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Benutzerbild von chardes

Am 24. April stand der bisherige Höhepunkt meiner Laufkarriere an, der Hexenstieg Ultralauf im Harz. 216 Kilometer Mittelgebirgswege gespickt mit ca. 4.500 Höhenmetern grob entlang des Qualitätswanderweges "Harzer Hexenstieg" zwischen Osterode und Thale waren zu bewältigen. Die Vorbereitung verlief ausgesprochen gut, knapp 2.200 Kilometern hatte ich in 2015 bereits in den Beinen, darunter die Brocken Challenge und den 6 Stunden Lauf in Münster als längste Läufe. Bislang erkältungsfrei geblieben begann in der Woche vor dem Lauf ein leichtes Kratzen im Hals, was sich zum Glück dann aber schnell wieder legen sollte. Den Donnerstag vor dem Rennwochenende nahm ich frei, so dass genügend Zeit fürs packen der Ausrüstung inklusive zweier Dropbags blieb und ich entspannt am Vorabend des Starts zum Briefing im Hotel Harzer Hof in Osterode einlief. Hier fand sich langsam das Starterfeld von knapp 40 Ultraläufern (inkl. einer Läuferin) ein, man traf einige der bekannten üblichen Verrückten und lernte einige neue kennen, wie immer, diese Quelle sprudelt langsam, aber beständig. An das allgemeine Briefing durch Veranstalter Michael "Hexer" Frenz von meldelaeufer.de schloss sich das Streckenbriefing an, das Michael Teinert übernahm, der auch die Erstellung und Optimierung der GPS-Tracks übernommen hatte und hier - soviel vorweg - eine grandiosen Job geleistet hatte. Gelaufen wurde ohne Streckenmarkierung, und auch der Hexenstieg-Wanderweg diente nur als grober Anhalt und wurde diverse Male verlassen. Wie hier einige Läufer, unter anderem der spätere dritte, ohne GPS durchs Rennen kamen, wird mir unbegreiflich bleiben. An das Briefing schloss sich das Abendessen an, beschwert von ein, zwei alkoholfreien Weizen kehrte dann bald Ruhe ein.


(Das Starterfeld)

Am nächsten Morgen dann ein kurzes Frühstück, bevor es mit dem Läuferfeld noch einige hundert Meter durch Osterrode zum offiziellen Startpunkt des Hexenstieges geht, von wo aus um 6:15 Uhr offiziell der Start erfolgt. Auf den knapp 15 Kilometern bis zum ersten Verpflegungspunkt in Clausthal-Zellerfeld geht es zumeist bergan durch den Wald, das Teilnehmerfeld zieht sich allmählich auseinander, jeder versucht sein Tempo zu finden.


(Bärenbrucher Teich)

Am Bärenbrucher Teich zeigt sich zum ersten Mal die frühe Sonne, die diesen gesamten Freitag von einem blauen Himmel herunter scheinen sollte. Um den von Adrenalin Tours betreuten VP in Clausthal-Zellerfeld zu erreichen wird anschließend erstmalig der Hexenstieg verlassen, ich nehme schnell etwas Flüssigkeit auf, dann geht es weiter, es rollt gut. Auf dem Weg zum zweiten VP in Torfhaus verläuft die Strecke über Kilometer entlang des Dammgrabens, Teil des Unesco-Weltkulturerbes Oberharzer Wasserregal.


(Dammgraben, Oberharzer Wasserregal)


(Magdeburger Weg)

Beeindruckend, was hier über Jahrhunderte geschaffen wurde! Nach diesem eher flachen Stück wird es dann auf dem Magdeburger Weg richtig trailig, knackige felsige Stiege gewürzt mit dem Windbruch der letzten Stürme, direkt links neben dem Trail geht es steil bergab. Am VP bei Globetrotter in Torfhaus sind knappe 39 Kilometer absolviert und der Brocken ist bereits in Sichtweite ... dank großzügiger Schleifen sind es aber noch 19 Kilometer bis dahin.


