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Benutzerbild von dfrobeen

Wenige Tage nach dem New York Marathon fand ich in Facebook ein Foto, was sehr sehr treffend mein Rennen im Big Apple beschrieb. Auf dem Foto ist eine Zuschauerin zu sehen, die ein Schild mit den Worten "LAST DAMN BRIDGE" in die Luft hält. Damit beschreibt sie so zutreffend meine Stimmungslage während der zweiten Hälfte des Rennens und den Tagen danach bei der Beantwortung der Frage, warum ich nicht hätte schneller laufen können.

Ich versuche mir ja auch einzureden, dass ich mit dem geleisteten hoch zufrieden sein kann. Nachdem ich noch am 12.Juli mit vier gebrochenen Lendenwirbeln und einem fast rechtwinklig geknacksten linken Schlüsselbein in die Kreisklinik Roth eingeliefert wurde, hätte ich wahrscheinlich Jubelsprünge gemacht, wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich in diesem Jahr überhaupt noch einen Marathon laufen werde. Und auch als das schon in den Bereich des Möglichen gerückt war und ich nach knapp 10 Wochen Pause wieder mit dem Training anfing, fühlte es sich wiederum ganz und gar nicht so an, als ob ich auch nur annähernd eine brauchbare Zeit abliefern könnte.

Ich hatte 6 Wochen Zeit zur Vorbereitung und konnte nach 10 Wochen Dauercouchliegens auf keinerlei Grundlagen aufbauen. Dennoch machte ich erfreuliche Fortschritte und legte mich dann rund 3 Wochen vor dem Rennen fest, dass ich als Ziel die Bostonqualifikation für 2017 anstrebe. Im Prinzip hätte das für mich bedeutet unter 3:15 Stunden laufen zu müssen (hierbei ist leider berücksichtigt, dass ich 2017 erstmals in der Altersklasse M40 *schnüff* starten werde). Ganz konkret hat sich in den letzten 3 Jahren aber gezeigt, dass die tatsächliche Qualifikationszeit noch darunter liegt, da mittlerweile deutlich mehr Bewerber die notwendige Zeit für ihr Geschlecht und Altersklasse unterbieten und dann anteilig die Qualifikationszeit weiter runter gesetzt wird, bis genau die Anzahl zur Verfügung stehender Startplätze erreicht ist. In diesem Jahr war der Cut-Off dann bei BQ-2:28, mit anderen Worten ich hätte für 2016 eine 3:12:32 gebraucht um in Boston starten zu können (ich habe für nächstes Jahr eine 2:54:23 als Qualifikationszeit, deshalb bin ich wieder dabei). Hätte, wenn und aber hatte ich mir also eben diese 3:12:32 als virtuelles Ziel gesetzt, unter der ich in New York bleiben wollte.

Zur Erreichung dieses Ziels habe ich mir einen verkürzten Trainingsplan a la Herbert Steffny geschrieben. Zwei Wochen wollte ich mich an Geschwindigkeit und Umfänge der regulären Vorbereitung heran führen, dann 3 Wochen Gas geben und die letzte Woche vor dem Rennen tapern. Auch zwei Testrennen habe ich eingebaut. Beim Braunschweiger Stadtlauf rannte ich entgegen meiner Erwartung und Leistungsfähigkeit eine 40:06 über 10km. 2 Wochen später in Köln bildete ich mir dann sogar ein, den Halbmarathon unter 1:30h laufen zu können, wurde aber von der Realität wieder eingeholt. Mit 1:31:40 scheiterte ich an dem Ziel doch deutlich und machte mir bewusst, dass ich für New York kleinere Brötchen backen muss. Nach den Steffny'schen Umrechnungsfaktoren bedeutete die Zeit bei optimaler weiterer Vorbereitung eine 3:13:25 auf dem Marathon und damit war ich ja im Bereich meiner angestrebten Zielzeit.

