Benutzerbild von rainbowdreamer70

Wenn der Wille den Kopf besiegt und die Beine das beinah perfekt umsetzen dann ist wohl Frankfurt Marathon.

Soll ich oder soll ich nicht, Wetter soll ja auch nicht soooo dolle werden, aber was soll es. Bei schönen Wetter kann jeder einen rauszaubern. Also Samstag brav zur Nachmeldung geschlichen und tapfer geblieben, bei permanentem schielen auf die Wetterapps.
Sonntag: meine Gastfamilie weckte mich panisch um 5 Uhr ich hätte verschlafen es sei schon 7 Uhr! Kurze Diskussion wie spät es den jetzt sei und wieder unter die Decke gekrochen. Oje dachte ich das geht ja gut los. Der Rest der Vorbereitung lief gut, mit duschen (ja ich dusche vor dem Rennen, will ja frisch am Start stehen) frühstücken, Sachen zusammen sammeln und lostigern.

Die Ankunft am Frankfurter Bahnhof war etwas ernüchtern, es regnete und der Wind pfiff durch die Straßen. Naja ich will es ja nicht anders. Also noch ein bißchen gewartet, da die Wetterapp in ein paar Minuten eine Regenpause versprach und so war es dann auch. Also entspannt zur Messe gepilgert und mir einen Platz zum Füße eincremen und umziehen gesucht. Ein schicker kleiner Heizkörper war meiner. So mußte ich zumindest nicht frieren und konnte mich in Ruhe vorbereiten. Die Kleiderfrage war ja immer noch nicht final geklärt. 13° Wind und evtl. auch Regen, was anziehen. Ich entschied mich für kurze Hosen, T-Shirt eine kurzärmliche Windweste und eine superleicht Wind Jacke, falls der große Wandertag kommen sollte, daß ich noch etwas zum Überziehen habe.

Gegen 9:15 gab ich meinen Kleidersack ab und begab mich nach draußen. Puh welch ein Wind, das wird lustig. Also schön warm laufen und ein bißchen Lauf-ABC. Nochmal die Toiletten suchen und ab in den Startblock. Wo ich entsetzt fest stellte, daß die mich ganz nach hinten getan hatten. Höfflich die Absperr-Tante gefragt ob ich vielleicht weiter vor dürfte, denn ich wollte etwas schneller als 4.30 laufen. Plan war mich an den 3.45 Luftballon zu hängen bis er mir entschwindet und mich dann irgendwie ins Ziel zu kämpfen. Sehr ambitioniert, war mein Plan, aber wer nix wagt, der nix gewinnt.
Hatte Glück und sie ließ mich nach vorne, nur leider schaffte ich es nicht ganz vor zu meinem Zugläufer. Egal, er ist in Sichtweite, dann halt auf Abstand den Luftballon im Auge behalten.

Es pfiff durch die Messe, daß es eine wahre Freude war. Der Wind kam an der Stelle von hinten und ich freute mich schon auf den Zieleinlauf gegen den Wind. Das ganze Warm machen war schon wieder für die Katz und meine Waden wurden kalt und steif, also zwang ich mich etwas piano an zu laufen, damit da nix auf den ersten Metern kaputt geht. Pünktlich um 10.10 startet die 2te Welle und ich mitten drin. Gänsehautfeeling. Wünschte meine Mitläufern gutes durchkommen und los ging es.

Der Wind trieb uns nach vorne und im nächsten Moment bremste er uns aus. Es war ein ständiges flott und langsam. Egal, immer schön den 3.45 Luftballon im Auge behalten. Km3 puhh fühlt sich jetzt schon anstrengend an, ob ich mein Vorhaben aufgeben soll? Nix da, Jacke aus und weiter schön den gelben Punkt fixieren.

Km5 ein Gel rein gedrückt und weiter, sach mal kommt der gelbe Punkt näher, waren es erst immer so ca.200m so sind es jetzt nur noch geschätzt 150m. Egal, lauf einfach.
Km9 jetzt kommt der kleine Anstieg, Kopf runter langsamer werden, nur nicht überziehen die anderen vorbei lassen. Oben angekommen, wieder ein Gel rein gedrückt, Wasser hinterher gespült und weiter. Wo ist eigentlich der 3.45 Mann? Stimmt mit meiner Brille etwas nicht oder ist der jetzt noch näher gekommen. Egal, weiter weiter, es geht bergab, das ist meine Disziplin. Kopf runter, Oberkörper nach vorne, Kniehoch und runterzischen. Läuft Yeah so mag ich das. (Gibt es eigentlich auch Bergabmarathon‘s?)