(Vor Torfhaus)

Über den Goetheweg geht es nun entlang des Abbegrabens durch das Hochmoor des Oberharzes weiter auf den Brocken zu, bis der Track am schmalen Lauf der Ecker jäh nach Norden knickt. Es folgen einige Kilometer abschüssiger Strecke auf einem engen Trail, teils geht es noch über Schnee, mitunter läuft man knöcheltief durchs Schmelzwasser. Klar, kein Hexer-Trail ohne nasse Füße, ein Naturgesetz. Langsam wird die Ecker breiter, am Eckersprung darf man nicht verpassen über die Felsen auf die linke Seite des Flusses zu wechseln, von wo aus der Weg sich in Richtung der tiefblauen Eckertalsperre windet.


(Eckersprung)


(Eckertalsperre)

Auf der Staumauer - einst mitten auf der innerdeutschen Grenze gelegen - ist wahlweise ein Wanderstempel auf der Startnummer zu platzieren oder ein Selfie zu schießen, später der Beweis, das man diese Schleife mitgenommen hat. Die folgenden knapp sieben Kilometer gehen ans eingemachte, von 570 m geht es steil hoch zum Brocken auf 1141 m, die letzten vier Kilometer auf einer zermürbenden Panzerstraße noch aus dem kalten Krieg.


(Aufstieg zum Brocken)

Der Anstieg saugt ziemlich an den Kräften, oben auf dem Brocken fülle ich die Reserven mit zwei teuer erkauften Malzbier auf. Trotz des Sonnenscheines ist es kalt und windig, dafür gibt es eine atemberaubende Fernsicht. Laut Wikipedia soll es hier oben sehr oft neblig und wolkig sein, nach der Brocken Challenge habe ich jedoch nun schon zum zweiten Mal in diesem Jahr das Glück, klares Wetter zu erleben. Aber Sightseeing ist heute nicht, es geht weiter. Bis Königshütte geht es nun nur wenig weniger steil bergab als zuvor bergan, jetzt allerdings zunächst auf Asphalt. Ich laufe links am Straßenrand und blicke in jede Menge Gesichter in verschiedenen Stadien der Erschöpfung, unzählige Rennradfahrer quälen sich die Straße zum Brocken hoch, L'Alpe d'Huez in Sachen-Anhalt. Gemeinerweise können die Biker bei der Abfahrt nicht so richtig Stoff geben, der massig vorhandene Rollsplitt nötigt doch zu einer gewissen Vorsicht. Mein Track führt nun runter vom Asphalt links in den Wald auf den Glashüttenweg. Bei Drei Annen Hohne muss ich warten bis die Brockenbahn passiert hat, bevor ich über die Straße kann. Bislang läuft es noch ausgesprochen gut, ich habe nicht überpaced. Einige Kilometer weiter folgt am Eingang von Königshütte ein flugs improvisierter VP, keine schlechte Idee, die Wasserversorgung wäre sonst langsam eng geworden. Nach kurzem Stop geht es weiter, zeitweilig laufe ich nun in einer kleinen Gruppe aus 4-5 Läufern die immer mal wieder auseinander fällt und sich neu findet, jeder weiß das noch jede Menge Strecke vor uns liegt.

Ab Königshütte verläuft der Track rechts der Bode, kurz vor Rübeland wird noch mal ein kleinerer Berg überwunden. Im VP "Cafe Tannengrund" in Rübeland sind 83 Kilometer absolviert, ein alkoholfreies Weizen und etwas salziges füllen meine Reserven auf. Das bei anderen auch ein Mettbrötchen mit Zwiebeln eine adäquate Ultra-Verpflegung darstellen kann war mir hingegen bis hierhin unbekannt. Nichts für mich jedenfalls. Aus Rübeland raus geht es bald links der Bode weiter, dann über die Staumauer der Talsperre Wendefurth. Die Strecke nimmt hier die sanften Schleifen der Bode mit und ist entlang des Flusses gut zu laufen, sanft hügelige Wege, auch wenn es ab und an mal einen Abstecher mit einigen kurzen Steigungen gibt. Ich bin wieder allein unterwegs, habe jedoch an einigen Stellen einen Läufer vor mir im Sichtfeld, zu dem ich kurz vor dem VP am Hotel Bodeblick in Treseburg auflaufe. Treseburg ist der letzte VP vor dem Wendepunkt in Thale und später auch die erste Station auf dem Rückweg, wir erreichen ihn mit dem letzten Tageslicht. Im Hotel Bodeblick ist den Läufern ein kleiner Raum neben dem Gastraum gewidmet, den man unter staunender Anteilnahme der Gaststättenbesucher erreicht. Ein Getränk und eine stärkende heiße Kartoffelsuppe später geht es weiter in Richtung Thale, ich bin nun mit Tim Fischer unterwegs. Ein dritter Läufer schließt sich uns an, muss jedoch schnell wieder abreißen lassen. Mit den Stirnlampen auf dem Kopf geht es nördlich des Bodetals zur Rosstrappe hoch, nicht ganz einfach zu laufen, der grelle Lichtschein eliminiert auf dem hellen und harten Lehmboden jeden Schatten, man muss vorsichtiger unterwegs sein um ein Umknicken zu vermeiden. Tim's und mein Lauftempo sind kompatibel, wir kommen gut voran, erklimmen die Rosstrappe und nehmen dann den steilen Abstieg nach Thale, auf dem sonst Mountainbike-Downhills ausgetragen werden. In Thale zieht sich die Strecke noch elendig lange hin, bis wir gegen viertel vor zwölf in der Nacht die Sporthalle erreichen. 15 Stunden, weit über 2.000 Höhenmeter und 113 Kilometer sind absolviert ... trotzdem ist hier erst die Hälfte geschafft.

