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Mein 9. Marathon führte mich in wunderschönen herbstlichen Harz.

Der Brocken-Marathon ist Bestandteil des seit 40 Jahren stattfindenden Harz-Gebirgslaufes, wo es auch einige Unterdistanzen sowie Wanderstrecken gibt, und wird mit seinen ca. 1170 Höhenmetern als Norddeutschlands schwerster Marathon beworben. Nun können solche Höhenmeter ja ganz unterschiedlich verteilt sein. Beim Brocken-Marathon mit Start und Ziel im reizvollen Wernigerode geht es im wesentlichen erstmal ca. 9km wellig bis Ilsenburg, dann ca. 10km bergauf, bis zum Brocken auf 1142m Höhe, und dann 23km wieder bergab. Natürlich ist auch bergab bisweilen wellig und zwei deutlichere Anstiege sind auch noch mal mit drin. Aber 23km bergab flößten mir schon gewaltigen Respekt im Vorfeld ein, da sie doch eine erhebliche orthopädische Belastung darstellen können.

Einige Tage zuvor spielte mir Facebook den Link zum Video eines neuen Songs von Santiano zu: „Könnt ihr mich hören“, ein musikalisch kraftvoller Sound mit einer schönen Geschichte dazu, Seemannsgarn natürlich, das ist ja Santianos Markenzeichen: wie der Teufel ruft, aufs weite Meer hinauszufahren, ihm die Seele zu verkaufen und damit unsterblich zu werden. Nun, so ein Harzlauf hat reinweg gar nichts mit der Seefahrt zu tun, aber ich hatte die Assoziation zum Faust-Musical, das wir vor 2 Jahren oben auf dem Brocken gesehen hatten, und noch rege Erinnerungen an den bunten Mephisto dort oben. Kurz gesagt, dieser Song sollte „mein“ Song zum Brocken-Marathon werden. Und schon bei der Anfahrt nach Wernigerode hörte ich im Auto begeistert die Santiano-CD und trällerte lauthals mit, während ich das in der Sonne orangegelb leuchtende Herbstlaub des Harzwaldes und hoch oben den Brocken bewunderte.

Liebe Jogmap-Freunde und auch GSC-Vereinsfreunde standen dann am Samstagmorgen mit mir am Start. Und das nette Rundherum mit Pastaparty am Vorabend und Zusammensitzen danach macht ja so viel an einem gelungenen Wettkampf aus, dieses schöne Wir-Gefühl. Das Wetter war großartig: heiter mit Sonne und 11-20 Grad waren versprochen.

Hatte ich einen Plan? Ja, zumindest eine Richtschnur, wann ich wie schnell laufen könnte, hatte mir mein Laufkumpel Maik aufgezeigt, der den Lauf schon mehrfach absolviert hatte. Fünf Stunden seien für mich machbar!? Nun, dann wollte ich mein Bestes geben.

Um 9 Uhr wurden wir nach einem lustigen Aufwärmlied mit Jodeleinlage, das mindestens 40 Jahre alt war, auf die Strecke geschickt. Zunächst ging es 9km die leicht wellige Strecke durch den Wald bis Ilsenburg. Der Wald umfing uns bald mit einer zauberhaften Atmosphäre. Die Sonne blitzte immer mal wieder durch das gelborangene Herbstlaub. Eine 6er Pace sollte hier für mich im Schnitt machbar sein, hatte Maik gesagt, und ja, das gelang auch ganz gut, hoch zu etwas langsamer, runter zu rollen lassen. Noch waren meine Lauffreunde um mich herum, mal etwas vor, mal hinter mir, vor allem mit Olaf lief ich eine ganze Zeit lang zusammen. Der erste Fernblick ins Harzer Vorland begeisterte und schenkte Energie. Dummerweise war die ganze Zeit mein rechter Fuß spürbar. Den hatte ich mir vor 2 ½ Wochen leicht verknackst gehabt, aber er hatte sich super erholt gehabt. In der letzten Woche tat er nur noch weh, wenn ich länger gesessen oder gelegen hatte und dann die ersten Schritte tat, dann waren die Schmerzen schnell wieder weg. Und jetzt hatte ich die ganze Zeit einen leise lummernden Schmerz im inneren Fußwurzelbereich, der nicht wegging. Gleichzeitig merkte ich, wie bereits nach 5km eine Blase am Hallux des rechten Fußes entstand, trotz perfekter Präparierung vorher. Ich nahm es zur Kenntnis und lief weiter und ließ mich vom Zauberwald tragen. Gleichzeitig hatte ich meinen Song im Kopf: „Könnt ihr mich hören durch Raum und Zeit? Folgt meinem Ruf, ich schenke euch Unsterblichkeit…“. Und ich spürte förmlich, wie es mich Richtung Brocken weiterzog.

