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Benutzerbild von Kaiserstädter

Letztes Wochenende war es so weit. Um 12 Uhr ging es los. Ich hatte (wie so oft) keine Ahnung, was auf mich zukommen würde. Mein Lieblingsgefühl: Ahnungslosigkeit. Ich wollte einfach mal sehen, was so geht… beim 24-Stunden-Schwimmen in Aachen (Osthalle).

Ziel der Veranstaltung ist es, in 24 Stunden so viel Meter wie möglich zu schwimmen.

Es ist mein dritter Schwimmwettkampf bei den Spezialisten. Ich war ja schon zwei Mal beim U-See-Schwimmen – das war ein Freiwasserwettbewerb über 3,5 km. Nun also in der Halle, 25-Meter-Becken… wie geht man so was an? Wie teilt man sich das ein?
Um irgendwie ein Gefühl für die Sache zu bekommen, habe ich die Ausschreibung mal genauer studiert.

Auf 6 Bahnen wird geschwommen. Bahn 3 und 4 sind die sogenannten Schnellschwimmerbahnen. Die muss man extra buchen und das kostet mehr. Da habe ich ja irgendwie nichts zu suchen… Dennoch haben diese Bahnen einen großen Vorteil. Hat man diese Bahnen gebucht, dann muss man sich vor seinem Schwimmen nicht bei der Wettkampfleitung auf einer der anderen Bahnen einloggen lassen. Wie sich herausstellte, stand man da ab und an bis zu 15 Minuten an, so groß war der Andrang – denn logischerweise war die Zahl der Schwimmer pro Bahn limitiert.
Dann gab es noch eine Brustschwimmerbahn – auch nix für mich. Eine Bahn für Brust und Kraul gemischt… irgendwie auch doof. Und zwei Kraulbahnen. Da wollte ich dann mein Glück probieren.

Setze ich mir ein Ziel? Ja klar! Aber was ist da realistisch? Pro Stunde 500 Meter? Das sind dann 12 km in 24 Stunden. Das ist ungefähr so viel wie die kurze Bodenseequerung (die ich ja immer noch in meiner Herz-Mördergrube plane). Das hört sich doch chic an. 12 km sind also das Ziel.

Mein Freund Toralf ist Vorsitzender vom Aachener Schwimmverein, einem der beiden ausrichtenden Vereinen (der andere Verein ist der Brander SV). Den hatte ich gefragt, ob man in der Halle auch irgendwo schlafen könne? Ja das geht, ich soll nur Iso-Matte und Schlafsack mitbringen.

Als mein ganzes „Schwimmzeug“ vor mir lag, dachte ich: „Ne Menge Pöngel für nen Besuch im Hallenbad.“

Iso-Matte, Schlafsack, Schwimmanzug, Badehose, Schwimmbrille, Ersatzschwimmbrille, Spüli, Firmenhandy (ich lasse mir ja nicht mein eigenes Handy klauen), Geld, Brillenetui, Chip für das Schloss der Umkleide, kleines Handtuch, großes Handtuch, vier Eiweißriegel, Zahnputzzeug, Trinkflasche, Iso-Drink-Pulver, Badelatschen, Ersatzshirt, Kappe, Ohropax, Unterhose.
Mein Bekannter Oliver vom Brander SV meinte: „Du sollst schwimmen und nicht faul auf der Matte rumliegen. Du brauchst nur Badehose und Brille.“ Wieder einmal zeigte sich, dass man besser keine Olivers kennt. Alles Irre.

Im Trainingsanzug machte ich mich dann zu Fuß auf den Weg zur Halle.

Ich belegte ein Spind und ging zur Anmeldung. Dort bekam ich meine Akkreditierungskarte. Immer wenn ich ins Wasser wollte, musste ich diese Karte abgeben und bekam dafür eine Badekappe mit der Farbe der Bahn. Auf der Badekappe war eine Nummer. Die Bahnenzähler hatten dann wups meine Nummer auf Ihrem Tablet und mussten nur noch alle 2 Bahnen einmal auf meine Nummer tippen. Auf Anfrage konnten sie einem sofort sagen, wie viele Meter man insgesamt schon geschwommen war.