Am VP werden wir freundlich empfangen, während vor dem Gelände ein paar Jugendliche mit Bierflaschen herumstromern und ein "Sport ist Mord" in die Nacht brüllen, was sie sich allerdings erst trauen als wir schon 30 Meter vorbei sind. Thale ist Dropback-Station, also raus aus den Klamotten. Ich nehme eine kurze Dusche, die unheimlich gut tut. Leider läuft das Wasser aus dem Duschraum bis in die Umkleide zu meinen Klamotten, wo sich mein Laufrucksack vollsaugt. Die nächsten Stunden auf dem Rückweg werde ich also einen Nassen Sack auf dem Rücken haben. Na ja, irgendwas ist immer. Während ich etwas längere Sachen für die kommende Strecke anziehe – die Temperaturen sind inzwischen deutlich einstellig - verlassen einige der vor uns liegenden Läufer den VP wieder, darunter auch zwei Dänen, ein Niederländer, ein Österreicher. Andere nutzen die Sporthalle für einen halbstündigen Powernap. Ich nehme noch einen Teller Nudeln mit Tomatensoße und ein alkoholfreies Bier zu mir, bevor es um 0:40 wieder auf die Strecke geht. Tim und ich wollen die nächsten Stunden durch die Nacht gemeinsam in Angriff nehmen. Aus Thale raus bekommen wir kurz die eher ungewollte Begleitung eines mehr (Er) oder weniger (Sie) alkoholisierten Paares auf dem Heimweg von der Kneipe. So ganz können die beiden nicht realisieren, was wir hier machen, alsbald sind die beiden auch wieder abgestriffen. Am Ortsausgang geht es sehr schnell wieder in Serpentinen die Berge hoch, in Richtung des Hexentanzplatzes. Wir erkennen hinter uns die Stirnlampe eines weiteren Läufers, der kurz nach uns den VP Thale verlassen haben muss. Etwas später läuft Torsten Hentsch auf uns auf, es geht nun zu dritt weiter. Die Strecke verläuft nun auf dem Rückweg südlich des Bodetals über einen Höhenzug, bevor es vor Treseburg wieder steil runter geht. Im Hotel Bodeblick steht wieder ein kurzer Versorgungsstopp an , Gäste sind keine mehr im Lokal, die einsame Kellnerin zieht den VP nun bis 7 Uhr früh durch. Wieder auf der Strecke führt der Weg nun einige Kilometer entlang der Bode bis hinter Altenbrak, bekanntes Terrain, hier waren wir schon auf dem Hinweg. Unvermittelt läuft uns an einer Flussbiegung ein zurück hängender Läufer in die Lichtkegel der Stirnlampen. Es ist knapp drei Uhr, der CutOff in Thale für ihn schon nicht mehr zu schaffen, da seit einer Stunde abgelaufen - und der Mann macht auch einen recht derangierten Eindruck. Wir dirigieren ihn in Richtung des nahen VP in Treseburg, wo er später erschöpft schlafend aufgefunden wird.