Km 11, 12 und 13 fühlen sich immer anstrengender an!

Km 14 ich fühl mich platt, denk übers aufgeben nach bevor es raus geht aus der Stadt, so komm ich doch leichter wieder zum Messegelände.
Ach komm, zuhause warten viele auf deine Zwischenzeiten, die kannst doch nicht enttäuschen also weiter.

Km 15 in 1:19:xx fühl mich schon wie durch den Wolf gedreht, aber mein Wille spricht: du bist doch voll im Plan, was willst du denn mehr, der gelbe Luftballon kommt doch auch immer näher. Lauf zumindest einen guten HM, dann kannst immer noch aussteigen und schau mal, der erwartete Gegenwind war auch nicht da. Was willst du mehr. Heul nicht LAUF. Du wolltest es ja so, also Aufgeben ist jetzt noch keine Option. Solche Gespräche liefen im meinem Kopf ab, ganz schön crazy

Km 16 – 19 liefen halbwegs trotz dieser Megaanstrengung.

Km 20 in 1:46:xx passiert, das ist doch super flüsterte mir wieder jemand ins Ohr, lauf weiter, nur noch 1,1km dann haste eine super HM gelaufen. Der Zugläufer blieb auch immer noch in Sichtweite. Was mich irgendwie irritierte, da ich mich echt platt und auch extrem langsam fühlte, aber scheinbar war das noch gar nicht so.

Dann war sie da die HM Marke, mit 1:52:xx war das für mich eine mega Zeit, das beflügelt mich und der gelbe Punkt war ja auch ziemlich näher gekommen. Also weiter. Lauf einfach weiter hier gibt’s eh keine S-Bahn also weiter irgendwie muß ich ja wieder zur Messe, da kann ich auch weiter laufen.

Zwischen km 22 und 23 überkam mich eine Müdigkeit, die seines gleichen suchte. Ich hielt schon Ausschau nach eine Parkbank auf der ich mal kurz ein Nickerchen machen konnte. Aber irgendwie fand ich keine. Dafür wurde der Abstand zum Pacemaker wieder größer und größer. Egal, lauf einfach weiter, vielleicht kannst ja den Vorsprung irgendwie ins Ziel retten.

KM23,5 die Schwanheimer Brücke kommt. Cool da vorne laufen die Clowns, die werden mich die Brücke hoch ziehen. Hat super geklappt und schwups die wups waren wir oben. War doch gar nicht so schlimm, kam da wieder die Stimme. Auf der andern Seite runterkacheln, das war wieder meins. Wobei das runterkacheln dann diesmal nicht mehr ganz so fluffig geklappt hat.

Km25: nur noch 5km irgendwie durch stehen dann haben wir Rückenwind. Dieser Gedanke hielt mich aufrecht. So wurde 1 KM-Schild nach dem anderen herbei gesehnt. Kurz nach KM 28 wurden uns frische Staffelläufer vor die Füße geschmissen. Ich beneidete jeden Einzelnen von ihnen wie sie mit einer Leichtigkeit an uns vorbei zogen, gleichzeitig, na ihr wißt schon….

Dann war sie endlich da die Mainzer Landstraße, yuhuu endlich Rückenwind, nicht das der Wind jetzt so schlimm gewesen wäre, aber Rückenwind ist für die Läuferpsyche gleich viel besser zu verarbeiten. Irgendwie fühlte es sich aber mehr nach Seitenwind an. Bei den Böen mußte man sich ordentlich dagegen stemmen, damit man nicht aus der Bahn geworfen wird. Naja, hilft ja nix, dann nur mit halben Rückenwind.