Die Reise nach New York trat ich bereits zwei Wochen vor dem Rennen an und Spätherbst im Nordosten der USA schreit danach die Zeit für eine Indian Summer-Tour zu nutzen. So ging es auf Reisen und es wurde eine Tour, die ich uneingeschränkt jedem weiteren New York Marathon Läufer zur Nachahmung empfehlen würde. Nach Ankunft in New York und einem eintägigen Zwischenstop in Washington D.C. ging es bei herrlichem Wetter in den Shenandoah National Park, wo ich Fotos von fast unendlich wirkenden bunten Herbstwäldern machen konnte und auch meinen letzten langen Lauf machte, der somit zu einem echten Berg- und Tallauf wurde. Nach gut 3 Tagen im Park ging es dann über Richmond ins Historic Triangle um die volle Dröhnung amerikanischer Geschichte zu erleben. Hier waren es in Jamestown die ersten erfolgreichen britischen Siedler, die sich auf noramerikanischen Territorium behaupten konnten. Wenige Kilometer in Williamsburg entstand dann die erste größere Stadt und noch etwas weiter in Yorktown fand die wohl entscheidende Schlacht im Unabhängigkeitskrieg statt, wo die Siedler gemeinsam mit französischer Hilfe den Engländern mitteilten, dass sie sie eigentlich relativ doof fanden.

Nach zwei Tagen geballter Geschichtslehrstunde ging es dann die Küste entlang zurück nach Norden. Die Cincoteague-Insel entpuppte sich als spontaner Zufallsglücksgriff, weil ich einen dritten Tag amerikanische Geschichte etwas übertrieben fand. Die nächste Nacht verbrachte ich dann in Cape May, bevor es mit einem Tag Aufenthalt in Philadelphia wieder zurück nach New York ging.

Die Reise war deshalb so toll, weil sie eine sehr gelungene Mischung aus verschiedenen Sightseeing-Elementen (Natur, Geschichte, Städte) war und keine aufwendigen logistischen Kraftakte erforderte, wie ich es schon so ab und an im amerikanischen Westen vollzogen habe. In New York kam ich nun so langsam in Marathon-Stimmung und vor dem eigentlichen Lauf sollten noch zwei Events im Rahmenprogramm auf mich warten.

Bereits im Vorfeld erhielt ich die Zusage des Veranstalters als Teil der deutschen Delegation bei der Eröffnungsfeier vorbei an den Tribünen über die Ziellinie zu marschieren. Ich fühlte mich geehrt und es wurde ein tolles Erlebnis. Nach der Aufstellung starteten von allen Seiten massive Kontaktaufnahmen zwischen allen Ländern. In der alphabetischen Aufstellung tastete man sich so von "Germany" ausgehend vorwärts und traf andere Marathonies aus "France", "Ecuador", "Dominikanische Republik", China etc. Die Stimmung war toll und es war irre vor prall gefüllten Tribünen sein Land präsentieren zu dürfen.

Bei der Wahl eines "landestypischen Outfit", wie es vom Veranstalter gewünscht war, entschied ich mich gegen vorurteilsfördernde Maßnahmen a la Lederhose und präsentierte meine kölsche Heimat mittels eines Karnevaloutfits. So war auch ich ein beliebtes Ziel der Fotokameras, besonders fiel mir aber ein Profiobjektiv auf der Tribüne auf, welches direkt auf mich gerichtet war. Dahinter erkannte ich direkt die auffälligen Locken des Fotografen - es war Herbert Steffny, der Autor meiner Trainingspläne. Ich ging zu ihm hin, grüßte und bedankte mich für die Trainingspläne.

Den Abschluss des stimmungsvollen Freitag abend bildete ein großes Feuerwerk im Central Park, welches die Eröffnungsfeier auch beendete.

