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Benutzerbild von Der Szossi

Der Begriff „Alter Schwede!“ hat sich schon lange in unserer Umgangssprache etabliert. Doch woher kommt diese Redewendung eigentlich und was hat sie zu bedeuten? Wenn man Wikipedia zu Rate zieht, dann lernt man, dass Friedrich Wilhelm von Brandenburg nach dem Dreißigjährigen Krieg bewährte und erfahrene schwedische Soldaten als Ausbilder für sein Heer anwerben ließ, da diese einen besonders guten Drill an den Tag zu legen vermochten. In der Soldatensprache wurden diese dann einfach als „alte Schweden“ bezeichnet. Heute benutzt man diesen Terminus in unterschiedlichen Zusammenhängen. Mit Blick auf eine bestimmte Person drückt man damit eine nicht wirklich ernst gemeinte Empörung aus, sozusagen als Äquivalent zu „Mein lieber Scholli!“. Oder man zeigt damit eine Art kameradschaftliche Zuneigung, im Sinne von „Kumpel“. Am Häufigsten benutzt man diese Redewendung wohl aber als Ausdruck des Erstaunens, wobei sich nicht immer sofort zweifelsfrei erschließt, ob es sich um ein positives oder negatives Erstaunen handelt. Wenn mich jemand auffordern würde, mein Stockholm-Abenteuer in einem Schlagwort zusammenzufassen, dann würde ich eben „Alter Schwede!“ wählen. Gut, das sind jetzt zwei Worte, aber trotzdem. Denn meine Mission Stockholm-Marathon 2016 hat in der Tat verschiedene Anlässe zum Staunen geboten. Ob nun positive oder negative, das werden wir im Verlaufe des Berichts etwas näher beleuchten.

Donnerstag, 2. Juni 2016
Nach Feierabend zu Hause

Nun rückt also der Moment näher, an dem ich endlich mein Geburtstagsgeschenk aus dem letzten Jahr einlösen darf. Zu meinem Fünfzigsten habe ich mir die Teilnahme an einem Marathon in einer europäischen Metropole gewünscht, in der ich zuvor noch nicht gewesen bin und alle meine Freunde, Verwandten, Bekannten und Kollegen sind meinem Wunsch nachgekommen und haben mir diesen mit „Kilometergeld“ erfüllt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich noch nicht entschieden, für welches Marathonprojekt ich die Kohle auf den Kopf hauen werde. Nachdem ich aber die potenziellen Reiseziele evaluiert habe, haben es letztendlich drei Marathons auf meine persönliche Shortlist geschafft: Barcelona, Dublin und Stockholm. Die Entscheidung für Stockholm fiel dann recht schnell, denn ich hatte bisher nur Gutes über die Stadt im Allgemeinen und den Marathon im Besonderen gehört. Außerdem passt mir der Termin am besten, denn Dublin findet im Herbst statt und das beißt sich mit Frankfurt, wo ich ja dieses Jahr auch noch laufen werde. Der Barcelona-Termin wäre nur eine Woche vor unserem geplanten Skiurlaub gewesen, das war mir dann doch alles zu knapp. Also Stockholm!
Nun sitzen wir hier auf gepackten Koffern, in freudiger Erwartung dessen, was uns die nächsten vier Tage erwartet. Mein elfter Marathon, der zweite im Ausland, steht nun unmittelbar bevor. Ich fahre meinen Laptop hoch und rufe die Gästeliste meiner letztjährigen Geburtstagsfeier auf. Ich schreibe allen, die mit mir gefeiert haben eine Mail, dass ich nun mein Geschenk einlöse und bedanke mich noch mal bei allen, dass sie mir die Stockholm-Mission ermöglicht haben. Außerdem füge ich noch den Link auf das Live Tracking in die Mail ein, mit der man bei Bedarf meine Performance online und in Echtzeit mit verfolgen kann. Ob das eine kluge Entscheidung ist? Achim Achilles hat einst mal gesagt: Napoleon hätte sich bei Waterloo auch weniger Augenzeugen gewünscht. Egal! Nicht nur Erfolge müssen gefeiert werden, auch die Misserfolge!

Freitag, 3. Juni 2016
3:30 Uhr | zu Hause

Wir sind auf einem frühen Flug gebucht. Das hat den Vorteil, dass wir den heutigen Tag in Stockholm noch richtig gut ausnutzen können. Die Kehrseite ist natürlich, dass wir uns zu einer Zeit aus dem Bett schälen müssen, zu der so manch anderer erst nach Hause kommt. Das hat zur Folge, dass man dann schon mal mit stark eingeschränkter Konzentration unterwegs ist und anfangs einen eher überschaubaren Wachzustand erreicht hat. Scheinbar holt gerade genau dieses Phänomen die weltweit beste Ehefrau ein, denn sie findet ihre Brille nicht. Das Problem ist, dass sie ohne die Brille blind ist wie ein Maulwurf. Sie wäre dann unter anderem nicht in der Lage, am Streckenrand meine Marschtabelle zu lesen und ihr die Information zu entnehmen, wann ich bei den vereinbarten Rendezvouspunkten an ihr vorbeifliege. Sie ist der festen Überzeugung, dass sie die Brille gestern Abend im Bad auf den Wäschekorb gelegt hat. Preisfrage: was hat die Brille auf dem Wäschekorb zu suchen? Wie auch immer! Wir stellen nun das ganze Haus auf den Kopf und als unsere Suche erfolglos bleibt, wecken wir mitten in der Nacht unsere Tochter und meine Mutter (die während unserer Abwesenheit in unserem Haus die Stellung hält und auf unser Pubertier aufpasst). Wir fragen die beiden, ob sie denn zufällig die Brille irgendwo gesehen haben. Nein, haben sie nicht! Dann muss also die Ersatzbrille her. Nächste Preisfrage: wo ist die Ersatzbrille? Gleiches Suchmuster, allerdings dieses Mal von Erfolg gekrönt. Können wir jetzt endlich los?

4:40 Uhr | Flughafen Köln-Bonn

Mitsamt Ehefrau und Ersatzbrille an Bord steuere ich unseren Koreaner in das Parkhaus P3 am Köln-Bonner Flughafen. Ganz der durchorganisierte Krümelkacker habe ich den Parkplatz natürlich schon im Voraus zu einem extrem günstigen Preis gebucht: 29 € für vier Tage. Der Nachteil: wir fliegen ab Terminal 1 und das P3 ist ausgerechnet am weitesten davon weg. Das ist zwar jetzt nicht das Problem, der kleine Spaziergang dahin tut gut und belebt die müden Geister, aber der steht mir dann ja auch bei unserer Rückreise bevor, wenn mir der Marathon in den Knochen stecken wird. Man kann nicht alles haben!

5:10 Uhr | Terminal 1

Unser Gepäck sind wir schon mal losgeworden. Da wir in Bezug auf das Catering im Flugzeug keinesfalls einen kulinarischen Höhenflug erwarten – davon abgesehen, dass es bis zu unserem Abflug noch eine Weile dauert – machen wir uns erst Mal auf die Suche nach einem menschenwürdigen Frühstück und werden bei einer einschlägig bekannten Bäckerei-Kette fündig. Auch der große Pott Kaffee kann das Erinnerungsvermögen der weltweit besten Ehefrau nicht so weit aktivieren, damit sie eine Erklärung für den Verbleib ihrer Brille zu finden vermag. Mehr als einmal ermahne ich sie, jetzt endlich mal diese Scheißbrille zu vergessen und bloß nicht die nächsten vier Tage mit ihrem Verschwinden zu hadern. Die taucht schon wieder auf!

6:35 Uhr | Flug 4U 0218 nach Stockholm-Arlanda

Mit nur einer leichten Verspätung, startet unsere Maschine. Das Wetter ist in Köln jetzt nicht so der Brüller. Für heute Nachmittag sind Unwetter vorher gesagt, dann sind wir zum Glück schon längst über alle Berge. Eine der Sorgen, die mich gestern noch umtrieb war die, ob die derzeit von Gewitter und Starkregen geprägte Wetterlage nicht auch heute Morgen zuschlägt und unseren Abflug verhindert. Ist aber zum Glück gut gegangen. Dagegen prognostiziert der Wetterbericht für Stockholm Sonnenschein und warme Temperaturen. Für den Marathontag allerdings nur 18 Grad, was mir, der ja jedwede Temperatur jenseits der zwanzig Grad beim Laufen als Körperverletzung erachtet, natürlich völlig entgegenkommt.
Der Flug verläuft völlig angenehm und ruhig. Kurz nachdem wir Köln verlassen haben, reißt die Wolkendecke unter uns auf und wir haben einen wunderbaren Blick aus dem Flugzeug. Der wird besonders spektakulär, als wir dann den schwedischen Luftraum erreichen und die von vielen Wäldern, Wasser und unzähligen Inseln geprägte Landschaft unter uns vorbei ziehen sehen. Was für ein schönes Land! Wir waren zuvor noch nie in Schweden. Vielleicht müssen wir hier mal einen längeren Urlaub machen.
Zwischendurch überreicht uns der Bordservice ein sogenanntes Frühstück, das bei uns den Eindruck bestätigt, dass wir mit dem Aufsuchen des Bäckers im Flughafen das Richtige getan haben.

8:20 Uhr | Flughafen Stockholm-Arlanda

Mit einer gehörigen Portion Rückenwind ist es dem Flieger gelungen, nicht nur die leichte Verspätung beim Abflug wieder aufzuholen, sondern sogar noch zwanzig Minuten vor der geplanten Ankunftszeit in Stockholm zu landen. Tja, liebe Deutsche Bahn! So macht man das! Obwohl man an dieser Stelle fairerweise sagen muss, dass der Bahn so ein Rückenwind jetzt nicht viel bringt.

9:05 Uhr | Arlanda-Express

Der Flughafen Arlanda liegt ein gutes Stück außerhalb der Stadt. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, von hier aus nach Stockholm zu gelangen. Zum einen gibt es eine Busverbindung, die vergleichsweise preiswert ist, mit der man aber über eine Stunde bis in die Innenstadt fährt, da der Bus unterwegs auch noch verschiedene Haltestellen bedient. Die schnellere Variante ist der Arlanda-Express, ein Hochgeschwindigkeitszug, ähnlich einem ICE, der mit über zweihundert Sachen in gerade Mal zwanzig Minuten ohne Zwischenhalt in die City saust. Das Problem ist nur, dass der recht teuer ist. In einer Man-gönnt-sich-ja-sonst-nichts-Laune lösen wir das Ticket für den Zug. Das hat allerdings auch den Hintergrund, dass wir bei unserer Abreise wieder auf einem frühen Flug gebucht sind und dann gerne unsere Transferzeit zurück zum Flughafen verkürzen möchten. Wenn man das Rückfahrtticket für den Arlanda-Express gleich mit löst, wird es im Verhältnis wieder preiswerter.

9:25 Uhr | Stockholm Centralen

Der Zug hat das gehalten, was er versprochen hat und hat uns in Windeseile in die Stadt verfrachtet. Nun irren wir eine wenig durch den Centralen, den Hauptbahnhof Stockholms, und versuchen den Zugang zur – in der einheimischen Sprache als Tunnelbana bezeichneten – U-Bahn zu finden. Es ist ein unfassbares Gewusel hier am Bahnhof und es werden Erinnerungen an den New York Marathon bei uns wach, als wir auch dort vor lauter Menschen nicht treten konnten. Ist das hier ein Normalzustand oder hängt das mit dem Marathon-Wochenende zusammen, dass hier so viel Betrieb ist? Wer weiß! Jedenfalls ist das für so ein Landei wie mich nicht gerade sehr entspannend und ich verspüre den Drang, den Bahnhof so schnell wie möglich wieder zu verlassen.
Wir erreichen den U-Bahn-Zugang und stellen uns der nächsten Herausforderung: wir müssen ein Ticket kaufen. Geplant haben wir, uns ein 72-Stunden-Ticket zuzulegen, mit dem wir uns die nächsten drei Tage per Bus, Bahn und Fähre (ja, die gehören auch zum örtlichen Verkehrsverbund) frei bewegen können. Mit der Souveränität des erfahrenen Bahnfahrers erobere ich einen Fahrschein-Automaten und muss feststellen, dass meine Schwedisch-Kenntnisse überschaubar ausgeprägt sind. Zum Glück finde ich in der untersten Ecke des Touchscreens eine Taste mit deren Hilfe man die englische Sprache für die Benutzeroberfläche wählen kann. So weit so gut, aber wo zum Henker finde ich hier in der Ticket-Auswahlliste den 3-Tage-Fahrschein? Ich benötige Hilfe und begebe mich zum Infostand. Komme da allerdings nicht dran, da die Dame vor mir (offensichtlich auch eine Touristin) einer ausgiebigen Beratung des Service-Mitarbeiters bedarf. Da fällt mir ein, dass wir eben an einen Ticketschalter vorbei gelaufen sind, in dem echte Menschen sitzen. Ich laufe schnell zurück und in der Tat gelingt es mir, dort die gewünschten Fahrscheine zu erstehen. Im Nachhinein stelle ich fest, dass man dieses Ticket nicht an jedem Automaten ziehen kann, ich habe vorhin schlichtweg den falschen erwischt.

9:40 Uhr | Tunnelbana

Das Stockholmer Nahverkehrsnetz ist jetzt nicht sonderlich kompliziert und stellt sich ähnlich dar, wie in Dutzenden von anderen Städten auch. Natürlich habe ich (eben der Krümelkacker) im Vorfeld den U-Bahn-Plan eingehend studiert und sowohl die Verbindung zu unserem Hotel, als auch alle anderen notwendigen Transfers zu den einschlägigen Sehenswürdigkeiten, dem Start-/ Zielbereich des Marathons und zu den Rendezvouspunkten an der Marathonstrecke identifiziert, an denen meine Frau stehen wird.
Obwohl die Schweden fast alle sehr gut Englisch sprechen und Stockholm ein Magnet für Touristen aus der ganzen Welt ist, werden in der Tunnelbana alle Fahrgastinformationen, wie zum Beispiel Lautsprecherdurchsagen oder digitale Anzeigen, ausschließlich in Schwedisch getätigt. Nun vermittelt die schwedische Sprache doch eher den Anschein, dass man, wenn man sie zu erlernen gedenkt, eher einen Logopäden, als einen Sprachlehrer dafür benötigt. Dessen ungeachtet finden wir uns aber in der U-Bahn dennoch gut zurecht und mein schwedisches Lieblingswort habe ich auch recht schnell ausgemacht: „Nödbroms“ (Notbremse).

10:10 Uhr | Motel L

Als Herberge für unseren Aufenthalt haben wir das Motel L auserkoren, dass etwas südlich außerhalb der Innenstadt liegt, aber dennoch gut zu erreichen ist. Im Zuge meiner Planung für die Stockholm-Mission habe ich auch mal im Jogmap-Forum recherchiert und nach Läufern gesucht, die schon mal in Stockholm an den Start gegangen sind und vielleicht den einen oder anderen Tipp für mich haben, insbesondere in Bezug auf die Unterkunft. Daraufhin wurde mir von einem Jogmapper das Motel L empfohlen (@novorrun: Noch mal vielen Dank dafür! Geiler Tipp!!!).
Wie zu erwarten war, sind wir für das Einchecken zu früh dran, unser Zimmer wird erst ab 15:00 Uhr bezugsfertig sein. Wir nutzen jedoch die Gelegenheit, schon mal unser Gepäck dort zu lassen und uns auf der Toilette für eine kleine Sight Seeing Tour umzuziehen und frisch zu machen. Zuvor muss ich aber noch ein wenig mein Gepäck umpacken, denn die oberste Regel für einen Läufer, der zu einem Marathon per Flugzeug anreist besteht ja darin, alles, was man am Marathontag benötig, im Handgepäck mitzuführen ist. Anders gesagt: die Laufschuhe gehören während des Fluges schon an die Füße, die Klamotten in den Rucksack. Denn wenn das aufgegebene Gepäck mal nicht sein Ziel erreichen sollte (ist ja schon mal bei den besten Airlines vorgekommen), dann hat man wenigstens alles Wichtige beisammen. Da ich aber meinen Rucksack mitsamt der Foto- und Videoausrüstung nun mitzunehmen gedenke, aber nicht unbedingt die Laufklamotten spazieren tragen möchte, muss das Zeug jetzt erst Mal umgepackt werden.

