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Mit ihm hatte ich noch ne Rechnung offen.
Letztes Jahr wollte ich da schon laufen, musste dann aber verletzungsbedingt den Startplatz verscherbeln.
Dieses Jahr habe ich mich dann erst sehr kurzfristig angemeldet, ich bin da etwas abergläubisch.
Und ich hatte mich sehr auf diesen Lauf gefreut.

Blick zurück: letztes Jahr schon gingen die Meinungen im Netz auseinander. Und nachdem ich/wir unsere zwei Plätze an Thorsten u Karen verkauft hatten, konnten wir ja aus erster Hand hören, wie der denn so ist. Und selbst die zwei waren sich nicht einig. Thorsten fand den Lauf u die Organisation doof, Karen nicht :-)
Nun denn, nachdem ich recherchiert hatte, habe ich mich entschieden, doch da zu laufen, was auch der Logistik und Wettkampfplanung und meinem Dienstplan geschuldet war. Et kütt wie et kütt und et is noch immer jutjegange :-))
Also ab ca Januar sind Frank und ich in die Vorbereitung gegangen, viele lange Läufe, zwei Marathon (Rotterdam und Heilbronn), einen Trainingsultra von 50 km und auch lange Radausfahrten.
Frank ist noch nicht so lange in der Ultraszene, aber seit er mich an der Backe hat, hat er zumindest so etwas wie Blut geleckt. Jedenfalls so bisschen :-))) und jedenfalls wollte er den auch schon immer mal machen (ist ja direkt vor seiner Haustür) hat sich aber nie getraut. Ist ja nicht jeder so bekloppt...

Die letzten zwei Wochen vorher: langsam bisschen runterfahren, tapern. Ich hatte privat, bzw beruflich viel um die Ohren. Gefühlt bin ich rund um die Uhr müde, in echt laufe ich nur noch kurze Strecken, langsam, arbeite viel und kann mir irgendwie nicht vorstellen, demnächst 80 km zu laufen. Ob das so ne gute Idee war??

Freitag: nach der Frühschicht (gepackt hatte ich schon den Tag vorher) lege ich mich nochmal kurz hin und schlafe etwas. Trotzdem ist die dreistündige Autofahrt Richtung Karlsruhe echt anstrengend und ich danke meinem Schutzengel, das ich keinen Unfall hatte, nachdem ich mal kurz wegedöst war....(Oh Gott, ich hatte mich zu Tode erschreckt....)
Aber es ist nichts passiert, ich bin gut angekommen.

Samstag: die letzten Stunden vorher. Start ist um 17:00 Uhr. Der Markt ist jetzt gehalten. Jetzt zählt nur noch Ruhe bewahren, sich fokussieren und Kräfte sammeln. Die Stimmung zwischen uns ist gut. Ruhig, fröhlich, etwas nervös (ich), wir sind uns sehr nahe. Eigenartig, schön :-)
Gegen 15:00 Uhr fahren wir nach Karlsruhe. Ausgerichtet wird der Lauf von einem Sportverein, die Homepage ist schwäbisch minimalistisch, die wirklich wichtigen info's habe ich mir per Facebook und Mail zum Veranstalter geholt. Nun ja...
Vor Ort alles sehr unaufgeregt, leider kann ich nicht sagen, wie viele Starter, es gibt nämlich auch keine Teilnehmerliste. Ich schätze mal, es waren ca 400-500, allerdings mit Staffelläufern.
Irgendwanñ wird runtergezählt, es knallt, und dann geht's los.

Wir sind auf dem Weg! Kraisch!! :-)))

Es ist heiß. Sehr heiß! Das Wetter ist schön, klar, aber echt heiß. 31? 32? Grad sicherlich...
Später werde ich den Sonnenuntergang sehnlichst herbei sehnen. Nie hätte ich gedacht, das mir das mal passiert.
Schon auf den ersten Kilometern stresst mich die Temperatur, und nicht nur mich. Viele Mitläufer tun sich schwer.
Und obwohl wir langsam losgelaufen sind, war es wohl für die Bedingungen doch zu schnell, denn nach nur 25 km fange ich an zu schwächeln. Na super....jetzt schon? Mir ist so warm, so viel kann ich nicht trinken, wie ich Durst habe. Die Beine schwer, ich fühle mich wie ein Elefant. Dazu kommt, das die Strecke immer noch durch die Stadt geht, bzw über Straßen, in kleine Dörfer, durch Felder, also Teer und kein Schatten. Ich lenke mich damit ab, die Landschaft zu bewundern, in den Dörfern feiern die Leute draußen, viele winken uns, klatschen, gucken uns nach. Hier sind sogar die Johannisbeeren schon reif! Ich sag das so vor mich hin und schwupp...habe ich eine Handvoll gepflückt bekommen :-) lecker!
Es ist schön hier. Die Luft trotz Hitze klar, es ist ja schon Abend, das Licht so schön!
Am nächsten VP, mittlerweile ist es fast halb zehn, sind immer noch 27grad, aber es wird besser. Die Sonne geht unter. Aber wie! Mit sanftem lächeln und etwas nachglühen verschwindet sie hinter dem Horizont, so, als wolle sie nochmal gucken, was wir da so treiben.

