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Nachdem ich überraschend schon im Juni/Juli 2015 erfahren hatte, dass es mich Mitte April 2016 beruflich in die USA verschlagen würde, war schnell klar: der Start beim Boston Marathon ist ein Muss. Blöd war nur, dass ich 2014 bei meinem jährlichen Marathon statt einer eigentlich sicheren Qualizeit für Boston erkältungsbedingt nur ein hässliches DNS erzielt hatte. Was nun? Abgekürzte Vorbereitung und am letzten Wochenende vor dem Meldefenster noch einen als Boston Qualifier zugelassenen Marathon in fernosteuropäischen Gefilden reinquetschen oder doch schweren Herzens über den Reiseveranstalter? Ersteres stellte sich schnell als terminlich unmöglich und aufgrund der aktuellen Form als ohnehin zweifelhaft dar, sodass ich letzten Endes froh war, bei einem der einschlägigen Veranstalter ein Paket mit Eigenanreise und um eine Nacht abgekürzten Hotelaufenthalt buchen zu können.

Nach dem Schluss des Meldefensters holte ich dann mit 3:08 noch meine Qualifikationszeit nach. Das war wichtig, weil man sich ohne solche in der letzten Startwelle einreihen darf, etwa 20.000 Plätze weiter hinten. Außerdem befeuerte es meine Idee, endlich die leidige 3h-Marke zu durchbrechen – sub3 über 42km mit 42 Jahren beim legendären Boston-Marathon, das schien mir reizvoll. Um keine unnötige Spannung aufkommen zu lassen: Nicht reizvoll genug – nach einer dürftigen Wintervorbereitung (Respekt an dieser Stelle an alle, die ihr Training für den Frühjahrslauf diszipliniert durchziehen!) war klar, dass aus diesem Plan nichts werden würde.

Ich kam schließlich am Samstagabend vor dem Lauf in Boston an und es ist wirklich beeindruckend, wie marathonverrückt die ganze Stadt ist. Schon mein Sitznachbar im Flugzeug hatte mich vor dem angesagten warmen Wetter am Montag gewarnt. Die Vorhersage deckte sich zwar nicht mit den 14 Grad, die mein Handy für Boston meldete, wurde aber durch den lokalen Wetterbericht (leider) bestätigt: Ebenfalls speziell auf den Lauf zugeschnitten sagte dieser Temperaturen von ca. 23 Grad mindestens bis zur Hälfte der Strecke voraus (und ich hasse Wärme beim Lauf!). Immerhin sollte es näher an Boston dann später durch kühlen Wind vom Atlantik deutlich angenehmer werden – Gegenwind (und ich hatte voller Optimismus an Rückenwind über 42km geglaubt…). Ich nahm es aber positiv, freute mich sogar ein wenig über die verpatzte Vorbereitung, mein leichtes Übergewicht und den ganzen Rest und nahm mir vor, nun vor allem den Lauf und das Umfeld zu genießen. Auf der Marathonmesse traf ich zufällig dfrobeen, der mir die letzten Tipps für die Strecke gab (nochmals danke dafür).

Nach einem (zu) ausgiebigen Stadtbummel am Sonntag machte ich mich am Montagmorgen um 6:15 Uhr auf den Weg zu den Bussen zum Startareal in Hopkinton. Die Zeit bis zum Start um 10 Uhr verging recht zügig, allein die Sonne machte sich schon beunruhigend stark auf dem Kopf bemerkbar. In der Startaufstellung war mir dann auch ohne Bewegung beinahe zu warm – wobei das Wetter für einen schönen Grillnachmittag durchaus perfekt gewesen wäre.

Aber gut, es half ja nichts, also den Rest des Wassers über den Kopf geschüttet und los ging es. Am liebsten hätte ich nach dem Start erst einmal ein paar Tränen der Rührung verschüttet, aber die Konzentration darauf, gut in den Lauf zu finden, half darüber hinweg. Und was soll ich sagen, es lief erst einmal … nicht besonders. Die Temperaturen machten mir nun wirklich Sorge und die Beine fühlten sich auch nicht gerade frisch an. (Die 20.000 Schritte vom Vortag, die mir das iPhone abends mahnend vorgehalten hatte? Die Wärme? Das Streckenprofil?) Es war mir klar, dass dieser Lauf kein Zuckerschlecken werden würde und ich justierte mein Zeitziel in diesem Moment erst einmal auf den Bereich von 3:20 bis 3:25 in der Hoffnung, dass es glimpflich laufen würde.

Unglaublich aber die Stimmung an der Strecke! Die Neuenglanddörfer und –städtchen entlang des Weges erinnern nun wirklich nicht an New York oder andere Metropolen, aber die Anfeuerung durch das Publikum war grandios. Die unbebauten Abschnitte dazwischen fast schon wieder willkommen, da man einerseits etwas zur Ruhe kommen konnte und andererseits die noch unbelaubten Bäume zumindest einen Halbschatten auf die Straße warfen.