Samstag früh dann Event Nummer zwei. Seit meinem ersten sub3-Marathon im Frühjahr 2014 laufe ich auch gerne die oft angebotenen kurzen Läufe am Vortag des Marathon mit. Bislang konnte ich den kurzen Temporeiz ganz gut Verarbeiten und in den Marathon am Folgetag mitnehmen. Das hat in Rotterdam (4,2km in 15:16) und Boston (5km in 18:37) ganz gut geklappt.

Ich glaube ab 2016 werde ich auf diesen Quatsch verzichten...man wird halt alt :-(. In New York rannte ich recht gequält noch eine 19:56 über 5km und empfand die Regenerationszeit bis zum Start am nächsten Morgen doch zu kurz. Es war auch hier schon ein tolles Event. Der Start erfolgte vor dem UN-Hauptquartier und es ging recht wellig durch das Herz Manhattans, die 5th Ave rauf und rein in den Central Park. Der letzte Kilometer war identisch mit der Marathonstrecke, wodurch ich schon mal einen Eindruck gewinnen konnte, was mich am nächsten Tag erwarten würde.

Den Rest des Samstag verbrachte ich dann möglichst entspannt. Ich bin ganz froh, dass ich New York mittlerweile ganz gut kenne und mir keinen Stress mehr mache bis zur letzten Sekunde Sightseeing machen zu müssen. Da ich noch Souvenir-Shopping gehen wollte, fuhr ich nochmal zur Expo und war hocherfreut, als etwa 2h vor deren Schließung auf alle Merchandising Artikel 50% Rabatt ausgerufen wurden. So erstand ich doch noch die Asics-Laufjacke zum Marathon und eine Longtight zu wirklich guten Preisen.

Am Wettkampftag erwartete mich dann die aufwendigste Logistik, die ich je bei einem Marathon erleben durfte. Mein Start war für 9:50 Uhr angesetzt, aber um Viertel vor Sechs war ich unterwegs um den strikt vorgegebenen Zeitplan einhalten zu können. Meine Reise begann in meinem Hosten an der 103 St mit der Subwayfahrt zur Fähre nach Staten Island. Man musste sich schon Monate vorher festlegen, welche Fähre man nehmen möchte. Nachdem ich die Fähre nach der 20 minütigen Überfahrt verlassen habe, erfolgte ein Shuttlebus-Transfer zum Start-Village. Hier begannen nun die letzten Vorbereitungen auf den Start. Irgendwie musste man die 2,5 Stunden ja auch rum kriegen, die man hier verbracht hat.

Immerhin gab es ordentlich Verpflegung, die auch soweit in meine Pre-Race-Routine passte. Ich holte mir sofort 3 weiße Bagel, einen Kaffee und ein paar Iso-Getränke. Der Aufenthalt im Startvillage wollte wie auch in Boston sorgfältig geplant sein. Auch hier gab es keine Möglichkeit eines Transports von Klamotten vom Start zum Ziel. Also musste ich alles, was ich für das Rennen und auch die Post-Race-Routinen brauchte schon am Mann und auf der Strecke haben. Konkret trug ich kurzes Rennoutfit, ein paar Gels, Kredit- und Metrokarte und hatte mir wie auch schon in Boston am Vorabend einen billigen langen Schlafanzug gekauft, den ich den Morgen tragen und dann am Start gleich wieder entsorgen konnte. So blieb ich halbwegs warm.

A propos warm. Wir hatten dieses Jahr richtig Glück mit dem Wetter. Anfang November in New York kann auch schon mal sehr frisch sein und vor allem letztes Jahr mussten die Marathonies dies empfindlich spüren. Dieses Jahr waren aber im Startvillage so um die 8 Grad und wärend des Rennens erwärmte sich die Temperatur noch auf sehr angenehme 14 bis 16 Grad.

Irgendwann ging es dann auch endlich zum Start und selbst dort war nochmal warten angesagt. Aber pünktlich um 9:50 Uhr erging dann zusammen mit Frank Sinatras "New York, New York" der Startschuss. Am Vortag auf der Expo hatte ich mir noch einen Vortrag zum Kurs angehört. Was vor allem hängen geblieben war der Satz "Der längste und höchste Anstieg des Rennens ist Meile 1" gefolgt von "der längste und tiefste Bergab-Teil des Rennens ist Meile 2".

