Kauf doch deine Geschenke über diesen Link und unterstütze damit jogmap.

Topangebot der Woche

Benutzerbild von kaiserswerther kenianer

Teil III
Die dritte Verpflegungsstelle sieht nicht anders aus als die ersten beiden. In mehreren Reihen schieben sich Radsportler an langen Tischen vorbei, weiter hinten stehen große Plastiktanks in denen unablässig Wasser mit unvorstellbaren Mengen Iso Pulver verrührt wird. An den Dixipissoirs kann man dem Gegenüber in leere Augen schauen, während man den Hauptstrahl an Uringetränkten Bananenschalen vorbeilenkt.
Die Optik ist die gleiche wie bei Kilometer 48 oder 73, doch jetzt ist die Stimmung anders. Nicht mehr geprägt vom Aufbruch in den jungen Tag und guter Laune. Die Gespräche sind leiser und aus den Gesichtern ist die Zuversicht gewichen. Diejenigen, am Anfang gar nicht aus dem Sattel steigen wollten, klammern sich jetzt an die Hoffnung, dass zwanzig Minuten Pause die verbrauchten Energien zurückbringen können. Es ist ruhiger hier, wo sich die Mitteldistanzler und Langstreckler fünfzig Kilometer vor dem Ziel treffen. Die lauten Maulhelden der Landstraße brauchen den Mund zur Aufnahme zuckerhaltiger Nahrung. Trainingsweisheiten und Beschwerden über Wetter, Verkehrsteilnehmer und Mitfahrer werden nur noch gedacht. Kurz vor den schweren Steigungen wird der gemeine Radsportler zum Öko Aktivisten und schont Ressourcen.
Und auch mir geht es an Labe Drei anders: Bei Verpflegung eins waren Sorge und Selbstzweifel meine Begleiter, bei zwei Einsamkeit und fehlende Fremdsprachenkenntnisse. Und jetzt…? Niedergeschlagenheit und Erschöpfung? Angst und Verzweiflung? Bei mir…? Mitnichten!
Gänzlich andere Gefühle treiben mich durch die bunten Reihen. Gelassenheit, Vorfreude, Gewissheit!!! Ich fühle noch ausreichend Kraft für die letzten harten Prüfungen in den Beinen und fünfzig Kilometer vor dem Zielstrich die –trügerische?- Sicherheit, zur Happyhour das belgische Bier im Hotel zum halben Preis zu bekommen. Der Teufel auf der Schulter kann mir nichts mehr anhaben. Seine schwachen Versuche, mich mit den Beschwerden des arthrotischen Großzehengrundgelenks aus der Ruhe zu bringen, sind zwecklos. Ich fühle mich gut! Mir jubilieren Engelschöre.
Und je mehr Gesichter voller Erschöpfung und Angst mir begegnen, um so mehr strahlt meines. Ich bin gemein, aber ich kann nicht anders. Die vielen ausgemergelten Fahrer entschädigen mein geschundenes Sportlerego für die demütig ertragenen Überholvorgänge auf den ersten Anstiegen. In mir wächst die Gewissheit, dass es richtig war den Verlockungen von Tempospielen widerstanden zu haben. Lässig blende ich aus, dass auch Fahrer der langen Runde – mit inzwischen satten 220km auf dem Tacho- mit mir das Pinkelbecken teilen.
Sorgen? Verflogen an einem sonnigen Tag südlich von Lüttich. Einsamkeit…? Ich treffe die beiden Hotelgenossen aus Edingburgh wieder und gebe ungefragt intime Kenntnisse zur Strecke („Now, it´s getting really hard!“) weiter. Wenn genervte Gesichtausdrücke Waffen wären, dann hätte ich in dem Moment gefährlich gelebt. Es war genau das, was sie in dem Moment nicht von dem blöden Deutschen hören wollten.
Ich treffe den warnenden Holländer wieder. Auch er weniger frisch als noch Stunden zuvor, als ich kaum sein Hinterrad halten konnte.
In diese Momente voller Überheblichkeit platzt ein Handyklingeln! Nanu, das klingt wie mein nostalgischer Nokiatune.
Es ist meins! Ein dienstlicher Anruf. Die Frage nach Terminwünschen in der nächsten Woche kann unwirklicher nicht sein als in diesem Moment vollkommener Eintracht mit der Welt voller Radsportler in den Ardennen. Kurz vor „La Redoute“, inmitten von Isotanks, Orangenstücken und Fahrern, die verzweifelt nach einem Abstellplatz für ihre Boliden suchen, reißt mich das Telefonat wie ein Portschlüssel aus der Harry Potter Welt in eine andere Wirklichkeit. Zwischen Becher sieben und elf kläre ich das Problem und klappere auf ShimanosRappen zurück zu den Schotten. Ich will weiter. Die beiden noch nicht. Mich rufen die Steigungen und die Happy hour, sie die Hoffnung, noch einige Körner an den Verpflegungsständen zu finden.
Nach wenigen Metern kommen die Wege, die mir von den ungezählten Youtube Videos ins Gedächtnis gebrannt wurden. Eine Unterführung, eine Rechtskurve und dann steht dann schon das Spalier von Wohnwagen, die sich für den Tag des großen Rennens die besten Plätze gesichert haben. Auf dem Asphalt immer wieder „PHIL“ als Anfeuerung für den morgen startenden belgischen Heroen. Die ersten Meter „La Redoute“. Noch nicht wirklich steil.
