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Benutzerbild von Sirius

Bremen 2014. Stadt meines ersten Marathons. Stadt meines schnellsten Marathons. Heute soll ein noch schnellerer folgen. Nicht nur, dass ich die 3:42 h unterbieten will. Nein, auch die 3:40 h soll fallen. Es muss sich ja auch lohnen. Der Grund für meinen unumstößlichen Optimismus liegt darin, dass ich nach drei entspannt gelaufenen Marathons in den letzten 1 ½ Jahren glaube, die Strecke „drin“ zu haben. Hinzu kommt die Einstellung der PB im Frühjahr, die Wiederaufnahme von gezielten Tempoeinheiten, eine 10er-PB vier Wochen zuvor sowie zwei sehr gut gelaufene Trainings-30er. Mehr trainieren kann man immer, aber ich fühle mich perfekt vorbereitet.

Die Anmeldung beinhaltet die kostenlose Zugfahrt nach Bremen. Klasse! Im Zug lasse ich die Landschaft an mir vorbeiziehen und freue mich über die Sonne, die unseren Meteorologen zufolge heute nicht für eine Stunde scheinen dürfte, es dennoch den ganzen Tag über tut. Ein nettes Gespräch mit der Zugbegleiterin, die mir viel Glück wünscht, hebt meine Stimmung noch ein bisschen mehr. Alles perfekt.

Der alte Mann hat Großes vor. Er ist bereit was zu riskieren. Heute geht es nicht um Spaß. Es geht um eine Zeit. Allerdings setzt meine Renntaktik klar auf einen negativen Splitt. Ich würde die letzten Kilometer gerne - wie in Hamburg - in einer Pace unter 5:00 laufen. Das geht aber nur, wenn ich locker laufe. Und das geht nur, wenn ich Spaß habe. Die ersten drei, vier Kilometer schenke ich gerne ab. Pace 5:30 ? Warum nicht? Die Körner braucht man zum Ende hin.

Im Startblock warte ich leicht euphorisiert auf den Startschuss. Auf einmal spüre ich zwei zärtliche Hände, die von hinten meine Hüften umfassen. Ein wohliger Schauer durchfährt meinen Körper. Ich bin irritiert. Sollte die beste Läuferin von allen auch hier im Startblock stehen? Ihr Halbmarathon wird doch erst in 90 Minuten gestartet. Wollen wir den Sonntag doch anders als mit Laufen verbringen? Erwartungsvoll drehe ich mich um - und blicke in das Gesicht eines hoch aufgeschossenen Läufers, der mir andeutet, dass er an mir vorbei nach vorne möchte. Er sieht schnell aus, also lasse ich ihn und sehe, wie er sich auf diese Weise seinen Weg durch die Menge bahnt. Na ja, besser so als mit Gewalt.

Start. Wir begeben uns auf die Strecke, die zunächst spiralförmig durch die Innenstadt verläuft. Bei der Tempokontrolle spielt mein GPS nicht so ganz mit. Der erste Km geht in 5:15 min. weg, also etwas zu schnell. Ich komme auf die Idee, den Pacemaker für 3:45 h als Bremsläufer zu nutzen, aber auch mit ihm erreiche ich Kilometerzeiten von 5:20, 5:10, 5:11. Meine Taktik scheint nicht aufzugehen, aber ich bin ja bereit, etwas zu riskieren.

Bei einem Verpflegungsstand sammeln zwei Mädchen die leeren Becher auf und werfen sie in eine gelbe Tonne. Ich werfe meinen Becher selbst hinein. „Dankeschön“, ruft mir eine der beiden freundlich hinterher. „Wir haben zu danken!“, gebe ich zurück. Nett!

Am Osterdeich bei Km 13 ein Transparent: „Dem Streckenverlauf sehr lange folgen…“. Gut, dann machen wir das mal. Bislang war ich noch nicht so ganz in den Tritt gekommen. Aber jetzt lasse ich es rollen und werde schneller. 5:02, 5:03. Gut. 4:54, 4:56. Vorsicht! Ich habe noch nicht mal die Hälfte geschafft. Aber es geht weiter. Km 19 in 4:48. Eindeutig zu schnell. Aber ich muss es jetzt rollen lassen.

Am Straßenrand ein Trompeter, der dem einen oder anderen Läufer einen Tusch oder ähnliches hinterherbläst. Ich äußere einen Musikwunsch: Highway to Hell. Das würde er aber erst später spielen. Schade.