Da ich ohnehin gar nicht so richtig einen Plan hatte, wo ich in Sachen Marathon-Leistungsfähigkeit stehe, wollte ich Meile 1 also passiv angehen und dann mal gucken was geht. Als Indikation hatte ich mir erstmal die 3:05-Pacemaker genommen und deshalb auch nicht von meinem Recht gebrauch gemacht aus dem Startblock 1A zu starten. Wir liefen los und es fühlte sich ziemlich entspannt an. Bei km1 stoppte meine Uhr bei 4:54 Minuten. Mir war klar, dass ich die 50hm die Brücke rauf etwas Zeit verliere. Aber gleich eine halbe Minute auf die Soll-Pace, empfand ich doch recht viel.

Bei Meile 1 sagte Christiaan, der 3:05-Pacemaker, dass wir 50 Sekunden hinter Plan sind und eine erste leichte Panik machte sich breit - aber ab nun ging es ebenso steil bergab und die Pace wurde trotz weiterhin lockeren Laufschritts schneller. Kilometer 2 endete nach 4:13 Minuten und als der reine Bergab-Kilometer 3 in 3:57 Minuten endete, war ich wieder völlig entspannt, was das Pacing anging.

Nun folgte das sehr lange Stück die 4th Ave durch Brooklyn hoch. Hier war eine tolle Stimmung und ich genoss es, dass wir durch die Streckenführung mal Gelegenheit hatten auch die Teile New Yorks zu sehen, die man sich als normaler Tourist sonst nicht anschaut. Schon seit Jahren verfolgt nämlich die Streckenführung des New York Marathon das Ziel durch alle 5 Boroughs zu führen und deshalb erfolgt der Start im entlegenen Staten Island und man muss die lange Überführung in Richtung Manhatten durch Brooklyn.

Erst mit der Halbmarathonmarke war die Brücke von Brooklyn nach Queens erreicht. Diese zweite Brücke des Rennens hatte nicht so viele Höhenmeter und wurde daher von mir recht zügig überquert. Die weitgehend flachen Kilometer seit der Verrazano-Narrows-Bridge gleich zu Beginn, gingen nach Plan in 4:12 bis 4:27 raus. Für ein paar Kilometer fühlte ich mich sogar so gut, dass ich dem 3:05-Pacer ein paar Meter enteilt war. Ich integriere die Zug- und Bremsläufer zwar gerne in meine Renntaktik, aber in den dann doch größeren Läuferpulks renne ich dann doch wieder weniger gern. Bei km18 hatte mich Christiaan aber auch schon wieder eingeholt und ich wollte zumindest bis zum Halbmarathon bei ihm bleiben.

Kurz vor der Brücke wurde mir aber ein Problem der aufwendigen Logistik transparent. In der ganzen Planung, was und wann ich mitnehme, hatte ich vergessen meine Brust abzukleben. Da sich diese schon zu diesem frühen Zeitpunkt des Rennens merklich wund gescheuert hatten, entschloss ich mich etwas entgegen meiner sonstigen Einstellung mein T-Shirt auszuziehen und mit diesem in der Hose steckend oben ohne weiterzulaufen.

Nach der Halbmarathon-Marke realisierte ich dann auch für mich, dass Christiaan und ich nicht großartig weiter gemeinsame Sache machen würden. Ich war einfach nicht auf eine 3:05 vorbereitet und akzeptierte dies auch recht flott. Die gut 5 Kilometer durch Queens gingen dann in immer noch brauchbaren 4:26 bis 4:33 raus, doch dann kam der erste große Killer des Rennens - die Queensboro Bridge.