Dunkel ist es aber noch lange nicht. Fast eine Stunde noch reicht das Licht, um ohne Lampe zu sehen.
Mittlerweile sind wir auf dem Land. Bäume, kleine Waldstücke, Felder, immer mal wieder von weitem die Skyline von Karlsruhe. Wunder Wunder schön! Jetzt läuft es auch wieder bei mir. Die Temperatur wird immer erträglicher, ich immer lockerer.
Plötzlich von weitem Rauchschwaden, mitten im Wald. Es riecht nach Feuer und schon hört man Sirenen. Oh Gott...
Wir biegen auf einen schmalen Weg und da steht schon ein Feuerwehrauto, einer der Jungs kommt uns laufend entgegen: weg da, macht Platz...Örgs?! Wohl ist mir nicht, sofort habe ich die Bilder von Portugal vor Augen. Können wir weiter? Wo genau ist der Brand?
Aber man lässt uns durch, am Auto vorbei und dann hört/riecht und sieht man auch nichts mehr. Was auch immer es war, es war nicht auf unserer Strecke. Uff....
Weiter geht's.
Wir treffen auf den jungen Mann mit ner Rolex am Arm! Im Ernst!! Auf die Frage von Frank, warum er die beim Laufen trägt (er hat ein Uhren Faible und sie direkt vom weiten als solche erkannt) antwortet dieser: warum nicht? Die läuft doch gut...
Äh, naja. Okeee. Ich habe ja bis zu diesem Moment noch nie eine in echt gesehen. Jetzt weiß ich, wie die aussehen. Ne Uhr halt...also Leute gibt's....grins

Und dann sind wir im Wald und es ist Nacht. Von jetzt auf gleich ist es stockduster. Boah.
Fast die Hälfte ist geschafft, wir sind im Wald, es ist dunkel. Mittlerweile laufen wir auch alleine. Das Feld hat sich sehr entzerrt, zwar treffen wir immer wieder auf Läufer oder werden getroffen, aber es verläuft sich auch immer wieder, bis auf die VP's. Da findet man sich irgendwie immer wieder.
Aber jetzt im Wald sind wir alleine. Mystisch! Schön! Ich finde das so toll, mittlerweile läuft es fluffig, ich genieße jeden Meter.
Frank fängt an zu schwächeln. So ab km 50, ungefähr. Jetzt beginnt für ihn Neuland, weiter war er zu Fuß noch nie.
Aber er schlägt sich gut! Ich habe keinen Zweifel, das er es nicht schafft.
Ich versuche ihm nahezubringen, was das mit mir macht. Dieses lange laufen. Was in meinem Kopf vorgeht. Die Zuversicht, etwas zu können was man können will. Dieses extrem intensive erleben. Der Wechsel vom Tag zur Nacht. Die Welt geht schlafen, es wird ruhig. Kein vogelgepiepse mehr. Stattdessen Geraschel im Unterholz. Und Glühwürmchen! Ganz viele! Dieses intensive erleben der Natur, unsere Zweisamkeit, das treibt mir fast die Tränen in die Augen.
Kennt ihr das? Könnt ihr das nachvollziehen? Oder habe ich einen an der Waffel?
Selbst an den VP's, die Jungs und Mädels, die da mitten in der Nacht auf uns warten, uns mit essen und trinken versorgen, ich fühle mich Ihnen nahe. Und den anderen Läufern. Man redet, läuft eine Weile zusammen, trennt sich wieder und irgendwie doch nicht.
Das ist für mich was ganz besonderes, irgendwie ist das nochmal ne andere Dimension, eine Nacht durchzulaufen. Das erleben, wenn es dunkel wird, durch die Nacht, bis zu dem Moment, wo es wieder hell wird. Ich glaube, ich könnte mehr davon haben wollen...

