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Benutzerbild von dfrobeen

Ich könnte wohl eine ziemlich lange Kausalkette bilden, warum ich am vergangenen Wochenende in Cardiff, Wales war und die Weltmeisterschaft im Halbmarathon mitgelaufen bin. Ich glaube aber tatsächlich, dass wenn ich nicht im April 2012 vorm Computer gesessen und den Livestream des Boston-Marathon geschaut hätte, wäre ich über Ostern 2016 wahrscheinlich wie gewohnt im heimischen Köln gewesen und hätte mich von der Oma mit Lammkeule, Kartoffeln und Bohnen verwöhnen lassen.

Aber da ich 2012 eben doch vorm Computer saß, habe ich mir Gedanken zu den Qualianforderungen zum Rennen in Boston gemacht. Hätte ich diese nicht besonders ernst genommen und mir nach 2jährigen Versuchen tatsächlich für das Rennen aller Rennen einen Startplatz gesichert, wäre ich 2014 nicht in Hopkinton an der Startlinie gewesen. Und wäre ich nicht dort gewesen, hätte ich wohl kaum im HI Hostel in der Stadt gewohnt und mir das Zimmer ausgerechnet mit Cedric geteilt. Cedric ist immer meine eigene Beruhigung, wenn mir Leute wieder nachsagen, dass ich mit meinen ganzen Wettkämpfen total verrückt sei. Als ich Cedric kennenlernte, war er eine Woche nach dem London-Marathon, den er in 2:38h lief, in 2:39h den Boston-Marathon gelaufen. Eine Woche später gewann er im Central Park New York einen 5-Meilen-Lauf der NYRR, dem ausrichtenden Club des New York Marathon. Cedric läuft nicht nur auch viele Wettkämpfe, er denkt sich auch gerne für diese etwas außergewöhnliches aus, meistens recht medienwirksam.

Seine persönliche Bestzeit ist er beim Berlin Marathon gelaufen, als Irina Mikitenko ihren Altersklassen-Weltrekord lief. Er stand im Startblock neben ihr und fand die Idee super das Rennen an ihrer Seite zu bestreiten, auch wenn ihr Tempo eigentlich über seinen Möglichkeiten liegt – es ging natürlich gut. Es existiert auch ein Zeitungsbericht in der London Times im Nachgang des letztjährigen London Marathon, der aufklärte wer denn der Läufer war der permanent beim Abschiedsrennen von Weltrekordlerin Paula Radcliffe neben ihr lief und nicht müde wurde in jede Kamera an der Strecke rein zu lächeln. Es gibt auch ein Videoausschnitt von der weltweiten Liveübertragung des letztjährigen Wings for Life Runs, als er neben der späteren Siegerin des Laufes in Kroatien lief und dabei mit einem Fußball spielte, den Kinder auf die Laufstrecke geworfen hatten. Übrigens war Cedric natürlich auf dem Werbeposter für diesen Lauf (weltweit!) abgedruckt und natürlich sah ich auf der Expo des letztjährigen Boston Marathon eine überlebensgroße Pappfigur von Cedric im Outfit, in dem er ein Jahr zuvor sein Mitgefühl gegenüber den Anschlagopfern von Boston 2013 äußerte.

Seit wir uns in Boston kennenlernten, schreiben wir uns regelmäßig und es wurde höchste Zeit, dass wir uns auch mal wieder persönlich über den Weg laufen. In einer seiner Mails aus dem letzten Jahr hing er ein Foto an, in dem er seinen Kopf in eine Schablone steckte auf der stand „I run the worlds in Cardiff“. Ein Blick auf die Teilnehmerliste und einige Eingabezeilen der Anmeldung später, war ich auch gemeldet – ich würde Cedric wieder sehen.

So flog ich also vergangenen Donnerstag abend von meiner neuen Heimat Berlin aus nach Bristol. Es war schon ein logistischer Kraftakt zu halbwegs akzeptablen Kosten über Ostern auf die britische Insel zu kommen. Bristol liegt gut 40km von Cardiff entfernt und wird von Berlin aus direkt mit EasyJet bedient. Nach einer Nacht im englischen Bristol und einem Frühstück in einer phantastischen Bäckerei, ging es per Zug nach Cardiff, wo ich schnell Zeuge werden konnte, dass a) es in Wales statt permanentem Regen tatsächlich auch sonnige Tage gibt und b) zurecht über Cardiff gesagt wird, dass es die Stadt in Großbritannien mit der höchsten Lebensqualität sei. Mein wunderschönes Hostel war nur wenige Minuten von der Startlinie entfernt. Diese lag direkt vor dem beeindruckenden Castle mitten in der Stadt und mittels ein paar Schritten zu Fuß durch einen wunderschönen Park, betrat ich ein Wassertaxi, welches mich zur Bay in den Süden der Stadt bringen sollte. Hier wiederum gab es ein eher modernes, aber sehr schönes Attraktivitäten-Viertel, in dem man sich auf vielerlei Art und Weise die Zeit vertreiben konnte.