Diese war die Überführung erstmalig nach Manhattan und hatte ein ähnliches Profil wie die Verrazano-Narrows-Bridge. Diese war aber viel gemeiner als die Brücke gleich nach dem Start. Erstens hatte man schon 25km in den Beinen und zweitens hatte die Brücke eine leichte Wölbung. Dadurch hat man nie so richtig gesehen, wie lange der Anstieg noch geht. Man konnte immer ca. 100m voraus sehen und hatte das Gefühl dort den Scheitel erreicht zu haben. Diesen Eindruck hatte man aber etwa 16mal, denn der gesamte Anstieg hatte wieder eine ganze Meile. Das hat schon echt Kraft gekostet und die Pace ging wieder bergab. Erst war ich noch entspannt, hatte ich doch auf der ersten Brücke erlebt, dass man die verlorene Zeit locker bergab wieder aufholt. Aber ab dieser Brücke sollte dies anders werden.

Bergab verlor ich ab dieser Brücke immer etwa 10 Sekunden an Pace, da ich bergauf wichtige Körner lassen musste. Die Kilometer 30 bis 33 die 1st Ave hinauf langen nun im Bereich 4:27 bis 4:40-Pace. Die Stimmung hier war phantastisch. Vorher, insbesondere in Brooklyn, war die Strecke von Zuschauern gesäumt. Aber in Manhattan nun schienen nun die mitgereisten Fans der vielen Touristen an der Strecke zu stehen. Leider war mir bewusst, dass es bis zum Ziel noch ein Haufen Arbeit ist und die Beine wurde immer schwerer.

Nun folgte die nächste Brücke. Die Willis Avenue Bridge führte uns im Norden Manhattans raus in die Bronx. Damit hatten wir nun auf alle 5 Boroughs unseren Fuß gesetzt. Hier war die Stimmung etwas zurückhaltender auch die Streckenführung nicht so attraktiv, wie im weltbekannten Manhattan. In dieser kurzen Stimmungspause stieg einem in den Kopf, dass es immer noch 10km sind. Ich fühlte mich grundsätzlich ganz gut, wusste dass ich das Rennen solide ins Ziel bringen würde. Gleichzeitig fehlte mir aber die Kraft um nochmal richtig Dampf zu geben.

Das es anderen Teilnehmern noch deutlich schlechter ging als mir zeigte mir eine Unterhaltung mit einem weiteren deutschen Teilnehmer auf der kurzen Schleife in der Bronx. Ich überholte ihn recht zügig und sagte dabei aufmunternd "Komm, noch 10km - die gehen immer". Er bedankte sich freudlich, ergänzte aber sofort, dass dies für ihn sehr sehr harte 10km werden.

Das es mir aber wiederum nicht so gut ging, wie ich es mir wünschte, zeigte sich wenige Meter später, als ich vom 3:10-Pacemaker ebenso mühelos überholt wurde. Das war mir eigentlich zu früh. Christiaan für die 3:05 hatte ich ziehen lassen, aber mit dem 3:10-Läufer hatte ich eher etwas später gerechnet. Spätestens ab jetzt wusste ich, dass es noch ein Kampf werden würde um die erhoffte sichere Boston-Quali zu erreichen. Um ganz sicher zu gehen, peilte ich mittlerweile eine 3:11:xx an und ich begann zu rechnen, was ich die letzten km laufen musste um dieses Ziel zu erreichen. Dabei rechnete ich immer rückwärts, ab wann ich mir 5er-Kilometer erlauben kann - die traute ich mir bis zum Ziel noch zu.

Als nächstes folgte nun die "LAST DAMN BRIDGE. An einem normalen Trainingslauf wäre sie mir von der Steigung her wahrscheinlich gar nicht aufgefallen, aber bei km35 tut sie dann doch weh. Dieser Kilometer ging dann in 4:50 raus und wieder ereignete sich das Phänomen, dass ich hinterher im Flachen nicht mehr zur Pace von zuvor zurück kam.

