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Vor knapp 3 Wochen hatte ich ja den Radunfall. Ein neues Rad ist bereits ausgesucht und bestellt - Lieferzeit mindestens 3 Wochen :schluck:

Nun ja, ich sehe ein, dass die in meiner Kindergröße nicht gerade zu Hauf in den Schaufenstern stehen. Aber was tun, zumal am gestrigen Tag die Vorbereitungstour der Ruhr2NorthSeaChallenge - die sogenannte RuhrAroundChallenge mit 200km Rad - anstand?

Ich hatte im Verein auch über meinen Liebling FB nachgefragt (und hintem rum gehört mir würde niemand ein Rad leihen). Es gab zwar Mitleid (kriegt man ja umsonst) und auch ein paar nette Genesungswünsche, aber kein Rad.

In der MTB-Gruppe nachgefragt. Und dann leiht mir einer der Jungs, den ich nur ein einziges Mal bei einer Tour getroffen habe, spontan sein Fitnessbike mit Rennradbereifung und Scheibenbremsen. Na, besser als Mountainbike ist das sicherlich - zumindest schneller denke ich - und holte das Rad am letzten Wochenende ab.

Eine Testtour musste her. So fuhr ich am Dienstag ein Stück rund um die Ruhr - und kam mit schmerzendem Hintern (Mist, mein Sattel lässt sich nicht mal so einfach draufmontieren und der ist die Hölle) und Händen (harte Lenkergriffe) zurück. Also wurden für Samstag die Handschuhe rausgelegt - auf Blutblasen an den Händen hab ich keine Lust.

Donnerstag nach der Schwimmaufsicht spricht mich ein Vereinskollege an und bietet mir das 48er Rennrad seiner Frau leihweise an, die aufgrund Kleinkind gerade nicht zum Training kommt. Ich fahre also direkt nach dem Schwimmen mit zu ihm, setze mich kurz drauf - passt, einpacken, mitnehmen.

Freitag Regen, Regen, Regen. Nach Feierabend noch ne Waldrunde versucht mit einigem Humpeln - vor allem bergab schmerzt es noch arg im rechten Oberschenkel - und dann Rad mit Nummer versehen (nein, das ist KEIN Wettkampf, aber trotzdem hat jeder Teilnehmer eine Nummer) und straßenverkehrstauglich ausgerüstet (Lampen, Klingel, Satteltasche mit Werkzeug und Ersatzschlauch) ins Auto gepackt. Strecke kam noch per Mail, die App aktualisiert (ging vorher nur mit Fehlern), ...

Danach den Wecker gestellt, denn der Start ist um 7 Uhr im Nachbarort - ca. 45 Minuten Fahrt plus Parkplatzsuche, Zeit für Radzusammenbau, Weg zum Start, etc. eingeplant. Vorher soll noch ein Foto gemacht werden.

Morgens schnell Müsli rein, waschen, in Radsachen pellen, Radflasche füllen, Ärmlinge an - die Temperatur ist einstellig - und ab. Parkplatz schnell gefunden, Rad zusammenbauen, alles dran - und los zum Start. Die Strecke ist mit 197km per GPX-Datei gekommen. Also zähle ich die ca. 2km Anfahrt schon mal mit, denn schließlich will ich heute zum ersten Mal im Leben die 2 bei einer dreistelligen Radausfahrt vorne sehen!

Am Start lümmeln in Jacken gepackte und mit langen Hosen versehene Männer (und auch ein paar Frauen) rum, zu denen ich mich mit meiner kurzen Hose geselle. Auf einmal heißt es aufstellen zum Start - und da treffe ich den Vereinskollegen, der mich zu dieser Challenge überredet hat. Er meint er wäre schon die 100km mit ein paar Leuten zusammen gefahren und sie wollten wieder zusammen - so ca. 25er Schnitt. Er meint ob mir kalt wäre - ich so: "gibt sich gleich". Ziemlich spontan geselle ich mich dazu und fahre locker mit los. Es geht ziemlich schnell raus Richtung Ruhr und dann den Ruhrtalradweg entlang. Zunächst in bekanntem Revier (wo ich allerdings sonst nicht mit dem Rad langdüse, da normalerweise viele Fußgänger, Familien und Hunde dort unterwegs sind), dann wird es nur wage bekannt (da ich den gesamten Weg einmal gefahren bin, allerdings aus der Gegenrichtung von der Quelle kommend).

Es rollt sich gut auf dem Rad, wobei ich zunächst etwas unentspannt sitze. Auch der Sattel ist ungewohnt und breiter, aber um Klassen bequemer als der vom Fitnessbike. Na ja, im Wesentlichen passt es - und damit konzentriere ich mich auf die grüne Umgebung, das gemächlich dahinfließende Wasser, genieße die wärmer werdende Sonne (mit vielen Wolken, daher bleiben die Ärmlinge hoch) und die schöne Umgebung. Mir wird wieder einmal bewusst, wie knapp ich einem größeren Desaster entkommen bin und welch ein Glück ich habe hier und heute radeln zu können. Auch Gespräche mit den anderen vertiefen dieses Glück nur. Noch betroffener macht mich dann heute die Nachricht, dass eine bekannte Triathletin von einem LKW lebensgefährlich verletzt wurde und im künstlichen Koma liegt. Nee, was hab ich einen Schutzengel gehabt!

