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THERE'S ONLY ONE BOSTON!

Wie ich beim traditionsreichsten aller Marathons nicht nur den Heartbreak Hill, sondern auch die Umstände und letztendlich die 3-Stunden-Marke bezwang...

Mein Traum, den Boston-Marathon zu laufen, ist ja einige Jahre lang gereift. Als ich 2009 anfing, Marathon zu laufen, hatte ich mir den irgendwie als die Krönung meines Schaffens vorgestellt. Dort tatsächlich mal zu starten, war gedanklich noch ganz weit weg.

Aber wie das so geht: nach meinen ersten Marathon-Gehversuchen in Frankfurt und Sankt Wendel lief ich 2011 und 2012 zweimal in Berlin, der dortige Marathon zählt ja auch zu den sechs großen, und beim zweiten Mal unterbot ich die 3-Stunden-Marke doch recht deutlich. Das weckte dann meinen Ehrgeiz, und ich nahm mir vor, diese Marke bei den weltweit sechs größten Marathons (Berlin, Boston, Chicago, London, New York und Tokio) zu knacken - nicht unbedingt in dieser Reihenfolge, sondern wie es gerade eben passt. Berlin hatte ich ja schon, und eigentlich wollte ich 2012 auch noch nach New York, was auch gelang - allein der Marathon fiel aus infolge des Wirbelsturms Sandy...

Durch die Weitergabe des Startechts (die sportliche Qualifikation für New York ist richtig schwer) in das nächste Jahr hatte ich dann mein Projekt für 2013 schon im Auge.

Es wurde dann auch eine Sub-3-Zeit - aber zu einem ziemlich heftigen Preis, denn die Fußverletzung, die ich mir in der Vorbereitung zugezogen hat und die sich im Marathon richtig meldete, kostet mich ein halbes Jahr Trainingspause und damit auch die Möglichkeit, bereits 2014 in Boston zu starten. Das hätte ich wirklich sehr gern gemacht, denn meiner Meinung nach ist ein Start dort die einzig richtige Antwort auf so etwas wie die fürchterlichen Anschläge.

So blieb mir also nur der Start in diesem Jahr. Und dabei ist es wirklich gut, wenn man Freunde hat. Einer meiner Freunde, Alisair Davey, ist Astrophysiker an der weltweit hoch angesehenen Cambridge University. Er bat mir sofort an, mich während meines Aufenthalts in Boston zu beherbergen.

So meldete ich frohgemut und mit der ausreichenden Qualifikationszeit vom New-York-Marathon 2013 für die 2015er Ausgabe des wie schon gesagt traditionsreichsten Marathons der Welt, der bereits seit 1897 ausgetragen wird.

Bereits Donnerstag kam ich in Boston an, so blieb genügend Zeit, mich zu akklimatisieren und vor allem den Jetlag aus dem Läuferkörper zu schütteln.

Vorbereitet hatte ich mich wie immer mit dem Plan von Herbert Steffny, der einem mehr oder weniger eine Zeit unter 3 Stunden verspricht, wenn man ihn genau einhält (hoffentlich liest der Herbert das jetzt nicht...). Ich hatte den Plan sogar noch ein wenig modifiziert, und wollte eigentlich eine Zeit um die 2:55:00 angehen.

Aber Boston ist tückisch, der Kurs sagenumwoben und trotz insgesamt abfallendem Profil alles andere als leicht. Zudem spielen die äußeren Umstände eine große Rolle: ist es wie sehr oft warm und der Wind kommt aus dem Landesinneren, dann purzeln die Rekorde. Ist es aber nass, kalt und der Wind kommt vom Meer her, lehrt der Marathon einen Demut. Doch dazu später mehr...

Nach meiner Ankunft machte es mir Alisdair so leicht wie möglich: in seinem schönen großen Haus hatte ich ein Zimmer ganz für mich allein, mein eigenes Bad, und wir verbrachten eine schöne Zeit gemeinsam. Er zeigte mir die Stadt, wie gingen gemeinsam mit seiner Freundin Beth zum Baseball (Wenn man nach Boston kommt, muss man in den Fenway Park und sich die Boston Red Sox ansehen - anders geht das gar nicht!), und wenn Alisdair arbeiten musste, machte ich entweder wunderschöne Vorbereitungsläufe in einem tollen Park nahe seinem Haus oder erkundete die Stadt auf eigene Faust.

