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Benutzerbild von dfrobeen

Wie so oft in meinen Wettkampfberichten, muss ich auch für den 2015er Berliner Halbmarathon ein wenig ausholen. Um genau zu sein beginnt dieser Blog exakt nach Ende meines letzten Beitrages, in dem ich noch voller Begeisterung von der Bewältigung des (vor allem vom Kopf her) so anspruchsvollen 32km-Crescendo-Laufes am Dienstag abend berichtete.

Für den Mittwoch hatte ich mir dann einen der vielen 70 Minuten-Regenerationsläufe vorgenommen und bin diesen abends auch angegangen, nachdem ich vorher ein paar lockere Bahnen schwimmen war. Insgesamt war mir klar, dass der Mittwoch nicht der Tag für Heldentaten sein würde - das Crescendo hat mir doch einiges abverlangt. Aber schon zu Beginn des Laufes merkte ich, dass es noch schlimmer werden sollte. Ich fühlte mich schlapp, mein Wohlfühltempo reichte noch nicht einmal um die ohnehin langsame 5:40-Pacevorgabe einzuhalten und auch schon nach wenigen Kilometern kam so ein Ermüdungsschmerz im rechten Oberschenkel...den kannte ich aber schon aus den letzten recht umfangreichen Laufwochen und dachte mir einfach "nur 13km, dann kannst Du auf das Sofa".

Ich hätte wohl besser aufhören sollen - Feuer frei also für alle Aussagen a la "hör auf Deinen Körper". Nach etwa 5km kam dann auch der Schmerz im linken Oberschenkel und da war ich dann doch von überrascht. Links lief ich auch in den letzten Wochen völlig schmerzfrei. Blöde Stelle meiner Laufstrecke, denn es gab eigentlich nur die Optionen die 5km zurück zu laufen oder die 13km-Runde fertig zu machen - Abkürzungen waren nicht drin. "Ach komm...stell Dich nicht so an, sind nur noch 8km und dann musst Du Dir keinen Vorwurf machen den Trainingsplan nicht eingehalten zu haben". Ich nahm nochmal Tempo raus, lief jetzt knappe 6er-Pace...das hat es lange nicht mehr gegeben. Außerdem stellte ich auf Vorderfußlauf um - irgendwann muss ich mir das ja angewöhnen und an diesem Abend führte es tatsächlich zu weniger Schmerz beim Laufen.

Es war schon eher gequält, aber ich habe es durchgezogen. Der Gedanke war dann "jetzt ins Bett und morgen wieder mit vollem Elan neue Trainingsreize setzen" - und vom Bett trennte mich nur noch eine 5minütige Autofahrt nach Hause. Ich fand keinen Parkplatz vorm Haus, sondern 200m entfernt. Kein Problem...unter normalen Umständen. Aber diese 200m sollten zu einer echten Herausforderung werden. Ich konnte mein linkes Bein nicht mehr strecken und mit 45 Grad vorgebeugtem Oberkörper heim gehen ist ja auch blöd. Der erste Versuch das Auto zu verlassen scheiterte also und ich setzte mich nochmal hin. Der nächste Gedanke war "einmal durch den Schmerz und aufrichten, dann wird es schon gehen"...aber keine Chance. Mittlerweile wurde schon die erste Passantin auf mich aufmerksam und fragte mich, ob sie mir irgendwie helfen könne. Ich bedankte mich und biß die Zähne zusammen. Die 200m wurden gefühlt zu einem Gewaltmarsch und ich kam schweißgebadet daheim an.

Jetzt musste ich einsehen, das ist mehr als nur ein Zwicken und am nächsten morgen sollte es zum Sportarzt gehen. Da ich glücklicherweise bislang völlig verletzungsfrei agiert hatte, musste ich mir erst einen suchen. Ist gar nicht so einfach jemanden zu finden, wo man mal eben vorbeikommen kann...im nächsten Leben werde ich Sportarzt. Ich fand aber einen und wartete fast den kompletten Vormittag, bevor ich dann die Diagnose bekam. "Muskelfaserriss im linken Adduktoren" war die Ansage. Der Ultrasschall zeigte mir dann ein im Muskel eingelagertes Ödem, was vollständig verheilt sein muss, bevor ich wieder mit laufen anfangen kann. Konkret war die Ansage "3 Wochen Laufpause, Aquajogging erlaubt, Radfahren erlaubt, Schwimmen erlaubt - außer Brustschwimmen".

