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Benutzerbild von dfrobeen

Zwei, drei Schweißperlen sind mir in den letzten Monaten schon über die Stirn gelaufen, wenn ich wieder und wieder überlegt habe, worauf ich mich da eigentlich gemeldet hatte. Aber der Reiz war zu groß selber einmal Pacemaker bei einem Marathon zu sein. Wie oft habe ich die Jungs mit auffälligen T-Shirts und Luftballons schon in meine Renntaktik mit eingebaut. Es war an der Zeit davon mal etwas zurück zu geben.

Eine eMail an den Veranstalter, ein paar Nachweise meiner bisher gelaufenen Zeiten und die Auswahl der von mir gewünschten Pacer-Zeit später, war ich also offizieller Zug- und Bremsläufer des Hannover Marathon 2016.

Zum Zeitpunkt der Anmeldung war das noch kein großes Ding. Es war noch viel Zeit bis zum Event und die 3:30 Stunden, auf die ich mich gemeldet hatte, sollten doch mit etwas Training kein Problem darstellen. Doch dann verliefen die kommenden Wochen und Monate etwas anders als geplant und die Zweifel an diesem Vorhaben stiegen mit jedem Gedankengang, den ich hinein gesteckt hatte.

Ende Januar rannte ich den Dubai-Marathon - zwar ohne Training, aber schon mit der Devise dort im Rahmen meines Trainingszustandes so schnell wie möglich zu laufen. Es wurde eine 3:44h, bei der ich gefühlt fast gestorben wäre. Der Gedanke weniger als 3 Monate später die gleiche Distanz locker in 14 Minuten schneller zurückzulegen, gefiel mir damals gar nicht. Aber ich vertröstete mich, dass ja noch eine Menge Zeit für Training blieb und ich ja nachweislich mit entsprechener Vorbereitung deutlich schneller laufen kann.

Dann gab es aber in eben dieser Vorbereitung einen Rückschlag nach dem anderen. Während einer langen Freistellung, die ich eigentlich als Glücksfall ansah, dachte ich beliebig trainieren zu können. Da sollte es doch Bestzeiten purzeln. Aber im Zusammenhang mit Reisen, die ich im gleichen Zeitraum machte und anderen Dingen, die ich in meinem Leben aufräumte, passierte das Gegenteil. Ich presste meine Trainingseinheiten in meine Reiserouten ein, fand keine Ruhe und habe als Extrem dann die ersten beiden Wochen meines eigentlich angesetzten 10-Wochen-Plans der Marathon-Vorbereitung exakt gar nicht trainiert.

Ergo ist meine Form eben gar nicht da, woraus ich mal locker eine 3:30h laufen würde. Zwei Testmarathon in Cardiff und Berlin ergaben Zeiten von 1:32 und 1:33, die hochgerechnet nach den Steffny'schen Umrechnungsfaktoren etwa eine 3:16-3:18 ergeben würden.

Ich wusste also, dass ich wenn ich es drauf anlege schon mal in der Lage sein würde, die geforderte 3:30h zu laufen. Aber die nächsten Kopfschmerzen bereitete mir die Frage, ob ich eine solche Zeit konstant über ein Tempo laufen könnte. Mir fehlten sowohl Tempo-, als auch Grundlagenläufe. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich unter Wettkampfbedingungen eine Pace von 4:59 konstant laufen könnte.

Einmal am Ort des Geschehens realisierte ich, dass ich nicht der einzige war, der sich mit dieser Frage beschäftigt. Nach dem Treffen und Briefing der Pacemaker standen wir so vor dem Rathaus rum und es beruhigte mich zumindest etwas, dass Triathlon-Profi Jan Raphael meinen Kumpel Robin (3:15-Pacemaker) und mich fragte, ob wir schon mal als Pacemaker gelaufen sind. Er selbst trug den Luftballon mit der Aufschrift 3:00, jedermann wusste, dass er immer eine solche zeit laufen kann, aber auch er hatte Respekt vor der Anforderung dieses auch noch in konstantem Tempo zu tun.