Währenddessen rätselte ich ein wenig über das Streckenprofil. Für die erste Hälfte ist ja eindeutig insgesamt ein Gefälle ausgewiesen, aber gefühlt ging es meistens bergauf. Unterstützt wurde diese selektive Wahrnehmung von meinen Zwischenzeiten, die sich immer weiter von den Vorgaben des 3:15er Armbands um mein Handgelenk entfernten. Aber was erwartete ich auch, wenn ich mich gerade auf eine Zeit von 3:20 bis 3:25 eingestellt hatte?

Irgendwann nach vielleicht 10 oder 15km setzte sich langsam aber sicher der Gedanke durch, dass die leicht stelzigen Beine mit ein wenig Vorsicht eigentlich über die Distanz kontrollierbar sein sollten, solange der Rest des Körpers die Wärme halbwegs verarbeiten könnte. Ungefähr zu dieser Zeit überholte ich auf einem besonders langen unschattigen Abschnitt einen Mitläufer im heimischen Eintracht-Trikot und beschloss in diesem Moment, meine eigene Anstrengung dem Abstiegskampf meines Teams zu widmen, es quasi durch die aufgenommene Wärme zu befeuern…

Hin und wieder hatten Zuschauer mit ihren Gartenschläuchen aufwändig konstruierte Erfrischungsduschen am Straßenrand aufgebaut, unter denen ich immer wieder gerne und dankend durchlief. Kurz vor dem Halbmarathon hörte ich auf einmal ein Geräusch aus der Ferne und war wieder einmal beeindruckt: Die Berichte über den Wellesley Scream Tunnel sind wahr. Das frenetische Kreischen der College Girls ist hörbar, lange bevor man ansatzweise irgendetwas davon sehen kann. Auf den folgenden 500 Metern klatsche ich ca. 10.000 Hände und folgte auch zwei der hunderten Kiss-Me-Aufforderungen.

Beflügelt durch den Erfolg beim weiblichen Geschlecht, der mir kurzfristig sogar einen Pulsanstieg um ein paar Schläge beschert hatte, passierte ich die Halbmarathonmarke bei 1:39:30. Hm, mit einem nur minimal negativen Split könnte ich doch tatsächlich noch meine zweitschlechteste Zeit vermeiden. Ich wusste zwar noch nicht ganz, was ich von diesem Gedanken angesichts der bald folgenden Newton Hills halten sollte, aber ich spürte die Zuversicht in mir aufsteigen. Obendrein stieß ich kurze Zeit später auf die nächste Boston-Legende: Team Hoyt. Vater Hoyt schiebt seit über 30 Jahren seinen geistig und körperlich schwerst gehandicappten Sohn im Rollstuhl über die Strecke, mit einer Bestzeit von weit unter drei Stunden!!! Ich war besonders überrascht, weil ich gelesen hatte, dass 2014 der letzte Marathon der beiden gewesen sein sollte. Als ich im Fernsehen später ihren Zieleinlauf sah, wurde mir erst klar, dass statt Vater Hoyt mittlerweile ein anderer Verwandter den Lauf- und Schiebepart übernommen hatte. Einfach nur faszinierend.

Ich wurde zunehmend optimistischer und war kurz davor, etwas wie „Bringt mir diese Hügel!“ ins Publikum zu schreien. Die letzte lange Bergabpassage runter zum Charles River kam und ich wusste, dass danach der erste Hügel wartete. Oft hatte ich mich im Vorfeld gefragt, wie steil es bergauf gehen würde. Und siehe: Es war gar nicht so schlimm. Die Pace bergauf mit knapp unter 5min/km nicht ganz für einen negativen Split geeignet, aber nicht so übel. Der zweite Hügel war steiler, aber kürzer, der dritte wohl der leichteste. Am Fuße des Heartbreak Hill vergewisserte ich mich noch bei einem Mitläufer, ob dies denn wirklich der letzte Hügel sei, was dieser bestätigte. Bei Meile 21 sei es geschafft.

Es muss gesagt werden, dass der ständige Wechsel zwischen bergauf und bergab von meinen Beinen mittlerweile einiges abverlangte. Vor allem meine Oberschenkel meldeten mir immer wieder, dass sie das alles nur noch halblustig fänden. Gewarnt vor Krämpfen ging ich immer wieder verhalten in die Gefällstrecken und steigerte mein Tempo dann langsam bis kurz vor den Krampf. In der (scheinbaren?) Ebene meldete Freund Garmin mittlerweile eine Pace im Bereich von 4:28 bis 4:32. In mir reifte die Überzeugung, dass ein negativer Split trotz der Hügel noch im Bereich des Möglichen sein sollte. Nur ein Einbruch durfte nicht mehr kommen. Apropos Einbruch: Nachdem ich zu Beginn des Laufs überrascht war, wie wenig Gedränge es auf der Strecke gab, musste ich mittlerweile ganz schön viele fast stehende Hindernisse umkurven. Viele Läufer waren in den Gehschritt verfallen, hielten aber konsequent an der Verfolgung der Ideallinie fest. Das Publikum war nach wie vor großartig, nur nahm ich es, halb im eigenen Tunnel, nicht mehr so intensiv wahr wie vorher. Gegenwind hatte sich eingestellt, der tatsächlich Abkühlung brachte und den ich daher unter dem Strich als positiv bewertete.

