmen hinter sich hatte - trainierte sechs Tage die Woche neben der Arbeit nach dem Greif-Plan und lief dann folgerichtig auch 3:02.

Mein Anspruch war einzig und allein der, anzukommen, und zwar vor dem Zielschluß (5:30). Im Grunde war es ein Experiment an mir selbst, um festzustellen, ob ich, der ich vorher nie im Leben weiter als 13 km am Stück gelaufen war, als Untrainierter einen Marathon schaffen könnte. Wie es mit meiner Leidensfähigkeit aussah, wollte ich auch wissen. Als jemand, der sehr willensstark ist und als jugendlicher Hobbyspieler mal beim Badminton diverse (nominell bessere) Vereinsspieler einzig und allein deshalb besiegt hat, weil der unbedingte Wille zum Sieg da war, bildete ich mir ein, ich könnte einen Marathon schaffen.

Um es vorweg zu nehmen: Ich habe den Mararthon geschafft in der bemitleidenswerten Zeit von 4:14:30 - nichtsdestotrotz viel schneller, als ich befürchtet hatte. Aber ich empfehle niemandem, das nachzumachen. Wieso, wird gleich klar, wenn ich den Wettkampf (bzw. das Experiment) beschreibe:

Da stand ich also im April 2002 in Erlangen am Start in meinen knielangen Baumwoll-Schlabbershorts und dem Firmen-T-Shirt, den drei Jahre alten Billig-Turnschuhen und ohne Uhr oder gar Pulsmesser. Ich lief einfach los und fühlte mich großartig. Ich brauche nicht zu betonen, daß ich zu schnell unterwegs war, das machen ja fast alle Anfänger so. Bis Km 15 fühlte ich mich großartig - an dem Punkt wurde mir klar: Du bist jetzt bereits so weit gelaufen wie nie zuvor in Deinem Leben. Wow! Bei Km 20 liefen wir über den Markplatz in Herzogenaurach, unserem Firmensitz, und da standen diverse KollegInnen. Ich wollte noch gut aussehen, war aber bereits fix und fertig, konnte gerade noch winken. Außerorts war dann die 21,1-km-Marke, und ich dachte: Völlig ausgeschlossen, daß Du noch ein zweites Mal so weit läufst heute.

Bei Km 25 - nicht etwa bei 30 oder 35, ich war ja völlig untrainiert - kam dann der Mann mit dem Hammer, obwohl ich regelmäßig getrunken hatte, auch mal was Süßes. Ich setzte mich an den Straßenrand und fragte einen Betreuer, wann der Besenwagen kommen würde. Er sagte: "Oh, das dauert bestimmt noch eine Dreiviertelstunde." Da ich so lange nicht warten wollte, stand ich ein paar Minuten später wieder auf und begann, langsam zu gehen und schließlich zu traben. Heute denke ich: Nach dem Hinsetzen nochmal aufzustehen und loszulaufen, war meine größte (psychische) Leistung an diesem Tag. Es kam dann die Bahnüberführung zwischen Herzogenaurach und Frauenaurach, ein fieser Anstieg für jemanden, der schon platt ist. Über den kam ich hinüber und lief dann weiter. Kein Runners High in Sicht, nur jede einzelne Sekunde Schmerzen bei vollem Bewußtsein. Wenigstens war ich so schlau gewesen, mir die Stelle an den Füßen abzutapen, wo ich sonst Blasen bekommen hätte. (Ich bekam keine an diesem Tag, nur die großen Zehennägel fielen ein paar Wochen später ab, weil das Pflasterband darum zu eng war.)

Bei Km 30 ging es dann für 8 km schnurgerade am Europakanal entlang - 4 km hin, 4 zurück. Das war psychisch sehr hart, weil die Strecke kein Ende zu nehmen schien und mir außerdem jede Menge Läufer entgegen kamen, die längst auf dem Rückweg waren. Aber ich wußte zu diesem Zeitpunkt, ich würde ankommen, das alles sollte nicht umsonst gewesen sein.

