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Benutzerbild von dfrobeen

Die letzten 3 Jahre bin ich nun in Boston mitgelaufen – das ist ja schon so etwas wie eine kleine Serie. Und Serien leben ja bekanntlich davon, dass sie aufrecht gehalten werden müssen. Jetzt lebt aber der Boston Marathon primär auch davon, dass man sich jedes Jahr neu für das Event qualifizieren muss. Nachdem ich vor 3 Jahren mit Ach und Krach reingerutscht bin, stellten die Qualifikationszeiten für das jeweils nächste Jahr keine Probleme dar. Doch dann habe ich mir vergangenes Jahr in Roth beim Radsturz vier Wirbel gebrochen und plötzlich waren die Voraussetzungen ganz neue.

Im Herbst bin ich dann den New York Marathon in einer 3:12:51 Std. gelaufen, was grundsätzlich unter der für meine Altersklasse geforderte 3:15 Std. ist. Doch ist das Problem, dass das Unterbieten der Qualifikationszeit nur das Recht darstellt, sich für den ältesten, kontinuierlich ausgetragenen Marathon der Welt anzumelden, keineswegs aber eine Garantie auch einen Startplatz zu erhalten.

Nach der Anmeldung Mitte September werden alle gemeldeten Qualifikanten mit der Anzahl zur Verfügung stehenden Startplätze verglichen und dann eine nachjustierte Qualifikationsgrenze bekannt gegeben, um wie viel man seine Zeitgrenze unterboten haben muss, damit man auch tatsächlich am dritten Montag im April des Folgejahres in Hopkinton an der Startlinie steht.

Seit den Anschlägen auf den Boston Marathon, gehen die nachträglichen Qualizeit-Korrekturen Jahr für Jahr weiter nach unten, da das Interesse am Rennen mehr und mehr zunimmt. Für die Austragung 2016 war die Cut Off-Zeit beispielsweise 2:28 Minuten unter der jeweils geschlechts- und altersabhängigen Qualifikationszeit. Auf mich übertragen bedeutet dies also, dass jede Zeit unter 3:12:32h zur Teilnahme berechtigt hätte, bzw. umgekehrt, dass meine Zeit aus New York 19 Sekunden zu langsam gewesen wäre.

Welche Zeit die Grenze für 2017 darstellt, ist erst Mitte September öffentlich. Der Trend der letzten Jahre zeigt aber, dass ich mir keine große Hoffnung machen brauche, dass die Zeit vom Big Apple reichen würde um meinen Boston-Streak aufrecht zu halten. Also galt es, meine Qualifikationszeit zu verbessern. Die logische Konsequenz dazu wäre natürlich der Marathon in Boston selber gewesen. Neun Monate nach meinem Sturz also lang genug entfernt, um sich wieder voll auf das Rennen vorzubereiten. Leider spielte in diesem Jahr aber das Wetter nicht mit und durch einen ziemlich heißen Tag scheiterten nicht nur ich, sondern viele Läufer an ihren eigenen Zielen für das Rennen. Meine 3:24h, nachdem ich die legendären Heartbreak Hills hoch spazieren musste, waren weit entfernt von einer Verbesserung meiner Qualifikationszeit.

Es gibt eine definierte Liste an Rennen, die für die Qualifikation zertifiziert sind. Und für 2016 wurde nach den großen Frühjahrsmarathon die Auswahl in Deutschland ganz schon dünne. Wenn ich nicht im August in Helsinki oder Stavanger einen letzten Anlauf nehmen wollte, hätte ich vergangenes Wochenende in Würzburg den großen Wurf landen müssen. Gegen diese These sprach allerdings die Tatsache, dass ich in der laufenden Triathlon-Vorbereitung keine Chance hatte, in irgendeiner Art und Weise gezielt auf das Rennen hin zu trainieren. Es bedurfte also so etwas, wie einem „Lucky Punch“, dass ich aus dem vollen Training heraus, eine Woche nach dem ersten Halb-Ironman der Saison meine persönliche Jahresbestleistung im Marathon um mindestens 13 Minuten verbessere.

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Dieses Unterfangen klang doch arg abenteuerlich, doch wollte ich mir nicht selbst vorwerfen, es nicht zumindest mal probiert zu haben. Also stand ich gestern morgen um 6:40 Uhr am Nachmeldetresen in Würzburg und registrierte mich für das Rennen, welches um 9 Uhr gleich um die Ecke starten sollte.

