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Benutzerbild von dfrobeen

4 Tage sind schon wieder vergangen, aber die Eindrücke sind noch tief im Kopf eingebrannt. Der Boston Marathon ist einfach etwas besonderes. Eine Besonderheit ist die Streckenführung, die 42,195km von Hopkinton aus nach Osten wieder zurück nach Boston führt. So kann man mit den Wind-Bedingungen natürlich Glück haben, Pech haben oder man hat 2015.

Ich beschränke mich in diesem Blog auf den Renntag, auch wenn Boston viel mehr als Marathon-Monday ist. Die Geschichten des drumherum packe ich in einen anderen Blog, da habe ich ohnehin noch ein Ass im Ärmel.

Der Tag begann mit meinem Weckerklingeln um 5:45 Uhr. Der Wecker wäre aber gar nicht nötig gewesen, denn schon die 5 anderen Zimmergenossen in meinem Hostel waren in Wettkampfvorbereitung und selber zum Teil wesentlich früher aufgestanden. Mein Hostel war wieder der Superhit, 400m vom Abfahrtpunkt der Shuttlebusse entfernt und mit dem bemühtesten Personal, was man sich nur vorstellen kann. Entgegen der sonstigen Regelungen, gab es wieder ab 4 Uhr Frühstück, sodass ich ohne jeden Organisationsaufwand meine drei weißen Bagel mit Marmelade und Honig essen konnte.

Um 6:30 Uhr war ich mit Thomas verabredet. Der Bruder meines früheren Badminton-Doppelpartners hatte mich über diesen Blog gefunden und wir hatten uns schon im Vorfeld des Rennens zu unserem gemeinsamen Wettkampf abgestimmt.

Jetzt kam erstmals das Thema Wetter ins Spiel. Wir waren alle gespannt, wie es werden würde. Wir hatten zwei wunderschöne Tage in Boston gehabt und es war schlicht unvorstellbar, dass es zum eigentlichen Rennen wie angekündigt zu kalten Temperaturen, Dauerregen und Wind kommen sollte. Bislang sah es auch noch gut aus, jedoch konnte man eine gewisse Bedrohung in den Wolken durchaus erkennen.

Die etwa einstündige Fahrt nach Hopkinton verging für mich recht flott. Es war nicht mehr ganz so aufregend, wie im Vorjahr, wo das ganze Prozedere für mich völlig neu war. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass es zumindest zum Teil über eine andere Route ging. Ich hatte aus dem letzten Jahr noch Erinnerung durch Wohngebiete zu fahren, wo die Bewohner mit Pyjama, Kaffeebecher und Schildern "good luck runners" vor ihren Häusern standen, das war dieses Jahr nicht so.

In Hopkinton angekommen war ich erstmal froh früh vor Ort zu sein. Thomas und ich sicherten uns einen Platz unter einer der großen Zeltplanen, ich holte uns drei Thermofolien zum wärmen und draufsetzen. Thomas seinerseits besorgte uns zwei heiße Kaffee und das ca 2,5stündige Warten auf den Start begann. Nun begann auch der große Regen und unter unserem Dach wurde es merklich voller. Ich hatte aus dem letzten Jahr noch den Gedanken im Kopf, dass es in Hopkinton wohl ganz schön eng und ungemütlich werden würde, sollte mal der große Regen einsetzen. Aber wir hatten ja unser Revier und hatten so einen kleinen Vorteil denjenigen gegenüber, die aus Platzmangel stehen mussten. Andererseits half man sich natürlich auch wo man konnte, denn in Boston sind wir alle eine Familie. Auch Thomas und ich gaben auf unserer Decke einem dritten Teilnehmer die Chance zu sitzen.

In der Not kommt es dann zu den kuriosesten Unterhaltungen. Links von mir sitzen 4 Mädels aus den USA, die wirklich für alle Eventualitäten vorbereitet sind. Es gibt Salztabletten hier, Vaseline dort, es wird Obst gegessen, selbstgemachte Energieriegel verstaut und der Höhepunkt ist, wie sich eine der sympathischen Mädels eine gekochte Sußkartoffel im BH verstaut. Wir amüsieren uns gegenseitig und ich glänze mit meinem minimalistischen Ansatz, habe mir morgens eine kurze Hose und Shirt übergestreift, 4 Gels eingepackt und damit "ready to go".