Und jetzt das! - Was ist das? Was passiert da auf der Rückseite des rechten Oberschenkels? Zum ersten Mal in meinem nicht so kurzen Radsportleben spüre ich Krampfneigung auf dem Fahrrad. Schreck, lass nach!
Da stürze ich mich frohgemut und voller Elan in die Schlüsselstelle der ganzen Tour und nur wenige Augenblicke später will mich der lange Kopf des Musculus Bizeps Femoris mit tetanischen Tendenzen bremsen? Die komische Tragik des Moments lässt mich verzweifelt lächeln.
Ich trete kürzer und horche in den bösen Muskel hinein. Einige lockere Tritte und dann beruhigt er erst sich und danach mich. Die Pause an der Verpflegung hat ihm wohl nicht geschmeckt. Nach einigen Metern stelle ich erleichtert fest, dass der zweiköpfige Muskel heute keine Heldentaten verhindern wird. Es war nur ein kurzes Aufbegehren in der nachmittäglichen Sonne der beginnenden Steigung. Dann ist wieder alles gut und ich werfe eine Blick nach vorne.
Schreck lass nach…!
Da mögen die Gefühle noch so zuversichtlich gewesen sein, doch was man am Fuße der Redoute zu sehen bekommt, flößt definitiv Respekt ein. Ungehindert kann man sehen, wie sich wenige Minuten weiter oben die Vorausfahrer quälen. Einige im Sattel, einige im Wiegetritt, andere aber auch per Pedes mit der Hand am Lenker. Das ist wirklich steil. Den Erbauern des Weges waren die segensreichen Wirkungen von Serpentinen scheinbar egal. Im Gegenteil. Es scheint so, als wäre es ihr Ehrgeiz gewesen, dem Ardennenhügel die maximale Zahl an Steigungsprozenten abzupressen.
Nicht lange, und auch ich muss einsehen, dass ich den kleinsten Gang schon vor den steilsten Stellen brauche. In besserer Schrittgeschwindigkeit kämpfe ich mich nach oben. Kein Stau, der mir eine willkommene Ausrede zum Absteigen hätte sein können in Sicht. Und um nicht vom Rad zu kippen, greife ich zum letzten Mittel. Raus aus dem Sattel und in den Wiegetritt. Was Pantani und Armstrong minutenlang konnten, ist mir nur kurz möglich. Dreissig Sekunden, dann sind die Muskeln komplett sauer. Doch kurz bevor ich mich resigniert in die saftigen Wiesen am Wegesrand werfe, verliert die Straße einige Prozent Steilheit. Ich kann mich wieder setzen und spüre wie das Laktat aus den Beinen den Rest des Körpers flutet. Die Steigung ist noch nicht vorbei, aber das schlimmste überstanden. Wenige Minuten später gönne ich mir einen stolzen Blick ins Tal. Ich habe es geschafft. Die Redoute liegt hinter mir!
Das bekannteste Teilstück der inzwischen liebgewonnenen Strecke ist geschafft. Gänsehaut und Atemnot kämpfen einen süßsauren Kampf. Mir hängt Schmodder aus dem Gesicht, die Lunge pumpt wie ein löchriger Riesenblasebalg und doch könnte ich vor lauter Selbstergriffenheit heulen. So muss sich Kindbett anfühlen!
Stoisch rolle ich weiter. Die Tritte kommen jetzt von alleine. Es kann von mir aus ewig so weitergehen. Ich bin im Egalmodus. Wieweit noch? Wiehoch noch? Wielange noch?
EGAL. Ich kann es. Die Beine treten einfach weiter. Ich spüre sie nicht mehr. Schmerzen tut der Fuß, der Rücken und der Hintern. Alles EGAL. Die Beine kurbeln schmerzfrei.
Zwar stimmt das gefühlte Tempo (etwa 29 km/h) nicht mehr mit der Anzeige auf dem kleinen Sigmafreund (24 km/h) überein, aber auch das ist… ihr wisst es schon… EGAL. Ich fahre in einem Zustand genussvoller Lethargie Richtung Lüttich.
Das Schlagloch vor mir… EGAL. Der Fahrer am Wegesrand, den ich fast über den Haufen fahre…EGAL. Die Motorradgruppe, die mit mir die Linksabiegerspur benutzen will…EGAL.
EGAL??? „Moment mal!“ ruft da eine Stimme, die ich schon fast vergessen hatte. Der Engel auf der Schulter besinnt sich seiner Kernkompetenz. Beschützen!!! „Wenn Du so gedankenlos und leichtsinnig weiterfährst, dass hast Du die Notfallrufnummer auf der Karte in der Rückentasche nicht umsonst notiert! Reiss Dich zusammen, verdammt noch mal! Du hast zwar gute Beine, aber du bist noch nicht im Ziel.“
Ich höre auf ihn. Zumindest nehme ich es mir vor.
So schön es ist, ermüdungsfrei und entspannt weiterfahren zu können, so wenig hilfreich ist die selbstzufriedene Lethargie bei dem Versuch, unfallfrei durch die Vorstädte von Liege ins Ziel zu kommen.