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Ich war immerhin heilfroh, als ich im Vorfeld aus der Kommunikation entnahm, dass wir nicht alleine für eine Zeit laufen würden, sondern jeweils 3-4 Läufer eine Zielzeit vertragen. Das nahm mir etwas den Druck und in der Startaufstellung tummelten wir uns dann auch zu viert im Block C. Wir stimmten uns kurz ab und ich hoffte herausschlagen zu können, dass wir Anfangs etwas schneller laufen, ca. 5-10 Sekunden pro km rausholen und hinten raus von dem Puffer zehren. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich auf die lange Distanz nicht müde werden würde, auch wenn es sich um ein Tempo handelt, was ich im Training recht locker laufe.

Es zeigte sich aber, dass Richard, ein weiterer 3:30-Pacemaker, mit dieser Übung durchaus erfahrung hatte und signalisierte, dass es den Mitläufern nur fair wäre wirklich konstand zu laufen...prost Mahlzeit.

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Es ertönte der Startschuss und wir waren unterwegs. Jetzt galt es schnell das Soll-Tempo zu finden und - chakka - die Pulsuhr zeigte bei km1 4:58 Minuten - Volltreffer. Die folgenden Kilometer sollten wir tatsächlich etwas schnell sein, aber das war alles im Rahmen. Die Zeiten bis km6 pendelten so zwischen 4:45 und 4:59. Ich war froh, dass es sich ziemlich locker anfühlte - aber wie würde sich das Tempo wohn jenseits von km35 anfühlen?

Ein Blick zurück zeigte, dass es tatsächlich einen Haufen Läufer und Läuferinnen gab, die sich uns aktiv anschlossen. Eine Traube Läufer folgte uns, während vor uns eher eine Lücke klaffte, bevor dann einzelne Teilnehmer um Zeiten unter 3:30 kämpften. Ich war auch längst froh zu ralisieren, dass mich der Ballon nicht stören würde. Ich hatte sorge, dass dieser wild rumbaumelt und mich in meinem Vorhaben störte, wo ich doch sowieso arg mit der Zielsetzung kämpfen sollte.

Bei km10 meldete sich dann meine Blase - na großartig. Im Rennen ist das ja nicht wild, aber wie vermittelt man als Pacemaker seinen Mitläufern, dass man gerde mal den Busch aufsucht, sie weiter laufen sollen und man (hofft) selber wieder aufzuschließen. Zum Glück war Richard noch dabei, dem ich meinen Ballon übergab, den Leuten direkt um mich rum signalisierte, dass sie sich an ihn halten sollten und ich gleich zurück sein würde. Das funktionierte auch ganz nach Plan.

Generell war Richard der absolute Volltreffer. Er war ein sehr netter Typ, wir konnten uns unterwegs gut unterhalten, hatten ähnliche Bestzeiten (2:47 und 2:49) und generell viel aus unserem Läuferleben zu erzählen. So wurde das ganze Rennen extrem kurzweilig.

Wir waren jetzt voll im Tempo drin und trafen einen Kilometer nach dem anderen ziemlich genau. Aus den ersten Kilometern hatten wir einen kleinen Zeitpuffer von rund 1,5 Minuten, auf den ich aber auch ganz und gar nicht böse war. Nachdem ich bei km18 zum zweiten (und zum Glück letzten) Mal im Busch verschwand, passierten wir wenig später dann gemeinsam die Halbmarathon-Zeitmessung nach 1:44:15 Stunden.

Bis hierher lief es gut, meinen Respekt hatte ich aber vor der zweiten Hälfte. Es war auch bis dato recht kurzweilig. Neben den netten Unterhaltungen mit Richard, baute man doch zum einen oder anderen Mitläufer einen Bezug auf und tauschte Laufgeschichten aus. So erfuhr ich vom spontan gelaufenen Halbmarathon in Guanzhu in China, vom Stolz erstmals bei einem Marathon schneller als die virtuelle 3:30 Endzeit zu sein und von der Blasenschwäche eines Teilnehmers, der immer wieder flott an uns vorbei joggte, aber immer zu erkennen gab, dass er ja gleich wieder im Busch verschwinden würde. Da sich dieses Szenario sehr oft wiederholte, schien er auch tatsächlich recht zu haben.