Am ersten VP in Ilsenburg gab es dann den berühmten Schleim, den ich ja schon vom Rennsteig-Marathon kannte. Sehr lecker! Ich hatte als Eigenverpflegung zwar auch meine Isogels dabei, aber den Schleim nahm ich gern mal immer wieder zwischendurch.
Die ersten 10km hatte ich nach 1:02h inklusive VP im Kasten und war im Plan. Doch dann wurde es schon bald steiler, der lange Anstieg auf den Brocken begann. Erste Passagen waren nicht mehr laufbar für mich. Ich ging die Steigungen zügig hinauf und lief weiter, sobald es machbar war. Die empfohlene 8er Pace war nicht drin. Okay, so war das dann eben. Nach weiteren 4km trat ich Maiks Planung liebevoll in die Tonne und steuerte mein Tempo fortan nach Atmung und muskulärem Können. Olaf war inzwischen nach vorne entschwunden, nun war ich immer wieder mit meinem Vereinskollegen Stefan in etwa gleichem Tempo unterwegs.

Die Landschaft wurde immer reizvoller, je höher wie nach oben kamen, ein Wasserlauf im Wald, die Ilse, Riesensteine mit Moos überzogen, Laubwald wechselte zu Nadelwald, dann ein Areal mit Totwald mit Baumruinen, dann ein Blick Richtung Brocken, die Aufbauten durch die Wolken immer mal wieder zu sehen. Die Beinmuskeln hatten gut zu tun. Ich hatte mich nur doch schon hin und wieder mal meine Stöcker herbeigesehnt, die mich wesentlich schneller und kraftvoller hätten bergan schreiten lassen. Aber alle Befragten hatten gesagt, die brauche man hier nicht. Der Fuß war immerhin vorübergehend schmerzfrei. Die Panzerstraße hatte es dann wirklich nochmal richtig in sich. Hier oben war es nur auch deutlich kühler und windig. Aber es gab eine Fernsicht, die war unbeschreiblich schön! Für den allerletzten Anstieg wurden dann Schutztüten gegen den kalten Wind verteilt. Die kamen jetzt genau richtig! Der Helfer hielt sie mir bereit und ich brauchte nur hineintauchen, super Service! Im Kopf meinen Song schritt ich die Panzerstraße nun in den Wolken und im Wind weiter bergan. Im Lied heißt es: „Ihr könnt unsterblich sein…“, beim Kopf sang aber: „Du wirst unsterblich sein…“. Kurz dachte ich noch daran, dass Maik meinte, hier würde ich eine 10er Pace schaffen. Mittlerweile zeigt mir Garmine eher einer 15er bis 18er Pace an. Aber ich fühlte mich stark, ich würde nun bald oben am Gipfel sein. Ich kreuzte die Schienen der Brockenbahn. Gefühlte 5 Grad waren dort oben auf dem Brocken, mittendrin in den Wolken, kräftiger Wind. Jetzt blitzten die Aufbauten des Gipfels, der Turm schemenhaft durch den Nebel, die Wolken. Da stand plötzlich Stefan mit Fotoapparat bereit und wir schossen ein gemeinsames Gipfelfoto. Am Gipfelstein war es voll, da liefen wir nur vorbei. Und dann durchströmten mich plötzlich mit voller Wucht die Endorphine. Ich hatte den Brocken bezwungen! In 2 Stunden und 40 Minuten. Der Cut off lag bei 3 Stunden, da war ich gut drunter geblieben. Ich war so voll innerer Freude! Und diese strahlte ich nur auch nach außen ab. Alle entgegenkommenden Wanderer und Spaziergänger und Radfahrer strahlte ich an, viele lachten zurück, einige klatschten. Nun ging es bergab. Nun war wieder Laufen dran. „Du wirst unsterblich sein…“, ja zumindest im Moment fühlte es sich genau so an! Ich durfte hier und heute in den Wolken laufen. War für ein grandioses Laufgefühl! Passenderweise waren wir ja in Wernigerode an der „Himmelspforte“ gestartet und würden auch dort später ins Ziel laufen.