Km 60: in meinem Gesicht macht sich grinsen breit. Ich habe das Gefühl von wir haben das Ding im Sack! Okeee, sind noch zwanzig, aber hey, nach 60 km sind zwanzig nur noch ein kleines Nimmerweit. Was Frank dazu sagt....also was auf dem Track gesprochen wird, bleibt auf dem Track :-)
Ich WEIß das er es schafft. Ich weiß es einfach!
Jetzt geht es nur noch runter. Die Höhenmeter sind durch. Lange schöne downhills. So,ein klitzekleines bisschen gehen mir die Gäule durch und ich muss da mal runterrennen, aber ich schwör, ich habe immer wieder auf ihn gewartet! Er hat mir oft genug angeboten, doch einfach weiter zu laufen, aber ich wollte nicht mutterseelenallein durch den dunklen Wald. Und außerdem wollte ich das mit ihm zusammen machen. Und das war gut so!
Irgendwann so gegen vier wird die Nacht vom schwarzen Nichts zu dunkelblauem Samt. Und da wir uns auch wieder der Großstadt nähern, macht sich leider der Lichtsmog bemerkbar und man bekommt das langsame hell werden nicht so mit, weil es einfach irgendwie gleichzeitig dunkel,und doch schon hell ist. Aber dann, wirklich fast unmittelbar vor dem Ziel Einlauf ist es dann hell. Von jetzt auf gleich. Wahnsinn. Wir kommen ins Ziel und es ist hell!

Drin! Aber auch hier wieder sehr unspektakulär. Du bekommst ne Medallie und ein Shirt in die Hand gedrückt. Herzlichen Glückwunsch.
Kein Trommelwirbel, kein Gejubel. Die Leute vom DRK hängen im Halbschlaf in ihren Stühlen. Brüll! :-))))

In mir macht sich stille Freude breit. Wir haben es geschafft. Können es beide nicht so richtig fassen. Zusammen.
Ich bin dankbar. Ich bin gesund. Ich kann sooo weit laufen. Ich weiß, nach dem Tief kommt auch wieder ein Hoch. Wir können was leisten. Wir können zusammen halten. Ich darf sowas schönes erleben. Und ja, es war schön. Auch wenn es natürlich zwischendrin weh tut. Aber das gehört dazu.

Ja nun, jetzt mal weg von dem sentimentalem hin zu den harten Fakten:
Würde ich ihn weiterempfehlen? Klares Ja! Die Organisation ist gut ausreichend, klar, nicht so detailliert wie zB der Rennsteig. Aber man bekommt alle wichtigen Infos, wenn man genauer hinguckt. Die Strecke ist toll. Verhältnis Teer/Waldboden ca 50/50. Teilnehmerfeld überschaubar, also keine Massenveranstaltung. Stattdessen eine interessierte Bevölkerung, es haben uns immer wieder Leute angesprochen und gefragt was wir machen. Und warum. Und gestaunt (was? Ihr läuft jetzt im dunklen Wald?? Gruselig!).
Ich kann mir sehr gut vorstellen, da nochmal zu laufen. Aber ich will auch mehr. Nächstes Jahr 100?

Und wenn's interessiert: 11:43 Stunden waren wir unterwegs, brutto wie netto... :-)
Genauer wollen es die Schwaben wohl,nicht wissen :-))

4.8
Gesamtwertung: 4.8 (5 Wertungen)

Danke für den tollen Bericht

über meinen "Heimatultra"! Und freut mich sehr, dass du trotz Wärme und Länge und Dunkelheit gut durchgekommen bist. Der Glühwürmchenschwarm sei mit dir! (Hab sie auch gesehen in jener Nacht.)

Und dass du die Badener Schwaben nennst, sei dir als Weitgereiste verziehen. ;o)

ER schafft das Wollen und das voll Bringen - mit extrem hohem Bringungsfaktor.

*brüll*

gomeck hat es vorweg genommen, da ich Freunde in Karlsruhe habe weiß ich natürlich um die Empfindlichkeiten *ganzbreitgrins*.

Ich wusste, ich habe die falsche Wahl getroffen, da wäre doch ein netter Nachtlauf schöner gewesen als ein sibirisches DNF. Nun ja, nächstes Jahr ist auch noch ein Jahr. Denn Glühwürmchen gucken muss ich doch auch mal.
Schöner Bericht von einem schönen Lauf! Das habt ihr gut gemacht. Ich liebe Nachtläufe, mein erster Ultra war auch einer.