Rechts von uns sitzt ein lustiger Kanadier aus Victoria, Vancouver Island. Unser Thema sind die Boston Marathonjacken. Auch in diesem Jahr funktionierte das Spiel so, dass man in der Stadt seine älteste Boston-Marathonjacke trug. Wir waren uns einig, dass es bei jedem anderen Marathon total albern ist vor oder nach dem Rennen in Finisherklamotten rumzulaufen. Aber in Boston kann jeder stolz auf sich sein, hat schon allein durch die Qualifikation etwas geleistet und darf die Sachen demnach auch mit Stolz auftragen. Bei anderen Rennen, so erklärt der Kanadier, wird das in der Szene auch gerne FGJAM (sprich "figdschähm") genannt. Das ist die Abkürzung für "fucking great, just ask me".

So langsam steigt die Spannung und es gilt mein persönliches Problem anzugehen. Die rechtzeitige Darmentleerung vor dem Start. Das klappt mal besser, mal schlechter und hat mich in vergangenen Rennen gerne auch mal eine Minute Zeit gekostet. Ich stelle mich in die Dixischlangen an und merke dabei, dass es mittlerweile gar nicht mehr regnet. Dennoch werden auf der nassen Wiese die Laufschuhe schon matschig und nass. Die Profis mit mehr als einem Jahr (Schönwetter-)Rennerfahrung haben ihre Schuhe entweder in Plastiktüten eingewickelt oder tragen sie sogar separat mit sich rum. Habe ich doch glatt für das nächste Jahr noch etwas gelernt (und ich werde in 2016 wieder in Boston starten, so viel steht fest).

Der Dixistopp ist erfolgreich und dann ist es auch schon Zeit sich in Richtung Startblock zu bewegen. Ich bin durch meine Qualifikationszeit aus dem Vorjahr im zweiten von insgesamt 40 Startblocks, was mich nicht unerheblich stolz macht. Andererseits ist es auch eine hohe Belastung, denn so bin ich natürlich dazu geneigt mit den Jungs (die so 2:45 bis 2:50 laufen) um mich rum loszulaufen und von Anfang an zu überziehen.

Ich treffe im Startblock noch Sean aus Boston, mit dem ich am Vorabend gemeinsam auf der Pastaparty gespeist habe. Dann kommt die Nationalhymne, ich werfe meine Wegschmeißklamotten weg...und dann ertönt der Startschuss.

Ups, ich bin unterwegs. Und wie auch schon im Vorjahr hatte ich mir keine echte Renntaktik zurecht gelegt. Im Vorjahr lag es daran, dass ich der Woche zuvor in Rotterdam meinen ersten Marathon unter 3h gefinished habe und völlig ohne Druck in Boston am Start stand. In diesem Jahr war es die Erkenntnis, dass es völlig blödsinnig ist eine Renntaktik aufzubauen. Es gibt vom Start weg keinen einzigen "normalen" Kilometer. Es geht immer irgendwie auf oder ab. Am Anfang gerne mal mehr ab, aber in der zweiten Hälfte auch ganz ordentlich auf, nämlich die 4 Heartbreak Hills hoch.

Ich wusste, dass ich nicht so gut wie im Vorjahr vorbereitet war und die Bestzeit in Höhe von 2:49h völlig außer Diskussion lag. Andererseits gab es in den Vorbereitungsrennen diverse Höhen und Tiefen, die aber zumindest zum Teil die Hoffnung auf ein sub3 Finish machten.

Ich tat, was man am Start in Boston einfach nur tun kann. Erstmal rollen lassen. Der erste Kilometer geht doch recht steil bergab und es sind so viele gleichschnelle Läufer um einen rum, dass man gar nicht anders kann als das Tempo mitzugehen. Im Vorjahr war das problematischer. Ich stand im Startblock der 3:08h Läufer und musste erstmal lossprinten um unter meinesgleichen zu sein.

Es ging dieses Jahr aber gar nicht so flott los, wie erwartet. Meine GPS Uhr zeigte nach 500m ein Tempo von 4:40 an und zwei Läufer neben mir unterhielten sich "wir sind bereits hinter unserer Zeitvorgabe". Ich beschleunigte, was aber wiederum alle um mich rum taten und so ging der erste Kilometer in 4:07 raus.

Wenn es so etwas wie Renntaktik gab, dann die, dass es auf der ersten Hälfte gilt Zeitpuffer aufzubauen, aus dem man dann beim Lauf über die Heartbreak Hills zehren kann. Wenn ich also unter 3h bleiben wollte, dann sollten die Kilometer auf dem fast kontinuierlich bergab gehenden ersten Halbmarathon also so zwischen 4:05 und 4:10 rausgehen. Kilometer 2 ging in 4:01 raus und ab dann war ich auch schon im Flow des Vorjahres und die Uhr stoppte die Autolap regelmäßig unter 4 Minuten.

