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Benutzerbild von kaiserswerther kenianer

Vorwort: Ich konnte die Strecke zwar in einem Tag fahren, aber leider nicht in einem Tag beschreiben. Wenn Ihr Euch also mal wieder vor einem langen Lauf bei schlechtem Wetter drücken wollt, dann könnt Ihr die ersten drei Teile in meinem Blog nachlesen. Dort sind sie in chronologischer Nummerierung zu finden.

Teil IV

Zwei weitere Anstiege liegen vor der Einfahrt nach Lüttich. Zwei Anstiege, die schwerer, aber nicht so eindrucksvoll sind wie die sagenumwobene Redoute.
Während ich die Redoute noch Monate danach in Momenten seltener Schlaflosigkeit im Kopfkino abspulen kann, gelingt mir die Retrospektive bei den folgenden beiden Prüfungen nicht mehr. Einzig als ein Brei aus gemeinen Rampen in waldreichen Vororten voller Schmerzen sind mir der „Cote des Forges“ und der „Cote de la Roche au Faucons“ in Erinnerung.
Aber eins weiß ich sicher: Ich bin nicht abgestiegen und das ist es, was zählt! Möglicherweise wäre ich schneller gewesen, hätte ich das Rad geschultert und wäre gelaufen.
Die Bilder kommen wieder…
Die Streckenposten leiten mich. Liege ist ausgeschildert. Eine Auffahrt, ein Beschleunigungsstreifen… Eine Autobahn!!! Kann das richtig sein? Autos –Lastwagen gar- mit mir auf der Fahrbahn. Ich fühle mich schrecklich fehlgeleitet. Radfahrer auf der Autobahn…? Wie kann einem nur so etwas doofes passieren? Wie erkläre ich das mit meinen rudimentären Fremdsprachenkentnissen der Polizei? Doch dann sehe ich, dass weiter vorne auch noch große zweirädrige Pulks auf der ungewohnten Straße unterwegs sind. Die Strecke führt uns über den großen Fluß, dessen Name („La Meuse“) mein erschöpftes Hirn nach hundertundfünfzig Kilometer auf das Niveau eines Präputerierenden zurückwirft. Kichernd gleite ich über sie hinweg, während sich alle unmöglichen Assoziationsketten bilden, die besser am Ort des Entstehens bleiben. Autobahnabfahrt!
Der Anblick des ehrwürdigen Stadions von Standard Lüttich erspart mir eine Fortsetzung der immer neuen Flußwortspiele, die – gleich lästiger Kindergartenviren in den Körper eines Familienvaters in der Marathonvorbereitung- Eingang finden in mein Bewusstsein.
So müssen Stadien aussehen. So muss Fußball sein. Ich kann sie förmlich spüren: Die tausendfach hinein- und enttäuscht herausgetragenen Hoffnungen. Die alkoholschwangeren gegrölten Schlachtrufe, die latenten und offenen Aggressionen, die archaischen Rituale der politisch so unkorrekten neunziger Jahre. Ist das noch Belgien oder eine Kulisse für britische Hooligan -Sozialdrama -Filme?
Diese Frage drängt sich umso mehr auf, als es jetzt durch Stadtgebiete geht, die ich nur anderteinhalb Autostunden entfernt von meinem Wohlstandsbürgerdorf an der Düssel mit einer Mischung aus Schreck und Faszination betrachte.
Sind die barfüßigen Kinder und die mürrischen Biertrinker am Straßenrand Ausdruck von Nonchalance oder ist das bittere Armut? Sind die verfallenen Arbeiterhäuser Zeichen der frankophilen Nachlässigkeit in Bezug auf Instandhaltungsbemühungen von Immobilien oder eine schreiende Ungerechtigkeit gegenüber Teilen der Bevölkerung, die von den modernen Zeiten links liegen gelassen wurde? Hat das noch Charme oder muss das weg? Ich kann mich in der Kürze der Zeit nicht entscheiden. Zumal sich schon bald die letzte ausgeschriebene Prüfung auf dem Asphalt manifestiert. Der Einstieg in den Cote de Sant-Nicolas erspart mir, darüber nachzudenken wie die schottischen Hotelgenossen wohl „Rue du Coq“ übersetzen würden. Gottseidank geht es aufwärts und ich kann mich nicht mehr auf weitere Übersetzungsversuche konzentrieren.
Es ist nochmal brutal steil. Jeder Hauseingang, jeder schräg stehende Kinderwagen, jeder abgepolsterte Fenstersitzer bildet einen eindrucksvollen Winkel zur Straße, auf der ich mich hochwinde. Wo manchmal die Vorentscheidung im Rennen fällt, erwacht auch mein Kampfgeist. Ist das nicht der letzte Anstieg mit Zeitmessung? Ist es nicht endlich mal an der Zeit, alle Körner einer nichtsnutzigen Ergebnisliste zu opfern? Wenn nicht jetzt, wann dann? Zehn Kilometer vor dem Ziel führe ich einen verzweifelten Kampf mit der zweistelligen Anzeige des Tachos. Zwar liege ich auf dem Display meist im Hintertreffen, aber dafür überhole ich jetzt sogar gelegentlich im Anstieg. Das fühlt sich gut an. Die Bergwertung rückt näher. Das könnte diesmal ein gutes Video vom Mediendienst geben, denke ich und versuche mich am eleganten runden Tritt.
Wenn da nicht dieser verdammte Rentner mit seinem vierrädrigen Elektrowägelchen wäre, der mir zur Rechten den Bürgersteig hochrollt und mein Motiv stört. Was wird denn das für ein Film, wenn ich hinter einem kettenrauchenden Rollstuhl über die Bergwertung rolle? Ich versuche mich vor der Kurve abzusetzen, aber es gelingt nicht. Während er mit einer Bierdose in der Hand den Bürgersteig hochzieht, reicht meine Kraft leider nicht, mich dieses Schandflecks auf dem Heldenvideo zu entledigen.
Das war ein hartes Stück Arbeit. Das jetzt nur noch wenige Kilometer vor mir liegen, ist mir gar nicht wirklich bewusst. Die winkligen Straßen und der belgische Asphalt, der nach dem Zufallsprinzip um Schlaglöcher und vereinzelte Kopfsteinpflaster verteilt ist, erfordern noch mal Disziplin und Aufmerksamkeit. Einige Kilometer, und dann geht es schon wieder bergauf.