Km30 Durchgangszeit 2:42:xx, da versuchte das Hirn zu denken, also für 12km hab ich noch 1:12 nee 1:28 nee 1:03 nee also ich habe jede Menge Zeit, wieviel konnte ich nicht ausrechnen und welche Pace ich dafür laufen mußte erst recht nicht. Aber gefühlt könnte es mit einer sub4 noch klappen, solange ich einfach irgendwie laufe und den Wandertag ein anderes Mal mache.

Also weiter weiter. Es tat immer mehr weh muß ich gestehen, der Drang alles hin zu schmeißen war immens groß. Dann dachte ich an meine Laufkumpeline, die ich im Frühling zum Berlin Halbmarathon unter die 2h gepeitscht habe, wie die gekämpft hat, wie eine Löwin, sie jetzt jetzt mein Vorbild!
Der Wille muß den Kopf besiegen, dachte ich und du willst es, du willst dir diese sub4 holen also lauf weiter. Du willst es, das war immer der Gedanke, nicht stehen bleiben, weiter weiter… diese letzten 12km waren die härtesten in meinem bisherigen Läuferleben. Die km Schilder waren so weit auseinander, doppelt so weit als sonst gefühlt zumindest :-)

Da vorne endlich km40 und eine Verpflegung. Kurz stehen, ah Cola, die loben doch alle so, soll ich das mal versuchen. Kaum zu Ende gedacht, schon war der Becher leer. Huch hoffentlich rächt sich das nicht bei meinem empfindlichen Magen. Egal, weiter weiter, Megastimmung war bei diesem Wetter mitten in Frankfurt. Das trug uns alle weiter.

KM 41 wow nur noch 1,1 km! Wo stehe ich den eigentlich, schaff ich die sub4 noch. Der Blick auf die Uhr sagte irgendwas von 3:48:xx boah, ich lauf ja tatsächlich sehr nah an meine persönlich Bestzeit heran. Also Beine in die Hand genommen und los, die paar Minuten kannst dich jetzt auch noch quälen. Plötzlich fing es auch zu regnen an. Wir bogen ums Eck auf die Friedrich Ebert Allee und da packte der Sturm auch nochmal alles aus was er im Köcher hatte. Der Regen peitschte uns ins Gesicht, aber wie schon so häufig in den letzten Stunden zog ich den Kopf ein und schrie innerlich nach oben: „ Ist das alles was du zu bieten hast!!!!“

Der Zielkanal war schnell erreicht und wir huschten in die Festhalle, da war er wieder der Klos im Hals. Ich gab nochmal alles und ließ vor lauter Freude daß ich diese Strapazen hinter mir hatte einen gepflegten bayrischen Juchzer aus.

Ich mußte mich gleich an der Absperrung festhalten und erste Mal zu Atem kommen. Meine komplette Rückseite war so verspannt, das ich mich kaum nach vorne beugen konnte. Also richtete ich mich wieder auf und traute meinen Augen nicht, als ich Petra von den Jogmaplern vor mir sah. Wir fielen uns in die Arme und heulten, weil wir beide über unsere Grenzen gegangen sind und waren einer Meinung, daß dieses gejage nach Bestzeiten ein Ende haben muß. Dann waren wir wie immer erstaunt, daß wir uns immer an unseren gemeinsamen Rennen trafen. Selbst bei so großen Veranstaltungen wie letztes Jahr der Berlin Marathon und dieses Jahr Frankfurt. Hoffe daß wir uns noch ganz oft glücklich und erschöpft im Ziel treffen.

Grüßle Rainbowdreamer

5
Gesamtwertung: 5 (5 Wertungen)

Ach, da muss ich gleich

Ach, da muss ich gleich wieder ein Tränchen verdrücken ;)

Hart war´s und geheult habe ich an dem Tag noch so einige Male, aber das war eine Mischung aus allerlei Gefühlen, Freude, Glück und Erschöpfung.

Wie wir zwei das auch immer schaffen uns pünktlich im Ziel zu treffen.

Liebe Grüße

Petra

Hach klingt das schön!

Tapfer nachgemeldet, dem Wind getrotzt und das Rennen gemacht. Super!

Ich verneige mich!

P.S: irgendwo musst du mich doch humpeln gesehen haben bei deiner Zeit???