Am nächsten VP namens Knochenbrecher durften wir die Schutztüten wieder abgeben, hier wurde es auch bald wieder merklich weniger windig und wieder wärmer, wir waren aus den Wolken heraus. Ich genoss das Bergablaufen auf der Asphaltstraße, ich genoss die Sonne, die nun bald auch wieder wärmte. Und ich begann zu ahnen, dass das stete Bergablaufen schon bald weh tun würde. Endlich ging es wieder in den Wald hinein. Der Halbmarathon war längst geschafft. Ich dachte, dass man runter zu eigentlich flott laufen können müsste, musste aber bald feststellen, dass die zunehmend müder werdenden Muskeln das gar nicht so gut fanden. Schnell war nicht, aber Laufen an sich ging. Nun tat auch der rechte Fuß wieder weh und die Blase am Hallux war spürbar. Das ständige Abfangen der Stoßbelastung des Bergablaufens belastete ordentlich. Die Muskeln meckerten, es zog in der rechten Leiste. Und es waren noch 17km zu laufen. Mein Kopf gab den Sound vor und ich lief voll konzentriert im Hier und Jetzt und dachte nicht daran, wie viele Kilometer noch vor mir lagen. Auf den Wald- und Wanderwegen versuchte ich die Schritte so zu setzten, dass der Fuß nicht noch durch Scherbewegung zusätzlich belastet würde. Dankbar erfreute ich mich am Applaus der Wanderer, die uns entgegenkamen. Ich verpflegte mich regelmäßig, freute mich auf die Abwechslung an den VPs, auch wenn dort mittlerweile das Wasser und der Schleim ausgegangen waren und es nur noch einen ekligen Früchtetee gab. Zum Glück hatte ich meine Isogels dabei!

Die Kilometer zogen sich hin, es ging auch mal wieder zwei Passagen bergauf, die eine Wohltat für die müden Muskeln waren. Und schließlich brachen die letzten 5km an und das war nochmal Harzschönheit pur. Wir waren an einem mit buntem Herbstlaub geschmückten bewaldeten Hang unterwegs und liefen dort hinab mit immer wieder herrlichen Fernblicken auf Wernigerode. Die Sonne schien, der Himmel war blau, der Wald leuchtet orangegolden.

Dann kam eine Lichtung. Die Frauen vor mir meinten, dass es ab Ende der Lichtung nur noch ein Kilometer weit sei. Hier war es auf der Wiese nochmal recht matschig und ich passte gut auf, dass ich nun kurz vor dem Ende nicht noch stürzte.
Den letzten Kilometer war ich dann im Dauergrinsemodus unterwegs. Keine Ermüdungsschmerzen mehr, mir ging es super! Ich hatte den Brocken bezwungen! Ich war 42,195km voller Unsterblichkeitsgefühl unterwegs gewesen. Ich genoss den Zieleinlauf! Nach 5 Stunden und 22 Minuten wurde mir die verdiente Finishermedaille umgehängt. Da glitzerten Freudentränen in meinen Augen.

Fazit: Das war ein harter, aber grandios schöner Marathon! Unbedingt empfehlenswert!

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

4.88889
Gesamtwertung: 4.9 (9 Wertungen)

Fernsicht hatten wir keine

und ein Dauergrinsen konnte ich bei mir auch nicht feststellen, also hast du wohl alles richtig gemacht, liebe Anja! Ja, auch ich fand ihn schwer, aber du hast ihn! Und das nimmt dir keiner mehr!

"Gelaufen wird wie es geht, geschlafen wann es sein muß und wenn ich im Ziel bin, bin ich da" (Schalk)

Saarvoir courir - laufen im Saarland

Wow!

Klingt ganzschön anspruchsvoll!
Wie von Dir nicht anders erwartet hast Du diesen Lauf wiedermal souverän gemeistert!
Gratuliere zum Erfolg und wünsche Dir baldige endgültige Fuß-Beruhigung.
Viele Grüße, Conny

Glückwunsch zum erfolgreichen Finish!

... und natürlich wieder zu deinem Lauferlebnis, Soundtrack inklusive!
Du kannst sehr zurecht zufrieden sein, diese Strecke, den Brocken und auch mal körperliche Zicken überwunden und zu guten Ganzen gefügt zu haben - sehr aufgeräumt, sehr körperbewußt: Respekt!

Ich weiß jetzt auch, was ich dringend im nächsten halben Jahr üben muss: bergauf und bergab!