Während ich auf den ersten Kilometern im Vergleich zum Vorjahr logischerweise etwas Zeit verlor, zeigte mir die spätere Analyse des Rennens, dass ich ab Meile 3 bis Halbmarathon sogar über dem Tempo meiner persönlichen Bestzeit unterwegs war. Die Bedingungen hielten immer noch...fingers crossed. Aber der Himmel sendete weiterhin Signale: "Achtung Jungs und Mädels, heute teste ich Euch noch". Etwa bei Kilometer 15, bei einem See an den ich mich aus dem Vorjahr gar nicht erinnern konnte, ging dann der erste Platzregen runter und wir waren nun endgültig nass. Gleichzeitig mit dem Regen setzte auch der Wind stärker ein, natürlich frontal von vorne, wie soll es auch anders sein. Die Kombination Regen und Wind sollte im weiteren Verlauf immer gemeinsam auftreten...und zwar eine ganze Menge davon.

Erstmal ging der Regen wieder in Niesel über und es stand das nächste Highlight der Strecke an: Wellesley. Das Gute daran ist, dass hier die Hälfte schon geschafft ist, gleichzeitig weiß man aber auch, dass ab jetzt mit der ganzen Bergabherrlichkeit nun vorbei ist. Das eigentliche Highlight ist aber der sogenannte Wellesley Scream Tunnel. Hier stehen die Studentinnen des Wellesley Colleges und kreischen so laut, dass man sie schon über einen Kilometer im voraus hören kann. Im letzten Jahr wollte ich drauf achten, war aber schon im Lauf meines Lebens abgetaucht. Diesmal fiel es mir bei km20 schon auf. Jetzt war es an der Zeit eine Gewissensentscheidung zu beantworten.

Die Studentinnen kreischen nicht nur, sondern nahezu jede hält auch ein Schild in der Hand auf dem in großen Lettern steht: "kiss me, because..." und dann lässt sich jede etwas individuelles einfallen. Im letzten Jahr war ich auf Bestzeitkurs, da war keine Zeit für Küsse. Aber ich habe mir damals schon gesagt, dass wenn ich mal nicht auf Bestzeit unterwegs bin, dann halte ich an und genieße den Moment. Die Frage war in diesem Jahr gar nicht leicht zu beantworten. Von der Vorbereitung her war Bestzeit unmöglich. Andererseits war ich nun schon die Hälfte gelaufen und hatte zur Vorjahreszeit nur rund 40 Sekunden verloren. Bleibt da Zeit für Küsse?

Ich entschied mich für ein "ja". Ich war etwa bei km17 schon angehalten um an einen Baum zu pinkeln, da sollte ein Kuss in Wellesley auch nicht mehr als 10 Sekunden kosten. Und wenn ich meine Bestzeit um 10 Sekunden verpasse, dann wäre es das wenigstens auch wert gewesen. Jetzt stellte sich aber das nächste Problem. Es war in meinem Lauftempo gar nicht so einfach den kreativsten Schildern sofort die Person zuzuordnen, die es in den Fingern hält. So vergingen die ersten paar Meter und mehr als high 5 fiel mir nicht ein. Dann dachte ich, dass auch Wellesley College nicht unbegrenzt Studentinnen hat und ich nun mal eine auserkoren muss. Also dachte ich "scheiß auf das Schild", such Dir ein hübsches Gesicht aus. Ich sah in der Ferne eins, schaute ihr in die Augen, nahm Tempo raus, gab ihr einen Kuss und lief weiter. Ist doch gar nicht so schwer.

Jetzt wurde die Dichte der Studentinnen deutlich geringer. Daher konnte man jetzt plötzlich den Schildern auch direkt die Gesichter zuordnen. Eigentlich wollte ich mich jetzt wirklich um mein Rennen kümmern, aber da stand diese Studentin mit dem Schild "kiss me, it is my birthday"...und ein sehr hübsches Gesicht hatte sie auch. OK, spontane Änderung des Planes war angesagt. Wenn ich meine Bestzeit um 20 Sekunden verpasse, dann soll es auch wenigstens das wert gewesen sein. Ich stoppte, sagte "happy birthday" und wir küssten uns. Ihre Freundinnen drumherum kommentierten mit einem lauten "whoohoo", ich lächelte, sie lächelte und ab sofort konzentrierte ich mich wieder auf das Rennen.