Leider waren nur zwei weitere Leute von meinem Verein DLC Aachen da: Nadja und Bernhard. Nadja kenne ich bereits länger, Bernhard würde ich im laufe der Stunden noch kennenlernen.

Toralf zeigte mir dann den besten Schlafplatz in der Schwimmhalle Ost: Kraftraum im Keller. Es breitete sich da gerade eine Gruppe von ca. 20 Jungen und Mädchen im alter von 14 bis 16 Jahren aus. Der einzige Betreuer war um die 20... na, das wird ja eine ruhige Schlafangelegenheit... ich rollte meine Iso-Matte aus, platzierte darauf den Schlafsack und war froh, die Ohrenstöpsel eingepackt zu haben.

Dann holte ich mir meine erste Badekappe auf der langsameren Kraulbahn. 12:10 Uhr war ich im Wasser. Die Bahn war rappelvoll – 16 Leute und alle noch frisch und motiviert. Einige sogar übermotiviert. Nach 2.100 Metern mit einer 100-Meter-Pace von 2:12 wurde ich langsamer und entschied mich für die erste Pause.

6 Bahnen waren mit zwei Leuten zum Bahnzählen besetzt und das 24 Stunden lang. Badekappenausgabe 2 Leute 24 Stunden lang. Cafeteria 2-3 Leute auch 24 Stunden. Musik und Technik, Einschreiben, Urkundendruck, Kampfrichter, Rettungsschwimmer und was weiß der Teufel noch alles – alles 24 Stunden lang. Für die Helfer ein irrer Einsatz und für die beiden Vereine ein irrer Aufwand. Man kann da nur den Hut ziehen vor so viel Einsatz im Ehrenamt und sich sehr herzlich bedanken.

Danke.

Ich schlenderte mal zur Cafeteria... mal sehen, wie das Kuchenbuffet aussieht. War sehr ok und sehr preiswert. 50 Cent pro Stück. Kaffe – ein echt großer Becher 1,50 Euro. Also mal eben 2 Euro in Kalorien und Koffein investiert. „So lange es Kuchen gibt, Hoffnung,“ sagte bereits Aristoteles, der Schutzheilige der Pinguine.

Neue Badekappe holen. Zweite Einheit um 14:15 Uhr – auch diesmal 2.100 Meter. Wieder rappelvolle Bahn und schon ein wenig mehr Aggression im Becken. An mir schwimmt übrigens niemand rempelnd vorbei, ohne beim nächsten Entgegenkommen die Revanche zu bekommen. Ich schwimme im Triathlon nicht im Kampfmodus um die Wendebojen, um mich hier von Kachelzählern einkochen zu lassen.

Als ich wieder pausierte, kam Bernhard aus dem Wasser. Er war auf der langsameren Bahn für die Leistungsschwimmer und hatte nun 10 km auf dem Wecker... WOW. Wir lästerten entspannt über Schwimmstile auf der Brustschwimmerbahn und sahen fassungslos, wie auf der schnelleren Leistungsschwimmerbahn von Vera vom Euregio Schwimmteam die (Achtung – kein Schreibfehler!!!) 100 km attackierte.
Vera hatte letztes Jahr hier mit 80 km einen deutschen Rekord aufgestellt. Für dieses Jahr hatte sich eine Dänin angekündigt, die die 100 km angreifen wollte. Da hat sich Vera nicht lumpen lassen und diese Marke ebenfalls avisiert.

Falls jemand noch nie live dabei war, wenn Weltklasseathleten schwimmen: Guckt euch das einfach mal an. Es ist der Hammer, wie schön das aussieht, wie leicht es erscheint und wie unfassbar schnell das ist. Wir verglichen das dann kleinlaut mit unseren eigenen Schwimmstilen... Betonpinguin-Style...

100 geteilt durch 24: Da schwimmen also 2 Damen mit über 4 km/h durch die 25-Meter-Bahn... Nach 12 Stunden hatte Vera 51 km fertig. Letztlich verpasste sie die 100 km. Sie musste in der Nacht 2 Stunden pausieren, weil sie auskühlte und Probleme mit der Atmung bekam. Die Dänin stieg wegen Kälte bei 36 km aus. Vera stellte schließlich mit 81 km einen neuen deutschen Rekord auf. Das sind 3.240 Bahnen. Seid ihr mal 2 Marathons in 24 Stunden gelaufen? Ich nicht. Vera ist sie geschwommen.