"Gelaufen wird wie es geht, geschlafen wann es sein muß und wenn ich im Ziel bin, bin ich da" (Schalk)

Saarvoir courir - laufen im Saarland

während dem Lauf ist mir nix aufgefallen...

war auch viel zu sehr mit mir beschäfftigt, hab zwar immer wieder mal an alle gedacht die man so kennt wie es denen so geht,

aber...

ich bin mir nicht ganz sicher, ich glaube wir sind bei km30 auf dem gleichen Video ;-)

Wenn da ein Zwerg neben dir läuft mit grauen kurzen Haaren in schwarz gekleidet mit einer grünen Jacke um die Hüften gebunden, der auch alles andere als gut da aussieht, dann haben wir beide immerhin das geschafft uns auf einem gemeinsamen Video zu verewigen ;-)

Megaemotionen im Ziel

da kommen mir auch gleich wieder die Tränen, verrückte Welt.

Aber der Stolz der sich die letzten Tage eingestellt hat, wirft unsere guten Vorsätze das mit den Bestzeiten zu lassen gerade über den Haufen oje... :-)

Herzlichen Glückwunsch,

was für ein geiler Bericht. Was für ein Wille. Wenn man bedenkt, dass du vor 2 Wochen noch Lissabon gelaufen bist und nunmehr 14 Tage später eine SUB 4 hinlegst. Ist das toll.Wirklich schön geschrieben.Es zeigt, dass man mit der "richtigen" Einstellung wirklich Bäume versetzen kann.

Da wünsche ich mal gute Erholung und beste Gesundheit. Und was hast du in 14 Tagen geplant? ;-))

Grüße
Stefan

Danke!

Danke Danke!

In 14 Tagen geht es an den Gardasee, d.h. in 10 Tagen :-)

Zum Saison Abschluß noch ein Halber.
Mal schauen was da noch geht. Vermutlich nix mehr, den Frankfurt hat echt extrem viel Energie gekostet, sowohl körperlich als auch mental.

Hut ab!

Da haben Engelchen und Teufelchen ja einen hübschen Disput geliefert bei diesem Marathon!
Sehr sehr stark, dass Du innerhalb von zwei Wochen den zweiten Marathon in besserer Zeit läufst!!!
Deine Leistungsfähigkeit steht auf breiten Beinen - Du wirst wissen, was in deinem Training richtig gut gelaufen ist!
Toll, dass du dich zum Lauf entschlossen hast und dich mit so einem Ergebnis belohnt hast!

Gruß, Dominik
_____________________
"Was zu schnell ist, weiß man meist erst hinterher!"
"Du kannst was Du willst. Ende der Durchsage."
(beides von fazerBS)
<

Da hat sich der Versuch doch gelohnt!

Gewagt - gewonnen! Klasse gekämpft und verdient die 4-h-Marke geknackt.

Ja, die Selbstgespräche während mancher Veranstaltung sind schon bemerkenswert.

Jetzt aber: gute Erholung. Na ja, so'n Halber geht ja quasi aus dem M-Training heraus :lach:

Engelchen und Teufelchen

ja ja die beiden haben mich stets begleitet.

Danke, Danke

Habe mal in einem Buch gelesen, dass die langen Läufe nur zu schnell gelaufen werden können, aber nie zu langsam, daran halte ich mich vielleicht ist das der Trick ;-)

Versuch doch gelohnt!

und wie sich der gelohnt hat, auch wenn es echt eine harte Nuß war.

Das Gefühl die Tage danach kann mir keiner mehr nehmen. Das Gefühl wärend dem Lauf ist schneller vergessen als man denkt :-)

Genau und den Halben lauf ich locker mit Genuss, dann wird das schon Ist ja zum Glück eine super schöne Strecke am Gardasee :-)

Hab ich`s doch gewusst :-) ))))

Ich freue mich ganz riesig für dich! Du bist soooo tapfer! Klasse gerannt! Ganz fetten Glückwunsch!!! Sub4h, hach, was für ein hartes, aber geniales Rennen!

Lieben Gruß
Tame

Darstellungsoptionen

Wählen Sie hier Ihre bevorzugte Anzeigeart für Kommentare und klicken Sie auf „Einstellungen speichern“ um die Änderungen zu übernehmen.

Google Links