5
Gesamtwertung: 5 (4 Wertungen)

Wunderbar!

Vielen Dank für diesen wunderbar geschriebenen Fortsetzungsroman. Ich freu mich schon auf den nächsten Teil (wird das dann schon der letzte? In dem Fall müssten wir Dich bald mal zu neuen Abenteuern losschicken...).

Es grüßt herzlich
yazi (nur Stadtradlerin)

Wow!

Man fährt mit, man fiebert mit. (Obwohl ich schon im Sauerland Probleme habe). Diese Steigungen...
Danke für das Miterleben-dürfen.

Meine Güte, Kenianer...

...kannst Du schreiben!!!
Chapeau und Dank dafür,
Fritze

"To finish, you have to start!!"

nie wieder ardennen seit Eupen

Meine Bewunderung hast du!

"Gelaufen wird wie es geht, geschlafen wann es sein muß und wenn ich im Ziel bin, bin ich da" (Schalk)

Saarvoir courir - laufen im Saarland

Ich hatte befürchtet,

Teil 3 irgendwann im Urlaub verpasst zu haben. Aber nein, hier ist er. Und welche schönen Bilder! Danke! Und gutes Heimkommen!

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Darstellungsoptionen

Wählen Sie hier Ihre bevorzugte Anzeigeart für Kommentare und klicken Sie auf „Einstellungen speichern“ um die Änderungen zu übernehmen.

Google Links