Im Nachmittag kommen zwei Arbeitskollegen von mir und schwimmen brav ihre Bahnen für unsere Firmenwertung. Zwar bin ich in der Welt der Schwimmer ein Betonpinguin, doch bei uns in der Firma bin ich ein Schwimmstar. Ich werde also um Rat gefragt, den ich natürlich – auf meine eher bescheidene Erfahrung hinweisend – gebe.

Zurück zu meinem Projekt. Um 17:10 Uhr war ich wieder im Wasser. Die Situation auf der Bahn hatte sich geändert. Nicht dass es leerer war – nein, das nicht. Aber auf der Bahn war nun eine Mischung aus Schwimmern, die teilweise schon einige km in den Armen hatte und welchen, die gerade erst loslegten. Also große Tempounterschiede. Das machte das Schwimmen sehr unentspannt. Nach 1,5 km hatte ich die Schnauze voll und gab meine Badekappe vorläufig ab. Nun war es gleich 18 Uhr und ich überlegte, wie ich weiter vorgehen sollte.

Erst mal Abendessen mit längerer Pause, denn mit vollem Magen schwimmt man nicht. Ein Teller Pasta mit Hackfleischsoße kostet 2,50 Euro. Also nahm ich zwei und eine Ami-Brause. Und nochmals Kuchen mit Kaffee... läuft. Hoffnung gemäß Aristoteles.

Das Becken wurde ein wenig leerer. Ich stieg um 20:15 Uhr wieder ein, diesmal auf der gemischten Brust/Kraulbahn. Das Tempo war langsamer. Auf dieser Bahn war ich der Schnellste und so wurde ich nicht angerempelt oder sonst unter Druck gesetzt: entspannte 2.350 Meter – es war 21:10 Uhr.

Allmählich wurde ich müde und ich schaue auf die Favoritenbahn. Es sind alles Haie, die natürlichen Feinde der Pinguine. Rollwende... bsssss.... Rollwende..... bsssss.... Rollwende..... bssss.... Ein Wahnsinn.

Hm, soll ich nochmal? Nadja, Du? Oder Du, Bernhard? Klar. Also hole ich mir eine Badekappe... Und die beiden? Ne, die nicht. Haben es sich wohl anders überlegt...
23:15 Uhr gehe ich ins Becken und erreiche meine insgesamt 10.100 Meter.

Ich spüre meinen Trizeps wie blöde. Gäääähn. Schwimmzeug aus, Zähne putzen... Um ca. 2 Uhr gehe ich in den Kraftraum, allerdings zum schlafen. Ich erwarte Lärmpegel von jugendlichem Schwimmpöbel, schließlich habe ich den Gruppenleiter gerade schwimmen gesehen.
Aber nein: Es ist im voll besetzten Raum völlig leise. Ich schleiche zu meiner Iso-Matte und krabbel in den Schlafsack. Fein.

Ich überlege: Warum sind die Jugendlichen so still?
1. Es ist kein Lehrer da.
2. Sie haben ein Ziel.
3. Sie haben sich körperlich angestrengt.
Damit sind wohl einige Erziehungsgrundsätze prägnant formuliert.

Wirklich gut schlafe ich allerdings nicht. Kopfkissen vergessen und der Trizeps klopft. Um 6 Uhr stehe ich auf und schluffe zur Cafeteria. Ich mache ein Selfie und stelle fest, dass ich lange nicht mehr so scheisse ausgesehen habe.

Kaffee und Jogurt, dann steige ich in die Badehose und gehe in das relativ leere Becken. Um 6:50 Uhr beginne ich, meine letzten 2 Kilometer. 100-Meter-Pace 2:23 – in Summe 12,1 km: Der Bodensee ist imaginär gequert.

Noch ein Kaffee, noch ein wenig zuschauen, den Pöngel packen und ab nach Hause. Schön war es. Mache ich nächstes Jahr wieder. Dann sind 21,1 km dran, also ein Halbmarathon.

Meine Leistung finde ich ok und ich bin zufrieden. Nicht schlecht für einen Betonpinguin. Schwimmer allerdings lachen darüber.

Freundlich grüßt der

Betonpinguin

5
Gesamtwertung: 5 (7 Wertungen)

Boah wie cool!