Aber a propos flach - dazu kam es dann nicht mehr lange. Wieder in Manhattan umkurvt man in Harlem den Marcus Garvey Memorial Park und gelangt dann auf auf die ewig geradeaus führende 5th Ave.. Dadurch sieht man das Unheil schon von weitem... Auf dem Weg zum rettenden Central Park steht noch eine letzte ordentliche Steigung an. Ich komme dieser immer näher und rechne von Kilometer zu Kilometer meine 5-Minuten-pro-Kilometer-Hypothese durch.

Kilometer 38 hat netto 18 positive Höhenmeter - klar, nicht die Welt...aber wir reden von km38. Ist irgendwie vergleichbar mit dem Gorch-Fock-Wall in Hamburg. Der hat glaube ich 9 Höhenmeter, liegt aber bei km41. So habe ich schon viele Läufer gesprochen, die genau wissen wenn ich vom "Berg von Hamburg" rede. Jedenfalls benötige ich für km38 in New York 5:04 Minuten. Meine 5-Minuten-Rechnung droht zu platzen. Und der Anstieg ist noch nicht beendet.

Es sind nochmal etwa 15 Höhenmeter (jaja, das sind Zahlen, über die man auch gerne mal lächeln kann) hoch, bis der Scheitel erreicht ist und wir in den Central Park einbiegen. Ab hier kenne ich mich aus, die Strecke hier bin ich schon viele male gelaufen. Vom Streckenprofil her weiß ich, dass es netto ab jetzt bergab geht. Aus meiner Erfahrung weiß ich aber, dass es wellig bergab geht und immer wieder kleine Bergauf-Stückchen warten.

Ab jetzt ist es wirklich ein Kampf. Da das Ziel in greifbarer Nähe ist, gelingt es mir den Survival-Modus einzuschalten und halte die Pace weiterhin unter 5:00. Ich freue mich bei jedem Summen meiner Pulsuhr und dem Anblick einer "4" als Anfang des Wertes meines letzten Kilometers. Die Rechnung muss doch jetzt irgendwann aufgehen und wenn ich die letzten Kilometer auch noch um die 5 Minuten bleibe, dann muss doch die 3:11:xx als Zielzeit stehen.

Leider habe ich da einen entscheidenden Faktor missachtet - bzw. eigentlich sogar zwei. Als noch einige Kilometer zu laufen waren, hatte ich der Einfachheit halber einfach mit einer Wettkampfentfernung von 42km gerechnet. Die 195 Meter im Anschluss sind ja nicht so viel...den Denkfehler habe ich schon des öfteren gemacht. Außerdem hat mich auch schon am Vortag beim 5km-Rennen die Uhr betrogen. Zwischen den Wolkenkratzern in Manhattan scheint das GPS-Signal unglücklich gespiegelt zu werden und meine Uhr zeigt zum Teil deutlich mehr Strecke an, als tatsächlich gemacht wurde.

Zwischendurch hatte ich meine km-Zeiten auch immer gegen die Meilen-Markierungen an der Strecke validiert. Aber zum Ende des Rennens hin werden sogar einfache Rechenaufgaben zur Qual. Selbst als meine Uhr den 41sten Kilometer in 4:53 anzeigte, war ich sicher unter 3:12 zu bleiben.

Man läuft dann nochmal ein Stück aus dem Central Park raus und an dessen Südgrenze entlang. Hier kam mir das noch zu laufende Stück optisch in Relation zur verbleibenden Zeit viel zu lang vor. Am Columbus Circle ging es dann wieder rein in den Park und dieses Stück war ich nun wirklich schon x-mal gelaufen. Aber als ich auf den wirklich allerletzten Hügel, ca. 150m vor dem Ziel zulief, war mir dann klar, dass es zu keiner 3:11 reichen wird.