Am Morgen des Patriot Day, an dem traditionsgemäß der Marathon stattfindet, brachte er mich nach einem gehaltvollen Frühstück zur Bahnstation, von wo aus ich in wenigen Minuten am Boston Common war - einem Park in der Innenstadt, von wo aus die Busse zum Startort Hopkinton losfuhren.

Hopkinton ist ein wunderschönes, eigentlich verschlafenes Nest, das aber einmal im Jahr seinen großen Tag hat: Nämlich dann, wenn der Marathon startet.

Die Leute sind wahnsinnig freundlich und total begeistert. Durch die abgesperrten Straßen der Stadt werden die Läufer vom "Starting Village" zur Startlinie geleitet und schon angefeuert!

Die äußerst pessimistische Wettervorhersage schien sich nicht zu bestätigen: es war zwar bewölkt, aber windstill und trocken. Ich hegte die Hoffnung, das würde so bleiben - wie sich zeigen sollte, so Unrecht...

Die Zeit bis zum Start ging äußerst schnell vorbei - mit vielen anderen Startern hält man sich ein Schwätzchen, es gab Kaffee, Bagels und Gatorade, und mir nichts dir nichts war es auch schon kurz vor 10:00 Uhr.

Dann ging alles ganz schnell: Startschuss, Trippeln bis zur Startlinie, die ich ca. 1:55 nach dem Pistolenknall überquerte, Laufuhr abgedrückt und los ging's!

Die ersten 2-3 Meilen geht es fast nur bergab: trotzdem hielt ich mich mit dem Tempomachen zurück, zum einen, weil das Feld doch recht gedrängt war, und ich unbedingt ein Erlebnis wie in Freiburg, wo ich gestürzt war, vermeiden wollte, zum anderen, weil ich mir ohnehin vorgenommen hatte, auf der netto fast nur abfallenden ersten Rennhälfte mit meinen Kräften gut zu haushalten. Trotzdem gingen die ersten Kilometer ohne jede Anstrengung fast alle in 4:06/km locker vorbei.

Dann wurde es etwas flacher, und ich fand ein gutes Tempo.

Die Begeisterung der Leute war unglaublich: in Dreier- und Viererreihen standen sie an der Straße. Wir hatten Hopkinton jetzt verlassen und kamen nach Ashland. Die Strecke war knifflig: Zwar ging es tendenziell bergab, aber zwischendrin waren immer wieder einzelne kleine Anstiege. Trotzdem konnte man bequem ein recht vernünftiges Tempo halten.

Der nächste Ort hieß Framingham, aber Besonderes gab es hier abgesehen von der großen Begeisterung der Menschen auch nicht zu sehen. Ich tuckerte gemächlich die Strecke entlang und fühlte mich richtig gut. Abgesehen von Kilometer sieben, wo ist der wohl etwas gegessen als ob etwas getrunken hatte und daher nur eine 4:17/km gelaufen war, waren alle Kilometer bis zum Kilometer 15 konstant 4:10/km oder 3-4 sec. darunter. Der Puls bewegte sich im Bereich um die 154-155, so hätte es von mir aus weitergehen können.

Ging es aber nicht. Plötzlich, kurz vor Natick an einem See, über den wir auf einer Aufschüttung liefen, kam starker Wind auf, natürlich Gegenwind aus dem Osten von der Küste her, genau wie vorhergesagt. Und die einzelnen, wenigen Tropfen, die eigentlich kaum gestört hatten, verstärkten sich zu einem richtigen Starkregen. Dazu fiel die Temperatur sofort spürbar ab.

Ich war zunächst mal froh, dass ich mich morgens entschieden hatte, unter das Laufshirt noch das langärmlige weiße Funktionsshirt anzuziehen. Aber man merkt er natürlich sofort, dass das Laufen nun viel anstrengender wurde. Ich bemühte mich, die Geschwindigkeit zu halten, musste mich aber bedeutend mehr anstrengen.

Wir warten jetzt auch schon fast in Wellesley. Der Ort ist berühmt für sein College, wo die jungen Studentinnen aufgereiht an der Strecke stehen und die Marathonläufer anfeuern. Das kann man schon einen Kilometer vorher hören! Die Mädels bieten sogar Küsse an!

