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Grenzläufer

Im schwachen Licht der Stirnlampen kann ich den Untergrund gerade so erkennen. Mein Atem geht schwer, meine Oberschenkel brennen. Mein Blick geht nach vorn, ich kann das Ende des Tunnels nicht sehen doch ich weiß, dass es bald vorbei ist. Ich befinde mich in der dreizehnten und letzten Runde und das 508 m Untertage. Ein Gedanke kommt mir schon zum zweiten Mal in den Sinn „ Letzte Woche, Brocken Challenge war irgendwie leichter.“

Vom Gipfelstürmer zur Tunnelratte!

Es ist der 13. Februar 2015, ich sitze im Hörsaal der Uni in Göttingen. Die Stimmung ist fast mystisch. Gespannt schaue ich auf die Bilder, die von einem Projektor auf die nackte Wand gezaubert werden. Gezeigt werden Läufer mit lachenden Gesichtern, Personen mit leerem Blick, verzauberte Winterlandschaften und stolze Finisher.
Die Brocken Challenge, ein Ultralauf von Göttingen bis auf den Brocken im nördlichen Harz. Der NDR gab ihr einmal den Beinamen „Das härteste Rennen des Nordens“ über eine Länge von 80 km mit 1.900 Höhenmetern im Auf- und ca. 1.100 Höhenmeter im Abstieg mit dem Ziel auf dem Granitfelsen. Hier wurde im Rahmen der friedlichen Revolution in der DDR am 3. Dezember 1989 die Öffnung der Mauer des militärischen Sperrgebietes „Brockenkuppe“ erzwungen und zwar um 12:45 Uhr. Ein Lauf von WEST nach OST, bis 1989 unmöglich, doch jetzt einer der schönsten und auch härtesten Landschaftsläufe in Deutschland.

Am 14.02.15 um 6:00 Uhr stand ich an der Startlinie im Göttinger Wald. Das Thermometer zeigt -2° C. Das Feld setzte sich in Bewegung. Beim Briefing am Abend zuvor sagte man uns, dass auf den ersten 42 km die Wege zu 95 % schnee- und eisfrei sind. Auf den ersten 5 km durch den Wald standen am Weg auch einige Fackeln, die den Läufern den Weg weisen sollten, hier und da noch etwas gefrorener Schnee. Nur nicht zu schnell laufen, nicht überziehen, der Lauf ist noch lang.

Sonntag, 22. Februar 2015, es ist 9:45 Uhr und ich stehe mit Almuth, Mareike und Peter in einem Aufzug, der uns in einem respektablen Tempo in eine Tiefe von über 500 m unter die Erde befördert. Wir sind in Merkers auf dem Weg zum Start des Kristallmarathons. Hier verlief ebenfalls die innerdeutsche Grenze vor 1989, nur eben 1600 m tiefer und im Dunkeln. Hier im Bergwerk wurde bis zum Jahr 1991 Kalisalz abgebaut. Außerdem wurden hier im 2. Weltkrieg große Mengen Nazigold, Reichsmark und Kunstgegenstände gelagert. Der Marathon wird über dreizehn Runden mit je 3,24 km Länge gelaufen auf der sich knapp 58 m im Auf- und Abstieg je Runde befinden. Nach Adam Riese 750 Höhenmeter auf der Marathondistanz.
Am 22.02.15 um 11:00 Uhr setzte sich das Startfeld in Bewegung. Die Temperatur war mit +21°C recht angenehm. Hier wird im Dunkeln gestartet, gelaufen und gefinisht. Auf der ersten Runde war ich natürlich zu schnell. Durch die Kurven und die eingeschränkte Sicht ist es nicht unbedingt leicht sich richtig auf eine Pace einzustellen. Egal…schoss es mir durch den Kopf, du willst es wissen, also Augen zu und durch, ist sowieso dunkel. Runde 1 mit 15:25 min, Runde 2 mit 15:48. Nach der 3. Runde zeigt die Stoppuhr 47:37 min. Letzte Woche zeigte sich nach der Kilometerzahl bei der Brocken Challenge schon langsam das hellgraue Band des Morgens.

14.02.15, ich bin bei Kilometer 13. Ein zartes violett kündigt den Sonnenaufgang an. Mit jedem Kilometer verändert sich der Himmel. Es ist ein Schauspiel der Superlative. Bei KM 22 der zweite VP, ab hier laufe ich ein Stück mit Rolli. Es geht hoch zur Tilly Eiche, ab hier ist Trail angesagt. Matsch, Matsch und nochmal Matsch Nach dem Downhill habe ich den Eindruck meine Schuhe wiegen das Dreifache. Die Sonne ist aufgegangen und das Thermome,ter ist über Null geklettert. Ich fühle mich gut und genieße den Lauf.