Ich hatte auch die genaue Zeit nicht im Kopf, die ich mir als Ziel gesetzt hatte um die virtuelle Boston-Qualifikation zu schaffen. Ich nahm einfach die Beine in die Hand und wollte, dass es zu Ende geht. Meine offizielle Zielzeit wurde dann eine 3:12:51 - wirklich eine tolle Zeit, über die ich mich sehr freue. Dennoch waren es dann doch 19 Sekunden über der angestrebten Zielzeit. Weshalb ich neben der Freude doch eine kleine Träne weine.

Voraussichtlich werde ich im Frühjahr ohnehin schneller laufen und New York gar nicht als Qualifikationszeit nutzen müssen. Aber spätestens seit dem Sturz weiß ich, dass immer etwas dazwischen kommen kann. Wenn ich mich mit der 3:12:51 auf Boston 2017 bewerben muss, werde ich einige Tage lang wohl schlecht schlafen - das wird ganz knapp.

Nach dem Zieldurchlauf in New York merkt man dann, dass es sich um eine Massenveranstaltung handelt. Im Ziel bekommt man seine Medaille um den Hals und die Fotografen machen die Finisherfotos. Dann wird man weiter getrieben. Es gibt absolut keine Möglichkeit mal kurz zu sich zu kommen. Nach ein paar hundert Meter kommt das medical tent, wo die Helfer den Finishern tief in die Augen sehen und checken, ob es ihnen gut geht.

Ich gehe erst vorbei - medizinische Hilfe brauche ich nicht. Nach ein paar weiteren Metern sehe ich aber, dass ich bestimmt noch einen Kilometer gehen muss, bevor ich in die rettende Subway einsteigen kann. Nein, ich möchte mal einen Moment sitzen, gehe zurück zum medical tent, erzähle was von meiner gereizten Achillessehne und setze mich hinein. Ich bekomme einen Eisbeutel für den Fuß, Wasser, 2 Salzbeutelchen und Gatorade. Das tut mir wirklich gut und ich komme wieder zu kräften.

Jetzt nehme ich den Fußmarsch zur Subway frisch motiviert in Angriff, treffe im Zug einen Fotografen, Kenny Rodriguez, der noch ein Bild von mir macht und es mir hinterher sendet und erreiche glücklich mein Hostel.

Ein paar Tage später lese ich die Geschichte eines Italieners, der nach dem Ziel ganze zwei Tage völlig orientierungslos durch Manhattan irrte und sein Hotel suchte. Er hatte unterwegs den Zettel mit seiner Hoteladresse verloren, tagsüber sein Hotel gesucht und sich nachts in der Subway warm gehalten. Ich kann verstehen, dass man die Orientierung verliert. Schließlich kann man ja nichts im Zielbereich hinterlegen, z.B. ein Handy. Aber ich bin doch sicher, dass ich innerhalb von zwei Tagen eine Möglichkeit gefunden hätte auf anderem Wege meine Unterkunft zu finden. Lustig finde ich die Geschichte trotzdem.

Ich habe nach New York zwei Wochen Pause gemacht. In der Zeit ist privat-beruflich einiges bei mir passiert und ich konnte den Blick nach einem Großevent wieder in Richtung Zukunft richten. Mittlerweile baue ich neue Form auf, d.h. ich starte wieder ganz entspannt mit Grundlagentraining und setze kurze, schnelle Temporeize. Um nächstes Jahr wieder schnellere Marathon zu laufen, muss ich einfach schneller werden. Ich bin gespannt!

5
Gesamtwertung: 5 (10 Wertungen)

Danke für den spannenden Bericht

und die tollen Fotos. Habe gehört, dass NYC nicht der schnellste Marathon ist, von daher finde ich Deine Zeit grandios - vor allem, wenn man die Vorgeschichte bedenkt.

Und wenn es eben nicht die Quali-Zeit für Boston ist - dann kommt sie sicher noch.

Wünsche Dir einen guten Wiedereinstieg ins schnelle Training.