Fünf oder sieben Kilometer vor dem Ziel (genau weiß ich es nicht mehr) waren dann auch erstmals die Wolkenkratzer zu sehen, die in der Nähe der Ziellinie stehen. Es war nicht mehr (so) weit(, wie es aussah). In dem Wissen, dass weitere Flüssigkeitszufuhr nun nichts mehr bringt, begann ich allmählich, auch mal die jede Meile aufgebauten Verpflegungsstationen auszulassen. Bei km 40 hatte ich noch über zehn Minuten Zeit und es sah nun so aus, dass ich die verbissenen Gesichtszüge wenigstens auf den letzten Metern wohl noch etwas lockern können würde. Das Zielfoto schien gerettet. Ich hatte auch ausnahmsweise mal auf den Trainer gehört und war die letzten zwei Kilometer der Strecke schon am Vortag entlang gejoggt. Ich wusste dementsprechend, was mich noch erwartete und hakte nacheinander ab: Citgo-Schild an der Stadtgrenze zu Boston (noch 1 Meile), fiese Unterführung (noch 1 km), gleich danach rechts in die Hereford Street und 200m leicht bergauf und dann endlich links in die Boylston Street, der Zielbogen in Sichtweite.

Am Ende wurde es eine 3:18, zweite Hälfte knapp 30sec schneller als die erste und auch die eigene zweitschlechteste Zeit geschlagen. Ich war damit zufrieden und konnte mir das Ergebnis später sogar noch schöner reden, nachdem ich die Siegerzeiten von 2:12, respektive 2:29, gesehen hatte – die Bedingungen müssen echt grausam gewesen sein;-)

Als ich mit Medaille, Wärmefolie und Aufpäppelnahrung in der Hand durch den Wind und in der Sonne zum Hotel zurückging, traf mich noch einmal ein Moment der Rührung und ich fragte mich, ob ich nach diesem tollen Erlebnis nicht den New York-Marathon getrost von meiner Liste streichen könnte… (Mache ich natürlich nicht.)

Zum Ausklang gab es noch Nachlaufburger und –bier mit Daniel und Florian mit Austausch über das jeweilige Lauferlebnis. Amüsant war es auch am nächsten Morgen am Flughafen, wo wirklich jeder zweite humpelte, meistens mit irgendwelchen Marathonmemorabilien bestückt.

Ein grandioser Lauf – gerne wieder.

4.875
Gesamtwertung: 4.9 (8 Wertungen)

Schöner Bericht -

und natürlich bravourös gemeistert! Ist schon toll, was man so alles erleben kann.

hihihihi

musste am Ende echt lachen, denn genauso erging es mir in Rom am Flughafen 2008 und in Hamburg 2009. An ihrem Gang sollst du die Marathonis erkennen ;-))

Schöner Bericht, der (mal wieder) Lust auf Boston weckt. Danke fürs Mitnehmen und Gratulation zu der für diese Umstände doch grandiosen Zeit!

"Gelaufen wird wie es geht, geschlafen wann es sein muß und wenn ich im Ziel bin, bin ich da" (Schalk)

Saarvoir courir - laufen im Saarland

Lang ist gut!

Danke für den Bericht, der sich gar nicht so lang gelesen hat!
Danke fürs Mitnehmen auf diese Strecke - Der Gedanke mal in Boston zu laufen wird durch solche Berichte immer präsenter!
Irgendwann mal....

Als drittschlechteste Zeit eine 3:18 - dafür verkaufen manche ihre Seele! Super gemacht!

Gruß, Dominik
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"Was zu schnell ist, weiß man meist erst hinterher!"
(fazerBS)

negativer Split...sehr witzig

Schön, dass Du auf meine Boston-Tipps verweist, um dann eigentlich keinen einzigen davon befolgt zu haben :-). War nicht einer meiner Sätze, dass es in Boston unmöglich ist einen negativen Split zu laufen! Großer Respekt vor der Leistung, vor allem bei den ansonsten ja sehr harten Bedingungen und toll, Dich in Boston kennengelernt zu haben. Den Finisher-Burger mit anschließendem Bierpitcher können wir gerne wiederholen...dann möchte ich mich aber auch wieder über eine gelungene sportliche Leistung freuen ;-).

Mein Boston-Blog: danielssichtderdinge.wordpress.com/boston-marathon

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