Hinter Altenbrak zweigt die Strecke von der Bode ab, es geht recht steil in Richtung Harzköhlerei hoch. Ich habe inzwischen ziemlich mit der Müdigkeit zu kämpfen und überlege schon, in der Schutzhütte auf dem ersten Gipfel ein paar Minuten die Augen zu schließen. Bleibe aber dann doch bei den beiden anderen, auch wenn ich nun immer wieder ein Stück zurück falle.

Die Strecke schlängelt sich nun sanft hügelig nach Süd-West in Richtung Hasselfelde. Meine Müdigkeit wird immer stärker, mitunter falle ich laufend und gehend in eine Art Sekundenschlaf. Dazu kommen leichte Halluzinationen immer wieder gucke ich auf einen Fels oder einen Ast, in dem ich Sekunden zuvor noch ein Gesicht oder ein Tier entdeckt haben wollte. Die Schatten der Blätter im Schein meiner Stirnlampe erscheinen mir wie Schwärme von Fledermäusen. Auf den Feldern vor Hassefelde beginnt die Dämmerung, mir erscheint die Farbe des Himmels mit jedem Blinzeln anders, ich renne fast in einen Weidezaun. Tim und Torsten werden mir später berichten, das ich auf diesem Abschnitt einen ziemlich besorgniserregenden Eindruck gemacht habe. In Hasselfelde gibt es die Möglichkeit zur Selbstversorgung an einer Tankstelle. Ein doppelter Espresso, ein Kaffee und ein Brownie bringen mich hier wieder in die Spur. Kurz nach sechs sind wir wieder unterwegs, die Müdigkeit ist überwunden, 24 Stunden sind wir nun unterwegs. Erstaunlicherweise werde ich ab hier bis ins Ziel keine Probleme mit der Müdigkeit mehr haben, auch von den Kräften her sind immer noch Reserven da, nur ein paar Blasen an den Fersen nerven, sind aber zu beherrschen. Von Hasselfelde geht es nun knapp 19 Kilometer zum VP in Mandelholz über sanft hügeliges Gelände in Nord-östliche Richtung, dabei überqueren wir die Staumauer des Vorbeckens der Rappbode-Talsperre. In Königshütte folgt der Track für ein Stück wieder der bereits gestern gelaufenen Strecke, am Ortsausgang kommt uns das Läuferfeld der heute ausgetragenen Harzquerung entgegen, deren 51 Kilometer von Werningerode nach Nordhausen haben wir inzwischen drei Mal in den Beinen. Wir erreichen kurze Zeit später den von Michael Irrgang betreuten VP in Mandelholz, verpflegen hier kurz und nehmen dann das nächste etwa 19 Kilometer lange Teilstuck zum Dropback-Punkt in St. Andreasberg in Angriff. Die Anstiege werden nun wieder größer, inzwischen sind wir, verstärkt um die einzige Läuferin im Feld, zu viert unterwegs. Wir passieren Elend (Zitat aus dem Briefing: "... dann kommt ihr irgendwann nach Elend. Und wenn ihr dort seid werdet ihr euch auch so fühlen!"), umgehen Braunlage nördlich, bevor die Strecke in einen Downhill in Richtung Rinderstall mündet, um gleich danach wieder mit über 200 Höhenmetern Aufstieg durch das Windeltreppental nachzulegen.

Endlich ist der VP St. Andreasberg erreicht, die Dropbackstation bietet noch einmal die Möglichkeit zum Klamottentausch, der Nachmittag brachte inzwischen einige Regenschauer. Etwas Verpflegung und heiße und kalte Getränke füllen unsere Akkus notdürftig auf. Unser Gruppe wächst um den Österreicher Helmut an, der aufgrund des Ausfalles seines Navis nicht mehr alleine weiter kommt. Der Track biegt alsbald wieder nach Norden, stetig ansteigend in Richtung der Oderteiche, die wir aufgrund von Schurmschäden nur am Westufer passieren können.