11:20 Uhr | Östermalms IP

Der Stockholm-Marathon steht im Ruf, seinen Teilnehmer eine ausgezeichnete Infrastruktur mit kurzen Wegen und unkomplizierten Abläufen zu bieten. Recht schnell lässt sich erkennen, dass der Marathon dem gerecht wird. Das Ziel befindet sich im altehrwürdigen Olympiastadion das 1912 erbaut wurde. Seitdem sind in dieser Arena insgesamt 83 Weltrekorde aufgestellt worden, womit das Stadion den Weltrekord im Aufstellen von Weltrekorden hält. Direkt neben dem Stadion, auf dem Lindingövägen, befindet sich der Start. Unmittelbar hinter dem Stadion und gleich neben dem Start befindet sich ein großes Sportgelände, der sogenannte Östermalms IP (Idrottsplatts), auf dem verschiedene Sportarten wie zum Beispiel Leichtathletik, Tennis, Fußball und American Football ausgeübt werden. Die Einrichtungen und Gegebenheiten dieser Sportanlage dienen nun als Start- und Nachzielbereich für den Marathon. Die Startnummernausgabe und die Marathonmesse befinden sich in einer Tennishalle im hinteren Teil des Geländes. Unmittelbar davor steht ein großes Zelt, in der heute ab 12:00 Uhr die Pasta-Party steigen wird und in dem am Wettkampftag Massagen angeboten werden. Direkt nebenan befindet sich das große Spielfeld für Fußball und American Football, auf dem die Umkleidezelte nebst Duschen und die Kleiderbeutelabgabe aufgebaut worden sind. Auf der dem Stadion zugewandten Seite des Spielfeldes, über die die Läufer später nach ihrem Zieleinlauf das Gelände wieder betreten werden, befindet sich die Ausgabe der Nachzielverpflegung und des Finisher-Shirts, sowie die Rückgabe für den Zeitmess-Chip. Die restliche verbleibende Fläche des Spielfeldes dient den Läufern zum Rumlümmeln. Erfahrene Marathon-Teilnehmer erkennen sofort, dass das hier eine absolut ideale Location ist und ich kann meine Begeisterung über die örtlichen Rahmenbedingungen nicht verhehlen.

Den Streckenplan hat man hier in übergroßen Plakaten gedruckt und nun stehen die Läufer quasi Schlange davor, um sich vor dem Plan fotografieren zu lassen. Bei der Stockholmer Strecke handelt es sich übrigens um einen Zwei-Runden-Kurs, wobei die zweite Runde durch eine Zusatzschleife ergänzt wird. Die „Stammrunde“ (so nenne ich sie jetzt mal) umfasst 17 Kilometer durch die Innenstadt sowie durch die angrenzenden Stadtteile und hat so ziemlich jede maßgebliche Sehenswürdigkeit zu bieten. Die zweite Runde umfasst 25 Kilometer und verläuft im Prinzip genau wie die erste Runde, wobei diese aber nach knapp 19 Kilometer verlassen wird und man sich auf einen Ausflug außerhalb der Stadt durchs Grüne begibt, bevor der Kurs unweit der Stelle, an der die Zusatzschleife beginnt, wieder auf die Stammstrecke trifft.
Ich möchte zügig meine Startnummer abholen, damit wir noch was vom Tag für eine erste kleine Besichtigung der Stadt haben. Vorher will ich mir aber auch noch die mir zustehende Pasta einverleiben. Im Gegensatz zu anderen Marathons braucht man das Pastaessen hier nicht extra hinzu zu buchen, denn das ist bereits im Startgeld erhalten und für jeden Teilnehmer vorgesehen.
Wir betreten die Tennishalle und befinden uns direkt an der Startnummernausgabe. Ich hole meinen Startbeutel ab und kontrolliere sofort den Inhalt, ob alles seine Richtigkeit hat. Zu meiner Freude stelle ich fest, dass sich in dem Beutel nichts weiter als die Startnummer, der Zeitmess-Chip und der Gutschein für das Pastaessen befinden. Auf diese ganzen lästigen Werbeflyer und nutzlosen Give aways, mit denen man bei anderen Marathons schon mal zugemüllt wird, verzichtet man hier komplett. Dafür gibt es hier im Vorfeld schon ein hochwertiges Funktions-Laufshirt von Asics mit der Aufschrift „Ich trainiere für den Stockholm-Marathon“, dass ich bereits drei Tage nach meiner erfolgten Online-Anmeldung per Post nach Hause geschickt bekommen habe und dass mich bei meiner Vorbereitung ständig begleitet hat. Zudem bekommt hier obligatorisch jeder Teilnehmer, der das Ziel erreicht, ein Finisher-Shirt und man muss das nicht separat vorher bestellen und bezahlen. Später wird es im Nachzielbereich zudem noch eine hochwertige Trinkflasche geben, die man sich mit nach Hause nehmen kann. Gefällt mir wesentlich besser als dieser übliche Werbegeschenk-Kokolores.
Die Zeitmessung wird hier von Mika-Timing vorgenommen und erfolgt über den Champion-Chip. Allerdings ist es hier leider nicht möglich, den eigenen Chip zu nutzen und man muss den hier zur Verfügung gestellten verwenden. Das würde ich an der Stelle mal als kleinen Nachteil erwähnen, denn wenn man so wie ich ohne Chipband läuft (ich finde die Dinger einfach lästig am Fuß), dann muss man den Chip in die Schnürung rein fummeln, die zuvor optimal eingestellt war. Klitzekleiner Minuspunkt für Stockholm, dem aber eine unüberschaubare Vielzahl von Pluspunkten gegenüber steht.

Direkt an die Startnummernausgabe schließt sich der Verkaufsstand von Asics an, dem Hauptsponsor des Stockholm-Marathons. Wie üblich werden hier einige Artikel zu Messpreisen angeboten, die deutlich unter dem regulären Preis liegen. Da das Preisniveau in Schweden jedoch um einiges höher ist als in Deutschland, sind selbst die Messepreise für uns nicht sehr attraktiv. Daher beschränke ich mich darauf mir zwei neue Funktionskappen mit dem Logo des Stockholm-Marathons zu gönnen, zumal ich ausrüstungstechnisch ohnehin zurzeit keinen besonderen Bedarf habe.
Den Rest der Messe teilen sich die üblichen Verkaufsstände für Laufuhren, Sportlernahrung, Kinesio-Tapes und allerlei anderen Dingen, von denen der gemeine Läufer bisher noch nicht gewusst hat, dass er sie braucht. Zudem sind einige Infostände diverser Marathons aus ganz Europa zu finden, unter anderem auch vom Düsseldorf-Marathon (das werde ich als Kölner jetzt nicht weiter kommentieren).
Beim Verlassen der Halle verteilen noch ein paar freundliche Helfer Streckenpläne, Programmhefte und vor allen Dingen Schwämme, die bei dem sonnigen Wetter durchaus regen Gebrauch finden könnten. Heute ist es bei wolkenfreiem Himmel und 26 Grad richtig sommerlich. Irgendwie kann ich noch nicht so recht glauben, dass es morgen wirklich nur 18 Grad werden sollen. Ich hoffe mal, dass das auch so eintrifft. Falls nicht, habe ich ja jetzt einen Schwamm.
Wir gehen zu dem Zelt, in dem das Pastaessen stattfindet und suchen uns einen Platz. Ich begebe mich zur Essensausgabe mit der Absicht, meine Portion Nudeln, die ich gleich ergattern werde, mit meiner Frau zu teilen, denn die hat schließlich auch Kohldampf. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir seit heute Morgen 3:30 Uhr auf den Beinen sind und unser Frühstück im Flughafen auch schon eine Weile her ist. Obwohl ich meinen Nudelgutschein einem der Helfer sichtbar hinhalte, scheint dieser sich nicht sehr dafür zu interessieren. Somit verlasse ich die Essensausgabe sowohl mit einer Portion Pasta, als auch mit einem nicht entwerteten Gutschein. Somit wäre das Kohldampf-Problem der weltweit besten Ehefrau dann auch gelöst…! Am Rande sei noch erwähnt, dass die Pasta kalt sind, aber wenn man sich einredet, dass es sich dabei um Nudelsalat handelt, kann man sie durchaus als schmackhaft erachten.

Am Nachmittag

Natürlich wollen wir den Nachmittag nutzen und uns schon mal ein wenig die Stadt anschauen, allerdings müssen wir natürlich aufpassen, dass ich mich für morgen schone, daher reißen wir jetzt nicht das große touristische Programm ab. Wir beschränken uns auf einen kleinen Bereich und entschließen uns für ein kurze Tour mit einem der unzähligen Sight-Seeing-Boote, das zu einer „Royal Canal Tour“ einlädt. Zu Fuß bewegen wir uns nicht mehr allzu viel und schauen uns lediglich die Rendezvouspunkte an der Laufstrecke an, an denen meine Frau morgen beim Marathon stehen wird, damit sie sich schon mal ein wenig orientieren kann. Diese Punkte liegen nicht sehr weit auseinander und können von ihr teilweise bequem zu Fuß erreicht werden.

Gegen Abend in der Altstadt

Natürlich muss auch noch ein Abendessen her. Sich in einer fremden Stadt in einem fremden Land was zu essen zu suchen, ist für mich mit Blick auf den morgigen Marathon mit einem gewissen Risikofaktor behaftet. Ich will mich auf keinen Fall auf irgendwelche Experimente einlassen, daher hatte ich im Vorfeld schon mal gegoogelt, ob hier irgendwelche Fressketten vertreten sind, die es bei uns auch gibt und von denen ich weiß, dass ich mit deren Futter klar komme. Einen ersten Kontakt mit der einheimischen Küche will ich auf keinen Fall zu diesem Zeitpunkt zulassen. Zwei dieser Fressketten (Subway und Vapiano) habe ich vorher ausfindig gemacht. Dummerweise waren beide wegen irgendwelcher Umbaumaßnahmen geschlossen. Nun sitzen wir hier in Gamla Stan, der Altstadt Stockholms, bei einem kleinen Italiener, den wir kurzerhand zum Ersatz-Caterer nominiert haben. Hoffentlich geht das gut!

20:00 Uhr | Motel L, Zimmer 225

Nun können wir auch im Motel L unser Zimmer beziehen. Wir sind sofort begeistert. Nicht nur dass wir ein sehr komfortables Bett zur Verfügung haben, wir haben auch ein Badezimmer mit einer Dusche, die gigantisch viel Platz bietet und die ebenerdig ist. Nicht gerade ein unwichtiges Detail, wenn man bedenkt, dass ich mich nach dem Marathon wohl kaum bewegen kann und dann hier nicht meine müden Knochen über den Rand einer Duschtasse zu heben brauche.

Es ist eigentlich noch nicht so spät. Trotzdem war es ein langer Tag. Wir sind ziemlich geschafft und vor allen Dingen will ich für morgen meine Kräfte sparen. Daher begeben wir uns müde, aber sehr zufrieden auf unser Zimmer und heften uns ab. Es dauert nicht lange, bis ich auch tatsächlich einschlafe.

Samstag, 4. Juni 2016
6:30 Uhr | Motel L, Frühstücksraum

Ich habe geschlafen wie ein Stein! Noch nie habe ich die erste Nacht in einem Hotelzimmer so gut geschlafen. Ich bin begeistert! Das Bett ist unfassbar gemütlich und die Vorhänge sind absolut dicht und lichtundurchlässig. Da es zu dieser Jahreszeit in Stockholm nur eine sehr kurze Phase der Dunkelheit gibt (immerhin haben wir bald Mittsommernacht), hatten wir vorsorglich Schlafmasken eingepackt, die wir aber nicht benötigt haben. Obwohl der Marathon erst um 12:00 Uhr startet, sind wir heute sehr früh aufgestanden. Hintergrund ist meine Verpflegungsstrategie. Mit Startzeiten um die Mittagszeit habe ich in der Vergangenheit immer meine liebe Not gehabt. Bei meinen ersten Starts beim Köln-Marathon wurde der Lauf erst um 11:30 Uhr gestartet und es hat keine zehn Kilometer gedauert bis ich nicht nur in das sprichwörtliche Mittagsloch geplumpst bin, ich habe dann auch noch Mordskohldampf bekommen und stand am Rande zum Hungerast. In der Stockholm-Vorbereitung habe ich nun versucht mich so zu konditionieren, dass mir dieses Phänomen nicht mehr vor die Füße fällt. Angefangen damit, dass ich mit jedem langen Trainingslauf an den Sonntagen immer erst um 12:00 Uhr mittags begonnen habe. Aufgestanden bin ich trotzdem sehr früh und habe spätestens um 7:00 Uhr gefrühstückt. Dann habe ich eine Stunde vor dem Start einen kleinen Snack in Form einer Banane, eines Power-Riegels und/oder eines trockenen Brötchens zu mir genommen und unmittelbar vor dem Lauf schon mal das erste Dextro-Gel eingeworfen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hat das unterm Strich gut geklappt und ich werde diese Strategie auch heute anwenden.
Für die weltweit beste Ehefrau bedeutet das: „Mitgehangen! Mitgefangen!“. Wenn ich sehr früh frühstücke, dann tut sie das eben auch. Als wir jedoch den Frühstücksraum betreten, stoßen wir auf gähnenden Leere. Nicht nur, dass die Tische nicht besetzt sind, auch das Frühstücksbuffet ist völlig verwaist und erweckt nicht den Eindruck, dass es hier gleich was zu essen gibt. „Bist Du sicher, dass es hier schon um 6:30 Uhr Frühstück gibt?“, fragt mich mein Weib mit einem vorwurfsvollen Unterton. „Na, klar!“ entgegne ich, „Stand doch so in der Reservierung drin“. Ich gehe zur Rezeption und schaue auf das entsprechende Hinweisschild. Na, also! Da steht es doch geschrieben: 6:30 Uhr! Aber was steht da im Kleingedruckten? Ups! An den Wochenenden erst um 7:30 Uhr! Ich gehe zu meiner Frau zurück und beichte ihr die Gemengelage. Der Anraunzer ließ nicht lange auf sich warten: „Ich hätte noch eine Stunde länger schlafen können, Du Pappnase!“. Eine Replik verkneife ich mir und denke einfach nur: „Heul doch! Wer hat hier denn bitteschön den anstrengenderen Tag vor sich?“

7:30 Uhr | Noch mal der Frühstücksraum

Zweiter Versuch! Dieses Mal gibt es auch tatsächlich was zu essen! Ich erkenne, dass ich nicht der einzige Marathoni bin, der auf ein frühes Frühstück aus ist. Es sind noch einige andere Läufer unter den Hotelgästen, die sich jetzt hier eingefunden haben. Das Frühstück ist jetzt nicht exorbitant üppig, aber für die umgerechnet 8 € pro Person absolut ordentlich. Meine Befürchtung, dass ich in Schweden nur Knäckebrot zu essen bekomme, bestätigt sich zum Glück nicht. Im Gegenteil: das Buffet bietet sogar ausgesprochen leckeres Brot!

9:30 Uhr | Tunelbana

Die Zeit nach dem Frühstück habe ich in aller Ruhe damit verbracht, mich für den Lauf zu rüsten und insbesondere schon mal die altbekannten Scheuerstellen an meinem Heldenleib zu versorgen und abzukleben. Nun sitzen wir in der U-Bahn in Richtung Stadion und mit jeder Haltestelle steigen immer mehr Marathonis zu, die nicht nur an den Laufklamotten, sondern auch an dem grünen Garderobenbeutel zu erkennen sind. Um zum Stadion zu gelangen, müssen wir in eine andere U-Bahn-Linie umsteigen und haben dafür mehrere Haltestellen zur Verfügung. In weiser Voraussicht entscheiden wir uns für die Haltestelle Gamla Stan und nicht für den Hauptbahnhof, denn der ist selbstverständlich gerammelt voll.