Was soll das denn jetzt? Jetzt reicht es aber. Meine Geduld mit unverzeichneten Höhenmetern findet ein jähes Ende. Wieviele Steigungen können noch in einer einzigen Stadt stecken? Ich verabschiede mich aus dem „Egalmodus“. Was kommt danach? Der „Wut- oder Verzweiflungsmodus?“ 2600 Höhenmeter reichen mir nach einem Tag im Sattel. Mühsam schleppe ich mich hoch. Es hat ja doch Spaß gemacht bis hier, aber den ganzen Tag Spaß kann ich nicht vertragen. Ich will nur noch ins Hotel rollen und mich dem belgischen Nationalgetränk ergeben.
Doch bevor ich weiter verzweifeln kann, fallen mir die Absperrungen und die vielen Schilder am Straßenrand auf. Und da wird es mir klar! Ich bin auf dem letzten Kilometer der Rennstrecke! Die Profis dürfen morgen links abbiegen, dann wartet wenige Meter später der Zielstrich auf sie. Wir müssen noch drei Kilometer weiter, aber gefühlt ist die Strecke am Ende der Steigung vorbei. Morgen fahren sie hier den Zielsprint. Da gewinnt nur einer. Aber hier bei den Amateuren, da fühle auch ich mich als Sieger. Ein Tag voller Höhen und Tiefen liegt hinter mir. Das ich bis hierhin kommen würde, habe ich am Anfang nicht geglaubt. Das Glücksgefühl kommt spontan und überraschend. Ein lauter Jubelschrei und dann lasse ich mich zu einer Siegesgeste hinreißen, auf die ich rückblickend besser verzichtet hätte: Ich erlaube mir eine angedeutete Champagnerdusche mit der Plastiktrinkflasche voller Plörre, die angeblich Flügel verleiht. Die gab es bei einer Steigung als Sponsorenbeigabe. Da ich es nicht mag, fällt es mir nicht schwer, das teure Zeug einmal quer über die Straße zu spritzen. Ich habe es geschafft!!! (Anm.: Lieber Dan Martin: Das Dich meine Freudenfeier am nächsten Tag um den größten Sieg Deiner Karriere gebracht hat, tut mir aufrichtig leid…YOUTUBE VIDEO AB 2min20sec)
Die drei Kilometer bis zum Zielbereich der Radtouristiker sind nur noch ein selbstzufriedenes Ausrollen. Das ich dabei wirklich im Stau stehe auf schmalen Wegen, die blockiert werden von schon abreisenden Radsportlern mit ihren Autos, ist die einzige kleine Schwäche der ansonsten perfekten Organisation. Doch es trübt nicht den Stolz über einen neuen Sieg über den eigenen Schweinehund und die Vorfreude auf einen schönen Abend mit Bier und ungehemmter Kalorienzufuhr.
Schon im Zielbereich fließt das heimische Leffe in Strömen. Doch noch entsage ich der Versuchung. Ich muss noch sechs Kilometer zum Hotel finden. Das will ich mutterseelenallein nicht auch noch bierbenebelt tun.
Ich hole mir das schönste Finisher Shirt meiner Sportlerlaufbahn ab. Zwar aus profaner Baumwolle, aber von einer schlichten Eleganz, die mich seitdem schon auf einige Partys begleitet hat.
Dann rufe ich zu Hause an. „Mir geht es gut!“
„Schön, Du hörst Dich auch noch so an!“, antwortet meine Frau mit einem Anflug von Misstrauen. „Bist Du wirklich gefahren…?“
Na was denn sonst? Was sollen Männer in den reifen Jahren schon machen, wenn sie frei von familiären Ketten ein Wochenende im Ausland verbringen?
Dann rufe ich meine Mitfahrer an. Die sitzen schon seit geraumer Zeit an der Bar und warten auf mich, um die Happyhour einzuläuten.
Die sechs Kilometer dorthin verlängere ich um eine unfreiwillige Rundfahrt durch den Lütticher Innenstadtbezirk und dann endlich rolle ich endlich ein.
Es wartet ein Sessel, fünf Menschen die das gleiche erlebt haben, es sich aber trotzdem nochmal voller Begeisterung erzählen wollen und natürlich, endlich, wunderbar…:
Das ultimative Tagesziel! 0,5 Liter massives Glas mit Henkel, gefüllt mit goldgelbem belgischen Bier zum halben Hotelpreis (der immer noch nicht nachgeworfen günstig ist)! Der Moment zum Sterben schön.
Das mit dem Sterben habe ich dem Hotelpersonal erspart, aber eingeschlafen wäre ich garantiert in dem Fauteuil, hätte ich noch ein zweites Bier bekommen. Doch die Mitfahrer drängen mich zur Dusche. Sie haben Hunger und ich eigentlich auch, nur war diese Sache mit dem Aufstehen zu beschwerlich.
Den Rest des Abends schweben wir auf schweren Beinen durch Lüttich. Pizza, volle Kneipen und viele leere Gläser verleihen dem Abend einen würdigen Glanz. Zurück wanken wir durch Fußgängerzonen voll jugendlicher Partygänger, die uns wahlweise für uncoole Eltern oder schlecht verkleidete Zivilfahnder halten.
Die letzten Schritte werden bleischwer! Im Aufzug schlafe ich das erste Mal ein. Der lange Flur wird zu einem steilen Hügel in den Ardennen. Steht da etwa mein Name in dicken Lettern auf dem Teppichboden? Feuert mich da jemand an…? Höre ich Engelsstimmen auf der Schulter? „Geh, alter Mann! Geh… Gleich hast Du es geschafft!“
Jeder Meter eine Qual für sich, das Türschloss und der verwirrenden Chipkartenmechanismus wird zu meinem Scharfrichter. Schaffe ich es ins Bett oder breche ich vor verschlossener Pforte zusammen? Knapp öffne ich das Zimmer, pinkel nur unwillig zielend im Stehen, taumel zum Bett, falle in die gestärkten Laken, schließe die Augen! …Und stehe plötzlich nochmal im Sonnenlicht am Gipfel der Redoute und schaue in ein weites, grünes Tal. Mittendrin eine Autobahn, ein schmaler Wirtschaftsweg, der sich hochschlängelt, viele verzweifelte Gesichter und… ach, EGAL!