(Oderteiche)

In dieser Ecke hat der Borkenkäfer ganze Arbeit geleistet, über hunderte von Metern geht es entlang des toten Holzes fahl grauer Fichten. Der Anstieg wird nun steiler, je näher wir der Wolfswarte kommen. Die letzten Kilometer zur über 900 Meter hohen Kuppe kommt uns wieder viel Schmelzwasser entgegen, der Weg ist hier mehr Bachlauf denn Pfad, Felsen neben Morast. Oben bei der Wolfswarte ist der höchste Punkt des zweiten Teils vom Hexenstieg erreicht. Es regnet leicht und ist ziemlich windig, schnell werden die vom Veranstalter geforderten Selfies vor der Wolfswarte gemacht oder der Wanderstempel unterhalb der Kuppe auf die Startnummer gedrückt. Es ist irgendwas nach 19 Uhr, über 36 Stunden Laufzeit sind absolviert. Von der Wolfswarte runter folgen über 4 Kilometer Downhill, bei dem es 350 Höhenmeter auf breiter Schotterstrecke runter geht. Wir lassen es rollen, der Abstieg gibt zwar den Oberschenkeln den Rest, aber schon lange nicht mehr sind die Kilometer so zügig verstrichen. Unterwegs überholt uns der führende des Hexentanz-Ultralaufes, die am heutigen Morgen um 10 in Thale gestartet sind, um das 104 Kilometer lange Stück nach Osterrode zu laufen. Am Ende des Downhills schlagen wir am VP Hotel Sachsenross in Altenau auf. Kurze Pause, Kaffee, kalte Getränke, etwas Kuchen, dann weiter in Richtung Clausthal Zellerfeld. Den dortigen VP bei Adrenalin Tours kennen wir bereits als ersten VP nach dem Start, auf dem Weg dorthin liegt allerdings noch der "Bahndamm des Grauens" im Weg, eine stillgelegte, geschotterte Bahntrasse, die sich monoton und stetig leicht steigend zwischen 30 Meter hohen Tannen durch die Hügel windet. Es ist nun bereits wieder dunkel, es regnet beständig, nicht die angenehmsten Bedingungen für uns aber Traumwetter für die Feuersalamander, die uns entlang der Strecke ins Auge fallen. Diese Tiere habe ich seit Kindertagen im Sauerland nicht mehr gesehen, großartig, das wir heute gleich fünf Exemplare erblicken. Irgendwann ist auch der monotone Bahndamm geschafft, dafür zeigt auch Clausthal-Zellerfeld, das der Ort mindestens so langwierig sein kann wie sein Name, fiese Rampen inklusive. Inzwischen ist es echt ungemütlich, der fehlende Schlaf, Kälte und Nässe zehren.

Dann ist der VP bei Adrenalin Tours endlich erreicht, wo es am Lagerfeuer etwas Wärme gibt. Dennoch halten wir uns hier nicht mehr lange auf, knapp 13 Kilometer noch bis zum Ziel, wir sind mit Tim, Torsten Helmut und mir nun seit einiger Zeit noch zu viert unterwegs, es geht fast nur noch bergab. Leider erschwert nun auch noch schwerer Nebel die Sicht, mit der Stirnlampe sieht man gar nichts mehr, weil der Lichtkegel direkt in die dichte weiße Suppe fällt, also Lampe in die Hand. Zwischen Buntenbock und Lerbach folgen noch einmal sehr anspruchsvolle Downhills, im Nebel mit nur wenigen Metern Sichtweite. Sechs Kilometer vor dem Ziel lässt Helmut abreißen, er muss etwas rausnehmen, kann Osterrode von hier aber nicht mehr verfehlen und schickt uns vor. Somit geht es in unsere alten Dreiergruppe auf den letzten Abschnitt, entlang an Lerbach und Freiheit, dann endlich Osterrode, das sich auch noch einmal etwas zieht, vielleicht kommt uns das auch nur so vor, einmal noch rechts abbiegen an der Hauptstraße, dann die schönsten Meter eines jeden langen Laufes – die letzten paar hundert Meter, wenn man weiß, das man es gleich geschafft hat. Um 0:51 Uhr am frühen Sonntag Morgen erreichen wir zu dritt den Harzer Hof. 42 Stunden und 36 Minuten unterwegs, über 216 Kilometer, über 4.500 Höhenmeter, Wahnsinn!