10:00 Uhr | Östermalms IP, Startbereich

Ein weiteres schönes Detail, das der Stockholm-Marathon zu bieten hat besteht darin, dass die Angehörigen mit in den Startbereich rein dürfen. Somit kann mich die weltweit beste Ehefrau bis hin zu den Garderobenzelten und der Startbeutelabgabe begleiten. Noch ist der Bereich mäßig mit Läufern gefüllt und wir nutzen die Gelegenheit, uns auf der Zuschauertribüne des American-Football-Feldes ein schönes Plätzchen in der Sonne zu suchen, dort ein wenig abzuhängen und uns das Treiben um uns herum anzuschauen. Der Wetterbericht hat das gehalten, was er versprochen hat. Es ist sonnig bei derzeit angenehmen 16 Grad. Wärmer als 18 Grad soll es heute nicht werden. Dennoch ist die Sonne deutlich zu spüren und somit wird das heute mein erster Marathon, für den ich mich vorher dick mit Sonnencreme einschmieren muss.
Direkt unterhalb der Tribüne befinden sich Umkleidekabinen, Duschen und vor allen Dingen Toiletten. Letztere wird von uns noch einige Male frequentiert. Ansonsten sind natürlich über dem ganzen Gelände verteilt eine erkleckliche Anzahl an Dixie-Klos zu finden (oder wie mein Kollege Timo sie mal liebevoll genannt hat: Kack-O-Maten!).


Ein Moderator gibt über die Lautsprecher permanent auf Schwedisch und Englisch einige Hinweise zum Ablauf und zu den örtlichen Gegebenheiten. Er weist zudem auf eine Besonderheit hin, die ich bisher bei anderen Marathons auch nicht erlebt habe. Hier besteht die Möglichkeit, neben dem Kleiderbeutel auch seine Wertsachen an einem gesonderten Zelt abzugeben. Ich bin beeindruckt, obwohl ich diesen Service nicht nutzen werde, da ich keine Wertsachen zu einem Marathon mitzunehmen pflege und das wichtigste immer am Mann habe. In der Tasche meines Trinkflaschengürtels, mit dem ich heute laufen werden, befinden sich für Notfälle mein Personalausweis, meine Krankenkarte, meine Kreditkarte und zweihundert schwedische Kronen (umgerechnet circa 22 €). Zudem werde ich mein Handy dabei haben, um damit auch die App für das Live-Tracking zu aktivieren.
Natürlich werde ich auch wieder mit Musik laufen und meinen iPod mitführen. Dabei werde ich erneut mein System der akustischen Marschtabelle nutzen, das sich bei meinem letzten Marathonstart in Köln und bei einigen Halbmarathons bewährt hat. Das funktioniert folgendermaßen: zunächst habe ich mir eine Playlist zusammengestellt, die nach einem ausgeklügelten Verfahren mit der Strecke abgestimmt ist. Am Anfang wird erst Mal etwas zurückhaltend rockige Musik kommen, damit ich besser meinen Laufrhythmus finden kann. Gleich zu Beginn mit Heavy Metal zu starten birgt die Gefahr des Überpacens. Die Mucke aus der Abteilung „Voll auf die Fresse“ gibt es erst in der zweiten Streckenhälfte. Dann habe ich mir auf einer zweiten Audiospur die Ansagen der Kilometer und die geplanten Durchgangszeiten drauf gesprochen. Wenn der Startschuss erfolgt, werde ich meine Uhr und meinen iPod mit Überlaufen der Startlinie synchron starten. Laut meiner Marschtabelle soll ich beispielsweise den Kilometer 5 nach 29:20 Minuten erreichen. Ich bekomme dann exakt nach dieser Zeit über die Kopfhörer die Ansage „5 Kilometer“. Bin ich schneller unterwegs, dann werde ich den 5. Kilometer zu diesem Zeitpunkt ja schon überlaufen haben und ich erkenne sofort, dass ich Vorsprung habe. Kommt die Ansage aber bevor ich die 5-Kilometer-Markierung erreiche, dann weiß ich, dass ich zeitlich hänge. Zusätzlich bekomme ich dann noch die geplante Pace für den nächsten Kilometer angesagt, sodass ich mein Tempo für den nächsten Abschnitt dosieren kann. Das ganze erspart mir das ständige Geglotze auf meine Uhr und ich muss mir vorher nicht mehr mit dem Edding die Marschtabelle auf den Arm pinseln. Da ich ohne meine Brille laufe, ist das akustische System wesentlich benutzerfreundlicher für mich.

10:50 Uhr | Kleiderbeutelabgabe

Da man bis spätestens 11:00 Uhr hier seinen Kleiderbeutel abgeben soll, mache ich mich schon mal auf den Weg zur Abgabe. Ich möchte auch einigermaßen früh in meinen Startblock einchecken, da ich in der zweiten Welle direkt dem ersten Block zugeordnet bin und diesen Vorteil gerne nutzen und mir darin eine günstige Startposition sichern möchte. Ich habe mir für heute den 6-Minuten-Schnitt, also die Endzeit 4:13 Stunden vorgenommen. Das wäre für mich neue persönliche Bestzeit. Im Training habe ich bei den langen Läufen bis 34 Kilometer die Pace 6 Minuten pro Kilometer zwei Mal geschafft und einmal nur ganz knapp drüber. Aber wie heißt es so schön: nicht die Trainingsergebnisse zählen, sondern das Wettkampfergebnis. Toll, wenn man eine geile Marathonvorbereitung hinlegt, am Marathontag selbst muss aber die Performance stimmen. Hinten sind die Schweine fett! So ist das nun mal!
Ich gebe meine Klamotten ab und lass mich noch mal kräftig von der weltweit besten Ehefrau in den Arm nehmen, bevor sie sich mit der U-Bahn zum ersten Rendezvouspunkt bei Kilometer 4,5 am Kungsträdgården begibt. Die Spannung steigt, nervös bin ich aber nicht.
Mittlerweile ist die gesamte Anlage des Östermalms IP gerammelt voll mit Läufern und Besuchern. Ich bahne mir meinen Weg durch die Massen und obwohl ich eigentlich nicht der Typ bin, der sich in so einem Gedränge wohl fühlt, genieße ich diesen Moment. Da sind jede Menge Verrückte um mich herum, die den gleichen Unfug vorhaben wie ich, nämlich über 42 Kilometer durch die Stadt zu rennen. Meine Güte! Wir können sie doch nicht alle haben! Aber auch bei meinem elften Marathon fühle ich mich immer noch richtig gut damit, bekloppt zu sein.

11:05 Uhr | Startblock F

Noch ein kurzer Gang aufs Dixie, dann verlasse ich das Gelände und begebe mich in Richtung Startbereich auf dem Lindingövägen. Der Zugang zum Startbereich ist, wie so vieles bei diesem Marathon, perfekt organisiert. Durch eine eindeutige und klar verständliche Wegführung erfolgt die Vereinzelung der Läufer und deren Verteilung auf die ihnen zugewiesenen Startblöcke. Auf dem Weg zum Startbereich sind doch tatsächlich noch zusätzliche Verpflegungsstände aufgebaut, an den man sich noch schnell einen Schluck Wasser besorgen kann, sowie weitere Kack-O-Maten. Das habe ich so bisher auch noch nicht erlebt.
Da ich früh dran bin, habe ich in meinem Startblock auch noch recht viel Platz, sodass ich mich darin ein wenig warm laufen kann. So nach und nach füllt sich der Block mit Läufern und das Wirrwarr an verschiedenen Sprachen um mich herum wird immer größer. Auf den Startnummern ist mittels der entsprechenden Flagge gekennzeichnet, aus welchem Land die jeweiligen Läufer kommen und ich schaue mich um, welche Nationen hier so um mich herum repräsentiert werden. Neben den gastgebenden Schweden scheinen deren Nachbarländer Norwegen und Finnland hier am stärksten vertreten zu sein. Ich sehe aber auch Läufer aus England, Südafrika, Japan und China. Auch die Holländer sind hier vertreten (die trifft man ja überall, außer bei der Fußball-EM). Deutsche Landsleute kann ich um mich herum jetzt nicht finden, weiß aber aus der Teilnehmerliste, dass rund 500 Deutsche hier am Start sind (350 Männer, 150 Frauen). Wahrlich eine Multikulti-Veranstaltung. Die weltweit beste Ehefrau wird übrigens mit einer Deutschlandfahne an der Strecke stehen und je nach Wohlbefinden und Laune werde ich mir die am letzten Rendezvouspunkt bei Kilometer 37 schnappen und damit ins Ziel laufen. In einem Anflug von Heimatverbundenheit trage ich heute auch noch mein schwarz-rot-goldenes Schweißband am Handgelenk.

11:55 Uhr

Es ist gleich soweit! In wenigen Minuten wird die erste Startwelle auf die Strecke geschickt. Ich krame noch schnell mein Schlaufon aus der Gürteltasche und aktiviere die Tracking-App, sodass meine Frau an der Strecke und alle Daheimgebliebenen online meine Position und meine Performance verfolgen können. Zu dumm nur, dass ich ohne Brille und in dem hellen Sonnenlicht nichts auf dem Display meines Handys erkennen kann und ich jetzt nicht weiß, ob ich die App auch tatsächlich gestartet habe. Ich bitte einen britischen Läufer links neben mir um Hilfe und gemeinschaftlich kriegen wir das Ding zum Laufen.

12:00 Uhr

Pünktlich auf die Sekunde startet die erste Welle. Ich glaube, das ist der erste Wettkampf an dem ich teilnehme, der die geplante Startzeit exakt einhält. Als Startsong hat man hier, für mich wenig überraschend, einheimische Klänge gewählt und so dröhnt und hämmert gerade Herr Avicii aus den Lautsprechern. Für mich ist es ein beruhigende Gefühl zu wissen, dass es hochgradig unwahrscheinlich ist, dass wir hier auf der Strecke mit Karnevalsmusik beschallt werden, aber ich fürchte, es könnte Abba dabei sein, die bei mir auf meiner persönlichen Helene-Fischer-Skala ganz weit oben stehen. Nicht zuletzt, weil die Strecke bei Kilometer 27 auch am Abba-Museum vorbei führt. Zum Glück lauf ich ja heute mit Selbstbeschallung und ich stelle schon mal die Lautstärke meins iPods auf ein wettkampftaugliches Niveau ein.
Nach und nach leeren sich die Startblöcke vor uns und wir werden nun so langsam an die Startlinie geführt. Mein Startblock ist der erste in der zweiten Welle und ich habe mir einen Platz ganz vorne ergattert. Dadurch habe ich die Ehre, bei dem vom schwedischen TV in Nahaufnahme vollzogenen Kameraschwenk auf die erste Reihe voll erfasst zu werden. Mal sehen, ob ich das später irgendwann und irgendwo mal zu sehen bekomme.
Auch bei meinem elften Marathon verspüre ich immer noch dieses Kribbeln am Start. Ich habe unverminderten Respekt vor der Distanz, das macht für mich den Reiz aus. Ein Marathonlauf wird für mich niemals zur bloßen Routine werden. Mit Spannung zähle ich die Minuten und die Sekunden bis zum Start runter. Der Moment, auf den ich mich über ein halbes Jahr gefreut und auf den ich mich akribisch vorbereitet habe, ist nun gekommen.

12:10 Uhr | Der Start

Genauso pünktlich wie die erste Welle wird auch die zweite Welle auf die Strecke geschickt. Da soll mir noch mal einer mit deutscher Pünktlichkeit kommen. Die Schweden zeigen hier, wo der Hammer hängt! Das synchrone Aktivieren von Uhr und iPod kriege ich problemlos hin und ich lasse mich vom Strom der Läufer treiben, der sich wie eine Lawine in den Lindingövägen ergießt. Gleich hinter der Startlinie ist die Strecke schon zu beiden Seiten dicht mit Zuschauern gesäumt und die Stimmung ist prächtig. Ich muss mich zügeln, dass ich mich nicht gleich zu Beginn von der Euphorie leiten lassen und zu schnell angehe.
Kurz hinter dem Start biegt die Strecke nach links in den Valhallavägen ein. Dabei handelt es sich um eine große Allee, deren Fahrbahnen von einem breiten, parkähnlichen Mittelstreifen getrennt sind. Man kann zu beiden Seiten dieses Mittelstreifens laufen, das hatte ich zuvor in der Streckenbeschreibung gelesen. Instinktiv biegt die Masse der Läufer schon in die erste Fahrbahn ein. Ich entscheide mich bewusst für die zweite, auch wenn dies auf dem ersten Blick ein vermeintlicher Nachteil sein sollte, da ich dafür ein paar Meter weiter laufen muss, um diese Fahrbahn zu erreichen. Das gleicht sich aber später wieder aus, wenn der Kurs nach rechts abbiegt.

KM 1 | Valhallavägen

Nun laufe ich auf der Seite des Valhallavägens, auf der das Läuferfeld bei weitem nicht so dicht gedrängt ist, wie auf der anderen Fahrbahn, in die die meisten Läufer eingebogen sind. Valhalla (deutsche Schreibweise „Walhalla“) ist übrigens der nordischen Mythologie nach der Ruheort im Jenseits für gefallene Helden, die von Walküren begleitet dorthin geleitet und von Göttervater Odin empfangen werden. Bereits nach dem ersten Kilometer schon an gefallene Helden und ans Jenseits zu denken, ist nun wirklich etwas verfrüht. Ich fühle mich gut und ich habe sofort Spaß an dem Lauf, der Strecke und der Stimmung. Meine erste Durchgangszeit sagt mir, dass ich mit 5:24 zu schnell bin und mich tunlichst drosseln sollte.

KM 2 | Valhallavägen – Oxenstiernsgatan

Okay! Ich komme doch noch mal auf Walhalla und das Thema mit den gefallenen Helden zurück. Kann das sein? Bin ich etwa einer der ersten, der dem alten Odin die Flosse schütteln darf? Kurz vorm Erreichen des zweiten Kilometers, wo der Kurs nach rechts in die Oxenstiernsgatan einbiegt, begehe ich einen verhängnisvollen Fehltritt und latsche auf einen Gullydeckel, der wohl nicht so ganz bündig mit der Fahrbahn abschließt und ein oder zwei Zentimeter tiefer als der Asphalt liegt. Peng! Ich spüre sofort einen stechenden Schmerz im hinteren rechten Oberschenkel. So eine Scheiße! Das darf doch jetzt nicht wahr sein! Ich habe den Stich nur einen Sekundenbruchteil gespürt, jetzt nehme ich ein leichtes Ziehen wahr, das mich in diesem Moment nicht behindert. Trotzdem! Alarmstufe Rot! Das ist gar nicht gut. Ich mache mich erst Mal nicht verrückt und laufe unbeirrt weiter.

KM 3 | Oxenstiernsgatan – Strandvägen

Der dritte Kilometer beginnt sofort mit einer Steigung. Nicht sonderlich knackig und lang, aber eben eine Steigung. Gleich danach fällt der Kurs leicht ab und trifft auf die Prachtstraße Strandvägen im Stadtteil Östermalm. Hier trifft man sofort auf das, was es in Stockholm zu Hauf gibt: Wasser. Vom Anblick her ganz großes Kino! Oder wie es mein lieber Freund Andy ausdrücken würde: „Boah, ey! Wat ´ne Fototapete!“. Sozialen Wohnungsbau wird man hier vergeblich suchen. In den gegen Ende des 19. Jahrhunderts erbauten Häusern sind heute Luxuswohnungen zu finden, in denen so mancher prominente Zeitgenosse Unterschlupf gefunden hat. Darunter der ehemalige Tennisprofi Björn Borg oder Per Gessle, der Sänger der Popgruppe Roxette.
Mein Oberschenkel ist im Moment friedlich, aber irgendwie traue ich dem Braten nicht. Ich bin immer noch etwas zu schnell und versuche nun, mich trotz der Ablenkung durch diese wunderbare Kulisse auf meine Pace zu konzentrieren und die Signale meines Oberschenkels einzuordnen.