Im Startblock geht mir dann allerhand durch den Kopf: „Ah, sehr gut – es gibt freie Startblockwahl, so habe ich eine Chance mich an ein paar andere flotte Jungs dran zu heften und mich ziehen zu lassen…naja die Bedingungen als Ausrede werde ich im Fall der Fälle nicht anbringen können, es sind 16 Grad, bewölkt und leichter Nieselregen, im Vergleich zur Hitzeschlacht von Boston ein Traum…mannomann, hier stehen ja schon einige Leute im Startblock, liegt daran, dass der Marathon mit dem Halbmarathon zusammen startet…oh, es gibt einen 2:59-Pacemaker, stand gar nicht in der Ausschreibung. Ist zwar nicht mein Tempo, aber könnte doch helfen, ihn so langsam aber sicher davon laufen zu sehen.“

Km1: „mit der Strecke habe ich mich ja jetzt mal gar nicht beschäftigt. Es sind zwei Runde a Halbmarathon, das weiß ich immerhin…eben beim Anstehen zu pre-Race-Dixi sagen mir zwei Einheimische, dass die Strecke flach ist, zum Glück, rechts und links der Stadt geht es schon ganz schön die Hügel hoch, aber da scheinen wir nicht laufen zu müssen…ich lasse mich vom Pacemaker ausbremsen, der erste km geht in 4:02 raus“

Km2: „Lauf nicht dem Pacemaker weg, der will eine 2:59 laufen, ich eine 3:09…Daniel, lauf nicht weg…Daniel, lauf nicht weg“…4:13

Km3: „der läuft doch 100%ig zu langsam…von Dir lasse ich mich nicht austricksen…ich lauf ja schon fast von ganz alleine schneller als er…schwupps, schon eine Lücke da“…4:09

Km4: „ist das ein Labyrinth hier in dem Wohngebiet? Ich habe schon keine Ahnung, wo ich bin und hoffe nicht mal falsch abzubiegen und irgendeinen km doppelt zu laufen“…4:17

Km6: „der km geht doch bergauf, oder? Bitte lass ihn bergauf gehen und ich nicht schon mit dem Tempo kämpfen“…4:27

Km7: „Puh, es ging bergauf…jetzt bergab zurück Richtung Main. Und aus dem Labyrinth bin ich damit auch raus“…4:18

Km8: „habe ich eben noch von perfekten Bedingungen gesprochen und mich über den Nieselregen als willkommene Abkühlung gefreut? Es regnet mittlerweile in Strömen. 2011 beim Portland Marathon hatte ich mich mal furchtbar darüber geärgert, als es anfing zu regnen und hatte Angst um meine Bestzeit. Heute empfinde ich es angenehm“

Km9: „Angenehm? Was für ein Quatsch! Auf der Straße haben sich jetzt tiefe Pfützen gebildet. Gut, dadurch ist es ganz schön abwechslungsreich und kurzweilig, da man bei jedem Schritt austariert, wo man den Fuß aufsetzt. Schlecht, wenn es selbst dann nicht reicht und man dennoch in eine tiefe Pfütze reinstapft. Das Schild ‚Marathonläufer sind sexy‘ gefällt mir sehr gut!“

Km10: „Da ist er ja wieder, der Pacemaker. Wird aber auch Zeit, Du sollst ja schließlich 9 Minuten vor mir ins Ziel kommen.“…10km-Zwischenzeit 42:38…4:16er-Schnitt…das wäre ein 3:00-Marathon

Km13: „uhh, dieser Anstieg die Brücke hoch ist etwas eklig. Nicht besonders lang, aber doch ganz schön steil. Nach dem Brückenscheitel geht es erst leicht, dann eine 270 Grad-Kurve steiler wieder bergab an den Main. Wir sind jetzt wieder auf der Mainseite, wo der Start ist und laufen Richtung Ziel“

Km16: „wenn wir jetzt straight zu Start/Ziel laufen, sind wir zu früh dort…da müssen noch ein paar extra-Kilometer kommen. Ah jetzt geht es rechts in die Altstadt rein…wieder bergauf, zwar flacher, aber ganz schön lang gezogen.“

Km18: „Kopfsteinpflaster, Bahnschienen – hier muss man nicht nur wegen der tiefen Pfützen gucken, wo man seinen Fußaufkommen lässt“