Kaum losgefahren sind wir auch schon am Kemnader See und beim Frühstück angelangt. Herrlich draußen zu sitzen und in die schöne Natur zu blicken. Dabei nur knapp dem verlockenden Angebot ein Käsebrötchen, etwas Rührei und Tee entnommen (auf den Obstsalat, Müsli und weitere Angebote verzichte ich - will ja schließlich weiter). Die Jungs sind auch alle so eingestellt und so geht es nach Toilettenpause auch fix weiter. Wir kommen zur Fähre, die gerade am anderen Ufer ein paar Radler entlädt (die Gruppe wollte nen 30er Schnitt fahren und sich das Essen auch teilweise sparen hörte ich). Als sie wiederkommt (nein, das ist KEIN Wettkampf) fragen die Jungs wieviele denn schon rüber wären. Nun ja, mit uns 18 meinten die Betreuer, die mit einem Korb voll Süßigkeiten einer Großpackung Riegel, kiloweise Bananen und Wasser auf der Fähre Dienst tun. Da wir gerade gefrühstückt hatten begnüge ich mich mit einem Eukalyptusbonbon. Nein sagen will ich auch nicht - die beiden freuen sich so uns was zu geben.

Weiter geht es die Ruhr entlang, Stauseen, Leinpfade, Kopfsteinpflaster, Brücken, kurze Anstiege, Absperrgitter - all das wechselt sich ab und die Gruppe kommt so langsam in Schwung. Dann geht es rauf zur Hohensyburg. Das Spiel in der Halle versagen wir uns und machen stattdessen hoch zum Denkmal. Den Anstieg gewinnt der Bergfloh fazer :kicher - KEIN Wettkampf:. Dort oben: Verpflegung - wir füllen die Flaschen nach und gehen auf die Plattform zum Kaiser, der von hier einen tollen Ausblick ins Grüne hat. Fotos schießen, Pinkelpause und weiter. Hier ist Halbzeit - ab jetzt Rückweg. Bergab rollen wir über eine breite Straße und - hoppla - ich überhole ein paar Jungs. Saugeil, so macht das Spaß! Normalerweise werde ich bergab nur von den schwereren Fahrern überholt, aber entweder hat das Rad so gute Laufräder oder - was auch immer, egal, das macht totaaaal Spaß. Und ist ne tolle Übung für "richtige Berge". Ich gewöhne mich an das Rad und lasse rollen. Eisenbahnschienen sorgen dann im Gegenverkehr für einen Sturz - einer der Jungs ist reingeraten und klonkert mit dem Helm auf Stahl, schrammt sich aber mehr oder weniger nur etwas auf. Alle halten natürlich an und schauen ob sie ihm helfen können, begutachten das Rad - nichts zu sehen - und den Fahrer. Er berappelt sich nen paar Minuten, dann ist klar: es geht weiter. Puuuh, Schweiß von der Stirn wisch. Kurz darauf kommen wir zum Mittagessen. Es gibt Bier und Nudeln, aber ich schaffe nicht mal die Hälfte - so satt bin ich noch von vorher. Schande über mich, aber die Essenschallenge verliere ich hier und heute. Na ja, zwei der Jungs schaffen auch nicht die ganze Portion, das tröstet mich dann ein wenig. Sie meinen mit so vollem Bauch könnten sie sich höchstens auf nen Liegestuhl legen, aber nicht mehr Rad fahren (das große alkfreie Hefeweizen sättigt schließlich auch).

Danach geht es durch vermehrt auftretende Freizeitsportler etwas gemächlicher weiter. Kaum 40km gefahren - Kaffeepause! Ein warmes Getränk, ein Stück Kuchen und eine Toilettenpause weiter füllen wir noch die Flaschen auf und fragen wie viele denn schon durch wären. Als der Typ meint "na, ich schätze mal die Hälfte" werden die Jungs blaß um die Nase. Wir hatten nämlich nur 5 entgegenkommen gesehen. Ein Teil hat offenbar die Mittagsrast ausgelassen. Na ja, das reletiviert sich als der Typ meint er wäre aber auch erst seit höchstens 15 Minuten da. Trotzdem: die Arschbacken werden zusammengekniffen und die Jungs reißen sich zusammen. Sie können doch jetzt nicht vor der Quotenfrau schlappmachen. Die Quotenfrau schiebt sich auf der Straße vorne in den Wind (und kriegt hinterher zu hören sie hätte ordentlich Druck gemacht, nur leider wenig Windschatten gespendet). Und so radeln wir dem Ziel entgegen und wechseln vorne immer mal wieder. Als Gruppe fahren wir durch den Zielbogen und klatschen ab. Was ein toller Tag! Dann genießen wir unser Belohnungsgetränk (lt. Zettel), Kartoffelsalat, frischen Salat, Pitabrot, Gegrilltes und ziehen uns die Jacken an, weil es am See trotz Sonne windig ist und sich niemand was wegholen will.