22.02.15, ich habe das Tempo rausgenommen. Zu schnell war ich auf den ersten Runden, macht nix denke ich. Es ist warm hier unten, der Helm den alle Teilnehmer tragen müssen, drückt ein wenig. Meine Kehle ist staubtrocken. Es geht in die sechste Runde. Der Gedanke, dass sich über mir ein halber Kilometer Fels befindet, lässt mich kalt. Ein halber Kilometer oder die Zimmerdecke von einem Einfamilienhaus…vollkommen Wurst….platt biste eh, wenn‘s dir auf den Kopf fällt. Da passt kein Hut mehr.

14.02.15, ich laufe durch Barbis. Hier ist der Marathon geschafft und der eigentliche Ultra beginnt. Mit 4:35 Stunden bin ich durch. Kein Klamotten- oder Schuhwechsel, ich fühle mich noch frisch. Nach 5 min Pause laufe ich weiter. Vor mir liegt der berühmte Entsafter. Nicht, dass dieser Streckenabschnitt sehr steil wäre, er ist nur lang, ziemlich lang und das kostet Kraft. Ich nutze die Zeit, um meinen Körper aufzutanken. Von hinten schließt Harald zu mir auf. Wir quatschen und quatschen. Das macht den Lauf bis zum nächsten VP kurzweilig und entzieht dem Entsafter die Härte.

22.02.15, in der letzten Runde bin ich an Almuth vorbei gelaufen, Sie fühlt sich gut und ist nach der Hälfte des Marathons über zehn Minuten vor ihrer Zeit. Vor mir läuft Mareike ihren Stiefel durch die Dunkelheit. So langsam merke ich die Knochen. Ich kann nicht sagen, ob es an dem Untergrund liegt, am schnellen Downhill auf jeder Runde oder an der Challenge vor einer Woche. Wahrscheinlich von jedem etwas. Die Vorstellung noch 16 Kilometer zu laufen ohne etwas zu sehen, was eine andere Farbe hat als schwarz oder grau hebt nicht gerade meine Stimmung. Kurze Unterhaltung mit Mareike und ab dafür. Augen auf oder zu…egal und durch. Was würde ich jetzt für die Sonne geben.

14.02.15, der Himmel ist blau und es ist richtig warm geworden. Wir haben noch 17 Kilometer vor uns. Seit dem VP bei KM 53,8 habe ich die Yaktrax angezogen, diese machen das Laufen deutlich leichter auf Eis und Schnee. Rechts und links auf dem Weg befinden sich die Loipen der Langläufer, in der Mitte laufen wir. Abseits des Weges sollte man sich nicht versuchen, sonst ist man bis zum Schritt verschwunden. Einige Langläufer feuern uns an, ein gutes Gefühl. Andere wollen wissen, wo wir herkommen und wo wir zum Henker hinlaufen. Kein Zweifel das Ziel zu erreichen. Wenn’s gut läuft noch unter 11 Stunden.

22.02.15, das elfte Mal habe ich diese Ecke gesehen. Das elfte Mal die lange Gerade vor mir erblickt und gleich werde ich zum elften Mal den Berg zum Start und Ziel herablaufen. Die Luft ist raus.

Gipfelstürmer:
Noch drei Kilometer bis zum Gipfel. Ich bin noch immer mit Harald unterwegs. Es passt mit unserem Tempo. Die Brockenbahn fährt an uns vorbei. Die Winterlandschaft ist ein Traum. Alles sieht aus wie mit Zuckerguss überzogen. Ich habe den Eindruck, dass selbst die Sonne heute nicht wirklich verschwinden möchte. Die letzte, steile Rampe vor uns. Los, los.., noch 800 m… wir werden angefeuert. Ich kann das Zielbanner sehen. Wie ein großer Magnet zieht mich diese Bergkuppe an. Noch 30 m, noch 20 m, komm Harald, wir sind unter 11 Stunden. Yeesss, Geschafft!!! Wir sind oben. Wir haben die Brocken- Challenge geschafft, 80 Kilometer bei Traumwetter. Ein gutes Gefühl, ein richtig gutes Gefühl.

Tunnelratte:
Noch 3,24 Kilometer. Ich bin vorhin noch einmal an Almuth vorbei, sie war seit einer Stunde der einzige Farbfleck in dem Grau des Tunnels. Jetzt reiß dich zusammen. Ich spüre jeden Knochen. Zum letzten Mal heißt es den Hügel zu erklimmen, die Wellen abzulaufen, wieder einen Hügel zu erklimmen, die lange Gerade zu meistern, um sich dann über einen Kilometer Richtung Ziel zu bewegen. Ein Blick auf die Uhr zeigt mir, dass ich unter 3:50 Stunden kommen könnte. Verdammt, hier unten fehlen dir einfach die Anhaltspunkte. Mein Atem geht schwer und meine Oberschenkel brennen. Noch eine 180° Kurve und dann auf die Zielgerade. Ich kann das Licht am Ende des Tunnels sehen. In manch einer Situation würde man sagen: „ Egal was du tust, gehe nicht in das Licht.“ Egal, ich renne in das Licht. Noch 150 m, noch 50 m. Jeppp, das wird definitiv unter 3:50 Stunden. Verdammt bin ich fertig. Drin, ich bin drin, ich bin im Ziel. Ein hartes Stück Arbeit, trotzdem ein gute Gefühl.