KM 4 | Strandvägen – Nybroplan

Nun geht es den Strandvägen am Wasser entlang bis hoch zum Nybroplan. Obwohl es trotz des sonnigen Wetters nicht zu warm ist, orientiert sich die große Mehrzahl der Teilnehmer in Richtung der linken Hälfte der Laufstrecke, wo die Bäume Schatten spenden. Ich mache da keine Ausnahme und als ich in dem Sog der Massen drin stecke, bereue ich es sofort. Auf dieser Seite der Strecke befinden sich Straßenbahnschienen, die ähnlich wie der unsägliche Gullydeckel vorhin, ein wenig aus dem Asphalt hervorlugen. Zudem tun sich zwischen den Schienen und dem Asphalt teilweise recht heftige Schlaglöcher auf. Ich lasse meinen Blick auf den Boden gerichtet und scanne jede potenzielle Unebenheit. Noch einen Fehltritt kann ich nicht gebrauchen. Ich schaffe es auch nicht ohne weiteres, aus der Masse der Läufer heraus zu kommen, um mich wieder der sonnigen Straßenseite hin zu orientieren, auf der sich keine Schienen befinden. Dazu müsste ich ein paar Bodychecks austeilen und ein paar Mitläufer aus dem Weg räumen. Mit Erreichen der ersten Verpflegungsstation verteilt sich das Läuferfeld zum Glück auf beide Straßenseiten und ich komme aus der Nummer wieder raus. Das Ziehen in meinem Schenkel ist mittlerweile deutlich zu spüren, aber noch nehme ich keine Wallküren um mich herum wahr, die mir ein Date mit dem alten Odin verschaffen wollen.
Die Strecke trifft nun auf den Nybroplan, wo sie in die Hamngatan mündet. Von da an erhöht sich die Zuschauerdichte massiv und die Menschen stehen in mehreren Reihen dicht gedrängt zu beiden Seiten. Eine wunderbare und sehr beflügelnde Stimmung! Ganz in der Nähe, kurz hinter der 4-Kilometer-Marke befindet sich der Normalmstorg, ein Platz, an dem es in einer Bank im Jahre 1973 zu einem Überfall und einer mehrtägigen Geiselnahme kam. Im Zuge ihrer Gefangenschaft entwickelten die Geiseln ein ungewöhnlich positives emotionales Verhältnis zu ihren Geiselnehmern. In der Psychologie spricht man seither vom Stockholm-Syndrom.

KM 4,5 | Kungsträdgården

Der Kurs schwenkt nach links und es geht leicht bergab vorbei am Kungsträdgården, dem ältesten Park der Stadt, der bereits im 15. Jahrhundert angelegt wurde. Die Publikumsdichte ist an dieser Stelle immer noch unfassbar hoch. Scheinbar zahlt sich die Startzeit 12:00 Uhr an einem Samstag aus. Bei einem Marathon, der Sonntagsmorgens um 9:00 Uhr startet überlegen es sich die Leute zwei Mal, ob sie sich aus dem Bett wuchten. Das Problem dabei ist, dass wir uns den Kungsträdgården als ersten Rendezvouspunkt ausgesucht haben und hier eigentlich die weltweit beste Ehefrau an der Strecke stehen soll. Es kommt aber wie es kommen musste: obwohl ich mit Adlerblick nach ihr und der Deutschlandfahne Ausschau halte, kann ich sie in der Masse nicht ausmachen. Später wird sie berichten, dass sie nur einen Platz in dritter oder vierter Reihe ergattern konnte und keine optimale Sicht auf die Strecke hatte. Zum Glück kann sie meine Position anhand der App nachverfolgen und weiß, wann ich durch bin und sie sich zum nächsten Treffpunkt aufmachen muss.

KM 5 | Gamla Stan

Wir überqueren die flach verlaufende Brücke rüber zur Insel Stadsholmen, auf der sich neben der fatal beeindruckenden Altstadt Gamla Stan auch das königliche Schloss befindet. Warum zur Hölle leben die in Schweden im 21. Jahrhundert immer noch in einer Monarchie? Na, wenigstens fahren die hier auf der richtigen Straßenseite und messen ihre Entfernung nicht in Meilen, Yards und Füßen. So sehr ich mich auch bemühe, aber ich kann an keinem der Schlossfenster Sylvie oder Kalle Gustaf ausmachen. Wäre doch mal ein netter Zug gewesen, wenn die uns Läufern zugewinkt hätten. Dann eben nicht! Vielleicht auf der zweiten Runde.
Die Strecke ist weiterhin beidseitig dicht mit Zuschauern gesäumt, die eine Mordsstimmung verbreiten. Das hat schon fast New-York-Qualität. Die Zwischenzeitmessung am 5. Kilometer, direkt neben der Altstadt Gamla Stan überlaufe ich mit einem Vorsprung von über 40 Sekunden auf meine Marschtabelle. Soweit scheint ja alles erst Mal zu funktionieren, aber dennoch laufe ich nun permanent mit der Sorge um meinen Oberschenkel im Hinterkopf.

KM 6 | Slussen

Wenn man der Streckenbeschreibung auf der Marathon-Website glauben darf, dann ist Slussen einer der Lieblingsplätze der Zuschauer und es soll da mächtig was abgehen. In der Tat ist hier auch einiges los, aber dennoch habe ich den Eindruck, dass auf dem Abschnitt Nybroplan – Kungsträdgården – Gamla Stan deutlich mehr Betrieb war. Das mag aber auch daran liegen, dass um den Bereich um Slussen herum einige Baustellen zu finden sind. Jedenfalls ist Slussen das schwedische Wort für „Schleuse“. Hier trifft der Mälarensee mit seinem Süßwasser auf das Salzwasser der Ostsee. Der Mälarensee liegt ein paar Meter höher als die Ostsee, beide werden durch die Schleuse voneinander getrennt. Wir müssen einen kurzen Anstieg bewältigen, um die Schleuse zu überqueren. Dann verschwindet die Strecke kurz in einer dunklen Unterführung, die uns am Söder Mälarstrand sofort wieder ausspuckt.

KM 7 bis 8 | Söder Mälarstrand

Die Strecke verläuft nun am Söder Mälarstrand entlang durch den Stadtteil Södermalm, in dem im Mittelalter Häuserbau und Handel verboten waren. Vom Handelsverbot ausgenommen waren seinerzeit Heringe und Kalk, warum auch immer. Die Strecke verläuft jetzt über eine zwei Kilometer langen Gerade am Wasser entlang und stellt sich im Moment nicht ganz so spektakulär dar. Zwar hat man hier einen wundervollen Blick rüber auf die andere Uferseite zum Norr Mälarstrand und zum Stockholmer Rathaus, an dem der Kurs später noch vorbeiführt, aber die Publikumsbeteiligung ist jetzt eher mäßig. Dafür bietet einen lange Reihe von Büschen zur Linken der Strecke die Möglichkeit für einen technischen Stopp. Das trifft sich gut, ich muss nämlich mal für kleine Odins.
Kurz vor Erreichen der Verpflegungsstation am 7. Kilometer beißt auf einmal mein Oberschenkel wieder zu. Wiederum nur sehr kurz, aber es hat ganz schön gezwickt. Verdammt, das gefällt mir gar nicht! Wegen der Streckenverpflegung muss ich ohnehin jetzt abbremsen, um mir einen Wasserbecher zu greifen. Das gibt mir Gelegenheit mich kurz zu sortieren und mal genau zu horchen, was mein Schenkel spricht. Jetzt ist er gerade weitgehend friedlich, aber ich spüre immer noch dieses leichte aber ständige Ziehen. Leicht trabend trinke ich erst mal einen Schluck Wasser und konzentriere mich mehr darauf, mich dabei nicht zu verschlucken. Zum Glück reichen die hier das Wasser nicht in Plastik-, sondern in Pappbechern. Die kann man nämlich schön zusammendrücken und damit so eine Art Trinkschnabel formen, sodass man sich beim Trinken während des Laufens nicht so leicht verschluckt. Die Plastikbecher neigen dazu, bei diesem Trick schon mal zu platzen.

KM 9 | Västerbron

Mein Oberschenkel gibt für den Moment Ruhe. Damit kann ich mich jetzt wenigstens auf die größte Herausforderung konzentrieren, die die Stockholmer Strecke zu bieten hat: die Västerbron, zu Deutsch „Westbrücke“. Die Brücke ist mit einer Höhe von dreißig Metern und einer Spannweite von gut einem Kilometer nicht von Pappe und damit deutlich anspruchsvoller, als die Deutzer Brücke bei meinem Heimmarathon in Köln. Jedoch zum Glück nicht ganz so heftig, wie die beiden großen Brücken beim New York Marathon. Im Wissen, dass mich die Västerbron heute erwartet, habe ich zuvor im Training auch immer mal wieder Steigungen bei uns im Vorgebirge trainiert. Jetzt, beim 8. Kilometer, dürfte das Ding nicht das Riesenproblem werden. Später aber auf der zweiten Runde, mit dann 33 Kilometern auf dem Tacho, wird das schon ein größerer Kraftakt sein.
Gazellengleich erklimme ich die Auffahrt, die – wie ich später feststellen werde – so ziemlich der anspruchsvollste Teil der Brücke ist. Ist man einmal auf der Västerbron, dann geht es zwar ein ganzes Stück aufwärts, aber nicht so knackig, wie auf der Auffahrt. Ich komme mit dem Anstieg ganz gut klar und mahne mich besonders an dieser Stelle zur Tempodisziplin. Jedwede Form von Kraftverschwendung kann sich später doppelt rächen. Das gilt auch für das Gefälle, nachdem man den Scheitelpunkt der Brücke erreicht hat. Dann zu glauben, nur weil es bergab geht, könnte man hier auf Teufel komm raus eine Zeitreserve raus laufen, kann später nach hinten losgehen. Ich habe in meiner Marschtabelle für diesen Abschnitt zwischen dem 8. und 9. Kilometer eine Pace von 6:10 Minuten eingeplant. Mit 6:06 Minuten gelingt dabei auch fast eine Punktlandung. Somit wäre die Brücke einmal bezwungen. Das zweite Mal bekomme ich auch noch hin, sofern mein Oberschenkel mich lässt.

KM 10 | Rålambshovsparken

Die Strecke umrundet nun den Rålambshovsparken, der nach dem schwedischen Offizier Åke Claesson Rålamb aus dem frühen 18. Jahrhundert benannt wurde. Dieser hatte seinerzeit das Gebiet gepachtet, musste es aber unfreiwillig wieder räumen. Gleich am Ende dieser Parkumrundung befindet sich der 10. Kilometer, den ich mit einem Vorsprung von knapp 20 Sekunden auf meine Marschtabelle überlaufe. Die Pinkelpause und der Verpflegungsstopp beim 7. Kilometer, bei dem ich mich ein wenig sortieren musste, hat mich etwas Zeit gekostet, aber noch bin ich im Plan.
Der Kurs verläuft den Norr Mälarstand entlang, der bezogen auf das Streckenprofil das Spiegelbild des Söder Mälarstrands ist. Unterschiede bestehen allerdings in der Bebauung und der Publikumsdichte. Hier ist wieder deutlich mehr los und die Stimmung an der Strecke steigt. Darauf trinke ich erst Mal einen und hole eine meiner mit Power-Gel gefüllten Trinkflaschen aus meinem Patronengurt hervor. Diesel für den Kampfhasen!

KM 11 | Norr Mälarstrand

Kurz vor Erreichen des 11. Kilometers hat man einen tollen Blick auf das Stadshuset, das Rathaus Stockholms, in dem jährlich die Nobelpreise verliehen werden und an dem wir gleich vorbei laufen werden. Kurz vor der Linkskurve, wo der Kurs um das Stadhuset herumführt, trifft es mich plötzlich wie aus heiterem Himmel. ZACK! Ein Stich! Ein lauter Aufschrei, der meine Mitläufer um mich herum aufschrecken lässt. Odin, der alte Sack, lässt nicht locker und hat offensichtlich seinen Kumpel Thor, den Donnergott, gebeten, einen Blitz auf mich abzufeuern, um mir unmissverständlich klar zu machen, dass er mich im Walhalla zu sehen wünscht. Das ist keine Einladung mehr, das ist eine Vorladung. Leck mich, Du Penner! Ich entscheide hier noch, mit wem ich wann und wo Termine mache und mit wem nicht!
Ich ziehe die Nödbroms und bewege mich auf dem linken Bein hüpfend und mit einer Hand am rechten Oberschenkel zum rechten Streckenrand. Ich bleibe stehen, um mich zu sammeln. Unter Anteilnahme der Zuschauer versuche ich mein Bein leicht zu dehnen und dem Problem Herr zu werden. Das Dehnen scheint etwas zu bewirken, denn der Schmerz lässt nach. Ich gehe ein paar Schritte. Okay, das funktioniert. Aber nicht lange! ZACK! Der nächste Stich. Wieder ein Aufschrei! Entsetzte Blicke der Zuschauer! Das ist keine triviale Zerrung mehr, das fühlt sich an wie ein Faserriss. Verdammt was mache ich jetzt bloß? Ich habe doch nicht diesen ganzen Aufwand betrieben und bin nach Stockholm angereist, nur um nach elf Kilometern aufzugeben! Ich ziehe mir die Stöpsel aus den Ohren, die Musik nervt mich gerade und das letzte was ich brauche ist, dass mir meine Audio-Marschtabelle jetzt vorrechnet, wie sich mein schöner Fahrplan gerade in Luft auflöst. Am 12. Kilometer wird die weltweit beste Ehefrau stehen. Ich muss irgendwie zur ihr hinkommen und dann eine Entscheidung treffen, wie ich weiter vorgehe. Ich versuche es nochmal mit Gehen. Das klappt jetzt besser und der Schmerz weicht wieder einem Ziehen im Muskel, das aber nun deutlicher zu spüren ist als zuvor. Leicht humpelnd gehe ich gut einhundert Meter, in denen mir mehrere Läufer, die an mir vorbeiziehen, aufmunternd auf die Schulter klopfen. Nach einer Weile lässt das Ziehen etwas nach und ich muss auch nicht mehr humpeln. Ungefähr auf Höhe der Stadhusbron (Stadthausbrücke) nehme ich vorsichtig den Laufschritt wieder auf. Allerdings schön langsam! Ich zwinge mich dazu, jetzt nicht schon wieder in mein gewohntes Tempo einzusteigen, sondern erst Mal zu schauen, wie ich mit einem leichten Traben klar komme. Ich denke ja gar nicht dran, jetzt schon aufzugeben. Ein Scheitern habe ich nicht auf dem Zettel stehen, doch eins steht jetzt schon fest und je früher ich mich an den Gedanken gewöhne, desto besser: mein Zeitziel und das Vorhaben, hier heute Bestzeit zu laufen, kann ich jetzt kunstgewerblich in die Tonne treten. Das ist aber durchaus verschmerzbar. Ich habe ja dieses Jahr noch den Frankfurt-Marathon auf der Agenda.

KM 12 | Centralen

Die Strecke dringt nun wieder in die Innenstadt ein und es geht über die Vasagatan leicht ansteigend zum Centralen, dem Hauptbahnhof. Bis hierhin habe ich es jetzt in der Tat schmerzfrei geschafft, aber der Rote Alarm bleibt aufrecht erhalten. Dieses Mal hat meine Frau es geschafft, sich einen Platz in der ersten Reihe an der Strecke zu verschaffen und ich kann sie mit ihrer Deutschlandfahne und der Videokamera in der Hand am vereinbarten Treffpunkt ausmachen. Es dauert nicht lange bis sie erkennt, dass bei mir was nicht stimmt. Nicht zuletzt durch meine träge Gangart und meinem mäßig euphorisierten Gesichtsausdruck. Als sich sie erreiche, bleibe ich kurz bei ihr stehen und sage zu ihr: „Ich weiß nicht, ob ich zu Ende laufen kann. Ich vermute, ich habe mir eine Muskelfaser gerissen“. Das blanke Entsetzen packt sie. Wir beraten kurz, was zu tun ist. Ich sage ihr, dass ich im langsamen Tempo wohl erst mal weiter machen kann und wir uns am nächsten vereinbarten Rendezvouspunkt beim 17. Kilometer wieder treffen und dann mal schauen, was Sache ist. Ich mache mich – mit gedanklich ausgestrecktem Mittelfinger gen Walhalla – wieder auf die Socken und behalte das reduzierte Tempo bei.
Trotz dieser dramatischen Entwicklung will ich an dieser Stelle nicht den Blick für die interessante Strecke verlieren, denn immerhin bin ich gerade an dem fast 140 Jahre alten Hauptbahnhof vorbei gelaufen, der seinerzeit das Stadtzentrum von der Altstadt Gamla Stan hierhin in den Stadtteil Normalm verlegt hat. Mittlerweile wohnen in diesem Stadtteil über 70.000 Menschen und 140.000 arbeiten hier.