Im Ziel trinke ich ein paar Schlucke Wasser, suche mein Hotelzimmer auf, das ich mit einem der Sieger des Laufes, dem Schweizer Simon Gfeller teile, der schon seit Stunden im Ziel ist (der andere Sieger auf dem geteilten ersten Platz ist Michael Wagner). Ich dusche kurz, kämpfe etwas mit dem warmen Wasser, das zunächst nur kalt sein will, ziehe bequeme Sachen an und gehe noch einmal runter, um weitere Läufer zu empfangen. Noch zu viel Adrenalin, um jetzt schlafen zu gehen, auch wenn ich nun 46 Stunden wach bin. Unten treffe ich Helmut, der auch überglücklich im Ziel ist, etwas später kommen weitere Läufer. Irgendwann kommt dann doch die Müdigkeit, es folgen 4 Stunden komatöser Schlaf, dann das Frühstück, ab acht Uhr am Sonntagmorgen die Siegerehrung. Nicht alle haben den Lauf geschafft, 9 oder 10 Läufer mussten aufgeben, aber alle sind gesund geblieben, das ist das wichtigste. Nach der Siegerehrung zerstreut sich dann langsam das Feld, jeder packt seinen Kram, man verabschiedet sich, auf dem Weg nach Hause muss ich, wie wohl die meisten, noch einmal für eine Mütze Schlaf auf einen Autobahnparkplatz.

Hexenstieg 2015, was für ein Brett! Vielen Dank an die Veranstalter, alle Helfer, besonders das VP-Personal und das gesamte Läuferfeld, insbesondere Tim und Torsten aus unserer Dreiergruppe. Es war ein unvergessliches Erlebnis!

5
Gesamtwertung: 5 (14 Wertungen)

Ein harter Kanten ...

... in einer wunderschönen Gegend. Ich kenne zwar nicht den kompletten Weg. Aber auf weiten Teilen konnte ich dir gedanklich sehr gut folgen.
Hattest du dir den Track auf ne Laufuhr gezogen, oder ein Navi anbei. Gibt das dann akustischen Alarm, wenn du die Strecke verläßt? Gerade bei so langen Läufen stelle ich mir das nervig vor, wenn man einen Abzweig verpennt, nur weil man im Tran nicht auf Uhr oder Navi geschaut hat.
Chapeau für die Bewältigung dieser Strecke! Wie gesagt, ein harter Kanten!
;-)
PS: Mir ist da auch ein anständiges Hackepeterbrötchen oder noch besser was Warmes am Liebsten. Kartoffelsuppe, Nudeln - Warm und Energie - das gibt die Lebensgeister bei solchen Läufen zurück. Brühe ist auch gut. Aber da gehört dann noch was Handfestes, magenfüllendes dazu. Nur Gebäck und Nüsse oder trocken Brot, wie häufig in F oder It, oder Spanien ist die Hölle.

wow

Den Hexenstieg kenne ich zu weiten Teilen aus meiner Kindheit von zahlreichen Wanderungen - soweit damals bis zur Grenze zugänglich. Und die Strecke der Harzquerung kenne ich nun seit einer Woche auch ;-) Dass man das in einem Stück durchlaufen kann ist für mich unvorstellbar. Danke fürs Mitnehmen!

"Gelaufen wird wie es geht, geschlafen wann es sein muß und wenn ich im Ziel bin, bin ich da" (Schalk)

Saarvoir courir - laufen im Saarland

Jepp, harter Kanten

@ Schalk:

Danke Dir! In der Tat, ein harter Kanten!
Ich hatte ein Navi dabei, ein Garmin 62SC, nicht das neueste Gerät, aber es ging. Einen akustischen Alarm beim Verlassen des Weges gibt es dabei leider nicht, man muss schon immer wieder mal nachsehen, daher ist es angenehm, wenn man sich in einer Gruppe mal mit dem Navigieren abwechseln kann. Ein Lauf-Bekannter sagte mir, das seine Garmin 310XT piept, wenn man dem darauf geladenen Track folgt und von diesem dann zu sehr abweicht. Mit der Uhr ist es wegen fehlender oder höchstens rudimentärer Karten aber schwierig, im Gelände den richtigen Weg zu finden.

Jetzt beim Hexenstieg war ein Läufer auch mit einer Suunto Ambit 3 unterwegs, die wohl außen am Displayring die Richtung anzeigt. Auch eher rudimentäre Navigation, zudem muss man für eine korrekte Funktion beim Navigieren immer in Bewegung bleiben.