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Nach Startnummernabholung, einem gemütlichen Koffeinnachschub in einem tollen Café in der Stadt, sowie einer abendlichen Pizza konnte ich aber auch definitiv nicht verdrängen, dass ich am nächsten Tag einen flotten Halbmarathon laufen sollte. Jetzt kamen wieder die Befürchtungen der letzten Wochen hoch, dass ich meiner Form aus den letzten beiden Jahren weit weit hinterherlaufe und das Rennen zur echten Qual werden konnte. Etwas flottes über mehr als 10km war ich ohnehin schon lange nicht mehr gelaufen, daher wusste ich auch gar nicht, was mir wohl für eine Zielzeit drohen würde.

Für das Rennen war miserables Wetter vorhergesagt. Am Tag zuvor war Sonne, am Tag danach war Sonne, am Vormittag des Rennens war Sonne. Aber exakt von 14 bis 16 Uhr sollte sich in Cardiff der Himmel kräftig ausleeren. Der Start der Weltmeisterschaft war um 14:10 Uhr.

Mutig gruppierte ich mich beim Start neben den 1:30h-Pacemakern ein und hoffte auf einen guten Tag, der mich mit ihnen gemeinsam das Rennen beenden sollte. Das wären zwar immer noch über 8 Minuten über Bestzeit, aber ein weiterer wichtiger Schritt in die Richtung, bald wieder flotte Rennen bestreiten zu können.

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Mit dem Startschuss war der Regen auch noch erträglich und es ging bei Seitenwind auf die ersten Kilometer aus dem Zentrum heraus. Es gelang mir tatsächlich bei den Pacemakern zu bleiben und es fühlte sich auch so an, selbige Geschwindigkeit noch über einen langen Zeitraum beibehalten zu können. Der erste km endete nach 4:07 Minuten, es folgte eine 4:19, wieder eine 4:07 und dann pendelte sich die Pace rund um 4:15 ein, was der erhofften Endzeit von 1:30 entsprach.

Kilometer 6 war ein kleiner Ausreißer, da wir nach einer Rechtskurve in den frontalen Gegenwind erstmals Zeuge wurden, was uns später im Rennen noch ganz schön das Leben schwer machen sollte. Auf den folgenden Teilstücken, kamen wir mit den Pacemakern wieder voll in den Plan für die angestrebte Zielzeit.

Am südlichsten Punkt der Strecke, etwa bei km8 ging es dann erstmals doch merklich bergauf. Die Strecke war als flach und schnell angepriesen worden, aber so ganz ohne Steigung kommen doch die wenigsten Strecken aus. Hier kämpfte ich durch mein hohes Gewicht erstmals mit der Gruppe, kämpfte mich aber nochmal dran. Es folgte ein Teil der Strecke auf einer breiten Holzplanke entlang der Bay, die mir schon am Vortag als wunderschön aufgefallen war. Danach ging es aber wieder ein Stück bergauf und ich verlor den Anschluss an die Pacemaker. Ich hätte mich sicher nochmal herankämpfen können, aber das hätte auf Dauer doch ganz schon viel Kraft gekostet und keine Ahnung, ob ich das Tempo wirklich hätte halten können, oder dann total eingebrochen wäre.

Ab Kilometer 13 wäre es noch schwieriger geworden. Bislang hatte es entgegen der Wettervorhersagen nur leicht geregnet, teils nur genieselt. Aber als ich den 13. Kilometer passiert hatte, öffnete der Himmel auf einen Schlag seine Pforten und es fühlte sich so an, als ob jemand mehrere Eimer Wasser auf einen Schlag über meinen Kopf schüttete. Das war auf dem langen Teilstück der Strecke nach Norden, wo es nach bisherigem Wind die angenehmste Laufunterstützung gab. Von nun an war ich aber nicht nur nass, sondern auch völlig einem wilden Windchaos ausgesetzt. Es blies von allen Seiten und im Zweifel auch gerne mal frontal ins Gesicht.