Dann geht's bergab in den Ort hinein. Mitten in Wellesley ist auch die Halbmarathonmarke. Hier kam ich in 1:27:38 durch, merke aber schon, dass ich langsamer wurde. Das Wetter setzte mir echt zu, vor allem meinem ja nicht ganz unproblematischen linken Knie, dass sich plötzlich, wohl auch unter dem Kälteeinfluss, wie Wackelpudding anfühlte.

Ich konnte trotzdem das Tempo im Großen und Ganzen halten, vor allem auch, weil hinter Wellesley ein steiler Ablauf ins Tal des Charles River kommt. Hier ist man in der tiefsten Stelle des Marathons, abgesehen vom Ziel. Und wie das so ist - von der tiefsten Stelle an kann es nur noch bergauf gehen. Dazu der Regen und der Gegenwind, die Kälte - es war brutal.

Die vier recht steilen Anstiege, gekrönt vom Heartbreak Hill am Ende, zwischen Kilometer 26 und 34 beim Boston-Marathon sind legendär und haben schon manche Läuferhoffnung platzen lassen. Ich wusste, dass ich unter diesen Wetterbedingungen meine geplante Bestzeit nicht würde realisieren können. Unter 3 Stunden wollte ich aber unbedingt bleiben. Also passte ich meine Laufweise dem an.

Bei Kilometer 29 in Newton macht die Strecke eine scharfe Rechtskurve - eigentlich die einzige richtige Kurve im ganzen Rennen bis kurz vor Schluss. Hier hat man den ersten der vier Berge raus aus dem Tal des Charles River gerade hinter sich und steht kurz vor dem zweiten. Das ist ziemlich hart.

Ich musste auch so schon genug kämpfen. Bergauf reduzierte ich meine Schrittfrequenz und versuchte so locker wie möglich zu bleiben, ohne allzu viel Tempo zu verlieren. Bergab versuchte ich mich eher zu erholen als Tempo zu machen.

Das funktionierte recht gut. Als ich unten am Heartbreak Hill angekommen war, fühlte ich mich trotzdem hundeelend.

Ich sah ein Schild, dass mir ein wenig Mut machte: "Training is what got you into Newton. Heart is what will carry you into Boston!" Frei übersetzt: "Training hat Dich nach Newton gebraucht, dein Herz wird sich nach Boston tragen!" Davon abgesehen half einem echt das ständige und engagierte Anfeuern der Zuschauer. Man hatte echt das Gefühl, man laufe auch für die Leute.

Ich kämpfte mich den Heartbreak Hill hoch, wissend, dass es danach fast nur noch bergab nach Brookline und Boston geht. Endlich oben angekommen, brach es ein wenig aus mir heraus: Ich sah ein Schild: "You've conquered Heartbreak Hill - it's all downhill from here!" (Du hast den Heartbreak Hill erklommen -jetzt geht's nur noch bergab!) und wedelte mit den Armen. Sofort brachen die Zuschauer rechts und links der Strecke in Jubel aus. Ein Wahnsinnsgefühl!

Mein Zeit Polster für ein Sub-3-Finish war fast weggeschmolzen. Mit schierem Kampf gelang es mir, die nächsten 6 km in einem Schnitt von 4:15/km zu laufen. Dabei musste ich aber wirklich alles geben.

Mein linkes Knie wackelte wie ein Waldmeister von Dr. Oetker. Aber solange ich geradeaus lief, ging es. Als wir dann am Baseballstadion der Red Sox vorbei waren (das große, berühmte Citgo-Zeichen hatte ich schon 3 km vorher gesehen), wusste ich, dass ich es unter 3 Stunden schaffen würde.

Meine Tanknadel stand schon lange auf Reserve. So lief ich also die letzten beiden Kilometer in 4:28/km bzw. 4:40/km relativ langsam, auch, weil sich schon erste Krämpfe andeuteten. Die konnte ich glücklicherweise unter Kontrolle halten und bog endlich in die Boylston Street ein, Von hier waren es noch so circa 400m bis ins Ziel.

Die konnte ich jetzt wirklich genießen, in dem sicheren Wissen, am Ende doch hast eine volle Minute unter der 3-Stunden-Marke geblieben zu sein. Die Schmerzen setzten übrigens wie immer beim Marathon direkt nach dem Überqueren der Ziellinie ein...

