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Zwei Wochen ist er nun her, mein erster Marathon. Und heute bin ich das erste Mal wieder mit Freude gelaufen…

Blenden wir mal gut 14 Tage zurück. Die letzte Woche vorher nur noch ruhige Läufe im vorgesehenen Marathontempo. Da ja der erste, lautet das Motto Hauptsache gesund ankommen. Leider muss ich in dieser Woche noch viel arbeiten. Freitag dann erst um 17,50 Uhr aus dem Büro und zur Marathonmesse die Startunterlagen abholen. Meine Güte, was für Menschenmassen, alle möglichen Sprachen wurden gesprochen. Und ich gehöre nun auch dazu! Zunächst erhalte ich das Teilnehmerband, dann Startnummer und Chip. Nun schnell wieder raus, zu Hause wartet mein Hund sehnsüchtig auf mich. Das ist gar nicht so einfach, der Eingang ist nämlich nicht gleichzeitig Ausgang, wie mir ein Sicherheitsbeauftragter mitteilt. Auf mein „Oh nein, ich muss aber ganz schnell nach Hause“ hat er Erbarmen und lotst mich durch die Sperren. Die erste „Hürde“ ist also geschafft!

Zu Hause schaue ich mir den ebenfalls bei den Startunterlagen befindlichen Streckenplan an. Ich kenne die Strecke bisher nur als Zuschauer, nun sollte ich das alles laufen… „Du musst wahnsinnig sein“, denke ich so bei mir und ein mulmiges Gefühl macht sich breit. Hab ich mir da zu viel vorgenommen?

Nein, eigentlich bin ich gut vorbereitet, bin ich doch in diesem Jahr zwei Halbmarathons, den BIG 25, den Schweriner 5 Seen-Lauf mit 30 km und den vereinseigenen Sommersonnenlauf mit morgens 42 km und nachmittags 18 km gelaufen. Dazu regelmäßige, lange Trainingsläufe. Die Ausdauer habe ich, das weiß ich! So verbringe ich doch eine halbwegs ruhige Nacht. Am nächsten Morgen fühle ich ein leichtes Kribbeln im Hals, die Nase ist einseitig zu. Oh, nein, jetzt bitte keine Erkältung! Ich durchforste meinen Medikamentenschrank und finde ein Vitamin-C Pulver. Das kann nicht schaden, finde ich und verabreiche mir gleich eine gehörige Portion. Heute ist Friseurbesuch angesagt, ich will schließlich auch im Ziel noch gut aussehen.  Im Anschluss an den Friseurbesuch finde ich eine Apotheke, dort frage ich nach Grippemitteln. Ich verkneife mir, den bevorstehenden Marathon zu erwähnen, werde aber trotzdem sehr ausführlich über die Wirkungsweise aufgeklärt. „Nehmen Sie das nur, wenn Sie wirklich arbeiten müssen. Das Mittel belastet den Körper zusätzlich. Wenn Sie können, kurieren Sie das lieber mit viel Ruhe, trinken und reichlich Obst aus.“ Da ich auch in der Woche nach dem Marathon arbeiten muss, nehme ich das Grippemittel und ein homöopatisches Mittel zur Abwehrsteigerung mit. Das homöopatische Mittel nehme ich zu Hause wieder mit einer guten Portion Vitamin C und bilde mir ein, dass es wirkt. Den restlichen Tag bemühe ich mich, ausreichend zu trinken und viele Kohlehydrate zu mir zu nehmen, ohne dabei den Darm zu belasten. Da bin ich nämlich empfindlich.

In der darauffolgenden Nacht werden die Halsschmerzen schlimmer, die Nase läuft. An Schlaf kaum zu denken. Gefühlt die ganze Nacht überlege ich, ob ich das Risiko, den Lauf zu starten eingehen soll. Fast ein Jahr habe ich mich auf diesen Tag vorbereitet, mit 59 Jahren kann ich nicht mal einfach so sagen, „na dann nächstes Jahr“. Letztendlich beschließe ich für mich, dass ich starten werde, sehr genau auf meinen Körper achten werde und aussteige, wenn es nicht geht.

Am nächsten Morgen kratzt der Hals immer noch, die Nase läuft, aber ansonsten geht es mir gut. Kein Fieber, kein Husten, keine Kopfschmerzen. Ich werde also starten. Alles, was ich brauche, habe ich schon am Vortag bereit gelegt. Frühstücken kann ich immer, auch heute kein Problem. Mein warmer Brei aus Hafermilch, Haferflocken, Sonnenblumenkernen, Kürbiskernen, Sesam, Hirse und Mandeln wird mir hoffentlich, wie bisher immer, die nötige Kraft geben. Dazu gibt es noch eine Banane. Vorsichtshalber gehen noch drei Bananen ins Gepäck, ich will auf keinen Fall hungrig starten.