Nach 38 km ging es dann endlich wieder in die Innenstadt und zurück zum Start/Ziel. Den letzten Kilometer wollte ich nochmal genießen, aber es tat nur weh, trotzdem war ich überglücklich auf der Zielgeraden. Mit geschlossenen Augen lief ich durchs Ziel und war Minuten später schon wieder relativ erholt, obwohl irgendwie auch halb tot.

4:14:30 - scheißegal, ich war angekommen, hatte es geschafft und mein Finisher-T-Shirt verdient. Ein Kollege, der trainiert hatte, kam noch eine Stunde später an, erfuhr ich am nächsten Tag. Die anderen vier (inkl. Mr. Ironman) waren deutlich bis ein wenig schneller, worüber ich mich ehrlich freute, denn sie hatten Monate vorher schon dafür gearbeitet.

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Bemitleidenswert??

Lieber Kriegaex, 4:14:30 finde ich überhaupt nicht bemitleidenswert , bemitleidenswert finde ich die fehlende Freude und den negativen Klang in Deinenen beiden Berichten. Ich kann nur sagen:" mach mal langsam und hab`Spaß" . Ich wünsche Dir gutes Gelingen und eine gewisse Leichtigkeit. Das Leben und das Laufen sind schön ! L G Fairy

Danke für die Aufmunterung

Na, weißt Du, das war vor sechs Jahren mit dem Marathon und ohne Vorbereitung, wie beschrieben. Da hättest Du auch gelitten, schätze ich. Trotzdem war es eine tolle Erfahrung. Und daß ich momentan ein paar Wehwehchen habe, die ich ja loswerden möchte, um mich wieder besser zu fühlen, ist auch nicht anders zu beschreiben. Ein Spaßläufer war ich noch nie, ich will schon meine Grenzen spüren, und die erreicht man so untrainiert eben schnell. Würde es mir nicht darum gehen, die Figur zu halten oder zu verbessern, weil ich so furchtbar gern esse und koche, aber von Diäten nichts halte, und könnte ich das, ohne Sport treiben zu müssen, würde ich es vermutlich nicht tun.

Aber Du hast schon recht, die schönen Momente, wo man morgens durch den Wald läuft, die Luft gut riecht und die Vögel singen, während über dem See noch ein paar Nebelschleier hängen, kenne ich auch. Oder wenn im Winter alles glitzert und die Schritte im Schnee zwar schwer sind, aber dafür leise und alles so rein wirkt - das ist schon fast eine Transzendenzerfahrung. Keine Angst, Laufen ist auch für mich nicht *nur* anstrengend und schmerzhaft, aber an der Belastungsgrenze eben schon. ;-)

Na klasse

und ich laufe drei Jahre lang und schaffe meinen besten Marathon in 4:38 und bin stolz wie Oskar. Vielleicht sollte ich es auch mal untrainiert versuchen :-)
Respekt!

cool

also nutzt du den sport zum stressabbau und zum auspowern doer wie?

untrainiert nen marathon zu laufen find ich ziemlich mutig.
ich würds net machen

Wieso ich laufe

Auspowern ist eine Sache, dann ist da noch das, was Lester Burnham alias Kevin Spacey in "American Beauty" auf die Frage geantwortet hat, wieso er mit dem Laufen begonnen habe: I want to look good naked.

Alexander

nackt???

wer läuft den freiwillig nackt durch die gegend????

Respekt vor deiner Leistung...aber

...für jeden, der ein wenig Verantwortungsbewusstsein seinem Körper gegenüber hat, nicht zur Nachahmung empfohlen!!

Und was deine Zielzeit angeht...ich bin stolz, meinen ersten Marathon so "vernünftig" gefinisht zu haben und zwar trotz Vorbereitung mit einer noch "bemitleidenswerteren" Zeit als deiner......
und mir gehts jetzt, eine Woche danach, blendend!! Was mir das sagt?? Ich habe alles richtig gemacht!!!

Sportliche Grüße
Shanna

Every body tells a story...

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