Danach das Übliche: Medaillen-Empfang, Ausstattung mit Essen und Trinken, Fotos, alles im strömenden Regen. Ich schleppte mich zur Massage, Dort gab es sogar noch heiße Hühnersuppe - köstlich!

Danach holten mich Alisdair und Beth ab, und es ging nach Hause, wo mich ein heißes Bad, jede Menge Essen und mein Bett für ein schönes Nachmittagsschläfchen erwarteten.

In den nächsten Tagen werde ich noch etwas mehr schreiben. Für jetzt muss das erst mal reichen. Aber eins ist sicher: Einen Marathon wir diesen gibt es nirgendwo sonst auf der Welt. Heute war er knallhart, aber bei schönerem Wetter ist das bestimmt noch viel toller. There's only one Boston!

Link zum Blog mit Bild und den Garmin-Daten

5
Gesamtwertung: 5 (9 Wertungen)

Plan erfüllt

trotz widriger Umstände und das - wie es klingt - in einem kontrollierten Rennen.

Glückwunsch aus dem Saarland!

"Gelaufen wird wie es geht, geschlafen wann es sein muß und wenn ich im Ziel bin, bin ich da" (Schalk)

Saarvoir courir - laufen im Saarland

Ich gratuliere Dir...

... zu Deinem Fleiß.
... Deinem Willen.
... Deiner Zeit.

Sehr stark gemacht.

"Ceterum censeo Carthaginem esse delendam."

Ja, du hast es geschafft!

Trotz der widrigen Umstände Hast du dein Ziel erreicht und sub3h gefinisht! Allerherzlichste Glückwünsche!

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Glückwunsch...


... , gut gemacht und danke für das "mitnehmen".
Viele Grüße aus dem Havelland
Jens

Wie gut, dass Du schon ein Polster

antrainiert hattest. So konntest Du auch Boston unter 3h finishen.

Ich gratuliere ganz herzlich zum tollen Erlebnis und Ergebnis!

wow...

...war das spannend zu lesen! ganz herzlichen glückwunsch: zur sub drei, zum bravourösen kämpfen und...ach, und überhaupt!
es war schon sehr interessant deine akribische vorbereitung mitzuverfolgen. nun hast du dir den verdienten lohn dafür abgeholt!
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laufend wünscht gute regeneration: happy™

"man muss es so einrichten, dass einem das ziel entgegenkommt." (theodor fontane)

Punktlandung!

So akribisch wie du deine Vorbereitung durchgezogen und dokumentiert hast, so couragiert und beherzt bist Du in Boston zur sub3h gelaufen!!! Gratulation!!!

Gruß, Dominik
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"Wenn man die Augen zumacht, klingt der Regen wie Applaus..."
(Enno Bunger)

*Auf Messer`s Schneide*,

Blogtitel von fazerBS unglaublichen Bonn-Marathon (sie hat nur 3:06h gebraucht), hätte auch perfekt hierher gepasst. Mann, Mann, auch Boston war nicht ohne! Wie schön, dass alles drumherum so gut passte. Freude zu haben, wenn möglich weltweit, ist natürlich genial. Ob Astrophysiker oder Kellner, wäre mir da glatt egal;-)
Das war wirklich ein knall harter Marathon, aber he, du hast ihn gerockt und zwar in einer göttlichen Zeit! Ganz herzlichen Glückwunsch! Zwar ist die sub3h wichtig gewesen, aber ich habe das Gefühl, du hättest ihn auch keine Sekunde bereut, wenn du 10 Minuten später ins Ziel gekommen wärst. Deine Freude liest man aus jeder Zeile heraus. Toll!

Lieben Gruß
Tame

Danke an alle!

für die netten Gratulationen. Bin jetzt wieder "dahemm", wie der Saarländer sagt. Donnerstag bin ich noch ein bisschen in NYC rumgelaufen...

Gruß

Jörg

Blog 2.0

hab meinen Blog mittlerweile noch um ein paar Gedanken und Erlebnisse erweitert. Nützliches Wissen (Der Charles River, der Boston prägt, entsprint tatsächlich in - Hopkinton, dem Startort!) und unnützes (where Marc Terenzi was born...)

Viel Spaß beim Lesen ;-)

Jörg

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