Ich bin pünktlich am Treffpunkt, es nieselt leicht. Heute sind wir vier Läufer nebst Trainer. Seltsamerweise bin ich gar nicht nervös, wie sonst immer bei Wettkämpfen. Unser Trainer hat uns auf Grundlage unserer Trainings- und Wettkampfzeiten die mögliche Zielzeit errechnet. 04:30:00 hat er für mich ausgerechnet. Das ist nett, interessiert mich aber gerade nicht sonderlich, meine Devise heute ist ankommen! Vorab schauen uns den Startbereich an. Es soll in drei Wellen gestartet werden und eigentlich müssten drei von uns im Startblock „H“ ganz hinten starten. Da steht man dann mindestens eine dreiviertel Stunde. Ist bei dem nassen Wetter sicher kein Vergnügen. Wir wollen daher versuchen uns etwas weiter nach vorne zu mogeln. Eine Banane findet noch den Weg in den Magen. Trinken mag ich jetzt nicht mehr, Nach diversen Dixiaufenthalten geht es dann zur Startaufstellung. Unglaublich, wie viele Läufer dort sind! Wir schaffen es uns in den Startblock „E“ zu mogeln und müssen nicht mehr lange bis zum Startschuss warten. Auf geht’s, mit der ersten Welle!

Ich lasse mich von der Welle mitziehen, wohl wissend, dass dieses Tempo heute nicht meines ist. Nach ein par hundert Metern pegelt sich meine Pace bei 5:58 ein, es geht leicht bergab und fühlt sich gut an, daher belasse ich es erst mal dabei. Im weiteren Verlauf schaue ich nicht mehr auf die Uhr. Irgendwie ist mir das heute nicht wichtig. Eine Durchschnittspace von 6:15 -6:30 ist auf die Länge der Strecke drin, vorausgesetzt dass es mir gut geht. Trotz des für die Zuschauer nicht so angenehmen Wetters, es ist relativ kühl und regnet immer wieder, ist die Strecke gut besucht. Ich will diesen Lauf genießen, klatsche immer wieder die ausgestreckten Hände der Kinder ab und freue mich über Anfeuerungsrufe. Liebe Vereinsfreunde haben meine Streckenbetreuung übernommen. An km 14, 26 und 36 kann ich auf moralische Unterstützung und bei Bedarf, auf isotonische Getränke zählen. Ich habe mir vorgenommen an jedem Getränkestand Wasser zu trinken und an jedem Verpflegungspunkt ein Stück Banane zu essen. Genauso ziehe ich das auch durch. Bei km 14 fühle ich mich gut, ich freue mich über die guten Wünsche von Andrea und Sabine, brauche sonst nichts. Weiter geht’s! Bei km 25 wird es zäh. Meine dauerhaften Rückenprobleme machen sich bemerkbar. Durch die Dysbalance krampft die Bauchdecke etwas. Ich muss das Tempo reduzieren. Außerdem drückt die Blase, so dass ich ein Dixie aufsuchen muss. Danach geht es wieder besser, so dass ich auch am Treffpunkt keine zusätzliche Verpflegung brauche.

Über die Hälfte habe ich schon geschafft, nun kann ich die Km rückwärts zählen, das hilft mir auf langen Strecken immer sehr. Die fantastischen Rhythmusgruppen am Straßenrand sind mir eine gute Unterstützung. Es macht Spaß immer wieder ein Stück weit im Takt der Musik zu laufen. Km 35 bringt mir wieder die altbekannten Probleme und einen weiteren Dixieaufenthalt. Am nächsten Treffpunkt antworte ich auf die wie es mir geht „Bescheiden, aber ich halte durch! Es sind jetzt nur noch 6 km…“, Nein, aufgeben ist gar keine Option! So laufe ich denn langsam weiter und es wird wieder besser. Die letzten km finde ich total spannend. Wann endlich wird das Brandenburger Tor auftauchen?