Die Halbmarathonmarkierung passierte ich in einer hohen 1:24. Damit war ich eine knappe Minute langsamer als in Vorjahr, aber auch nur eine halbe Minute langsamer, als drei Wochen zuvor beim Berliner Halbmarathon, den ich gefühlt am Limit gelaufen war. Aber Boston geht auch bergab, da sind gute Halbmarathonzeiten möglich. Insgesamt war es der viertschnellste Halbmarathon meines Lebens (HM-Bestzeit im März 2014, erste Hälfte Boston 2014, Berlin-HM 2015 und nun die erste Hälfte Boston 2015).

Die Frage war nun, was diese Zeit wert sein sollte. Wenn ich an den Hügeln einbreche, dann genau gar nichts. Mittlerweile hatte es doch ordentlich angefangen zu regnen und der Wind blies einem "erfrischend" ins Gesicht. Bei Meile 16 wusste ich dann, dass der Minigedanke einer persönlichen Bestzeit nun endgültig zu Ende sein sollte. Hier geht es noch ein letztes Mal steil bergab, bevor dann die erste von drei Kurven des gesamten Marathon folgt und der erste steile Anstieg die tatsächliche Laufform abfragt. Das Bergab-Stück bin ich im letzten Jahr noch in 3:45 geflogen, dieses Jahr war nur noch eine leichte Beschleunigung auf unter 4:00 Minuten drin. Ab jetzt sollte ich Zeit auf das Vorjahr verlieren. Aber alles im Rahmen - ich ärgerte mich nicht, sondern konzentrierte mich darauf den Zeitverlust im Rahmen zu halten und das erhoffte Finish unter 3h zu retten.

Der erste Anstieg bei mile 16 ist in Wirklichkeit der heftigste, lasst Euch das mal gesagt sein ihr alle Boston-Läufer, die immer nur vom vierten Anstieg in Natick reden. Der war geschafft - und auch wenn er mich kräftig Körner kostete, so gewann ich auch Gewissheit, dass mich die Hügel auch in diesem Jahr nicht komplett zerlegen werden.

So erledigte ich auch den zweiten und dritten Hügel und sah wieder einen Läufer aus Ostfriesland, mit dem ich vorher im Rennen schon ein paar kurze Unterhaltungen hatte. Er lief seinen ersten Boston-Marathon, sollte also ggf. von Tipps der Wiederholungstäter profitieren können. Ich signalisierte, dass jetzt der letzte Hügel kommt, er dann aber vor allem beim folgenden Bergab-Stück aufpassen solle, denn da bekommen die meisten Teilnehmer Krämpfe und ganze Läuferträume werden zerstört. Er bedankte sich für den Tipp und wir liefen weiter unser Rennen. Ich weiß gar nicht, ob er vor oder nach mir ins Ziel gekommen ist. Ich muss die Ergebnisliste nochmal analysieren. Jedenfalls sah es noch wirklich gut aus, was er da auf den Asphalt zauberte.

Es kam wieder wie angekündigt: auch der letzte der Hügel verlief für mich akzeptabel. Natürlich verlor ich Zeit, aber es war alles im Rahmen, dass ich weiterhin von meinem sub3-Finish träumen konnte. Bergab standen aber wieder reihenweise Läufer, die mit Tränen in den Augen ihre Krämpfe wegdrückten.

Eigentlich kam jetzt der Teil auf den ich mich freute. Ab jetzt geht es nur noch bergab ins Ziel. Im Vorjahr ging ab hier alles von alleine. Doch dieses Jahr sollte sich dann doch zeigen, dass Petrus an Marathon-Monday einen Tag Urlaub genommen hatte. Es wurde doch mühsam und gerade das Stück bis man endlich das lang ersehnte Citgo-Schild sieht, zog sich empfindlich hin. Mittlerweile waren vor allem die Schuhe nass und es wurde doch empfindlich kalt an den Füßen.

Irgendwann kam dann nach der langgezogenen Rechtskurve mit den mittelhohen Wohnhäusern das beliebte Schild, welches einem signalisiert "jetzt bist Du in Boston!!!".