Da werden Erinnerungen wach

Danke für den tollen Laufbericht. Ich lief meinen NYC-Marathon 2010 und beim Lesen kamen mir wieder die vielen schönen Eindrücke hoch, die ich dort erlebte.
Viel Erfolg weiterhin.

Tolles Kopfkino

Danke für den tollen Bericht und die schönen Bilder an diesem verhangenen Morgen. - Ich finde es unglaublich, dass Du nach Deinem Sturz schon wieder .. und noch dazu so schnell .. läufst.. Klasse!

- Stefan

Auch von mir vielen Dank

für den spannenden Bericht und Gratulation zu der klasse Zeit, bei dem Profil und vor allem der Vorgeschichte. Wahnsinn, wie gut du den Sturz verkraftet hast und schon wieder so fit bist.
Da wurden wieder viele schöne Erinnerungen an den NYC-Marathon, diverse einmalige Läufe in Amerika und den Central Park wach. Die Kombination Marathon und anschließendes Sightseeing in verschieden anderen Regionen finde ich auch immer wieder ideal. Es gibt dort ja wirklich seeehr viel zu sehen.
Alles Gute und ein verletzungsfreies, erfolgreiches 2016.

Alles wieder gut! :o)

Da ist er wieder, der alte neue dfrobeen! ;o)

Freut mich sehr, dass Du so schnell wieder fit geworden bist und auch wieder an schnelle Zeiten denken kannst.
Macht gar nichts, dass Du sie nicht auf Anhieb erreichst.
Ist gut für den Kopf und Deine Zukunft mit neuen und guten Zielen für Dich! (Klar hätte ich Dir die 19 Sekunden und noch weniger gegönnt!!!)

Hey, Du bist wieder da!
AK40 ist gar nicht sooo schlimm hab ich dieses Jahr festgestellt, wobei für mich die Chancen auf Treppchenplätze in W40 deutlich geringer sind, als in W35.
Bei Euch Ys ist das glaube ich nicht ganz so extrem und ich glaube sogar, dass Du noch nicht am Limit bist, was die Zeiten betrifft. Jetzt kommt nämlich noch der große Faktor Erfahrung vermehrt dazu und bei Deiner perfekten Trainingseinstellung und Vorbereitung geht da sicher noch was.

Alles Gute für Dich und Deine Zukunft!

Liebe Grüße Carla

"Mancher rennt dem Glück hinterher, weil er nicht merkt, dass das Glück hinter ihm her ist, ihn aber nicht erreicht, weil er so rennt!" (Bert Hellinger)

Oh wie schön!!!

dass es wieder soooo gut läuft bei dir! Und was für eine Bombenzeit!

"Gelaufen wird wie es geht, geschlafen wann es sein muß und wenn ich im Ziel bin, bin ich da" (Schalk)

Saarvoir courir - laufen im Saarland

Freut mich

sehr sehr sehr, dass Du wieder so flott unterwegs bist.
Die Zeit, die Du brauchtest, um wieder so fit zu werden, ist beachtlich kurz!
So findet 2015 für Dich ein bis auf 19 Sekunden versöhnliches Ende - ich bin mir sich 2016 wirst Du noch ganz souverän die Qualitzeit für Boston herauslaufen!

Danke für die tollen Bilder und deinen wie immer sehr ausführlichen Stimmungsbericht!

Gruß, Dominik
_____________________
"Was zu schnell ist, weiß man meist erst hinterher!"
(fazerBS)

Großartig!!!

So ein schönes Erlebnis nach dem schrecklichen Unfall in einer, wie ich finde, granatenstarken Zeit! Ganz fetten Glückwunsch! Du kommst echt rum in der Welt;-)

Lieben Gruß
Tame

New York wieder erlebt

Hat Spaß gemacht, das zu lesen. Erinnerte mich an mein Leiden von 2013: http://joergaumann.blogspot.de/2013/11/no-pain-no-gain-mein-erster-nyc.html

;-) Weiter, immer weiter. Boston lohnt sich!

Jörg

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