Und dann sehe ich es vor mir und die Freudentränen schießen mir in die Augen. Gleich werde ich es geschafft haben! Ich laufe durchs Tor, sehe das Ziel und habe tatsächlich noch die Kraft, einen Schritt zuzulegen, es fühlt sich fantastisch an! 04:37:58 zeigt die Bruttozeit an, alles gut! Mir wird die Medaille umgehängt, ich finde den Treffpunkt mit meinem Trainer jenseits der Absperrung und werde aufs Herzlichste empfangen. Ich habe tatsächlich geschafft, was für mich noch vor drei Jahren undenkbar war, ich bin Marathon gelaufen!

In eine Plastikfolie eingepackt gehe ich zum Auto und finde gehen gerade viel anstrengender als laufen. Unser schnellster Läufer ist schon da und gibt mir Infos über die beiden anderen, die noch auf der Strecke sind. Mit Hilfe der App wird die voraussichtliche Ankunftszeit errechnet. Auch meine Nettozeit erfahre ich jetzt: 04:34:01, wunderbar! Ich ziehe mich schnell um und setze mich ins Auto.

Mir ist kalt! Dem Hals ging es auch schon mal besser. Nach Hause kann ich noch nicht, wir sind ein Team und wollen, wenn alle da sind, noch zusammen was essen gehen. Das ist auch mir wichtig. Schließlich sind wir alle beisammen, jeder von uns ist ins Ziel gekommen und alle sind guter Dinge. In der ausgesuchten Pizzeria treffen wir auch unsere fleißigen Helfer wieder. Es gibt viel zu erzählen.

Mir geht es mittlerweile nicht mehr so gut. Ich will in die Badewanne und dann ins Bett. Die von mir bestellten Gnocci schmecken nicht wirklich und ich verabschiede mich relativ früh von meinen Freunden. Badewanne und Bett tun mir gut.

Am nächsten Tag muss ich arbeiten, dass läßt sich nicht umgehen. Wie sagte die Apothekerin „Wenn Sie arbeiten müssen, können Sie das Grippemittel nehmen“ Das tue ich jetzt auch und komme damit über den Tag. Muskelkater habe ich keinen, führe das aber auf das im Grippemittel enthaltene Ibuprofen zurück. Die nächsten Tage bin ich krank geschrieben und arbeite nur stundenweise. So oft wie möglich verschwinde ich in meinem Bett. Ich bin so müde! Laufen mag ich gar nicht. Erst am Samstag wage ich ein erstes kleines Läufchen, muss doch gucken ob es noch geht! Gaanz langsame 9 km werden es und mit Spass laufen sieht anders aus…

Die nächste Woche ist schon wieder besser, ich nehme die Morgenläufchen mit dem Hund wieder auf. Und heute – siehe oben….

Einen weiteren Marathon werde ich vermutlich nicht mehr laufen, aber der nächste Halbmarathon ist schon gebucht – Müggelsee, dieses Jahr im gemütlichen Tempo geplant. Dann im November wieder die Kreismeisterschaft im Crosslaufen – endlich wieder Waldboden unter den Füssen!

Und nächstes Jahr? Schaun wir mal. Ich hoffe einfach, dass die Gesundheit mitspielt und ich dann in der W 60 noch ein par schöne Wettkämpfe laufen kann. Für den Bienwaldmarathon (Halbmarathon) habe ich mich schon angemeldet. Der Weg ist das Ziel….

5
Gesamtwertung: 5 (3 Wertungen)

Zu Hause

Marathon laufen hat was. Freunde an der Strecke verteilt, diese ganz persönliche Betreuung bringt noch mal besondere Emotionen hervor. Ich erinnere mich noch gern an meinen einzigen Marathon eben auch hier in Berlin zurück.
Gratulierte dir zu deinem Marathonerlebnis. Marathoni bist du nun.

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LG Inumi
Wenn ein Lauf nicht dein Freund ist, dann ist er dein Lehrer.

Herzlichen Glückwunsch zum

Herzlichen Glückwunsch zum Ersten! Und Einzigen?

Ein gewisses Risiko war anscheinend dabei. Aber so, wie es gelaufen ist, hast du alles richtig gemacht. Das Erlebnis nimmt dir keiner mehr.

Gruß

Sirius

:0(

Ich empfinde es als sehr unsportlich sich in einen schnelleren Block zu schummeln und so wissentlich andere Läufer zu behindern.

Das hört sich alles ganz großartig an!