Insgesamt ist das so ein Bereich, in dem die Technik meiner Ansicht nach etwas stagniert (was mich wundert, da z.B. Geocaching ja eigentlich boomt). Handhelt-GPS-Geräte gibt es fast nur noch von Garmin, und Features wie ein Alarm bei Abweichung vom Track oder Abbiegehinweise sind nicht so einfach zu realisieren.
Möglichkeiten dazu gibt es wohl schon, wenn Routing-Fähige Karten vorliegen und der Track irgendwie bearbeitet wurde, es gibt das Diskussionen in Fachforen, in die ich mich aber nie vertieft habe.

Nudeln, Kartoffelsuppe (sonst nicht meins), alles super! Aber Mettbrötchen mit Zwiebeln sind mein persönliches Kryptonit ;) Aber stimmt schon, bei so einem langen Lauf kann man Gels, Riegel und Co oder nur Brot/Gebäck irgendwann nicht mehr sehen.

@ strider:

Danke auch Dir! Der Harz ist wirklich eine wunderschöne Gegend, tolle Trails. Ich reise gerne und weit, aber es ist auch immer wieder beeindruckend, was für tolle Ecken man durchs laufen noch in der Heimat entdecken kann.

Respektvolle Glückwünsche!

Danke für deinen Bericht und die Fotos! Für mich ist komplett unvorstellbar, was du da geleistet hast.

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Absolut jenseits

dessen, was ich mir vorstellen kann! Wie Du selber richtig sagst: Wahnsinn!
Ultra ist schon sehr speziell und in dieser Ausprägung weit mehr als ein Grenzgang!
Dabei auch noch Fotos zu schießen und sich den Verlauf zu merken -- eine echte Glanzleistung.

Wie häufig machst Du sowas?
Wie weit soll das noch mal gehen?

Tief beeindruckt grüßt

Dominik
_____________________
"Was zu schnell ist, weiß man meist erst hinterher!"
(fazerBS)

Wow....

... Oh ja lieber "chardes" ich kann mir glaube nicht wirklich vorstellen was du da angetan hast, aber etwas nachempfinden schon ;0)...

Ich bin absolut überwältigt von diesem, deinem Bericht.

Ich habe auch bald so etwas ähnliches vor mir aber hoffentlich nicht ganz so viele Höhenmeter. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich nicht doch besser vorher kneife, hmmmm mal die nächsten Tage abwarten ;0)...

Erhole dich gut!

Gruß,

Kaw.

Sorry an alle, die niemals angekommen sind, weil sie mich nach dem Weg gefragt haben...

Danke Chardes :o)

Du hast eine phantastische Entwicklung hinter Dir, riesen Respekt!!
Als wir uns beim 6h-Cross-Lauf unterhalten haben, habe ich deutlich herausgehört, mit wieviel Respekt, Vorsicht, aber auch Energie und Strategie Du an diese noch größeren Aufgaben herangehst.
Das ist der verdiente Lohn und ich finde es saustark, wie Du das beschrieben und gemeistert hast!
Habe nur einen Ansatz einer Vorstellung, wie sowas geht, daher hab ich Deinen Bericht förmlich aufgesaugt.
Gratuliere Dir ganz herzlich und ich freue mich auf weitere so geniale Berichte über Deine Abenteuer und hoffe, wir laufen uns mal wieder über den Weg! :o)
Wünsche Dir gute Regeneration!

Lieben Gruß Carla

"Mancher rennt dem Glück hinterher, weil er nicht merkt, dass das Glück hinter ihm her ist, ihn aber nicht erreicht, weil er so rennt!" (Bert Hellinger)

@Sonnenblume2 Danke Dir! Mit

@Sonnenblume2

Danke Dir! Mit der Zeit kam das unvorstellbare näher, wenn auch der Respekt bleibt. Vieles ist halt auch immer noch Glückssache, Wetter, Ausrüstung, bin froh, das es geklappt hat.

@ nicksdynamics:

Danke! Das mit den Fotos ist eigentlich kein Problem, wir/ich sind nicht gehetzt. Man hat halt die Cut-Offs im Blick und versucht, einen ausreichenden Puffer zu behalten. Wir haben sicher auch viel Zeit liegen gelassen, aber lieber sicher ankommen, als zu früh ausbrennen.

Ultras laufe ich so 6-8 im Jahr, aber die meisten unter 100 KM, dies war bislang der längste. Wie weit noch? Erstmal nicht weiter, aber mit ausreichend zeitlichem Abstand werde ich sicher noch andere Sachen probieren.