Mir war längst klar, dass es keine Bestzeit wird. Gleichzeitig war ich aber auch sicher, dass ich meinen Traum eines weiteren sub3-Marathon erfüllen würde. Bei km39 rechnete ich zum ersten mal und kam auf eine hohe 2:53. Ich machte den üblichen Fehler und vergass die Ehrenrunde der letzten 195 Meter, die halt auch ein paar Sekunden kostet. Als ich dann neben dem Citgo-Schild war, war es nur noch eine Meile und ich wusste, dass jetzt wirklich gar nichts mehr passiert. Lauf das Ding nach Hause und dann eine lange heiße Dusche. Ab hier konnte ich das verbleibende Rennen genau einteilen. 600m bis zur Unterführung, die ein letztes Mal Kraft kostet. Andererseits ist es ab hier nur noch ein Kilometer, den schaffe ich auch noch. 100m hinter der Unterführung dann die zweite Kurve des Marathon "right on Hereford" und nochmal 100m später "left on Boylston".

Ab hier sah ich die Ziellinie und schrie spontan einen Jubelschrei aus. Das wäre fast ein Fehler geworden, denn die ungewohnte Bewegung quittierte mein Körper mit deutlichen Krampfandrohungen. Ich lockerte nochmal alle Muskeln und versprach wieder in die Bewegungsroutine der letzten 2:54 Stunden überzugehen. Gute 100m vor dem Ziel sprang meine hangestoppte Zeitmessung auf 2:54 um. Ich wusste also, dass die 2:53:xx nicht mehr möglich war, ich aber jetzt auch Zeit hatte bis eine 2:55:xx drohte. Also hielt ich 5m vor der Ziellinie an, drehte mich um, bedankte mich beim Publikum, ging auf die Knie um die permanente Ziellinie in Boston zu küssen und ging über die Zeitmessung. Letzteres sollte nochmal gefährlich werden. Beim Aufstehen drohte wieder ein Krampf, aber wenn es ernst geworden wäre, hätte ich mich notfalls über die Zeitmessung geworfen oder gerollt.

Hier mein Finisher-Video - ich laufe links in rotem T-Shirt ein: https://www.youtube.com/watch?v=kcYErINOR1U

Die offizielle Ergebnisliste zeigt für mich eine 2:54:29, meine zweitbeste Marathon-Zeit. Und das, obwohl die Vorbereitung wirklich alles andere als glücklich verlief. Ich war glücklich, aber noch emotionaler ging es einem Italiener, der kurz vor mir im Ziel war und in einem Heulkrampf ausbrach, als ob gerade plötzlich seine Mutter gestorben ist. Er stand da gerade so rum, da habe ich ihn in den Arm genommen. Das führte dazu, dass tatsächlich auch bei mir ein paar Tränen aus den Augen kullerten.

Jetzt kam aber der härteste Teil des Marathon. Und das sollte fast allen Teilnehmern auch in den Berichten in der Presse so gehen. In dem Moment wo man stehen blieb, brach erstmal die große Kälte aus. Es war furchtbar obwohl wir einen wirklich hochwertigen Wärmeumhang umgelegt bekamen. Jeder zitterte am ganzen Körper. Den meisten bei Abholung der abgegeben Beutel gelang es nicht den Knoten in der Schnürung zu öffnen und sie rissen den Plastikbeutel einfach auf. Axel, ein weiterer Freund, der mitlief gelang es vor Zittern auch nach 20 Minuten nicht seine Schuhe auf zu machen und er bat erst einen anderen Teilnehmer um Hilfe, der es vor lauter Zittern auch nicht konnte. Erst seine Frau konnte ihm helfen aus den nassen Laufschuhen raus zu kommen..

Ich nahm meinen etwa 800m langen Weg zum Hostel in Angriff. Während dieser im Vorjahr noch eher ein Schaulufen war, gestaltete sich dieser dieses Jahr zu einer Flucht in die Wärme. Endlich angekommen drückten mir die freundlichen Mitarbeiter des Hostel ein frisches Handtuch in die Hand und ich setzte mich zu den zwei, drei anderen an den Kamin um erstmal wieder Betriebstemperatur aufzunehmen. Wir waren uns alle einig, dass es das härteste Rennen war, was jeder von uns bestritten hatte.

Nach etwa einer Stunde fühlte ich mich in der Lage auf mein Zimmer zu gehen und mich unter die Dusche zu stellen. Diese genoss ich aus ganzen Zügen, auch wenn es auch hier eine ganze Weile dauerte bis man das heiße Wasser überhaupt schätzen konnte - so sehr hatte sich die Kälte festgesetzt.