Ich will auch!!!

Jo, ich bin sogar schon drei Marathons in 24h gelaufen aber 12 km schwimmen??? Wahnsinn.

Sagst du mir nächstes Jahr Bescheid???

Ach, und den Geheimtipp für "wie kriege ich Pubertisten ruhig" nehme ich auch. Meine können noch lärmen, wenn sie Wettkampf hatten.

"Gelaufen wird wie es geht, geschlafen wann es sein muß und wenn ich im Ziel bin, bin ich da" (Schalk)

Saarvoir courir - laufen im Saarland

Und ich dachte ...

... du hättest es mittlerweile gelernt 24h durchzuschwimmen. Wie machst du das eigentlich bei der Bodenseequerung mit den Kaffeepausen alle 2km? ;-)
... fragt einer, der sicherlich aus dem Stand bestimmt auch 1000m am Stück schafft und das letztmalig vor Jahren machte.
;-)

Extrem cool

ich würde das auch mal wollen.
Unser Verein hatte vor paar Jahren im Sommer ein 48h-Schwimmen veranstaltet, damals hab ich mich aber nicht getraut.
Keine Ahnung, ab wann mir die Arme abfaulen würden, aber ein Versuch wärs wert.

Ziehe meine Badekappe vor deinen 12 km.

LG,
Anja

Mach ich.

Ist wahrscheinlich wieder im Januar...

"Ceterum censeo Carthaginem esse delendam."

Uiiiiii,

12 km klingt bei Dir nach beherrschbar. 81km - da fällt mir das Kinn gerade auf die Füße. 100km - unvorstellbar.

Ich hätte wegen Unterkühlung schon die 12km nicht geschafft. Bin am letzten WE nach ner knappen Stunde bibbernd aus dem Becken gekrabbelt. Und nein, es war kein Eisbecken draußen - es war ein Schwimmerbecken mit angeblich 26 oder 27 Grad drinnen :schäm:.

Find ich auch sehr cool! Und

Find ich auch sehr cool!
Und wirklich toll beschrieben. Ich wusste ja das du das vorhast, aber so wirklich vorstellen konnte ich mir das nicht. Deine Blogs lesen sich fast wie Krimis, aber das sei nur nebenbei gesagt.
Ich würde mal sagen, du bist echter Stratege! Erzähl mir nix von Ahnungslosigkeit, dafür ist das ganze viel zu organisiert abgelaufen ;-)
Ich weiß nicht ob ich sowas mal machen will. Ich kann mir nicht mal ansatzweise vorstellen, 24 std im Schwimmbad zu verbringen. Zwei Marathons hinternanter zu laufen schon eher ...
Als ich gestern im Schwimmbad war, wurde ich darauf angesprochen, ob ich auch da gewesen sei. Ich hatte die schöne rote Badekappe auf, die ich bei FB gewonnen hatte, mit dem Logo von dieser Veranstaltung. Und ich muss sage, diese zu tragen kommt also einem Statement gleich! Ich werde sie niemals anziehen, wenn ich nur zum plantschen ins Wasser gehe!
Sehr cool also!

Seit 2011:



"Man muss das Unmögliche so lange anschauen, bis es eine leichte Angelegenheit wird. Das Wunder ist eine Frage des Trainings" (Carl Einstein)

Hut ab, 12 KM sind in

Hut ab, 12 KM sind in Schwimmeraugen vielleicht zu belächeln, in meinen großes WOW.
Die 81km der jungen Frau haben allerdings Schnappatmung ausgelöst.
So weit bin ich noch nicht mal gelaufen.
Herzlichen Glückwunsch zur deiner tollen Leistung.

So schön der Name Betonpinguin auch ist...

... nach deinem Text kommt der Verdacht auf, dass Du den nicht wirklich verdienst. Oder gibt es Betonpinguine mit geheimem Düsenan- und -auftrieb?
Danke für den Bericht - bin immer wieder begeistert, was für großartige Sportveranstaltungen es gibt, die ich mir nie hätte vorstellen können.

Weiter viel Spaß im Wasser und an Land wünscht
yazi

Oooch, Yazi, ...

... ist das nicht nur eine Frage der Konstruktion? Stahl schwimmt schließlich auch. ;-)

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