@ Kawitzki:

Danke auch Dir, aber Du hast doch schon ganz andere Dinger bewältigt, oder? Und von Deinem Tempo z.B. am Seilersee kann ich nur träumen. Erholung läuft, jetzt langsam wieder die die aktive ;)

@ Carla-Santana:

Danke sehr! Du hast recht, ich hatte einigen Respekt vor der Sache und neige dazu, mitunter übervorbereitet daran zu gehen. Hat dieses mal gut geklappt, darüber bin ich sehr froh und dankbar.
Ich denke wir sehen uns demnächst auf dem Neandersteig ;)
LG, chardes

Boah ;0)...

...Hey Chardes, läufst du mit mir zusammen den Neandersteig ;0)!?

Gruß,
Kaw.

Sorry an alle, die niemals angekommen sind, weil sie mich nach dem Weg gefragt haben...

Sicher!

Aber dort bin ich nur auf den 80 Kilometern unterwegs ;)

Beste Grüße
chardes

Hihihiii :o)))

...also mit mir!! :oP

Freu mich!

Lieben Gruß Carla
P.S. Kawi, Du holst uns eh ein da...mich jedenfalls! :o)) Wehe, Du futterst und trinkst uns da vorher die VPs leer!!! :o((
"Mancher rennt dem Glück hinterher, weil er nicht merkt, dass das Glück hinter ihm her ist, ihn aber nicht erreicht, weil er so rennt!" (Bert Hellinger)

Es ist schon schön beim Lesen ...

... eine Vorstellung zu haben, was ihr da gemacht habt. Selbst eine Idee davon zu haben, schmälert aber lange nicht die Leistung. Eher das Gegenteil ist der Fall!
Ich stellte mir vor die Strecke allein navigieren zu müssen, die langen Abstände der VPs. Da braucht man einen sauberen Plan der Verpflegung im Rucksack und die Disziplin auch regelmäßig zu essen. Schlafen dürfte noch gehen. Aber dieses Auf und Ab im Harz ist hintenraus sicherlich sehr schick für den Kopf. Starker Tobak!
Ja, die 310XT meldet sich, wenn man den "Bindfadentrack" auf dem Display verliert. Sie zeigt einem dann auch als gestricheltze Linie den kürzesten Weg zum Track. Aber wie du schon sagst, man muß dafür in Bewegung sein, eine feste Richtung laufen. Im Stand kann die uhr sich nicht "einnorden". Das größte Problem ist bei diesen Distanzen aber mehr die Speichermenge. Der Track wird so groß für die Uhr, dass dir ab und an die Strecke im Display einfach verschwindet. Dann dauert es und irgendwann hast du den Track wieder sichtbar. Logisch, dass dir so etwas vor Abzweigungen passiert. Und genau dann ist man mit der Laufuhr eben im Ar...
Ich habe zum Navigieren ein kleines Androidtelefon (4 Zoll glaube ich, sehr handlich) mit OSMAND als App. Mit der App kannst du GPX-Tracks laden und ablaufen. Aber das Teil zieht eben auch Strom. Jetzt, nach meinem TdG habe ich dafür eine gute Lösung gefunden. Meine Stirnlampe hat ein 500g schweres 11Ah-Akku. Da kann ich jetzt mittels Adapter einen USB-Verbraucher anschließen und so das Telefon, die Garmin im Lauf ohne Probleme aufladen. Der Vorteil ist, dass ich keinen extra Akku-Pack brauche und die Stirnlampe nachts auch mal mit dem kleinen Reserveakku laufen kann. Der Nachteil. Man hat schon 500g nur für Licht und Strom an Bord - und eine Reservelampe sollte man außerdem ja auch dabei haben. Beim Transgrancanaria habe ich die Garmin tagsüber am kleinen Akku aufgeladen, das große war also gar nicht anbei.
Solche Läufe würde ich nicht mehr ohne Reservelampe bestreiten. Mein Freund Andreas blieb mal nachts nicht weiter übrig, als mit ausgefallener Lampe am VP das Tageslicht abzuwarten...
Viel Spaß bei der Neander-Rallye und viele Grüße an Tom und diese ganzen anderen Bekloppten!
;-)

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