KM 13 | Torsgatan

Ja, ich weiß! Ich bin unvernünftig! Eigentlich hätte ich aus dem Rennen aussteigen sollen und ich schwöre bei Odin, wenn mir das in Köln, Düsseldorf oder Bonn passiert wäre, ich wäre raus gegangen. Aber wieviel Vernunft ist überhaupt vernünftig? Oder anders gefragt: wieviel Unvernunft darf sich ein grundsätzlich vernünftiger Mensch erlauben? Ich nehme mir heraus behaupten zu dürfen, dass ich mich in der Vergangenheit mehr als einmal als vernünftig erwiesen habe, sonst hätte ich beispielsweise im letzten Jahr den Frankfurt-Marathon nicht drei Tage vorher wegen dem bisschen Husten abgesagt. Ich glaube, die Vernunft schuldet mir etwas! Jedenfalls ist mir bewusst, dass das wieder Wasser auf die Mühlen all derer sein wird, die Laufen pauschal als ungesund verurteilen, uns Marathonis ohnehin für bescheuert halten und uns unterstellen, wir würden ständig mit unserer Gesundheit, wenn nicht gar mit unserem Leben spielen. Mir fällt es manchmal schwer, den Dünnpfiff dieser unbelehrbaren, lauffaulen Ignoranten zu ertragen! Niemand von denen wird jemals für das Walhalla auch nur annähernd in Betracht gezogen werden!
Wie dem auch sei, ich laufe gerade mit einem extrem mäßigen Tempo und ich tue mir gar nicht erst den Stress an, meine unter diesen veränderten Voraussetzungen mögliche Zielzeit zu extrapolieren. Ich habe die Stöpsel meines iPods immer noch am Shirt hängen und mir nicht mehr in die Ohren gestopft. Mir jetzt anzuhören, wie mir meine geplanten Zwischenzeiten davon rennen, das brauche ich nun wirklich nicht. Außerdem möchte ich nicht, dass Bon Jovi, Deep Purple und Konsorten mich dazu verleiten, das Tempo wieder zu erhöhen. Ich halte meine langsame Pace bei, die jetzt so bei unterirdischen 7:00 Minuten liegen dürfte. Zwischendurch habe ich mal das Gefühl, dass sich das mit meinem Ziehen im Schenkel in einem homöopathischen Rahmen bewegt und ich kann es nicht lassen, dann doch mal wieder das Tempo anzuziehen und auszuloten, was geht. Es geht nicht viel, denn kaum werde ich schneller, meckert der Muskel. Es bleibt also dabei, dass ich das Ding hier heute, wenn überhaupt, nur mit angezogener Handbremse schaukeln kann. Ich lasse mich deswegen gar nicht erst vom Frust übermannen. Dafür sind Strecke, Stimmung, Wetter und Ort einfach zu schön, um sich die Laune versauen zu lassen. Ich habe vor ein paar Jahren im Rahmen eines Seminars mal einen wunderbaren Satz gehört, den ich mir jetzt ins Gedächtnis rufe und der hervorragend in diese Situation rein passt: „Ich habe mir das eigentlich anders vorgestellt, aber so geht es auch!“. Somit finde ich mich also mit der Tatsache ab, dass ich von jetzt an permanent überholt und ans Ende des Feldes in die Touristenklasse durchgereicht werde.
Mittlerweile ist der Streckenteil erreicht, der durch jenes Stadtviertel führt, in dem Astrid Lindgren über 60 Jahre gewohnt hat. Ich lenke mich ein wenig von meinem muskulären Problem ab indem ich in Erinnerungen an meine Kindheit schwelge, als ich die Geschichten von Michel aus Lönneberga geradezu verschlungen habe und für nichts auf der Welt die Pippi-Langstrumpf-Filme verpassen wollte.

KM 14 | Vasapark

Ich scheine einen ganz guten Rhythmus gefunden zu haben, der es mir erlaubt, noch eine Weile durchzuhalten. Wie lange das gut geht? Keine Ahnung! Ich habe die Option, aus dem Rennen auszusteigen, natürlich noch nicht vollends verworfen. Ein letzter Rest Vernunft schlummert da immer noch in mir. Mal sehen, ob es den Wallküren gelingt, diese zu wecken. Beim 17. Kilometer, an dem meine Gemahlin das nächste Mal auf mich wartet, hätte ich zumindest die erste Runde des Kurses vollständig durchlaufen und somit die Strecke einmal komplett erlebt, zumindest was den Teil durch die Stadt betrifft. Eine weitere Überlegung wäre es, auf der zweiten Runde nach Beendigung der zusätzlichen Schleife durch den Djurgården auszusteigen. Dann wäre ich in der Tat die komplette Strecke mal gelaufen, denn alles, was nach dem 29. Kilometer kommt, entspricht dem Abschnitt zwischen Kilometer 4 bis 17. Aber dennoch bleibe ich vorerst dabei, dass der Ausstieg die allerletzte Option ist, zumal mir dann ein wichtiges Detail fehlen würde, nämlich der Zieleinlauf im Olympiastadion. Wenn ich in dem langsamen Tempo ohne größere Friktionen durchhalte, dann soll es eben so sein und dann kann ich wenigstens meine Finisherquote sauber halten, die nach meinen zehn bisher gelaufenen Marathons, sowie nach meinen 26 absolvierten Halbmarathons immer noch bei 100% liegt.
Mittlerweile habe ich beim 14. Kilometer, bei dem ich mir übrigens die Zwischenzeitnahme schenke, den Vasapark erreicht. Dieser war damals bei den Stockholmer Sommerspielen von 1912 das Trainingsgelände der Olympioniken. Ob damals auch Sportler dabei waren, die auch muskuläre Probleme hatten und trotzdem an den Start gegangen sind? Keine Ahnung! Jedenfalls war der Vasapark vor dem TV-Zeitalter nicht nur als Sportstätte gefragt, es haben dort auch öffentliche Wahldebatten stattgefunden, die der Überlieferung nach bis zu 50.000 Zuschauer angezogen haben sollen.

KM 15 | Odengatan

Die Strecke geht mal rauf, mal runter. Das hatte ich in meiner Marschtabelle berücksichtigt und meine Soll-Pace entsprechend darauf ausgerichtet. Nun ist es Wurscht! Solange ich im Schleichmodus unterwegs bin, verlangen die Anstiege von mir nicht allzu viel ab. Aber wenn es bergab geht, dann spüre ich meinen Schenkel noch etwas deutlicher und ich muss dann das Tempo noch etwas mehr drosseln. Na, ja! Ich habe ja noch Luft nach unten. Jedenfalls habe ich für den Abschnitt zwi-schen dem 10. und den 15. Kilometer eine Zeit von über 35 Minuten benötigt, das heißt ich habe auf diesem Stück schon weit über einen Kilometer Rückstand auf meine ursprüngliche Planung aufgebaut.
Die Stimmung und die Publikumsdichte sind hier wieder einmal richtig gut. Aus den Augenwinkeln nehme ich die auffällige Bauweise der Stadtbibliothek wahr, die mit ihrem zylindrischen Oberbau auf einem würfelförmigen Unterbau an ein von Kinderhand mit Hilfe von Bauklötzen geschaffenes Bauwerk erinnert.

KM 16 | Karlavägen – Humlegården

Mit dem Karlavägen hat die Strecke wieder eine wunderbare Straße mit alten Gebäuden zu bieten. Zudem tut sich neben der Strecke erneut ein schöner Park auf: der Humlegården, einst der Kräutergarten von König Gustav II. Ich bin ohne nennenswerte Problem über die letzten Kilometer gekommen und für mich steht jetzt fest, dass ich in diesem langsamen Tempo über den 17. Kilometer hinaus weiter machen werde. Auch wenn es mich juckt, ich werde keinesfalls das Tempo erhöhen und Meckereien von meinem Oberschenkel provozieren. Ich sage mir: „Lauf das Ding einfach gemütlich nach Hause!“.
Es folgt eine Linkskurve in die Sturegatan hinein, die sofort einen etwas markanteren Anstieg zu bieten hat. An dieser Stelle werden die Läufer mit Schildern und Pfeilen dazu aufgefordert, auf der rechten Seite der Strecke zu laufen, um im Falle einer Überrundung die Spitzenläufer nicht zu behindern. Ach, Du Schande! Daran habe ich ja gar nicht gedacht! Bei der Planung meiner Marschtabelle war das kein Thema, denn auch wenn der Sieger hier neuen Weltrekord laufen würde, hätte er mich nicht überrunden können. Aber jetzt? Ich versuche das gar nicht erst anhand der Zeiten durchzuspielen und reihe mich einfach brav auf der rechten Seite ein. Zum Glück bleibt mir das Schicksal der Überrundung erspart.
Das Stadion ist nun in Sichtweite und mein Wunsch dort einzulaufen wird noch stärker. Irgendwie muss ich das heute packen. Zu dumm nur, dass dafür noch über 25 Kilometer vor mir liegen und ich nicht sagen kann, ob mein Oberschenkel das mitmacht.

KM 17 | Valhallavägen

Am Valhallavägen schließt sich der Kreis und die erste Runde ist geschafft. Ich erblicke auf der rechten Seite die Deutschlandfahne, die von meiner Frau in die Höhe gehalten wird. Nicht ohne Sorge fiebert meine Gemahlin meiner Ankunft entgegen. Ich bleibe wiederum kurz bei ihr stehen und signalisiere ihr, dass ich weiter mache. Ich entledige mich aber schnell des iPods und lasse ihn bei ihr zurück. Den muss ich jetzt wirklich nicht spazieren tragen und ohne Musik kann ich mich einfach besser auf meine Körpersignale konzentrieren.

KM 18 | Valhallavägen – Oxenstiernsgatan

Mit Argusaugen hefte ich meinen Blick auf den Asphalt vor mir und scanne jeden Scheiß-Gullydeckel. Irgendwo hier ist mir vorhin dieses Malheur passiert. Und? Ich laufe immer noch! Odin, Du kriegst mich nicht! Ätsch!
Es geht erneut über den kurzen Anstieg auf der Oxenstiernsgatan. Irgendwie bewege ich mich gewissermaßen in einem Spagat. Auf der einen Seite verhindert mein Muskel ein schnelleres Laufen, auf der anderen Seite fühle ich mich konditionell unterfordert und muss mit dem Gefühl klar kommen, dass mehr gehen würde, ich es aber nicht krachen lassen darf. Und genau das ist der Grund dafür, dass mich das alles jetzt doch ziemlich anstrengt. Es mag vielleicht etwas widersprüchlich oder sogar bescheuert klingen. Aber das langsame Laufen geht mir nicht nur mental, sondern auch physisch an die Substanz. Ich würde das mal mit einem Auto vergleichen. Wenn man mit angezogener Handbremse fährt, dann kommt man nicht wirklich schnell voran, der Motor wird aber dabei richtig belastet und muss ganz schön ackern. Völlig bescheuerter Zustand. Ich versuche, mich in eine völlig andere Situation reinzudenken und stelle mir vor was wäre, wenn ich heute als Pacemaker für eine Gruppe von Ersttätern unterwegs wäre, die einfach nur in weniger als fünf Stunden das Ziel erreichen will. Auch dann müsste ich mich mutwillig bremsen, um die Gruppe nicht tot zu laufen. Sonderlich hilfreich ist diese Vorstellung allerdings für mich nun doch nicht, denn der Vergleich hinkt. Als Fünf-Stunden-Pacemaker hätte ich mich von vornherein auf ein langsames Tempo einstellen müssen. Heute war ich darauf überhaupt nicht vorbereitet und eigentlich darauf konditioniert, hier die Sau raus zu lassen. Apropos Pacemaker: nachdem ich auf den ersten Kilometern die Vier-Stunden-Pacemaker ständig vor mir im Blick hatte, bin ich zwischenzeitlich schon von den Damen und Herren mit der 4:30-Stunden-Fahne eingeholt worden. Das werden nicht die letzten gewesen sein.

KM 19 | Diplomatstaden

Kurz vor Erreichen der 19-Kilometer-Markierung biegt der Kurs von der ursprünglichen Schleife nach links in Richtung Diplomatenstadt ab, in der sich die Botschaften zahlreicher Länder befinden, unter anderem die Deutsche. Gleich zu Beginn laufen wir am Nobelpark vorbei, in dem eigentlich mal ein Palast für die Verleihung der Nobelpreise gebaut werden sollte. Die Pläne wurden aber nie in die Tat umgesetzt und so werden die Nobelpreise seither im Rathaus unter die Leute gebracht. Kurz darauf erscheint linker Hand die US-Botschaft. Wie man das von amerikanischen Einrichtungen erwarten würde, sollten hier eigentlich bis unter die Halskrause bewaffnete Wachen stehen, insbesondere bei einer Großveranstaltung wie dem Stockholm-Marathon, wenn tausende Läufer hier vorbei kommen, unter denen sich so ein Terrorist locker verstecken könnte. Aber nichts davon ist zu sehen. Die werden schon wissen was sie tun. Jedenfalls verspüre ich den Drang, möglichst viel Abstand von der Botschaft zu gewinnen. Ich habe schon genug Probleme mit meinem Oberschenkel.
Planmäßig (obwohl sich mein Plan ja eigentlich in Luft aufgelöst hat), nehme ich jetzt mein nächstes Gel ein. Damit habe ich beide Flaschen aus meinem Patronengurt geleert. Die weltweit beste Ehefrau wird mir verabredungsgemäß bei Kilometer 29,5 zwei neue Flaschen reichen.

KM 20 | Djurgårdsbrunnsvägen

Die Strecke verlässt nun die Stadt und es geht ins Grüne. Ein Gefühl von Idylle macht sich breit. Jeder Teilnehmer, der sich im Vorfeld mit dem Stockholm-Marathon auseinander gesetzt hat weiß, was auf den nächsten neun Kilometer abgeht. Ein landschaftlich wunderschöner, aber anspruchsvoller Streckenabschnitt mit vielen Wechseln zwischen Anstiegen und Gefällen, jedoch nahezu völlig ohne Publikumsbeteiligung. Die Läufer sind ab hier weitgehend unter sich, es ist also eine gehörige Portion Eigenmotivation erforderlich. Zugegeben, die fehlt mir gerade ein wenig und ohne iPod erst recht. Aber es hilft ja nichts. Im Moment bin ich einfach nur froh, dass mein Oberschenkel das alles mitmacht und ich konzentriere mich nun auf die uns umgebende Landschaft. Einfach toll hier. Kaum zu glauben, dass wir eben noch mitten in der Stadt waren.
Bei der Zwischenzeitnahme am 20. Kilometer ist festzuhalten, dass ich für die letzten fünf Kilometer knapp über 36 Minuten unterwegs war. Wenn man dagegen rechnet, dass ich mich am letzten Treffpunkt einen Moment bei meiner Frau aufgehalten habe, um den iPod loszuwerden, dann bin ich seit dem Beginn meines Dilemmas wenigstens ziemlich konstant gelaufen.