Besser kann ich nicht mehr einschlafen.

ENDE

…Wollt Ihr auch mal mit meinem Kopfkino einschlafen? Dann könnt Ihr es haben: „Barfuß auf dem Dixie klo“ und „Sind wir nicht alle ein bisschen Tri“ verstauben sonst in kalten, seelenlosen Lagerhallen oder heimeligen Buchhandlungen und natürlich im Jogmap-Shop

5
Gesamtwertung: 5 (4 Wertungen)

Wie immer

köstlich geschrieben!

Die Meuse hab ich auch in bleibender Erinnerung von meiner Radtour durch das "Vallée de la Meuse". Nur das "vallée" hab ich damals verzweifelt gesucht. Über 130km mit Gepäck und einem normalen Sportrad in Baumwollklamotten, die vom Lütticher Staub ganz grau waren. Das schrie damals nach einer französischen Stange Baguette und einer Flasche Wein, die wir (meine Schwester und ich) vor Betreten der Jugendherberge in die Radpullen gefüllt haben.

Du hast Dich tapfer geschlagen - das hört sich nachahmenswert an - vor allem der Schluss :lach:

Ein sehr schönes Ende

Nur vom unwillig zielend im Stehen Pinkeln graust es die geneigte Leserin ;-) (zu viel Info fürs Kopfkino)

Glückwunsch zu deinem erfolgreichen Finish!
Und hast du wirklich genau da die Straße glitschig gemacht, wo der Sturz war?

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Du Held

Wie immer habe ich mir alles ausgedruckt und mit ins Bett genommen. Besser kann eine Gute-Nacht-Lektüre nicht sein.

Und bei Gelegenheit werde ich alle vier Teile hintereinander noch einmal lesen, genau das Richtige als Sportersatz an einem verregneten Sonntag Nachmittag.

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