Ich brauche nicht zu schreiben, dass mich das erstmal in eine tiefe Starre fallen ließ. Boston war 3 1/2 Wochen entfernt, den sollte ich hoffentlich noch laufen können. Aber ist es dann damit auch erledigt? Was ist mit den Schmerzen im rechten Bein? Was, wenn was grundlegendes kaputt ist und ich es schon viel zu lange verschleppt habe? Was wird aus Roth im Juli? Was mit New York im November - da habe ich für beide Wettkämpfe schon ordentlich Geld bezahlt und in New York komme ich ohne erneuerte Qualizeit auch nicht so einfach wieder rein? Aber hilft nix, verletzt ist verletzt. Soviel Vernunft hatte ich dann doch, als dass ich blind weitertrainieren wollte.

Der Rest des Donnerstag war noch ganz schön schmerzhaft, auch Freitag zum Aufstehen merkte ich noch die Stelle im linken Oberschenkel, zum Glück aber schon nicht mehr schmerzhaft. Ohne das ich es so richtig gemerkt habe, war der Schmerz dann im Laufe des Freitags weg. Ich hatte schon vorher entschieden nach Berlin zu fahren, auch wenn ich den für Sonntag gemeldeten Halbmarathon ganz sicher nicht laufen werde. Ich packte meinen Kram zusammen - Kram deshalb, weil es von Berlin aus direkt in den Skiurlaub gehen sollte. Also nahm ich auch ein paar Sportklamotten mit..man weiß ja nie, was man im Skiurlaub so alles anziehen muss und außerdem hatte ich ja jetzt das Mountainbike dabei - Radfahren war ja erlaubt.

Es war ein Glücksfall, dass ich noch meine Wettkampf-Laufschuhe im Auto hatte, denn mit dem Schmerz im Bein wollte ich am Mittwoch abend so wenig Gepäck über die ewig langen 200m heim schleppen. Samstag hatte ich dann schon keinerlei Beschwerden mehr und nach ein paar Telefonaten wusste ich dann, dass solange ich keinen Schmerz im Muskel habe, auch nicht noch mehr kaputt gehen kann. Samstag abend probierte ich mit meinem Berliner Kumpel, der am nächsten Tag auch laufen sollte, bei einem ganz lockeren 6km-Läufchen, ob ich nicht nur beim gehen, sondern auch im Laufschritt schmerzfrei bin...dem war glücklicherweise so.

Also stand die Entscheidung - ich werde mich an den Start stellen. Der Berliner Halbmarathon ist ein tolles Event und das letzte, wo ich noch eine ernstzunehmende Serie hatte. Dieses Jahr sollte der vierte Start werden, aber bei einem DNS wäre die Serie dahin. Ein DNF hätte ich mir verziehen - ein Rest Vernunft war nämlich noch da, dass ich schon beim ersten Zwicken sofort angehalten und das Rennen abgebrochen hätte.

Blieb noch die Frage des Tempos. Laufe ich jetzt locker um dem Muskel keine Belastung zuzumuten? Probiere ich mich als Pacemaker für Kumpel Khai? Da ich nicht wusste, worauf mein Muskel am ehesten reagieren würde, riskierte ich es den Lauf schnell anzugehen - die Verletzung entstand ja schließlich beim langsamen laufen.