Halbmarathon | Greve von Essens Väg

Wenn ich es nicht besser wüsste, dann würde ich glauben, wir sind hier weit draußen auf dem Land. Der Kilometer vor dem Halbmarathon führt über ein offenes Feld und wir laufen an einer Weide mit genüsslich grasenden Pferden vorbei. Auf der linken Seite liegt der ehemalige Lagerplatz von König Karl Johan XIV. Von dort aus konnte er die Manöver seiner Soldaten auf dem Übungsfeld von Gärdet beobachten. Es geht an dieser Stelle recht stramm nach oben und ich spüre doch so langsam, dass mich diese besonderen Umstände ziemlich anstrengen.
Ich gerate zunehmend in einen Teufelskreis. Zum einen der schmerzende Schenkel, der zwar im Moment friedlich ist, sich aber immer mal wieder zu Wort meldet. Dann die dadurch bedingte Erfordernis, das Tempo zu drosseln, was mich ja, wie ich bereits erwähnte, ziemlich anstrengt. Darüber hinaus scheine ich doch irgendwie eine Schonhaltung eingenommen zu haben (später werden die Videoaufnahmen auch genau das belegen), sodass sich nun Kollateralschäden unterschiedlichster Natur bei mir bemerkbar machen. Mir tut mittlerweile auch an dem betroffenen Bein die Kniekehle und die Wade weh und ich vermute, dass das entweder im direkten Zusammenhang mit meinem angefressenen Oberschenkel steht und der Schmerz von dort aus ausstrahlt oder es sich wirklich schlichtweg um die Konsequenz einer Schonhaltung handelt. Zudem tun mir so langsam beidseitig die Arschbacken, der untere Rücken und die Schultern weh. Gut, nach so einem Marathonlauf ist es schon mal nicht so ungewöhnlich, dass einem alles weht tut, aber zur Hölle, ich bin erst kurz vor der Hälfte! Als wenn das alles nicht schon genug wäre, ist auch noch die Temperatur gefühlt ein paar Grad angestiegen und auch das bekomme ich zu spüren. An jeder Verpflegungsstation sind hier übrigens auch Wasserstrahler aufgebaut, durch die die Läufer hindurch laufen können, um sich abzukühlen. Ich verzichte jedoch da drauf weil ich nicht weiß was passiert, wenn ich meinen angefressenen Oberschenkel auch noch mit kaltem Wasser flute.
Zu allem Überfluss bekomme ich in diesem Moment auch noch einen leichten Hunger, was bei der späten Startzeit zu befürchten war. Aber zum Glück sind die hier an den Verpflegungsstellen verdammt gut ausgestattet. Ich werde mir bei nächster Gelegenheit ein Stück Banane besorgen. Mir doch egal, wenn Odin schon den Tisch gedeckt haben sollte. Ich werde auf der Strecke schon nicht verhungern.
Die Halbmarathonmarke überlaufe ich in einer Zeit von 2:18:54 Stunden, also mit einer Verspätung von über einer Viertelstunde, beziehungsweise einem Rückstand von rund zweieinhalb Kilometern. In diesem Moment fällt mir ein, dass zu Hause eine ganze Reihe Leute möglicherweise jetzt vor dem Internet hocken und meine Performance über das Live-Tracking verfolgen. Ach Du dickes Ei! Die werden sich jetzt auch über das wundern, was ich hier gerade anstelle. Allen voran meine kleine zähe Kampfsau, die vor fünf Wochen einen furiosen Auftritt beim Düsseldorf-Marathon hingelegt hat. Wie ich sie kenne, wird sie sicherlich mit einer Mischung aus Sorge und Entsetzen auf meine Durchgangszeiten blicken und sich fragen, was ihr Kampfhase da gerade veranstaltet. Wenn ich das Ziel erreiche, egal wann und wie, muss ich sofort eine Mail in die Heimat schicken und das Ganze auflösen.

Unmittelbar nach der Halbmarathonmarke macht die Strecke eine scharfe Rechtskurve und wir verlassen für eine Weile wieder die grüne Idylle. Wir sind wieder auf einer Straße und direkt zu Beginn ist die nächste Verpflegungsstation positioniert. Wunderbar! Jetzt brauche ich was zu essen. Doch was zum Geier ist das? Salzgurken? Die reichen hier doch nicht allen Ernstes Salzgurken? Also, auf die Idee muss man erst mal kommen! Ich jedenfalls lehne dankend ab. Ich habe schon genug Probleme, da lass ich mich nicht noch auf irgendwelche Experimente ein, die am Ende dazu führen, dass ich obendrein auch noch die Flitzkacke oder sowas bekomme. Scheinbar hat der Großteil der Teilnehmer mit dieser Form der Verpflegung auch seine liebe Not, denn fast alle, die sich eine Gurke schnappen, lassen diese nach dem ersten Bissen begleitet von einem Ganzkörperschütteln wieder fallen, was letztendlich dazu führt, dass wir jetzt knöcheltief durch Gurken waten. Nun, gut! Irgendwann wird ja auch mal ein Stand mit Bananen kommen. Spätestens beim Kilometer 29,5 wird mir die weltweit beste Ehefrau einen Powerriegel reichen.

KM 22 | Lindarängsvägen

Jeder Marathon, egal wo auf der Welt, hat seine Streckenabschnitte, die sich nicht unbedingt durch exorbitante Attraktivität hervor tun. Da macht Stockholm keine Ausnahme. Zwar haben wir rechts der Strecke immer noch den wunderbaren Djurgården im Blick, auf der linken Seite präsentiert sich jedoch das wenig ansehnliche Hafengelände. Zuschauer gibt es hier überhaupt keine. Dafür aber ein paar Verrückte, die irgendwo neben dem Hafengelände so eine Art Dragster-Rennen veranstalten und einen Höllenlärm machen. Zum Glück habe ich mir vorher den Streckenplan gut genug eingeprägt um zu wissen, dass wir bald wieder ins Grüne einbiegen und uns ein paar sehr schöne, aber auch ziemlich knackige Kilometer bevor stehen.

KM 23 bis 24 | Kaknäsvägen – Djurgårdsbrunnsvägen

Kaum sind wir ins Grüne eingedrungen, haben wir es nicht nur wieder mit einer wunderbaren Umgebung zu tun, sondern auch, wie erwartet, mit einem spürbar anspruchsvollerem Streckenprofil. Spätestens jetzt bekomme ich doch zu spüren, dass mir die aktuelle Gemengelage an die Substanz geht. Diese schenkelschonende Pace und die zunehmend steigende Temperatur zehren an meinen Kräften. Da ich ja aber jedwedes Zeitziel für heute verworfen habe, erlaube ich mir den Luxus, die Anstiege sehr gemächlich anzugehen und mir bei der Verpflegungsstation kurz vor dem 24. Kilometer Zeit zu lassen. Publikum findet man hier überhaupt nicht vor. Dafür hat der Veranstalter aber an einigen Punkten Sattelschlepper aufstellen lassen, deren Ladeflächen kurzerhand zu Bühnen umfunktioniert wurden, auf denen Live-Bands alles geben, was sie haben. Richtig gut! Wenn ich korrekt mitgezählt habe, dann sind es alleine auf diesem Streckenabschnitt drei von diesen mobilen Bühnen, wobei ich bei einer Band am liebsten mal stehen geblieben wäre und mir die eine Weile angehört hätte. Doch dann hätten Odins Wallküren leichtes Spiel mit mir gehabt und mich sofort eingesammelt.


Kurz vor Erreichen der Brücke über den Djurgårdsbrunnskanal fällt die Strecke wieder ab. Das Bergab-Laufen ruft allerdings wieder ein leichtes Zwacken in meinem Oberschenkel hervor, sodass ich auch dabei das Tempo im Zaum halten muss. Zudem mutiert mein leichter Hunger schrittweise in Richtung eines ausgewachsenen Kohldampfs.

KM 25 bis 26 | Manillavägen – Djurgårdsvägen

Die nächsten beiden Kilometer haben es wiederum in sich. Nahezu unmöglich einen gleichmäßigen Schnitt aufrecht zu erhalten, auch ohne zwackenden Schenkel und Wallküren im Nacken. Es geht ständig rauf und runter. Zu Hause habe ich mich insbesondere auf solche Streckenabschnitte vorbereitet und bin ein ums andere Mal Trainingsstrecken mit welligem Profil gelaufen. Zum Glück, denn dadurch komme ich jetzt halbwegs menschenwürdig über diesen Streckenteil, aber natürlich bei weitem nicht in der Performance, wie ich sie mir vorgenommen habe. Das schlägt sich natürlich auch in meinem nächsten 5-Kilometer-Split nieder. Für den Abschnitt zwischen dem 20. und dem 25. Kilometer benötige ich fast 38 Minuten. Gut 9 Minuten länger, als ich ursprünglich vorgesehen hatte.
Kurz nach Erreichen des 26. Kilometers, ungefähr auf Höhe der italienischen Botschaft, verlassen wir so langsam das Grüne und es kommt wieder etwas Leben an die Strecke. Mäßig bekleidete Samba tanzende Mädels begrüßen die Läufer bei ihrer Rückkehr in die Zivilisation. Ich mache einen großen Bogen um sie, denn ich vermute versteckte Wallküren unter ihnen.

KM 27 | Djurgårdsvägen

Die Stimmung steigt wieder leicht an, denn es haben sich hier einige Zuschauer an die Strecke verirrt. Kurz vor Erreichen des 27. Kilometers tut sich die nächste Verpflegungsstelle auf. Endlich! Hier gibt es Bananen! Ich habe es nicht eilig und verweile dort für ein kleines Picknick bei Affensteak und Iso-Drink. Dann starte ich den Diesel neu und es geht wieder auf die Strecke. Noch gut anderthalb Kilometer, dann trifft der Kurs beim Strandvägen wieder auf die ursprüngliche Runde. Diese Stelle hatte ich ja als möglichen Ausstiegspunkt im Hinterkopf, aber im Moment sehe ich da keine Veranlassung zu. Ich schleiche zwar und das Ganze ist gerade ziemlich hart für mich, aber von menschenunwürdiger Qual kann noch nicht die Rede sein. Also warum aufhören? Wetter ist doch gut und die Strecke wunderschön? Sorry, Odin! Den Gefallen tue ich Dir jetzt nicht.
Die Strecke führt nun am Freilichtmuseum Skansen vorbei, das seinerzeit mit ein paar wenigen Wachspuppen begann. Heute ist es sozusagen ein Schweden im Kleinformat. Kurz darauf passieren wir das weltberühmte Vasamuseum und den Freizeitpark Gröna Lund, der einige Fahrgeschäfte zu bieten hat, bei denen es mir schon beim bloßen Zusehen hoch kommt. Nicht zuletzt laufen wir jetzt auch am Abba-Museum vorbei und natürlich – wie konnte es anders sein – plärrt uns gerade aus überdimensionierten Boxen „Dancing Queen“ entgegen. Hölle, warum habe ich Esel bloß meinen iPod abgelegt?

KM 28 | Strandvägen

Kurz vor dem 28. Kilometer führt die Strecke am Nordischen Museum vorbei, dass aufgrund seines imposanten Baus eher an eine Kathedrale und weniger an ein Museum erinnert. Leider ist der Blick von der Strecke aus durch hohe Bäume versperrt und man kann das Museum nur erahnen. Dafür bietet sich kurz darauf ein anderer Blick, der durchaus Postenkartenqualität hat. Mit Überlaufen der Djurgårdsbron präsentiert sich der Strandvägen mit seinen alten Häusern in voller Pracht. Ein umwerfender Ausblick. Nun schließt sich auch der Kreis, denn mit Erreichen des Strandvägens bin ich nun jeden Streckenabschnitt des Stockholm-Marathons gelaufen. Sollte ich also doch noch aussteigen müssen, so habe ich zumindest mal die komplette Strecke erlebt, wenn man von den letzten Metern im Olympiastadion absieht. Aber was mich betrifft, werde ich nach jetzigem Stand der Dinge das Stadion auch noch erobern. Fragt sich nur wann und mit wieviel Vorsprung vor dem Besenwagen, denn zwischenzeitlich wurde ich auch schon von den Pacemakern für 4:45 Stunden überholt (zur Erinnerung: ich wollte hier heute 4:13 Stunden laufen).

KM 29 | Strandvägen – Nybroplan

Ich trotte den Strandvägen entlang und konzentriere mich nicht mehr wirklich auf den Lauf, sondern erfreue mich stattdessen an den Eindrücken um mich herum. Die wunderschöne Kulisse hier am Wasser, das tolle Wetter, das überaus engagierte und freundliche Publikum! Das alles hat schon was! Immer wieder werde ich von Menschen angefeuert, die offensichtlich erkannt haben, dass ich hier nicht gerade geschmeidig über die Strecke komme.
Ich habe schon wieder Hunger, die Banane hat nicht lange vorgehalten. Noch einen halben Kilometer, dann treffe ich erneut die weltweit beste Ehefrau. Die hat Nachschub für mich. Doch kurz vor dem Nybroplan kommt bereits eine Verpflegungsstelle, an der Energy-Riegel gereicht werden. Dankbar schnappe ich mir einen von diesen extrem klebrigen Teilen und werfe es verbunden mit der Hoffnung ein, dass alle Plomben genau dort bleiben, wo sie jetzt sind.

KM 29,5 | Kungsträdgården

Auf der ersten Runde haben wir uns am Kungsträdgården noch verpasst. Jetzt aber kann ich die weltweit beste Ehefrau mit ihrer Fahne sofort finden. Normalerweise wäre jetzt in Windeseile ein Tausch der Trinkflaschen und die Übergabe eines Energy-Riegels geplant, ähnlich einem Boxenstopp bei der Formel 1. Jetzt aber vollziehen wir die Übergabe völlig gemächlich und ohne Hektik. Ich habe eben mal grob hochgerechnet, wie sich mein Lauf mit angezogener Handbremse auf mein Ergebnis auswirken wird. Unter der Annahme, dass ich im letzten Streckendrittel noch etwas mehr Federn lassen werde, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich überhaupt keine Chance mehr habe, das Ding in weniger als 5 Stunden zu beenden. Und wenn man einmal die 5 vorne stehen hat, ist eh alles völlig wurscht! Also warum mich jetzt bekloppt machen? Ich bleibe gut anderthalb Minuten bei meiner Frau stehen, gebe ihr ein kurzes Status-Update, tausche in aller Ruhe meine leeren Gel-Flaschen gegen zwei neue aus und quatsche auch noch ein paar Sätze in die Videokamera. Da ich mich gerade erst an der Verpflegungsstation an diesem Plombenziehern laben konnte, nehme ich den Energy-Riegel vorerst noch nicht mit und wir verschieben dessen Übergabe auf den nächsten Rendezvouspunkt beim 37. Kilometer. Nach dieser gemächlichen Pause nehme ich den Laufschritt wieder auf und bewege mich nun, an meiner Gelflasche nuckelnd, in Richtung königlichem Schloss (übrigens immer noch keine Spur von Sylvie).

KM 30 | Gamla Stan

Ist die Zeit erst ruiniert, trabt sich’s völlig ungeniert. Mein 5-Kilometer-Split beim 30. Kilometer beträgt nun rund 43 Minuten. Müssen wir das noch weiter vertiefen? Ich glaube nicht! Wenn ich unbedingt nach Ausreden suchen wollte, um diese Walkinggeschwindigkeit zu rechtfertigen, dann könnte ich ja dagegen halten, dass ich durch meine ausgiebig gestalteten Verpflegungsstopps und die längere Pause bei meiner Frau natürlich einiges an Zeit verdaddelt habe. Aber muss ich das noch an dieser Stelle? Gut, dann sind wir uns ja einig! Also weiter!

KM 31 bis 33 | Slussen – Söder Mälarstrand

Die nächsten 3 Kilometer verlaufen eigentlich recht unspektakulär. Am Söder Mälarstrand stehen noch ein paar ganz hart gesottene Zuschauer, aber insgesamt ist hier wenig bis gar nichts los. Ich habe jetzt gerade eine vergleichsweise gute Phase, in der ich zwar nach wie vor sehr langsam, aber recht konstant laufe. Meinen Schenkel spüre ich permanent. Das hält sich zwar im Rahmen, von einer wie auch immer gearteten Tempoforcierung ist jedoch dringend abzuraten. Davon abgesehen, dass ich im Moment gar nicht einschätzen kann, ob ich zu einer nennenswerten Tempoerhöhung überhaupt noch in der Lage wäre. Das langsame Schlurfen über die Strecke schlaucht ganz schön und ich sehe mich zunehmend konditionellen Herausforderungen gegenüber.
An der Verpflegungsstelle bei Kilometer 32 lasse ich mir erneut viel Zeit. Hier wird sogar eine heiße Brühe als Verpflegung gereicht. Ist mir bisher auch noch nicht untergekommen. Als Nachzielverpflegung schon, aber nicht auf der Strecke. Da ich schon wieder ein leichtes Hungergefühl habe, ziehe ich mir so eine Brühe rein und muss ehrlich sagen, dass die jetzt richtig gut tut. Nachdem ich noch einen Schluck Cola hinterher gespült habe, nehme ich den Lauf wieder auf. Wenigstens habe ich nicht mit dem Phänomen zu kämpfen, dass mir die Aufnahme des Laufschritts schwer fällt, wenn ich mal stehen geblieben bin. Das hat man ja schon mal gerne, wenn einen zuvor der sprichwörtliche Mann mit dem Hammer getroffen hat. Bei mir war es heute ja nur Odin mit dem Gullydeckel.
Je näher der 33. Kilometer rückt, desto mehr rückt mir ins Bewusstsein, dass mir gleich wieder die Västerbron, die große Brücke, bevor steht. Oh, je! Was mag das wohl geben.