Km19: „Endlich wieder bergab, nochmal zurück zum Main. Für die Jungs um mich rum mit den schwarzen Startnummern ist gleich Schluss, für mich beginnt dann die zweite Runde“

Km21: „Weggabelung. Halbmarathon rechts, Marathon links. Warum biegt eigentlich fast niemand links ab?“

Km22: „Halbmarathon-Zwischenzeit 1:31:33. Eine Minute schneller als meine bisherige beste Halbmarathonzeit in diesem Jahr. Schon ein wenig absurd. Aber ich habe ja seit den wirklich furchtbaren Halbmarathonrennen in Cardiff und Berlin kräftig trainiert. Fühlt sich immer noch ganz gut an.“

Km23: „Mannomann, die zweite Runde wird ganz schön einsam. Jetzt ist ja auf der Strecke gar nichts mehr los und auch die Zuschauer sind entweder vor dem Regen geflüchtet oder jubeln Friends&Family beim Halbmarathon-Ziel zu.“

Km24: „jetzt bin ich in dem Entfernungsbereich, den ich seit Ende April mit einer Ausnahme nicht mehr gelaufen bin. Fühlt sich immer noch alles ganz gut an, aber ich gewinne eine erste Vorahnung von dem, was noch kommt“

Km27: „das Teilstück im Wohngebiets-Labyrinth, was in der ersten Runde km6 war und bergauf geht, wird der erste km über 4:45. Jetzt beginne ich so langsam zu rechnen, wie viel Puffer ich noch habe und was für einen km-Schnitt auf den verbleibenden km ich brauche um mein einziges Ziel des Tages, die Boston-Quali, zu erreichen.“

Km29: „Kleines déja vu. Das ist doch die gleiche Stelle wie vorhin, wo der Regen wieder deutlich stärker wird.“

Km30: „ich bin mir ziemlich sicher, dass ich genau diese Pfütze eben auch schon voll erwischt habe…und diese auch…und diese auch“

Km33: „die Steigung die Brücke hoch. Wenn ich nicht wüsste, dass es ab jetzt nur noch ‚heim‘ zum Ziel geht, würde ich die Brücke hassen“

Km35: „mein Plan solange das Tempo hoch zu halten, dass ich irgendwann nur noch einen 5:00-Schnitt laufen muss um unter 3:10h raus zu kommen, geht nicht auf. Um die Zeit wirklich zu laufen, muss ich jetzt das Tempo halten“

Km37: „wieder rechts in die Altstadt hoch. Teilweise echt absurd – vor mir sehe ich keinen Läufer, von hinten höre ich auch keinen. Vereinzelt stehen ein paar Menschen am Streckenrand, aber weniger um Läufer anzufeuern, als sich in der Einkaufsstraße Regenschutz zu suchen.“

Km39: „der erste Kilometer über 5 Minuten. Kämpfen jetzt! Ich tue das alles für Boston! Und gleich ist es geschafft. Nur nicht mehr komplett einbrechen. Unter 3:10 werde ich nicht bleiben, aber eine 3:11:xx reicht ja auch zu 99% für die Teilnahme“

Km42: „die Gabelung. Diesmal halte ich mich rechts – vor 1 1/2 Stunden habe ich mich doch erheblich besser gefühlt“

 

Zum Zielbogen geht es nochmal 200m bergauf, das kann ich jetzt wirklich nicht mehr gebrauchen. Aber die Erkenntnis es gleich geschafft zu haben, vertreibt nochmal für einen Moment die Schmerzen. Ich laufe über die Ziellinie, die Uhr stoppt bei 3:11:12 Stunden. Mein Körper hat mir schon klar zu erkennen gegeben, dass ich ihm physisch zuletzt nie mehr als 22km abverlangt habe. Aber mein Kopf hat mich zum Ziel getrieben – Boston ist einfach etwas ganz besonderes für mich und ich wollte einfach die Quali schaffen.

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Ich denke, dass ich selbige jetzt habe. Etwas Spannung wird im September noch bleiben. Falls eine totale Flut die Anmeldung stürmt, könnte der finale Cut-off natürlich noch unter die BQ-3:48 fallen, die ich in Würzburg gelaufen bin. Aber ich fühle mich doch ziemlich komfortabel mit der Zeit. Einen weiteren Anlauf zur Verbesserung werde ich jedenfalls nicht mehr unternehmen. Wenn die Zeit nicht reicht, dann soll es halt so sein.