Es waren Grenzläufe im Sinne der Geschichte, für mich waren es Grenzläufe, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Strahlender Sonnenschein, Kälte und atemberaubende Landschaft auf der einen Seite und Dunkelheit, Wärme und Tunnelblick auf der anderen Seite. Ein Ultralauf über 80 Kilometer und ein schneller Marathon innerhalb von acht Tagen. Die unterschiedlichsten Bedingungen und das, obwohl die zwei Läufe noch nicht einmal 150 km Luftlinie voneinander entfernt liegen. Beides hat etwas Besonderes. Beides für sich ein Erlebnis. Beides innerhalb von 8 Tagen, für mich eine Grenzerfahrung.

Glückwunsch an alle Finisher der BC 2015 und des Kristallmarathons. War schön euch zu sehen, mit euch zu laufen und zu feiern.

la soledad del corredor
Fraggle

5
Gesamtwertung: 5 (9 Wertungen)

Da fehlen mir die Worte

zu beidem und vor allem zur Kombi! Meinen Respekt!!! Und Glückwunsch vor allem!

"Gelaufen wird wie es geht, geschlafen wann es sein muß und wenn ich im Ziel bin, bin ich da" (Schalk)

Saarvoir courir - laufen im Saarland

Du bist einfach Hammer!

Unglaubliche Leistungen innerhalb von so kurzer Zeit!
Ich bewundere dich immer wieder aufs Neue!

Fraggle...

...du hast es einfach drauf!!! Als Läufer, als Erzähler und als Schreiber!!
Tolle zusammengefasst, schön geschrieben und genial gelaufen!!!
Weiter so!!

Spannender Bericht, spannende Gegensätze

Hmm..., ich glaube draußen ist's wohl doch schöner! Also ich würde da doch den Brocken bevorzugen!

Herzlichen Glückwunsch und fetten Reschbeggt!

:-)

Mit Stil ins Ziel!

Kontrastprogramm

und beides wie immer locker nach Hause gelaufen - Glückwunsch dazu.

Aber ich glaube, ich würde auch lieber draussen laufen wollen, obwohl der Brocken mehrere Nummern zu hart für mich wäre.

LG,
Anja

Ein toll beschriebenes Kontrastprogramm

und im Vergleich zwei völlig unterschiedliche Welten.

Du hast beides gut gemeistert - Glückwunsch dazu.

Auch wenn beides für mich irgendwie nicht vorstellbar und ich nach der kurzen Aufeinanderfolge vermutlich körperlich KO ware für den Rest der Saison :lach:.

und man lernt auch noch

... was dabei :-)
danke für den genialen Bericht und riesige Gratulation zu deinen Leistungen !
Echt schön, was auch du für Geschichte(n) schreibst !

Fraggle,...

bist schon ein knallhartes Ultralauftier!! :o))
Egal, wann, wie, wo....Du läufst da durch wie ein Uhrwerk! RESPEKT!

Ich hab am Wochenende danach meinen geplanten Lauf abgesagt und tatsächlich insgesamt 12h gepennt und Du ziehst so ein Ding durch mit cooler Zeit...WOW!

Gratuliere Dir ganz herzlich und bin sicher, Deine Grenzen hast Du noch lange nicht erreicht! ;o)
Freue mich auch weitere Abenteuergrenzläufe von Dir!

Lieben Gruß Carla
"Mancher rennt dem Glück hinterher, weil er nicht merkt, dass das Glück hinter ihm her ist, ihn aber nicht erreicht, weil er so rennt!" (Bert Hellinger)

Schöner Bericht! ...

... Sehr schöner Vergleich.
Und noch besser war es dich in Göttingen und am Brocken getroffen zu haben!
Sehr, sehr schön!
Dbake!
;-)

Faszinierend!

Danke für einen weiteren spannenden Einblick in eine andere Welt. Beides wär' nix für mich, aber daran über so einen tollen Bericht ein kleines bisschen teilhaben zu dürfen, ist sehr wunderbar.

Glückwunsch zu beiden Erfolgen!
yazi

Danke für diesen genialen Parallelbericht!

Ein kleines Stück Literatur!
Und respektvolle Glückwünsche zum erfolgreichen Absolvieren beider Läufe!

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

was für ein...

...wundervoller blog. einer der besten ever! ich bin auf zwei strecken unterwegs gewsen, die ich in echt nie laufen werde...einfach grandios!!!
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laufend knuddelt fraggle und dankt herzlich: happy™

"man muss es so einrichten, dass einem das ziel entgegenkommt." (theodor fontane)

Genial

Ich dachte du wirst langsam ein wenig ruhiger . Da habe ich mich wohl ganz schön geirrt. Jetzt gibst du ja mal so richtig Gas. Einfach genial was du da zauberst. Wenn ich dich nicht so gut kennen würde, hätte ich ein Problem damit, zu glauben das diese extremen Tortouren noch gesund sind. Aber du hast diese Strapazen alle super weggesteckt. Meinen aller größten Respekt vor dieser Leistung.

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