Wir verabreden uns quasi für in drei Wochen. Da soll es dann etwas weiter gehen - was wir uns heute alle nicht vorstellen können.

Da ich die 200km noch nicht voll habe fahren ich nochmal die Straße rauf und runter - und dann ist es geschafft: 200,2 km stehen auf dem Tacho - ähm, der Uhr. Aber jm erlaubt nur 200km - egal, der Rest fällt der Kürzung zum Opfer.

Und weil ich heute früh so früh wach war und das Wetter so schön wollte ich einen 10er versuchen mit Option auf Verlängerung (also sozusagen koppeln :grins: - hatte ich mir gestern mit vollgefressener Wampe gespart). Irgendwann beschloss mein Kopf, dass ich nun genug vom 6+er Schnitt hatte und auch schneller humpeln dürfte. Am Ende wurden 25km Nüchternlauf in 5:48 daraus. War aber wirklich toll: Nebel waberte über den Feldern, die Sonne stieg langsam höher, einen Teil des Weges kannte ich von gestern noch gut. Ne Menge Pollen und tierisches Protein in der Luft - hüstel.

Das Leben ist schön, das Leben ist grün. Radeln und Laufen machen glücklich.

5
Gesamtwertung: 5 (6 Wertungen)

Bin echt froh

von dir so einen Bericht zu lesen!
Erstens, weil du wieder richtig gut in den Tritt kommst, dich zweitens sogar auf fremden Rad wohl fühlst und drittens sogar eben mal nach so einer Tour einen 25er abreisst!
Ja, das Leben ist schön und wir dürfen dabei sein und genießen! Kann man sich eigentlich nie oft genug sagen...
Weiter so!

...und was für ein Rad ist es denn geworden? (wenn es dann bald geliefert wird...)

Gruß, Dominik
_____________________
"Was zu schnell ist, weiß man meist erst hinterher!"
(fazerBS)

Grandios ,

Du bist ein echtes Stehaufmännchen.
Schön, dass du die Tour so geniessen konntest. Und noch einen 25er obendrauf - Respekt.
Ich verneige mich ehrfürchtig - was bin ich nur für eine Memme.

Pass weiter gut auf dich auf, das neue Rädchen kommt bald und will ausgeführt werden.

LG,
Anja

@nicksdynamics

Es wird ein Stevens Ventoux in weiß-grün mit Triathlon-Aufsatz T2 von Profile Design. Sobald ich es habe gibt es ein Foto - noch vor der ersten Ausfahrt.

Die Wiederholung des Unfalls bleibt mir hoffentlich erspart. Wie es hätte ausgehen können habe ich gestern noch gelesen. Eine bekannte Triathletin wurde von einem LKW beim Radfahren lebensgefährlich verletzt und liegt im künstlichen Koma :Schock:

Leider

ist sie gestorben.... Und ihr Freund hat den Sturz ja offenbar noch mitansehen müssen.

Alle Hochachtung vor deiner Leistung! Ich habe andersherum gekoppelt und auch weniger: Samstag 15 laufen und Sonntag 100 Rad. Und das reicht mir völlig. Und vermutlich haben wir auch die gleiche Zeit dafür gebraucht ;-)

"Gelaufen wird wie es geht, geschlafen wann es sein muß und wenn ich im Ziel bin, bin ich da" (Schalk)

Saarvoir courir - laufen im Saarland

Wir waren in Zofingen zusammen im Team der Nationalmannschaft

Sie saß mir bei der Eröffnungsfeier schräg gegenüber und wir haben uns die Tage mehrfach unterhalten. Eine super sympathische, bodenständige, junge Frau.

Ich habe auch gestern Abend gelesen, dass sie gestorben ist. Es hat mich ziemlich mitgenommen. Vor allem weil ich gerade selbst einen Unfall hatte - und einem dann nochmal drastisch bewusst wird wie es hätte ausgehen können...

In die Hände klatsch!

Was bin ich froh, sowas von dir zu lesen! Ich will mehr davon! Denk bitte auch an meine so notwendigen Endorphine und schreibe, schreibe, schreibe;-)
Einziger Wermutstropfen, die Triathletin ist verstorben. So tragisch ihre Geschichte ist, man darf das nicht an sich rankommen lassen, kann mir morgen genauso ergehen, wenn ich die Straße zum 50 m entfernten EDEKA überquere. Das ist trauriges Schicksal.
Freudige Realität hingegen ist, dass du 1. eine grandiose Tour mitgemacht, 2. ein passendes, klasse Rad bekommen und 3. ganz viel Erfolg und Freude dabei erlebt hast!
Ganz fetten Glückwunsch! Habe ich schon gesagt, dass ich mich freue?;-)))


Lieben Gruß
Tame

Schlimm diese dauernde Futterei ...

... kein Wunder, dass so mancher Radler so ne Wampe in den Wind hängen muß.
Kaß dich da bloß nicht von anstecken! Das geht nicht gut aus.
;-)
Ein Schalk hat ein neues Ziel - Das Doppel 2017: UTMB+TdG
Training für das Doppel 2017 - UTMB+TdG

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