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Hinter dem Zielstrich jubele ich einmal laut und werde dafür bestraft. Wenn man 3:11 Stunden lang die gleiche Bewegung gemacht hat, die Muskeln durch den Regen doch halbwegs abgekühlt bleiben, dann führt eine plötzliche andere Bewegung gerne auch mal zu einem Krampf. So war es in Würzburg gleich hinter der Ziellinie. Der linke Oberschenkel macht von einer Sekunde auf die andere völlig zu. Es geht nichts mehr. Zwei Sanitäter kommen mir zur Seite, lockern hilft nicht, dehnen hilft nicht, kraftig auftreten hilft nicht. Wie komme ich aus der Nummer jetzt raus? Ich denke an Justin in Boston, den es 200m VOR der Ziellinie erwischt habe und dem ich den Rest der Marathonstrecke noch geholfen habe. Ich konnte damals nicht ganz verstehen, dass er 200m vorm Ziel zu mir sagt, dass es gar nicht mehr geht. Jetzt verstehe ich ihn. Ich hätte jetzt auch keine Lust mehr auch nur einen Meter vorwärts zu machen.

Nach ein paar Minuten willige ich ein mit den Sanitätern Richtung Sani-Zelt zu humpeln. Unterwegs sammele ich meine Finisher-Medaille ein und dann lege ich mich hin. Das hilft schon und eine wärmende Decke erledigt den Rest. Ich könnte wohl recht flott jetzt wieder los, aber gönne mir noch etwas Zeit in der Waagerechten. Tagwerk geleistet, heute lasse ich mich nicht mehr stressen.

Am Nachmittag fahre ich glücklich und zufrieden wieder zurück nach Braunschweig. Den Abend verbringe ich besten Gewissens auf dem Sofa und beobachte bei ein paar Bierchen den Sieg der deutschen Mannschaft in ihrem EM-Auftaktspiel. Bevor ich schlafen gehe, reserviere ich ein Bett in meiner Standardunterkunft beim Boston-Marathon.

 

 

 

5
Gesamtwertung: 5 (9 Wertungen)

Glückwunsch!

Super gemacht - freut mich, dass Du noch einen Weg zur Qualizeit gefunden hast. Ganz im Sinne von "Boston runs haad"!

Glückwunsch und good luck for Boston

Hi dfrobeen,
Glückwunsch zu dem Lauf von einem Mitläufer. Allerdings bin ich bei km 21 rechts abgebogen ;-) Deinen Bericht kann ich voll mitunterschreiben. Als gebürtiger Würzburger dürfte ich das eigentlich nicht sagen, aber den Marathon laufe ich lieber in einer anderen Stadt. Wenn man die Strecke schon oft beim Training gelaufen ist, kann einen eine 2. Runde nicht motivieren. Von daher Hut ab!

Toi, toi, toi für die nächsten Ziele, alles Gute.

meejogger

Ach wie schön!

Dein Bericht war zum Kringeln, ich konnte jeden Kilometer absolut nachempfinden (ok, auf anderem zeitlichem Niveau natürlich ;-)! Dann wünsche ich dir mal Glück für Boston, sollte mit der g... Zeit ja wohl klappen! Und vielleicht sehen wir uns vor dem Start ;-))

P.S:: An die 200m "bergauf" zum Zielbogen erinnere ich mich auch noch gut. Damals gingen die zwei Runden aber noch über einen doofen Berg.

"Gelaufen wird wie es geht, geschlafen wann es sein muß und wenn ich im Ziel bin, bin ich da" (Schalk)

Saarvoir courir - laufen im Saarland

ich hatte ..

schon so eine Aktion vermutet, als ich Deinen Namen in der Würzburger Ergebnisliste gesehen hatte. Ich drücke Dir die Daumen, dass es für Boston 2017 reicht! Ich hege den Gedanken die BQ auch nochmal zu versuchen - es war ein wahnsinnig toller Lauf dieses Jahr- aber nicht für 2017.....

Ganz gespannt war ich noch bei Deinem Bericht was denn nun der 2:59-Pacemaker für eine Zeit gelaufen ist, aber das habe ich inzwischen auch herausgefunden ;-)

"Das Leben geschieht einem, während man damit beschäftigt ist, andere Pläne zu schmieden", John Lennon
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