Gruß, Dominik
_____________________
"Was zu schnell ist, weiß man meist erst hinterher!"
(fazerBS)

Wow!

Gruß Nicole

Grandios schön...

... unbedingt empfehlenswert und zugleich sehr anstrengend, ich stimme Dir völlig zu, ein ganz besonderes Läufchen war und ist der Brocken-Marathon... Herzlichen Glückwunsch!!

Für mich war der Lauf gestern auch Premiere und ich war ähnlich begeistert vom Wetter, von der Orga, vom "mobilen support" durch entgegenkommende Wanderer...
Mein Bericht folgt noch...

Erhol Dich gut und herzliche Grüße!!

P.S. Wenn GSC "Garbsener SC" heißt, dann habe ich Euch (eine kleine Truppe, eher vorne links als hinten rechts beim Start) am Start gesehen... Beim nächsten Mal (Rennsteig?) spreche ich Dich/Euch dann an... ;-)

Unsterblich

machst du dich bei uns nicht nur durchs Laufen, auch mit deinen tollen, motivierenden Blogbeiträgen!
Das war ein wirklich harter Brocken! Du hast ihn souverän gemeistert, trotz aller Widrigkeiten mit einem Lächeln im Gesicht gerockt! Ganz großes Kino, liebe Sonnenblume! Respekt und allerherzlichsten Glückwunsch!
Vielen Dank fürs Dranteilhaben, ich bin ihn soeben mitgelaufen:-) Hochgewandert bin ich ihn schon oftmals, allerdings im Winter bei Schnee. Im Herbst scheint es dort auch wunderschön zu sein!

Lieben Gruß
Tame

Grandios!

Deine Wettkampfberichte sind immer wieder wunderbar zu lesen. Ich war sehr gespannt, wie es zur Unsterblichkeit in der Überschrift gekommen ist, und finde die Sache mit dem Lied ganz großartig. Vielen Dank fürs Aufschreiben und dass wir so nah dabei sein durften.
Wie geht es dem Fuß?

Nachhaltige und schnelle Regeneration und herzliche Grüße
yazi

Der Harz allein ist schon wunderschön, ...

... der Hochharz kann das aber immer noch mal toppen und wenn dann das Wetter noch paßt, kann der Brocken-Marathon nur herrlich werden!
Wenn dir das Hoch am Ende angenehmer vorkam als das vorherige Runter, haste dir den Lauf wohl wirklich bestens eingeteilt.
Klasse Lauf - wenn auch durchaus anstrengend. Genieß den Erfolg und erhol dich gut!
;-)
PS: Die 8er Pace-Prognose auf dem Kolonnenweg irritierte mich dann doch etwas. Solche Pace habe ich für mich in den steilen Abschnitten im Kopf. Hab also mal geschaut wie schnell ich bei meinem Brocken-Marathon auf dem Kolonnenweg unterwegs war. Inkl. etwa 400m vor dem Linksabbiegen auf den Kolonnenweg ging mein (Garmin-) km17 in 6:30min weg, der nächste km mit den ebenfalls recht steilen Stücken in 7:49min und das folgende "Flachstück", also der letzte km vor dem Gipfel wieder in 6:19min. In den kurzen aber wirklich steilen Stücken stand auch ne 10er Pace in der Momentan-Pace-Anzeige. 6:53er Pace für die letzten 3km des Brockenanstiegs. Bei Trainingsläufen Ilsenburg-Brocken-Ilsenburg war ich in den selben Anschnitten auch "nur" ähnlich schnell. Da finde ich für dich eine Prognose von 8er Pace hochwärts schon recht anspruchsvoll. ;-)

Herzlichen Glückwunsch!!

Was für ein wunderbarer Bericht, liebe Sonnenblume!!
In meiner Erinnerung war der Brocken bislang der häßlichste Berg Deutschlands und ich sah nur die Betonstrecke vor mir, die ich mal hochgewandert bin - das muß ich jetzt unbedingt überdenken und wohl doch noch einmal dorthin.
Schön, wie du deine (kleinen? Ne!) Probleme bezwungen hast und trotz aller Härte den Lauf genießen konntest!
Ich freue mich mit Dir!

Ich bekomme schon wieder

Ich bekomme schon wieder Herzklopfen wenn ich deinen Bericht lese, habe mich echt gefreut das wir uns dort getroffen haben. Der Brocken ist echt ein Brocken . Herzlichen Glückwunsch zu deinem tollen finish.

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