KM 34 | Västerbron

Es geht nach links auf die Auffahrt zur Brücke. Herr im Hemd! Die beißt jetzt aber wirklich! So steil kam mir das Ding auf der ersten Runde gar nicht vor. Ist das sicher, dass wir hier heute schon mal lang gelaufen sind? Ich muss alle meine noch verbleibenden Kräfte zusammen nehmen, um hier hoch zu kommen. Ich will hier auf jeden Fall hoch laufen und nicht gehen. Mit Ausnahme der erzwungenen Gehpause am Kilometer 11, als der Schenkel zugebissen hat, und natürlich der Pausen an den Verpflegungsstellen und bei meiner Frau, bin ich bisher die komplette Strecke gelaufen. Irgendwo habe ich meinen Stolz noch nicht ganz verloren. Ich werde diese verdammte Brücke hoch laufen und nicht gehen! Ende der Ansage! Ich schnaufe ganz schön und schraube mich die ersten Meter der Auffahrt hoch. Nur schemenhaft kann ich die Masse der Zuschauer erkennen. Zuschauer? Waren die auf der ersten Runde auch schon an dieser Stelle so zahlreich vertreten? Ich kann mich nicht erinnern! Ich kann deren Anfeuerungsrufe nur schwach wahrnehmen, als wenn sie von weiter Ferne hierüber kämen. Doch dann! Ich kann es kaum glauben! Auf einmal erscheint mir ein Engel mit goldenem Haar und leuchtend hellem Antlitz der mir eine Botschaft sendet, die mich die Brücke im Sturm erobern lässt. Der Engel ist eine blonde, von der Natur begünstigte junge Schwedin, die mir voller Inbrunst ein Schild mit der Aufschrift „FUCK THE BRIDGE“ entgegen hält. Ich schmeiß mich hier gleich weg vor Lachen! Ohne groß zu überlegen, schnappe ich mir die blonde Maus und mache mit ihr und ihrem Schild erst mal einen Selfie-Clip (siehe Clip auf YouTube).

Na, das nenne ich mal Motivation! Hochgradig amüsiert von dieser verrückten Szene merke ich gar nicht, dass ich diese blöde Auffahrt schon im Sack habe und mich jetzt schon auf der Brücke befinde. Auch die Mitläufer um mich herum stehen noch unter dem Eindruck der Botschaft und wir feuern uns gegenseitig mit Zurufen an: „Come on, guys! Let’s fuck the bridge!“. Der Rest der Brücke ist dann auch auf einmal gar nicht mehr so schlimm und ich lenke mich von dem letzten Rest Anstrengung ab, in dem ich noch mal diesen wunderbaren Ausblick von hier oben genieße. Nun, lieber Odin! Du kannst mir mit Deinem Walhalla gestohlen bleiben. Auch die Brücke macht mich nicht fertig. Als ich dann den Scheitelpunkt der Brücke überlaufe und es wieder bergab geht, meldet sich mein Schenkel zurück. Gefälle mag er im Moment überhaupt nicht und ich muss mich wieder bremsen.

KM 35 | Rålambshovsparken

Kurz vorm Erreichen des 35. Kilometers schaue ich auf meine Uhr. Nicht, dass mich die Zeit jetzt noch irgendwie interessieren würde, aber rein aus Gewohnheit schaue ich zwischendurch immer mal wieder drauf. Und siehe da: genau jetzt verstreicht meine eigentlich für heute geplante Zielzeit von 4:13 Stunden. Toll! Ich hänge also 7 Kilometer. Scheiß drauf! Dass ich eben auch schon von den 5-Stunden-Pacemakern überholt worden bin, sei an dieser Stelle nur als Randnotiz vermerkt. Die Zwischenzeit am Kilometer 35 weist mir wiederum 43 Minuten für die letzten 5 Kilometer aus. Und das trotz Brücke und Fuck-The-Bridge-Selfie.

KM 36 | Norr Mälarstrand

Jetzt laufe ich genau an der Stelle vorbei, an der mich in der ersten Runde Thors Blitz gegen meinen Oberschenkel aus dem Rennen geworfen hat. Ich denke gar nicht erst weiter darüber nach und müsste mich eigentlich darüber ärgern. Stattdessen ergreift ein Gefühl der Genugtuung Besitz von mir, dass ich Odin und seinen Wallküren einen so harten Kampf liefere und es bis hierhin geschafft habe. Die letzten 6 Kilometer kriege ich auch noch hin. Ich will verdammt noch mal in das Olympiastadion einlaufen und nicht in das Walhalla!

KM 37 | Centralen

Ich lasse langsam Federn! Meine Kräfte schwinden! Ich habe mich auf einen Lauf vorbereitet, der nach viereinviertel Stunden zu Ende sein sollte. Auf einen Lauf weit jenseits der fünf Stunden war ich weder mental noch physisch eingestellt. Aber ich laufe immer noch! Sturheit ist eine Eigenschaft, mit der man mich gerne mal in Verbindung bringt. Im Gegensatz zum landläufigen Meinungsbild empfinde ich Sturheit nicht grundsätzlich als negative Eigenschaft, daher wähle ich dafür gerne eine etwas positivere Bezeichnung und nenne es lieber Meinungsstabilität.
Am Hauptbahnhof geht es schon wieder bergauf. Das überrascht jetzt nicht wirklich, ich bin ja heute schon mal hier lang gelaufen und sollte es eigentlich wissen. Die weltweit beste Ehefrau steht hier verabredungsgemäß zum letzten Mal an der Strecke, bevor sie sich zum Ziel aufmacht, und überreicht mir nun meinen Energy-Riegel, den ich mit meinem letzten Gel runter spüle. Ich berichte ihr kurz von Fuck The Bridge, lasse mir dann von ihr die Deutschlandfahne geben, mit der ich gleich ins Stadion einlaufen werde. Dann trotte ich mit meinem Fähnchen in der Hand weiter.

KM 38 bis 39 | Torsgatan – Vasapark

So langsam neigt sich mein Martyrium dem Ende. Bis ins Ziel ist es jetzt nicht mehr so wahnsinnig weit. Ich meine, es reicht auch für heute. Mittlerweile bin ich nicht nur in einem langsamen Tempo unterwegs, weil ich wegen meines Oberschenkels schleichen muss, sondern weil ich schlichtweg nicht mehr schneller kann. Im Gegenteil!. Obwohl ich laufe vermag ich andere Teilnehmer, die sich mittlerweile gehend über die Strecke bewegen, kaum zu überholen. Dann werde ich auch noch von den Pacemakern für die 5:15 Stunden überholt. Glaub ich’s denn? Hier gibt es Pacemaker für 5:15? Ach, Du meine Güte!
Dass ich nun mit meiner Fahne laufe, hat auf jeden Fall einen signifikanten Einfluss auf an mich gerichtete Anfeuerungen jeglicher Art. Nicht nur die deutschen Mitläufer, die mich überholen oder die deutschen Zuschauer an der Strecke feuern mich an, auch Vertreter anderer Nationen spenden mir Aufmunterung und Beifall. Zurufe wie „Let’s go, Germany!“ bekomme ich nun öfters zu hören. Die Fahne die ganze Zeit zu tragen wird mir irgendwann lästig, daher stecke ich sie mir dann hinterm Rücken in meinen Trinkflaschengurt und lasse sie nun wie ein Ozeandampfer hinter mir her wehen.

KM 40 | Odengatan

Okay, ich kann es nicht ändern! Als es über die Odengatan recht deutlich bergab geht, sticht der Oberschenkel wieder zu und zwar kräftig. Punkt für Odin, aber die Schlacht ist noch nicht verloren! Ich stelle das Laufen ein und fange an zu gehen. So kurz vor dem Ziel werde ich garantiert nicht aussteigen und wenn nötig eben ins Ziel kriechen. Ich spüre schon den Atem der Wallküren. Bleibt mir bloß von der Wäsche, ihr blöden Schlampen! Ich humple über die Strecke und gebe ein Bild des Jammerns ab, dass an mehreren Stellen auf das Mitgefühl der Zuschauer trifft. Das an mich adressierte „Heja! Heja!“ wird immer lauter. Das scheint so der schwedische Standard-Anfeuerungsruf zu sein und bedeutet wohl so viel wie „Beweg Deinen Arsch!“.
Die 40-Kilometer-Marke erreiche ich gehend. Ein Blick auf die Zwischenzeit erübrigt sich jetzt. Für die letzten 5 Kilometer werde ich wohl so viel Zeit gebraucht haben wie an guten Tagen für 10 Kilometer.

KM 41 | Karlavägen – Humlegården

Ich gehe immer noch, der Schmerz im Oberschenkel lässt aber etwas nach. Ich will auf jeden Fall laufend ins Ziel rein und ich zwinge mich, vorerst weiter zu gehen und erst kurz vor dem Stadion wieder den Laufschritt aufzunehmen. Kurz vor Erreichen des Humlegårdens werde ich von zwei deutschen Teilnehmerinnen überholt, die mich an meiner Fahne als Landsmann erkennen. Sie rufen mir zu: „Komm hau rein, Mann! Im Ziel gibt’s Bier!“. „Trinkt meins mit!“ rufe ich zurück. Ich habe das Gefühl, dass die beiden ziemlich schnell sind, was natürlich die Frage aufwirft, was die vorher die ganze Zeit auf der Strecke gemacht haben, denn auch die werden eine Zeit weit jenseits der 5 Stunden einfahren.

KM 41,5 | Sturegatan

Der letzte Anstieg! Ich nehme mir vor, am Ende der Steigung, wenn die Sturegatan auf das Stadion trifft, wieder in den Laufschritt einzusteigen. Bis dahin humple ich einfach die Straße hoch. Uns kommen nun die Läufer entgegen, die es schon längst ins Ziel geschafft haben, mit Medaille um den Hals und der Flasche Erdinger Alkoholfrei in der Hand (Ja, das gibt es hier auch!). Sie kommen an den Streckenrand und feuern uns, die das Ende des Feldes ausmachen, frenetisch an. Als eine Gruppe schwedischer Läufer mich hier hochhumpeln sieht, kommt sie direkt auf mich zu und klatscht mich ab. Meine Stimmung hebt sich, gleich werde ich im Ziel sein. Zwar mit einem katastrophalen Laufergebnis aber mit immer noch makelloser Finisherquote. Sorry, Odin! Das wird heute nichts mehr mit uns!
Ich krame meine Fahne aus meinem Gürtel heraus und mache mich für das große Finale bereit. Als ich die Kreuzung Sturegatan/Valhallavägen erreiche und das Olympiastadion in seiner ganzen Pracht vor mir sehe, bekomme ich einen Adrenalinschub und fange wieder an zu laufen, die wehende Fahne in der Hand und mit lautstarker Unterstützung der Zuschauer. In dem Moment überholen mich die Pacemaker für 5:30 Stunden. Jetzt reicht’s aber! Nichts wie hinterher! Haben die hier etwa auch noch Pacemaker für 6 Stunden?

Der Schenkel tut mir wiederum leicht weh, aber da muss er jetzt durch! Es geht ein kurzes Stück nach links in den Valhallavägen, bevor es dann nach rechts auf das Stadiongelände geht. Noch bewege ich mich außerhalb der Arena parallel zur Westtribüne, bis ich das Tor erreiche, durch das die Strecke in das Stadion führt. Und dann ist es soweit!!

KM 42 | Olympiastadion

Ich habe schon einige Marathons erlebt, die einen spektakulären Zieleinlauf mit garantiertem Gänsehautgefühl zu bieten haben. Vor dem Brandenburger Tor in Berlin, in der Festhalle in Frankfurt oder im Central Park in New York. Stockholm spielt auf jeden Fall in dieser Liga ganz oben mit. Das hier ist ganz großes Kino! In diese historische Arena einzulaufen, in der schon vor über 100 Jahren um olympische Medaillen gekämpft wurde und die so viele Weltrekorde erlebt hat, das ist schon ein ungeheuer prickelndes Gefühl. Obwohl der Sieger (der hier übrigens den seit 33 Jahren bestehenden Streckenrekord geknackt hat) schon seit weit über drei Stunden im Ziel ist, ist die Tribüne an der Zielgeraden immer noch einigermaßen gut mit Zuschauern gefüllt. Die Tribüne an der Gegengeraden, auf der ich mich jetzt befinde, ist jedoch menschenleer (später werde ich in der TV-Aufzeichnung sehen, dass sie das auch beim Einlauf des Siegers war). Eine ganz tolle Stimmung hier im Stadion, die sofort auf mich überspringt. Die Probleme der letzten Stunden, die Anstrengung, die Schmerzen sind in diesem Moment völlig zweitrangig und ich genieße die Szene in vollen Zügen. Ich habe noch eine halbe Stadionrunde vor mir. Es ist ein ungemein angenehmes Gefühl, die letzten 300 Meter auf einer Tartanbahn absolvieren zu dürfen. Das hat schon fast etwas von Wellness. Ich laufe nun durch die Südkurve und nähere mich mit meiner Fahne in der Hand der Zielgeraden und den Stadionzuschauern. Kurz hinter der Kurve haben die 5:30-Pacemaker einen kleinen Spalier gebildet und feuern nun die verbleibenden Läufer auf ihren letzte Metern an. Ich richte meinen Blick auf den Zielbogen und kann es nicht fassen, dass ich es bis hierhin geschafft habe. Ich nehme an, Odin kann es auch nicht fassen, aber ich erwarte, dass er sich als fairer Verlierer erweist und seine Wallküren zurückpfeift. Odin, alter Gauner! Du darfst mir gerne für später einen Platz in Deinem Walhalla reservieren und dann lassen wir es dort krachen, aber nicht heute!

KM 42,195 | Ziel

Mit einer Zeit von 5:29:50 überlaufe ich die Ziellinie und lasse sofort danach einen Urschrei aus mir heraus, als wenn ich in dem Moment Bestzeit gelaufen wäre (siehe Zieleinlauf auf YouTube). Tatsache ist aber, dass ich gerade in meinem elften Marathon mein zweitschlechtestes Ergebnis eingefahren habe. Und da das Stockholmer Olympiastadion ein Ort der Rekorde ist, habe ich auch noch einen zu bieten: mit 1:16:50 ist das bisher die größte Zeitdifferenz zwischen meiner geplanten und meiner tatsächliche gelaufenen Zeit, die ich jemals eingefahren habe. Gemessen an meiner Soll-Pace entspricht dies einer Differenz von knapp 12,5 Kilometern. Das ist doch mal eine stramme Leistung!



Ich taumle ziemlich benebelt weiter und lasse mir die Medaille um den Hals hängen. Jetzt spüre ich auch meinen Oberschenkel wieder, aber im Prinzip tut mir jetzt so ziemlich jede denkbare Körperstelle weh, auch jene Körperregionen, von denen ich vorher gar nicht wusste, dass sie existieren. Ich blicke in Richtung Tribüne zurück und sehe die weltweit beste Ehefrau. Sie kämpft sich durch die vorderen Reihen und erreicht den Teil der Tribüne, der hinter dem Zielbogen liegt und gelangt zu mir. Sie nimmt mich in den Arm und dabei merke ich wie kraftlos ich nun bin und wie ich mich auf ihrer Schulter abstützen muss. Wie wechseln kurz ein paar Worte und verabreden uns dann außerhalb des Stadions. Ich trotte in Richtung Ausgang und werfe dabei noch mal einen Blick zurück in die Arena und brenne mir dieses Bild für immer in mein Gedächtnis ein.