Ab jetzt wurde es mühsam, die Schuhe waren nass, ich war nass, einmal richtig nass wurde es auch recht kühl und ich begab mich in sportliche Regionen, die ich zuletzt nicht trainiert hatte – Tempolauf weit über 10km am Stück hinaus. Ich war eigentlich ganz froh, dass die nächsten Kilometer-Teilstücke gar nicht so sehr abfielen, wie befürchtet. Nachdem ich die Pacemaker bei km11 ziehen lassen musste, war ich immer noch bei einer Pace von 4:21 bis 4:24. Der fünftzehnte ging dann aber erstmals über 4:30 raus. Es folgte km16 in 4:38 und dann überraschte mich auch noch ein lang gezogener, kräftiger Anstieg. Jetzt war der Punkt gekommen, wo ich einfach nur noch heim wollte. Die Teilstücke 17 und 18 bergauf in über 4:41. Wir waren jetzt an einem See und ich wusste, dass an dessen Nordende ein Wendepunkt wartete, von dem aus es dann straight nach Süden in Richtung Ziellinie ging.

Ich redete es mir schön. Mir blies der Wind immer noch frontal ins Gesicht, also sollte es nach dem Wendepunkt doch für die letzten 3 Kilometer Rückenwind geben. Außerdem war ich gerade kräftig bergauf gelaufen, dann müsste es logischerweise zurück auf der anderen Seite des langgezogenen Weges auch wieder bergab gehen. Ich würde schon ins Ziel kommen, die Frage war nur noch, wie viel ich auf die 1:30 Pacemaker verlieren würde, die schon längst für mich außer Sichtweite waren.

Meine erste Wahrnehmung nach dem psychologisch rettenden Wendepunkt war erstmal die totale Ernüchterung. Ich hoffte jetzt darauf, dass mich der starke Wind jetzt förmlich ins Ziel wehen würde und ich gar nicht mehr meine Beine benutzen müsste. Statt dessen wehte mir als erstes mal eine Windbö frontal entgegen…vielen Dank! Aber dennoch schien der psychologisch positive Effekt des „nur noch nach Hause laufens“ stärker als der negative des „scheiße, hier ist auch Gegenwind“. Kilometer 19 ging wieder in 4:31 raus und auch wenn ich mich in meinen Windüberlegungen scheinbar deutlich getäuscht hatte, die Erdstruktur würde das waliser Wetter nicht spontan verändern. Also ging es nun tatsächlich bergab dem Ziel entgegen.

Etwas schade, dass man das Ziel nicht wirklich entgegen kommen sah. Wir waren in einer Wohngegend unterwegs, ich wusste aber, dass das Ziel recht zentral neben dem beeindruckenden Rathaus lag. Ich mag es, wenn man von der Struktur der Umgebung merkt, dass es jetzt wieder städtischer wird und das erlösende Ziel immer näher rückt. Mittlerweile war ich aber bei km20,5 und das Rathaus war immer noch nicht erkennbar. Es folgte eine 90-Grad-Rechtskurve und ich hoffte dahinter freien Blick auf tobende Menschenmassen im waliser Regen. Statt dessen eine letzte harte Ernüchterung. Sie war vielleicht nur 100m lang, aber es war eine Rampe – steil bergauf. Dieses Szenario bei km15 und ich hätte wohl den nächsten Zuschauer nach dem Bus zurück zur Gepäckaufbewahrung gefragt. Aber es konnte rein logisch nicht mehr weit sein, also nochmal alles geben und diese Rampe hocheilen. Oben angekommen sah ich dann die erste Ecke vom Rathaus und merklich mehr Zuschauer.

Generell gilt zu sagen, dass das Publikum wirklich beeindruckend war. Der gemeine Waliser scheint Regen derart gewohnt zu sein, dass er sich auch davon nicht abhalten lässt seine Weltmeisterschafts-Läuferhelden auf dem Weg zum Ziel anzufeuern. Es folgte eine Linkskurve und dahinter dann freier Blick auf den Zielbogen. Ich gab nochmal Gas, sodass der letzte volle Kilometer trotz Anstieg in 4:17 endete und für die letzten 100m meldet meine GPS-Uhr ein Tempo von unter 4:00 Minuten.

Ich war froh im Ziel zu sein. Meine manuell gestoppte Zeit von 1:32:58 sollte sich später auch bestätigen. 3 Minuten unter meiner erhofften Zeit, 11,5 Minuten über meiner Bestzeit und über 8 Minuten über meiner letztjährigen Halbmarathonzeit. Das sind schon Dimensionen, an die man sich gewöhnen muss. Aber ich war dennoch glücklich, der Trend geht weiterhin aufwärts und die Saison ist noch lang.