Alles genau richtig gemacht! Fleißig trainiert und vernünftig eingeteilt. Ganz herzlichen Glückwunsch! So ein Debüt ist nicht selbstverständlich! Toll! Auf ein Neues;-)

Lieben Gruß
Tame

Marathon laufen


war eigentlich nie mein persönliches Ziel. Aber als im letzten Jahr sich doch so einige meiner Trainingsgruppe zum Berlin Marathon angemeldet hatten, habe ich das auch probiert und tatsächlich einen Startplatz ergattert. Das gemeinsame Training hat viel Spass gemacht und es ist erstaunlich, was erreichbar ist, auch wenn man, wie ich, erst spät mit dem Laufen angefangen hat. Doch bin ich kein Leistungsläufer, die Freude am Laufen soll bleiben und der Rücken wird auch nicht mehr besser. Daher vorerst kein Marathon mehr. Aber man soll ja nie "Nie" sagen...

Kleine Wermutstropfen

Hm, eigentlich ein Erfolgbericht: Erster Marathon, dann auch noch ein Heimstart, gleich eine souveräne Zeit, super. Alles richtig gemacht. Glückwunsch erstmal dazu!

Fast alles, zwei Kritikpunkte von mir:
Ich sehe das wie fairy: finde es auch nicht so doll sich nach vorne zu schummeln. Du bist da leider nicht die einzige, und es ist ziemlich blöd für schnellere Läufer, wenn sie ständig abbremsen und ausweichen müssen. Gerade in Berlin in den Massen. Leider auch eine große Unfallgefahr: auch bei mir gab es am Sonntag einige Stürze, weil langsamere Läufer von vorne liefen und andere nicht schnell genug bremsen konnten und "aufliefen". Was bei einem Lauf mit Nettozeitwertung unnötig ist.
Ob es so schlau ist mit Grippe zu laufen wage ich zu bezweifeln. Ich gehöre selbst zu der Fraktion, die mit Erkältung (ohne Fieber!) durchaus weiterläuft. Dann aber kürzer und langsamer und pulsorientiert. Ich hatte auch schon Marathons, bei denen ich hinterher (!) krank war, d.h., da saß schon was drin und ich habe es vor dem Start nicht gemerkt. Aber mit Grippemedikamenten laufe ich keinen Wettkampf. Du riskierst eine Herzmuskelentzündung (und das hätte dir auch jeder Apotheker gesagt, wenn du den Lauf erwähnt hättest). Ich kann zwar verstehen, dass dir gerade dieser Marathon wichtig war. Aber das ist Gesundheit auch.

Beim Bienwaldmarathon (halb) bin ich auch. Alles Gute bis dahin!

"Gelaufen wird wie es geht, geschlafen wann es sein muß und wenn ich im Ziel bin, bin ich da" (Schalk)

Saarvoir courir - laufen im Saarland

Glückwunsch zu deinem

Glückwunsch zu deinem ersten Marathon! Schicke Zeit noch on top. Dennoch, finde ich ebenfalls unsportlich mit einer anvisierten Zeit von 04:30 sich derart nach vorne zu mogeln. Du gehörst (so wie ich) in die dritte, und hast in der ersten Welle nichts verloren. Gerade in Berlin, wo es gewaltige Menschenmassen gibt und am Anfang eng ist, wundere und ärgere ich mich, wenn ich nach 12 km walkende oder sehr langsam laufende Mitsportler überholen muss. Die ab und zu auch zu dritt nebeneinander quatschend den Lauf kommentieren.

Nein, ich bin nicht mit Grippemittel gelaufen,


das hatte ich mir vorsichtshalber zum arbeiten besorgt, weil aus organisatorischen Gründen,
meine Anwesenheit im Büro am Tag nach dem Lauf unbedingt erforderlich war. Vor dem Lauf habe ich nur die homöopatischen Tropfen genommen, laut Apotheker unbedenklich... Fieber hatte ich keines, sonst wäre ich sicher nicht gestartet. Und was den Start mit der ersten Welle betrifft, empfand ich es nicht als eng, glaube auch nicht, dass ich jemanden behindert habe, es gab keine Rempeleien und genügend Platz für alle. Wäre ich alleine gewesen, hätte ich mich brav hinten eingeordnet, in der Gruppe wollte ich nicht der Spielverderber sein.

Bienwald laufe ich alleine und gelobe, mich hinten einzuordnen....

LG Rula

so is' brav! ;-)

Ich finde du hast die ganze Anspannung und den Lauf gut gemeistert, selbst wenn die Vorbedingungen nicht so toll waren. Glückwunsch zum Debüt - ich kann allerdings nicht glauben, dass es dich nicht nochmal jucken sollte, eine Nr.2 anzupeilen. ;-)
Behalte den Laufspass!

Gruß, Dominik
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"Was zu schnell ist, weiß man meist erst hinterher!"
(fazerBS)

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