Nachzielbereich

Direkt am Ausgang des Stadions wurde sozusagen eine kleine „Vorabverpflegung“ eingerichtet, bevor man den eigentlichen Nachzielbereich erreicht. Hier erhalten alle Läufer als Souvenir eine mit Wasser gefüllte 1-Liter-Sporttrinkflasche mit dem Logo des Stockholm-Marathons. Genau die Art Flasche, wie ich sie im Training gerne benutze. Tolle Idee und ein weiterer Pluspunkt! Während ich dankbar an der Flache nuckle, bewege ich mich langsam in Richtung des Nachzielbereichs im Öster-malms IP.
Ich krame mein Handy hervor und rufe sofort meinen Kumpel Andy an, um ihm mitzuteilen, dass da wieder Arbeit auf ihn zukommt und er mich wieder aufpäppeln muss. Ich beschreibe ihm so präzise wie möglich meine Schmerzen im Oberschenkel und wie sie zustande gekommen sind. Er gibt mir sofort Anweisungen, welche Gegenmaßnahmen ich ergreifen soll (Kühlen und mal mit dem Finger in den Schmerzherd reingehen). Ein Besuch in seiner Praxis wird wohl unausweichlich sein, aber das klären wir nach meiner Rückkehr aus Stockholm.
Am Eingang zum Östermalms IP treffe ich meine Süße, die so tapfer an der Strecke ausgeharrt hat. Nicht nur das der ganze Kram für mich länger als geplant dauerte, auch sie war ja neben der Strecke länger unterwegs. Auf unserem Weg in Richtung Garderobenzelte und Kleiderbeutelrückgabe bekomme ich von einem Helfer eine Tüte mit der Nachzielverpflegung überreicht, in der sich ein Energy-Drink, etwas Obst, Nüsse und ein Schokoriegel befinden. Prima! Das erspart einem das lästige Anstehen an den Fressständen. Dann geht es noch kurz vorbei an den Ausgabetischen für die Finishershirts. Na, das Shirt werde ich ganz besonders in Ehren halten! Am liebsten wäre mir, es hätte noch zusätzlich den Aufdruck „Fuck Odin!“ oder „Wallhala sucks!“.
Da unser Hotel über eine immens große, sehr komfortable und bei Bedarf auch richtig heiße Dusche verfügt, verzichte ich auf das Rudelbrausen hier im Garderobenzelt. Daher belasse ich es für den Moment dabei, mir nur trockene Klamotten anzuziehen und dem Deo es zu gestatten, seine Kräfte zu entfalten. Das muss für den Moment reichen, denn ich habe einen Mordshunger (den Inhalt des Goodie Bags habe ich bereits inhaliert) und wenn ich nicht innerhalb kürzester Zeit was Anständiges zwischen die Kiemen bekomme, könnte das ernsthafte Konsequenzen haben. Nicht nur für mich, sondern auch für alle, die sich in meiner Nähe befinden. Daher machen wir uns ohne Umweg auf zu unserer After-Run-Location. Auf dem Weg zur U-Bahn stellen wir fest, dass die Laufstrecke mittlerweile wieder für den Verkehr freigegeben wurde. Oh, Scheiße! Ich hatte nicht nur die Wallküren, sondern auch den Besenwagen an den Hacken.

18:45 Uhr | Odengatan, Hard Rock Cafe

Das Stockholmer Hard Rock Cafe liegt direkt an der Laufstrecke ungefähr bei Kilometer 15, bzw. 40. Also genau da, wo ich vorhin nicht mehr konnte und anfangen musste zu Gehen. Die Erinnerung daran blende ich jetzt erst Mal aus. Ich kann vor lauter Kohldampf ohnehin nicht klar denken. Wir erobern einen Platz und stellen fest, dass eine Vielzahl der Gäste hier mit dem gleichen T-Shirt bekleidet sind wie ich: dem Finishershirt des Marathons. Irgendwie beruhigend zu wissen, dass ich nicht der einzige Bekloppte hier bin, der sich direkt nach seinem absolvierten Marathon den Magen vollzuschlagen gedenkt. Meine kleine zähe daheimgebliebene Kampfsau, der ja schon der bloße Gedanke an Essen nach einem langen Lauf Übelkeit bereitet, hätte jetzt ihre wahre Freude, wenn sie das sehen würde. Wir lassen uns erst Mal eine Vorspeise kommen und ich bestelle mir den größten Burger, den die Speisekarte hergibt. Das Dumme ist nur, dass ich jetzt das erste Mal seit meinem Schenkelproblem eine längere Zeit sitze und mir das ziemlich schwer fällt, denn der Stuhl drückt nun genau an die in Mitleidenschaft gezogene Stelle. Ich baue mir aus meiner Jacke ein provisorisches Kissen, dass ich mir unter den Hintern schiebe, aber lange werde ich es hier nicht aushalten. Der Burger, der kurze Zeit darauf geliefert wird, verschafft mir jedoch die notwendige Ablenkung. Wenn man sich die Szene nun so anschaut, wie ich in meinem Finishershirt vor diesem Teller mit dem dicken Burger und den Kartoffel-Wedges sitze, dann könnte man die vielleicht mit den folgenden Worten umschreiben: 40 Kilometer war er krank, jetzt frisst er wieder! Gott sei Dank!

20:20 Uhr | Motel L, Zimmer 225

Pappsatt und kaum fähig, ein Bein vor das andere zu stellen, schleiche ich unter die Dusche und lasse mir eine geschlagene halbe Stunde heißes Wasser auf den Pelz strömen. Danach falle ich rücklings wie ein Toter aufs Bett. Die weltweit beste Ehefrau nimmt noch eine notdürftige Versorgung an mir vor und schmiert mir die Beine mit Murmeltiersalbe ein. Dann entschwinde ich in einen langen und sehr unruhigen Schlaf.

Sonntag, 5. Juni 2016
Der Tag danach

Das wichtigste Ereignis des Tages ist, dass die weltweit beste Ehefrau eine SMS von unserem Pubertier erhalten hat mit der Information, dass ihre Brille wieder aufgetaucht ist. Sie lag nicht AUF, sondern IM Wäschekorb. Preisfrage: was hat die Brille im…? Lassen wir das!
Obwohl ich so etwas wie Katerstimmung verspüre, hält sich der Frust über den versemmelten Marathon in Grenzen. Was den rein sportlichen Aspekt betrifft, mache ich einen Haken an die Sache und richte nun den Blick nach vorne auf Frankfurt, wo ich Ende Oktober nach 2008 zum zweiten Mal an den Start gehen werde. Die Frankfurter Strecke eignet sich ohnehin besser für eine neue Bestzeit, hier auf dieser profilierten Strecke wäre das sowieso ein ziemlicher Kraftakt geworden. Was den Erlebnisfaktor betrifft, so kann ich meine Begeisterung über den Stockholm-Marathon kaum verbergen. Bezogen auf die perfekte Organisation, die kurzen Wege beim Start und Ziel, die Attraktivität der Strecke und die tolle Stimmung, ist das einer der besten Marathons, an denen ich je teilgenommen habe. Der braucht sich hinter dem New York City Marathon keinesfalls zu verstecken. Im Gegenteil! In punkto Infrastruktur und Organisation hat Stockholm im Vergleich zu New York für mich sogar die Nase vorn. Fairerweise muss man natürlich dabei berücksichtigen dass in Stockholm rund 18.000 Läufer am Start sind, wogegen es in New York mehr als 45.000 sind. Die New Yorker haben natürlich damit ganz andere logistische Herausforderungen zu bewältigen und das machen die richtig gut. Wie dem auch sei! Ich bin jedenfalls begeistert und werde jedem, der bei „Drei“ nicht auf dem Baum ist, uneingeschränkt den Stockholm-Marathon weiterempfehlen.
Was den touristischen Aspekt unserer Stockholm-Mission betrifft, so können wir diesen ja noch eine Weile auskosten, denn wir haben den heutigen Tag noch komplett zur Verfügung und reisen erst morgen wieder ab. Mir geht es physisch vergleichsweise gut. Natürlich habe ich Muskelkater wie die Sau und ich spüre auch meinen Oberschenkel, aber es hält sich einigermaßen im Rahmen. Das Wetter ist heute wiederum traumhaft und wir nutzen den Tag noch richtig aus. Wir unternehmen eine ausgedehnte Tour durch die Stadt und schauen uns die Altstadt Gamla Stan, das Königsschloss und das Rathaus an. Dann nehmen wir die Fähre rüber zum Djurgården, gehen von da aus vorbei am Nordischen Museum zurück zum Strandvägen, wo wir auf einer Bank direkt am Wasser eine ausgedehnte Pause machen, denn es war der Punkt erreicht, an dem ich so langsam schlapp mache. Im Kaufhaus NK nehmen wir ein Mittagessen, sowie eine erstaunliche Kreation von Magnum-Eiscreme ein und wollten von da aus eigentlich mit der Straßenbahn ein Stück raus ins Grüne fahren. Dummerweise fährt die Bahn wegen eines technischen Defekts gerade nicht. Da mir aber die Ochsentour naturgemäß so langsam etwas zusetzt, nehmen wir kurzerhand eine der Fähren, die wir mit unserem U-Bahn-Ticket benutzen können und fahren damit eine gute Stunde hin und her und genießen die Aussicht auf die Stadt. Dadurch habe ich eine längere Pause und darf mal eine Weile sitzen bleiben. Nach unserem Trip mit der Fähre stellen wir zu unserer Freude fest, dass die Straßenbahn wieder fährt. Wir nehmen die Linie 7 nach Waldemarsudde in Djurgården und suchen uns ein ruhiges und schönes Plätzchen im Grünen, wo wir eine Weile abhängen können. Viel bewegen kann ich mich heute nicht mehr, doch haben wir bis hierhin den Tag noch wunderbar ausgenutzt.
Einen Aufreger hat der Tag allerdings noch zu bieten. Als ich routinemäßig meine Mails auf dem Schlaufon checke, springt mir eine Nachricht von Germanwings ins Auge mit dem Hinweis, dass unser für morgen geplanter Flug von Stockholm nach Köln gestrichen sei. Man entschuldigt sich für die Unannehmlichkeit. Okay, liebe Germanwings, und was ist bitteschön die Lösung? Etwas angefressen rufe ich die Hotline an und hänge eine geschlagene Viertelstunde in der Warteschleife, bis mir eine freundliche Dame erklärt, dass man uns auf den Flug nach Düsseldorf umgebucht hat. Die Kosten für unseren Transfer von Düsseldorf nach Köln würde Germanwings übernehmen. Unsere morgige Abreise verschiebt sich dadurch nur eine halbe Stunde nach hinten. Nun, gut! Es gibt schlimmeres. Und die neue Abflugzeit gewährt uns zudem ein entspanntes Zeitfenster, sodass wir doch noch halbwegs ohne Hektik im Hotel frühstücken können.
Damit neigt sich unsere Stockholm-Mission so langsam dem Ende entgegen. Das war ein ganz tolles Geburtstagsgeschenk! Es mit einem guten Marathonergebnis zu krönen, das wäre natürlich noch die Sahne auf dem Kaffee gewesen. Trotzdem wird mir diese Reise und der Stockholm-Marathon immer in guter in Erinnerung bleiben – Alter Schwede!!!

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NACHTRAG
Donnerstag, 9. Juni 2016

Andys Praxis

Bezogen auf meine körperliche Verfassung hat der Stockholm-Marathon noch eine ganze Weile bei mir nachgewirkt. Es hat bis gestern gedauert, bis der Muskelkater vollständig abgeklungen ist. Verhältnismäßig lang im Vergleich zu meinen früheren Marathonstarts, es war aber auch unter den gegebenen Umständen eine besondere Belastung für mich. Der Schmerz im Oberschenkel ist ebenfalls abgeklungen, ist aber noch deutlich spürbar. Mittlerweile glaube ich nicht mehr daran, dass es sich um einen Muskelfaserriss handelt, denn ob ich mit dem den Marathon hätte durchziehen können, ist im Nachhinein betrachtet wohl eher unwahrscheinlich. Auch die Tatsache, dass mir die Stelle zwar heute noch weh tut, aber längst nicht mehr so schlimm wie vor ein paar Tagen, lässt was anderes vermuten. Was jedoch dazu gekommen ist, das ist ein lästiges Ziehen in der Kniekehle und in der Wade, das sich nicht mit dem Muskelkater verflüchtigt hat. Die Frage ist nun, ob da ein direkter Zusammenhang mit dem Problem im Oberschenkel besteht oder ob es sich dabei schlichtweg um Kollateralschäden handelt, die durch meine Schonhaltung hervorgerufen wurden.
Um ein wenig Klarheit in die ganze Angelegenheit zu bekommen und um mich möglichst zeitnah wieder fit zu kriegen suche ich heute Andy in seiner Praxis auf. Wir haben mit unserem Termin bei ihm bewusst ein paar Tage gewartet, da Andy mich ungern behandeln möchte, wenn mein Heldenleib noch aus einem einzigen Muskelkater besteht und mir, gleichgültig was Andy an mir anrichtet, ohnehin flächendeckend alles weh tut. Ich berichte ihm so detailgetreu wie möglich, wo der Schmerz sitzt und wie das ganze aus meiner Perspektive entstanden ist. Er fordert mich auf, mal die Hose runter zu lassen, damit er sich das mal näher anschauen kann. Mit einem unverhohlenem Erstaunen sagt er: „Sag, mal! Weißt Du, dass Du einen riesig großen blauen Fleck oberhalb der Kniekehle hast?“. Nein, das wusste ich in der Tat nicht. Die Stelle liegt auch irgendwie im toten Winkel und ich kann mich nicht so verbiegen, dass ich mir selber dorthin schauen kann (so ganz nach dem Motto: Du kannst Dich drehen und wenden wie Du willst, der Arsch ist immer hinten!). Andy macht mit seinem Schlaufon ein Foto und zeigt es mir. Ich staune nicht schlecht! Genau zwischen der Kniekehle und der Stelle am Oberschenkel, die mir wehtut, zeichnet sich ein tiefblauer Bluterguss ab, der von einer im gelblichen Ton gehaltenen Korona umschlossen wird. Was, bei Odin, ist das denn? Andy bittet mich bäuchlings auf die Liege und er versucht nun, mit seinem Stoßwellendampfhammer die Stelle zu lokalisieren, die den Schmerz verursacht. Von früheren Behandlungen bei Andy weiß ich, dass die Stoßwellentherapie schon mal ziemlich schmerzhaft sein kann, wenn er damit die in Mitleidenschaft gezogenen Stellen trifft. Hier ist es aber völlig anders. Es braucht eine ganz Weile, bis er die Stelle überhaupt findet und als er sie dann mit der Stoßwelle trifft, tut es noch nicht mal wirklich weh. Er dreht den Hahn auf und ballert drauf, was das Zeug hält, sodass ich tatsächlich was spüre, aber insgesamt läuft das ganze vergleichsweise harmlos ab. Wieder ein Beleg dafür, dass das kein Faserriss gewesen sein kann. Andy kommt zu dem Schluss, dass mir lediglich ein Blutgefäß geplatzt ist. Das muss noch nicht mal durch das Laufen, geschweige denn durch den Gullydeckel verursacht worden sein, sondern ist einfach zur falschen Zeit am falschen Ort passiert. Das hätte mir genauso gut zu Hause auf dem Sofa passieren können. Der Schmerz den man spürt, wenn einem so ein Blutgefäß um die Ohren fliegt, ist ziemlich heftig und durchaus mit einer massiven Zerrung oder eben einem Muskelfaserriss vergleichbar. Nach Andys Prognose wird der blaue Fleck nach einer Weile wieder verschwinden und mit ihm der Schmerz. Aus seiner Sicht spricht nichts dagegen, dass ich, wenn ich mich von dem Stockholm-Abenteuer vollständig regeneriert habe, wieder ins Training einsteige.
Ich weiß nicht, ob ich mich über diese Diagnose jetzt freuen oder schwarz ärgern soll. Natürlich bin ich froh darüber, dass ich nicht schlimmer verletzt bin und deswegen nicht länger pausieren und später in die Vorbereitung auf Frankfurt einsteigen muss. Auf der anderen Seite hat mir so ein vergleichsweise harmloser Kokolores den Stockholm-Marathon verhagelt. Sich auf der Strecke einen Muskel zu zerren, dass hätte ja wenigstens was mit dem Lauf zu tun gehabt und wäre so eine Art „Kriegsverletzung“ gewesen. Aber so ist das ungefähr dasselbe, als wenn ich plötzlich auf der Strecke aus heiterem Himmel einen Schnupfen bekommen hätte. So was Blödes, aber es ist nicht zu ändern! Ein Grund mehr, sich jetzt auf Frankfurt zu konzentrieren. Nach dem Marathon ist vor dem Marathon! Und mein Projekt Bestzeit ist noch nicht Geschichte. Am Main werde ich es krachen lassen.
Was Stockholm betrifft, so erwische ich mich dabei, dass ich darüber nachdenke, dass ich mit der Strecke dort jetzt eine Rechnung offen habe. Mit anderen Worten: da muss ich noch mal hin und dem alten Odin zeigen, wo der Hammer hängt! Doch das nächste Mal komme ich nicht alleine. Ich werde meine kleine zähe Kampfsau mitbringen, denn im Team sind wir unschlagbar! Dann kommen die Wallküren mal richtig ins Schwitzen!

Also dann, Stockholm – Bis bald!!!

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