"Gelaufen wird wie es geht, geschlafen wann es sein muß und wenn ich im Ziel bin, bin ich da" (Schalk)

Saarvoir courir - laufen im Saarland

Wow!

Gänsehautfeeling!
Danke fürs Aufschreiben, das Lesen hat Freude bereitet!
Viel Spaß beim Regenerieren!
Herzliche Grüße, Conny

Klingt nach einem sehr emotionalen Lauf!

...und dann auch noch mit dem liebsten Laufpartner, was kann es schöneres geben?!
Gratuliere Euch zum gemeinsamen Finish und Lauf durch die warme Nacht!
Herrlich, ich mag genau diese Wärme, klimatisch und emotional! :o)

Lieben Gruß Carla
"Mancher rennt dem Glück hinterher, weil er nicht merkt, dass das Glück hinter ihm her ist, ihn aber nicht erreicht, weil er so rennt!" (Bert Hellinger)

Als nach Baden emigrierter Schwabe..

... möchte ich nochmals extra Einspruch anmelden: Der Badener und damit auch der Karlsruher ist tatsächlich kein Schwabe. Wenn du damit meinem Sohn kämst, er würde dir ins Gesicht springen ... :-)

Bis auf dieses kaum nennenswerte Detail hast du einen großartigen Bericht abgeliefert. Ich habe mitgefiebert und mir wieder vorgenommen, wenigstens einen Ultra zu laufen, bevor ich mein persönliches Verfalldatum erreiche...

Wunderschön!

Das liest sich wunderschön und ja, ich kann das emotionale Empfinden verstehen und ja, das ist es, gemeinsam solche Dinge zu erleben, gemeinsam Grenzen zu überwinden, gemeinsam die Natur so wahrnehmen und zu schätzen und, und, und ...!!!
Da bekommt man richtig Lust so etwas auch auszuprobieren, obwohl ich weder Ultra`s (Ausnahme: 24 Std.-Lauf Del.), noch Höhenmeter, noch Nachtläufe kenne. Vielleicht sollte ich das irgendwann mal ändern.

Ich gratuliere Euch beiden zu diesem tollen Lauf und dem gemeinsamen Erlebnis. Ich denke, Dein Frank hat jetzt noch mehr Blut geleckt, oder ???

Erholt Euch gut, genießt und viel Spaß beim planen des nächsten Events.

chiun

Klasse Teamwork!

Da geht so ein Nachtlauf quasi im Flug vorbei.

Ein grandioses gemeinsames Erlebnis!

Hey, hey!

... Die Reise nach Westsibirien war kein bisschen ne falsche Entscheidung. Hättest ja mit mir kreiseln können, statt da im Plänterwald!
;-)
Ein Schalk hat ein neues Ziel - Das Doppel 2017: UTMB+TdG
Training für das Doppel 2017 - UTMB+TdG

Schöööön! Und gar nicht ...

... zu sentimental. Ich glaube einfach mal die Emotionen des Laufs gut eingefangen. Dnake dafür!
;-)
Ein Schalk hat ein neues Ziel - Das Doppel 2017: UTMB+TdG
Training für das Doppel 2017 - UTMB+TdG

Nicht die Reise

war die falsche Entscheidung sondern das Ergebnis...

"Gelaufen wird wie es geht, geschlafen wann es sein muß und wenn ich im Ziel bin, bin ich da" (Schalk)

Saarvoir courir - laufen im Saarland

glühwürmchen


Nein, du hast keinen an der Waffel;)), die Wahrnehmung schärft sich in der Dunkelheit und so wie Du es beschreibst sowieso, kann ich emotional so gut mitgehen. Das fand ich sehr sehr schön! Gratuliere Dir zu diesem fantastischen Erlebnis!

Nun lese ich den Blog zum zweiten mal

und bin nach wie vor echt berührt von dem, was Du in dieser durchlaufenen Nacht erlebt und gefühlt hast!
Ultralaufen ist schon etwas besonderes - in der Nacht potenzieren sich wohl noch die Eindrücke!

Schön, dass Du es auch als gemeinsames Erlebnis mit deinem Partner durchgezogen hast - dabei zu sein, wenn jemand Neuland betritt ist auch etwas Großartiges!

...und du bist definitiv bereit für mehr!

Gruß, Dominik
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"Was zu schnell ist, weiß man meist erst hinterher!"
(fazerBS)

ich sach nur...

...*seufz*...
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laufend freut sich so mit bri: happy™

"man muss es so einrichten, dass einem das ziel entgegenkommt." (theodor fontane)

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