Ich stellte mich in meinen Startblock A und lief los. Es war schon ein mulmiges Gefühl, aber ich freute mich, dass der Muskel sich zumindest nicht sofort meldete. Die ersten Kilometer gingen dann auch gleich flott raus und die Zwischenzeitmessung nach 5km zeigte 19:20 Minuten, 3:52 im Schnitt. Jetzt kam der Gegenwind und ab km8 konnte ich die Zeiten nicht mehr unter 4 Minuten pro Kilometer halten. Ich war flott unterwegs, aber so für das allerletzte Risiko fehlte mir dann doch das Vertrauen in meinen Körper. Nach der Zeit in Celle wenige Wochen zuvor hätte ich wohl noch etwas mehr riskieren können, aber dafür dann Boston oder gar die ganze Saison auf`s Spiel zu setzen?

Nach 10km war ich bei 39:41, die letzten 5km gingen aber im 4:05-Schnitt raus. Ich hoffte, dass nach dem Linksknick beim Schloss Charlottenburg zumindest das Thema Gegenwind entspannter werden sollte. Andererseits sollte auch der Teil des Rennens kommen, bei dem ich mich traditionell am schwersten tue. Im dritten Viertel kommen so die Gedanken "ist noch ganz schön weit, das Tempo kannst Du vielleicht nicht halten", "wenn Du jetzt beschleunigst, brichst Du später noch ein". Bei km15 war ich 59:57 Minuten unterwegs - exakt 4er-Pace. Das lag aber nur an den ersten schnellen 5km - der letzte 5er-Abschnitt war wieder im 4:04-Minuten-Schnitt.

Ich überlegte kurz, was wohl für eine Endzeit herauskommen sollte, doch ich merkte schnell, dass es mir irgendwie egal war. Die Bestzeit aus dem Vorjahr (1:21:23) war unerreichbar, flott unterwegs war ich trotzdem - der Fokus lag aber immer noch darauf auf meinen Muskel zu hören. Sobald der sich bemerkbar macht, breche ich das Rennen ab - auch wenn es bei km 20,8 ist.

Der Muskel hielt und jetzt kam auch der Teil der Strecke, den ich jedes Jahr so mag. In Berlin bin ich einfach immer phantastische Rennen gelaufen und die letzten Kilometer waren schon die Vorfreude darauf, dass ich im Ziel eine tolle Zeit feiern werde. Hier war ich immer im Rausch - ein Einbruch plötzlich völlig ausgeschlossen. Der letzte Teil des Rennens geht ja auch durch den Teil der Stadt, wo ich knapp 3 Jahre lang gearbeitet habe, also eine Art Heimat. Am Potsdamer Platz vorbei auf die Leipziger Straße und dann rechts die kleine Schleife am Checkpoint Charlie vorbei. Hier habe ich unbewusst wieder beschleunigt. Ab hier habe ich meinen 4:05-Pace-Trott verlassen und unbemerkt gingen die km wieder unter 4 Minuten raus.

Der km21 war dabei sogar der schnellste, die Uhr zeigte mir da eine 3:50 an. Da sah ich auch schon längst das Ziel. Ich lief locker über die Ziellinie, kein Endspurt, keine Entschleunigung - einfach durch. Ich war glücklich - der Muskel hatte gehalten und ich meine drittbeste Halbmarathonzeit ins Ziel gebracht. An die Bestzeit aus dem Vorjahr bin ich ebensowenig dran gekommen, wie die erste Hälfte des Bostonmarathon (1:23:55). Dieses Jahr in Berlin blieb die Uhr für mich bei 1:24:16 stehen, so gerade unter dem magischen 4:00-Schnitt. Ich war einfach nur glücklich.

Seither sind jetzt gut 1 1/2 Wochen vergangen und es ist dabei geblieben. Mein Muskel macht keine Probleme. Aber ich habe die Situation schon im Kopf behalten. Ich hätte nach dem Crescendo nicht laufen sollen. Was für einen Trainingseffekt soll denn der 70-Minuten-Lauf bringen? Es ging mir nur um die Einhaltung des Trainingsplans.