Ausgestattet mit Finisher-Medaille, -Shirt, zwei Bananen und Wasserflaschen begab ich mich auf den Weg zur Gepäckaufbewahrung. Schlagartig wurde mir eisekalt – jetzt kam der eigentlich noch härtere Kampf. Schnellstmöglich die gut 500m zu den erstmal rettenden warmen Überziehklamotten. Diese gequält bewältigt sprach mich die Frau an der Ausgabe auf Englisch an, warum ich ein Shirt aus Braunschweig trage. Ich hörte es sofort, sie war selbst deutsche und ich klärte sie auf. Sie war nach Swansea ausgewandert und half nun bei der Halbmarathon-WM in Cardiff.

Endlich in langen, trockenen Klamotten überlegte ich, wie der Tag weitergehen sollte. Mir fiel auf, dass ich immer noch nicht Cedric getroffen hatte, der ja der eigentliche Auslöser meiner Reise war. Ein paar Versuche der Kontaktaufnahme scheiterten und auch im Startblock hatten wir uns nicht gesehen. Ich überlegte ihn vor Ort zu suchen, denn er würde zwar schneller gelaufen sein, aber ich kenne ihn und seine Eigenschaft im Zielbereich immer maximal die Möglichkeiten wie Massage, Zielverpflegung etc. auszukosten. Aber die Chance ihn zu finden erschien mir zu gering und jeder Finisher war nur noch darum bemüht auf schnellstem Wege ins Warme zu kommen. Also entschloss ich mich auch auf direktem Wege durch den starken, kalten Regen in mein Hostel zu gehen. Die ca. 800m fühlten sich wie eine Ewigkeit und ich war froh endlich heiß duschen zu können.

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Nach Belohnungsdinner und ein paar Belohnungsbierchen in den tollen Pubs von Cardiff, erklärte ich den Tag dann für beendet. Am nächsten Morgen überlegte ich, wie ich meine Zeit in Cardiff ausklingen lassen sollte. Als Top-Sehenswürdigkeit auf Tripadvisor wird ein Freilichtmuseum etwas außerhalb der Stadt angepriesen. Ich entschied mich für eine Busfahrt dorthin und entnahm dem Internet, das dieser um 11:30 Uhr nahe des Bahnhofs fahren sollte. Dort pünktlich angekommen erfuhr ich aber, dass der ganze Busplan umgestellt sei und mein Bus nun um 12:05 Uhr direkt vor meinem Hostel fuhr. Also latschte ich zurück und erfuhr, warum ich eigentlich diesen Bus nicht nehmen sollte. Als ich an der Haltestelle für 12:05 Uhr ankam, lief mir Cedric in die Arme. Was für ein Zufall, eigentlich wäre ich schon aus der Stadt gewesen. Er war am Vortag eine 1:17 gelaufen und ich hätte ihn vergeblich im Zielbereich gesucht. Auch er wollte sofort in eine warme Umgebung.

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12916970_1267938909900847_2766086739751476056_oIch freute mich über das zufällige Treffen, erlebte einen schönen Tag im Freilichtmuseum (natürlich bei sonnigem Wetter) und kehrte rechtzeitig wieder nach Cardiff zurück um maximal britisch einen traditionellen Afternoon Tea direkt neben dem Castle einzunehmen. Abends ging es per Bus nach London, von wo aus ich nach einem weiteren schönen Sightseeing-Tag dann zurück nach Berlin fliegen sollte.

 

5
Gesamtwertung: 5 (10 Wertungen)

Ich mag deine Blogs!

Vielen Dank fürs Aufschreiben!
Starke Leitsung von dir! So eine Zeit ist für mich unvorstellbar.
Glückwunsch!
PS: Ich bin etwas neidisch auf deinen Afternoon Tea :-)

Wow!

Eine schöne Tour mit einem schönen Lauf! Und wenn man bedenkt, was du hinter dir hast, ist die Zeit doch mehr als ordentlich! Super, dass es Schritt für Schritt aufwärts geht! Und danke für den Bericht!

"Gelaufen wird wie es geht, geschlafen wann es sein muß und wenn ich im Ziel bin, bin ich da" (Schalk)

Saarvoir courir - laufen im Saarland

Ich finde beeindruckend

in welchen Schritten es bei Dir bergauf geht nach Roth. Bei einer WM dabei zu sein - der Hammer. Du machst nur außergewöhnliche Sachen - genieß es!

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