Etwa bei km27 oder 28 hatte ich mein kleines emotionales Tief. Ich hatte nicht wirklich Lust noch weitere 15km zu laufen, auch wenn sich alles gut anfühlte, das Wetter toll war und dich Mitläufer es allesamt wert, sie beim Erreichen ihrer Ziele zu unterstützen. Jenseits der 30km-Marke verschwenden dann die Zweifel und das Tief plötzlich. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass das Ding gut ausgehen würde. Körperlich fühlte ich mich gut und wir hatten immer noch einen Puffer auf die Zielzeit. Nun waren wir also an einem Punkt, wo ich theoretisch den km schon in 5:10 laufen konnte und dennoch unter der Zielzeit bleiben würde. Notfalls würde mir eine etwas härtere Anstrengung zum Ziel hin helfen - ich fühlte mich körperlich noch so gut, dass eine Endbschleunigung über 3-4km immer noch drin sein sollte.

Es ging in die Herrenhäuser Gärten und von der Streckenführung wusste ich, dass es nun stamm dem Ziel entgegen ging. Unser Luftballon machte schlapp und verlor langsam Luft. Immer wieder ernteten wir den Spruch, dass der 3:30 so langsam die Luft ausging. Aber das war alles lieb gemeint. Generell bekamen wir total viel Zuspruch aus dem Publikum - klar, wir waren ja auch von Bekleidung und Luftballon sehr auffälig unterwegs. Und auch zu den Mitläufern baute man noch engeren Bezug auf.

Jetzt, jenseits von km30 ging es aber weniger um allgemeine Sportlergeschichten, als hart um Bestzeiten, aktuelle Zwischenzeiten und lang geheckte Träume von konkreten Zeiten, die wir gerade unterstützen auch tatsächlich erreicht zu werden.

Es zeigte sich aber auch, dass die Traube hinter uns deutlich kleine wurde. Einzelne Teilnahmer überholten uns, hatten offensichtlich noch Kraft für noch schnellere Zeiten. Wir verloren aber auch einige 3:30-Kandidaten unterwegs. Schade etwas, dass wir durch die Vermischung mit den Halbmarathon-Läufern auf den letzten km vor dem Ziel nicht mehr so recht den Überblick hatte, wer noch dabei war.

Bei km38 hatte dann Richard seinen Hänger - er kämpfte dann doch mit der Länge des Laufes. Kunstück, denn wir waren mittlerweile länger unterwegs, als er in seinen längsten Vorbereitungsläufen. Er läuft sonst gerne nen 30 bis 32 in 2:45 Stunden, aber über mittlerweile 3:10 Stunden unterwegs zu sein, kannte sein Körper nicht. Ich war parallel aber schon im Autopiloten-Modus. Ich wusste, dass es funktionieren würde. Die Beine fühlten sich immer noch gut an und selbst für den Fall, dass noch etwas passieren sollte, hatten wir den Puffer von immer noch einer guten Minute.

Auch Richard fand aber zurück in die Spur, als er die Ziellinie förmlich riechen konnte. Die letzten Meter waren noch etwas mühsam, weil Schilder am Rand standen, dass es noch 850...750...650 Meter sein würden. Ich wollte einfach durchs Ziel laufen und nicht in 100er-Schritten runter zählen. Aber auch das haben wir gemeistert. Die offizielle Zeitmessung testierte uns eine 3:29:05. Der Sprecher am Mikrofon im Ziel begrüßte uns Zielläufer im Ziel und gratulierte, dass wir unseren Job perfekt erfüllt hatten.

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Neben dem phantastischen Gefühl die Aufgabe jetzt erfüllt zu haben, vor der ich monatelang so großen Respekt hatte, machte es Spaß zu sehen, wie glücklich wir die anderen Läufer gemacht haben. Direkt hinter der Ziellinie zog eine Hand an meiner Schulter und jemand fiel mir mit Tränen in den Augen um den Hals. Es gab im Ziel einige Umarmungen - ich gratulierte fleißig zu einer Besteit nach der anderen. Aus der einst großen Traube hinter uns war nicht mehr so ganz viel übrig geblieben, aber diejenigen, die sich durchgekämpft hatten, waren uns durch und durch sehr dankbar.