Nach der Dusche legte ich mich ins Bett und genoss den Moment. Erst um 17 Uhr ging ich wieder zu alten Ritualen über und nahm mein obligatorisches Post-Race-Dinner bei Five Guys-Burger ein. Thomas begleitete mich dabei. Ihn hat die Kälte noch mehr zugesetzt und obwohl für eine sub3 gut vorbereitet, brach er total ein und finishte in 3:31. Wir gingen noch ein Bier zusammen trinken und ich war drauf und dran anschließend wieder das Bett aufzusuchen.

Zum Glück gab ich mir nochmal einen Arschtritt und ich marschierte zum Startpunkt des Shuttle zur Post-Race-Party. Auch hier war ich kurz vor der Aufgabe, denn das Shuttle lies doch sehr lange auf sich warten. Wenn nicht Aneta, die junge Polin gewesen wäre, ich wäre wohl wieder ins Hostel marschiert. Doch sie animierte mich weiter zu warten bis schließlich der Bus auch kam. Ihre Story ist viel bemerkenswerter. Sie hatte eine Knieverletzung, die ihr erlaubte maximal die Hälfte des Rennens zu laufen. Sie wusste, dass irgendwann der Moment kommt, wo das Knie wehtut und dann ist nur noch gehen möglich. Der Moment hätte worst case schon nach 8km kommen können, doch sie hatte Glück und es passierte erst bei km22. Sie finishte in bemerkenswerten 4:52 - knapp die Hälfte davon gegangen.

Es war eine super Entscheidung auf die Party zu gehen, denn hier wurde wirklich gefeiert. Das offizielle Programm mit Siegerehrung und Reden war längst vorbei. Aber es gab einen DJ und der heizte ganz schön ein. Die Leute, die hier waren, feierten einfach nur ihre eigene Leistung und den Marathon unter diesen Bedingungen überstanden zu haben.

Bemerkenswert war übrigens im Rennverlauf, dass trotz des Regens die unglaublichen Zuschauermassen fast in gleicher Anzahl wie im Vorjahr vertreten waren. Der Marathon ist halt der höchste Feiertag der Region und da wird gefeiert...egal wie das Wetter ist.

5
Gesamtwertung: 5 (12 Wertungen)

Großartig!

Vielen Dank für diesen spannenden Bericht mit ganz neuen Einblicken in Sitten und Gebräuche in der Ferne (College-Girls küssen!).

Herzlichen Glückwunsch zu einem tollen Rennen
yazi

Gratuliert hatte ich ja schon --

-- lesen werde ich deinen Bericht heute Abend, wenn ich in meinem Bus liege und auf den Start morgen warte... wird mir Motivation sein!

Gruß, Dominik
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"Wenn man die Augen zumacht, klingt der Regen wie Applaus..."
(Enno Bunger)

Herzlichen Glückwunsch

zu einem super Lauf, tollen Küssen und Danke für den anschaulichen Bericht. Der mir/uns auch gelegentliche Tränchen in die Augen trieb. Was sind wir Marathonis doch für Heulsusen. :-)

„Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.“ (Antoine de Saint-Exupéry)

Küssen auf der Strecke

wieder was dazu gelernt ;-))

Zweitbeste Marathonzeit unter den Bedingungen?? Wow, ich gratuliere mal ganz schnell und verkrieche mich ganz schnell aufs Sofa unter die Decke....

"Gelaufen wird wie es geht, geschlafen wann es sein muß und wenn ich im Ziel bin, bin ich da" (Schalk)

Saarvoir courir - laufen im Saarland

Glückwunsch

zu dem Finish in einem wirklich hartem Rennen!

Gruß Nicole

@strider

Das hast du falsch verstanden. Du sollst nicht auf der Strecke, du sollst die Strecke küssen;-)

@strider

doppelt

Ein fesselnder Bericht

vom grandiosen Lauferlebnis. Ganz herzlichen Glückwunsch!

Lieben Gruß
Tame

unglaublich...

...da rennt der kerl sub drei und hat noch zeit zum knutschen ;-)
glückwunsch herzlichen!
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laufend freut sich über den schönen blog: happy™

"man muss es so einrichten, dass einem das ziel entgegenkommt." (theodor fontane)

Na, zum Thema Straße

Na, zum Thema Strecke küssen hier noch mein Zieleinlauf-Video (links in rot :)):

https://youtu.be/kcYErINOR1U

Mein Boston-Blog: danielssichtderdinge.wordpress.com/boston-marathon

Sehr geil!

DAS MUSSTE SEIN, kann ich voll und ganz verstehen!

Lieben Gruß
Tame

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