In meiner Woche im Skiurlaub bin ich es ruhig angegangen. Scheiß auf Trainingsplan - Boston wird eh keine Bestzeit und Du hast noch zu viel in diesem Jahr vor um dir die Saison jetzt schon zu zerschießen. Am Mittwoch war ich erstmals nach Berlin wieder laufen - ohne Uhr, einfach nach Lust und Laune. 70 Minuten sollten es werden, also die einzig schneebefreite Straße 35 Minuten hin und den gleichen Weg wieder zurück. Erst wieder im Hotel blickte ich auf Strava, die Lauf-APP im Smartphone. 14,7km waren es - ich hatte mit 13 gerechnet und so war ich locker Wohlfühltempo 5:00 gelaufen. Am übernächsten Tag wollte ich nochmal los, aber die in der Sonne strahlende Langlaufloipe hatte ein Gespräch mit meinem Unterbewußtsein gestartet an. Also ab in den Shop im Hotel, Langlaufski ausgeliehen und los - erstmals in meinem Leben. Es wurden 19,7km klassisch und erst mit Hilfe eines Youtube-Videos wieder im Hotel merkte ich, dass ich diese technisch völlig falsch gelaufen war. Da ich die Ski ohnehin noch hatte, bin ich am nächsten Morgen nochmal 10km gelaufen, bevor es wieder auf die Alpinpisten in Kitzbühel ging. Diesmal primär im Diagonal-Stil und nicht komplett über die Doppelstocktechnik (von Skating hatte mir der Verleiher abgeraten - dazu war der Schnee zu sumpfig).

Ostermontag musste ich dann aber wieder die Laufschuhe schnüren. Ich war/bin jetzt weit weg vom Trainingsplan, aber wenigstens die langen Kanten wollte ich noch laufen - die sind in der Vorbereitung doch die wichtigsten. Ich lief bei traumhaftem Wetter einen 37km-Lauf in 5:10-Schnitt - und es fühlte sich toll an. Am nächsten Tag schaffte ich es entgegen meiner zeitlichen Erwartung doch zum Vereins-Lauftraining - nach einer Woche Urlaub wollte ich den anderen verrückten Triathleten doch wenigstens wieder "Hallo" sagen. Ich lief mit ein und machte fein artig mein Lauf-ABC, nur bei den Steigerungsläufen war ich etwas vorsichtig...bei ganz schnellen Bewegungen habe ich doch noch eine kleine Blockade im Kopf. Der Hauptteil sollten 3x1000m-Intervalle sein und dann noch 800m, 400m, 200m - jeweils immer schneller werdend. Eigentlich wollte ich gar keine Intervalle machen - nach dem 37er vom Vortag eher ausruhen. Aber da sich alles gut anfühlte lief ich mit. Bumms, es wurden die schnellsten 1000er-Intervalle, die ich bislang gelaufen bin - 3:28, 3:24 und 3:31.

Gestern dann Vereins-Radtraining - eigentlich stand ein Regenerationslauf im Trainingsplan, aber ich hatte viel mehr Lust auf Radfahren. Es wurde Kraftausdauer in der Ebene gefahren und dabei konnte ich beim ersten Radtraining des Jahres über die 20,3km-Belastungsstrecke gleich mal einen geschmeidigen 35,9km/h-Schnitt in den Asphalt brennen. Und es hat Spaß gemacht...den hätte ich beim Laufen niemals so gehabt. Nach dem Radeln war ich kurz auslaufen (8,5km), aber das hat mir dann auch gereicht.

Was das jetzt alles für Boston bedeutet, kann ich nicht sagen. Ich versuche noch die letzten beiden Schlüsseleinheiten in den nächsten Tagen zu machen - 3x5000m im Marathontempo und noch einen verkürzten langen Lauf (27km). Alles andere mache ich nach Lust und Laune - das ist mir gerade echt wichtiger. Ich bin gespannt...

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Gesamtwertung: 5 (2 Wertungen)

Lust und Laune klingt gut!

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass du am besten läufst, wenn du mal den Kopf raus nimmst ;-) Wenn du es schaffst das Berlingefühl mit über den Großen Teich zu retten wird Boston super, davon bin ich fest überzeugt.

Wünsche dir alles Gute!

"Gelaufen wird wie es geht, geschlafen wann es sein muß und wenn ich im Ziel bin, bin ich da" (Schalk)

Saarvoir courir - laufen im Saarland

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