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Das zog sich auch weiter durch. Nachdem wir das normale Spektakel im Ziel mit Finisher-Medaille, Zielverpflegung und dem mittlerweile bei solchen Veranstaltungen obligatorischen alkoholfreien Weizen durchlaufen hatten, kamen immer weitere Läufer auf uns zu, die sich für die sehr gut geleistete Arbeit bedanken. Auch Läufer, die sagten bis km37 an uns dran gewesen zu sein und dann in 3:32 eine neue Bestzeit liefen, waren glücklich.

Es war ein großartiges Event und ich bin stolz die Vorgabe erfüllt zu haben. Ich kann mir gut vorstellen, diesen Job nochmal zu machen. Nach dem Ziel war ich immer noch überraschend fit - ging ziemlich rund zur Dusche, zum zentralen Platz vor dem Rathaus und letztlich zum Auto von Robin, der uns beide schließlich zurück nach Braunschweig brachte. Wir hatten übrigens alle zu unrecht Sorgen vor unserer Aufgabe. Sowohl Robin mit seinen 3:15, als auch Jan Raphael erfüllten die Zielsetzung exakt - alle in überragend einheitlich gelaufenen Marathon-Rennen.

Erst als ich wirklich daheim war und etwas länger auf dem Sofa saß, merkte ich die Erschöpfung in den Beinen. Aber was wäre ja fast komisch gewesen, so einen Marathon völlig ohne Nachwirklungen zu laufen.

5
Gesamtwertung: 5 (11 Wertungen)

Eine tolle Erfahrung

und mit sehr ähnlichen Bedenken sehe ich meinem ersten PM-Einsatz entgegen. Komme gerade nicht mal zu langen Läufen. Scheixx-Planung.

Du hast Deinen Job jedenfalls hervorragend erledigt, auch wenn dem Ballon die Luft ausging - Dir nicht!

Dein gutes Gefühl im Ziel hätte ich dann auch gern.

Danke für Bericht und Einsatz!!

Hi,

vielen Dank für Deinen Einsatz und den Bericht mit den Fotos, das gibt einen guten Eindruck :-)

Herzliche Grüße!

GRATULIERE!

Das war eine wirklich tolle Leistung! Unter den 4h-Pacmakern, gab es noch einen Raphael, er kommt aus unserem kleinen Langlingen und hat sich, ich meine es war letztes oder vorletztes Jahr, in Hannover genau wie du als 3:30 Pace-Maker "geopfert". Das ist in der Tat keine leichte Aufgabe, Respekt!

Lieben Gruß
Tame

Hallo Daniel, danke für den

Hallo Daniel,

danke für den wie immer schönen Bericht aus Hannover!

Ich bin dort den Halben gelaufen und glaube sogar, dich gesehen zu haben. Aber erkannt habe ich dich natürlich nicht.

Das nächste Mal passe ich besser auf :-)

Super Job!,,

Wir sind aneinander vorbei gelaufen als die beiden Strecken zusammen geführt wurden. Der 3:30iger Ballon viel mir auf, weil ihr grade um die Ecke gerannt seid
Toller Bericht von dir , bisher wusste ich gar nicht , dass die routinierten Pacemaker auch so viel Respekt vor der ganzen Distanz haben.

2017

Klasse Leistung! Hoffentlich machst du 2017 wieder den Job, dann hänge ich mich auch an dich dran :)Ich bin bisher immer ohne PM gelaufen, finde den Job aber total wichtig! Die 3:30 traue ich mir jedenfalls alleine nicht zu.

Super Job

Super Job, Daniel! Glückwunsch!

@ Zockermaus: Oh doch! Ich weiß zwar nicht, ob ich als "routinierter Pacemaker" zähle (nach 9 Einsätzen bislang...), aber der Druck ist schon gewaltig. Marathon ist Marathon und da kann immer was schief gehen. Aber wenn ich "für mich" laufe, weiß ich, dass ich gehen oder notfalls abbrechen kann. Als Pacemaker sehe ich mich da eher in der Pflicht den "Job" auch zu Ende zu bringen. Außerdem ist es alles andere als einfach ein bestimmtes Tempo gleichmäßig durchzulaufen... Und irgendwann kommt immer der Schweinehund, egal ob langsamer Marathon oder schneller. Jedenfalls bei mir ;-))

"Gelaufen wird wie es geht, geschlafen wann es sein muß und wenn ich im Ziel bin, bin ich da" (Schalk)

Saarvoir courir - laufen im Saarland

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