Km 25. Der Marathon fordert seine ersten Opfer. Läufer denen ihr zu hohes Anfangstempo nun zum Schicksal wird und die nur noch schleichen bzw. gehen. Bei mir läuft noch alles gut, aber angesichts des hohen Tempos beschleicht mich der Gedanke, dieses Schicksal noch teilen zu müssen.

Die Strecke in Bremen hatte ich schon mal beschrieben. Sie ist absolut klasse. Viel Wasser, viel Grün, viele grüne Wohngebiete mit Zuschauern, wenig tote Abschnitte. Heute kommt dieses wunderbare Läuferwetter hinzu. Es bringt einfach Spaß. Es gibt aber eine Sache, die organisatorisch nicht so gut gelöst ist: Bei Km 26 stoßen die Halbmarathonis, die gerade 5 km in den Beinen haben, zu uns. Gemeinsam laufen wir die letzten 16 Kilometer ins Ziel. Das ist gut für die Stimmung, weil ein großes Läuferfeld für viele Zuschauer sorgt. Ein großes Läuferfeld ist aber meist auch ein dichtes Läuferfeld, vor allem, wenn die Wege schmaler werden. Für mich heißt das: Überholen. Kolonnenspringen. Immer wieder kurzes Ansprinten um an irgendjemandem vorbeizuhuschen. Etliche zusätzliche Meter nehme ich in Kauf. In langsamem Tempo hinterhertrotten kann ich aber auch nicht. Ich muss meinen Rhythmus halten so lang es geht.

Km 28: Nur noch 14 Km. Was sind schon 14 Km? Auch der Halbmarathon fordert seine Opfer, an denen ich irgendwie vorbei muss. Nicht zuletzt durch die Überholvorgänge halte ich immer noch eine Pace um die 5:00.

Km 30: Nur noch 12 Km. Was sind schon 12 Km? Es wird anstrengend. Und ich weiß: Die Schlachte und die Weserpromenade kommen noch, da kann ich nicht langsamer werden.

Km 32: Nur noch 10 Km. Was sind schon 10 Km? Eine ganze Menge! „Ein Zehner geht immer.“ Was für ein blöder Spruch. Der erste 10er vielleicht, aber dieser hier? Ich laufe mittlerweile im Tunnel.

Km 35: Neben mir macht einer an der Schlachte den Zuschauer-Clown. Ich bin ihm zunächst dankbar für die zusätzliche Stimmung, für die er sorgt. Als er aber dann mit erhobenen Armen in den Kniehebelauf übergeht, kann ich ihn plötzlich nicht mehr ausstehen. NEID. Übermäßiges Laufen verdirbt den Charakter.

Einlauf ins Weserstadion. Die Stimme des Moderators wird von den Klängen von Werders Meisterlied aus 2004 begleitet. Das passt ja zum derzeitigen Tabellenplatz. Die beste Läuferin von allen berichtet später von einem Läufer, der mit ausgebreiteter HSV-Flagge durchs Stadion gelaufen sei. Damit hat er eigentlich eine Disqualifikation riskiert.

Raus aus dem Stadion. Der Marathon fordert ein weiteres Opfer: Mich. Ein kleiner Anstieg, eine Kurve, Musik, Stimmung, da schießt es in die rechte Wade. Krampf. 4 Km vor dem Ziel. Was sind schon 4 Km? Im Moment sogar mehr als 10. Ich denke nur „Scheixxe!!!“ und dehne ausgiebig. Ich liege bis jetzt sehr gut in der Zeit. Jetzt geht es aber nur noch darum, das Ding hier zu Ende zu bringen. Ich gehe ein paar Schritte und fange wieder an zu laufen, allerdings mit flacherem Schritt und ständiger Beobachtung der Wade. Ich fange wieder an zu überholen, und bin laut Uhr schneller als es sich anfühlt. Aber ich muss noch mal raus zur Dehnpause, diesmal rein prophylaktisch bevor es heftig wird, und dann noch einmal und noch einmal. Immerhin komme ich laufend über die Ziellinie.

Es hat gereicht, auch ohne negativen Splitt. 3:37:27 h. Fast exakt fünf Minuten schneller als meine alte Bestmarke. Ich bin hochzufrieden, weiß aber auch: Das war’s. Mehr geht nicht. Es war alles perfekt. Meine Form, die Strecke, das Wetter. Von den vielleicht zwei Minuten Dehnpausen brauchen wir nicht zu reden. Sicher wäre vielleicht noch was drin, wenn ich mehr Kilometer bolzen würde. Aber dazu fehlt mir die Bereitschaft. Ich habe sie erreicht: Meine Bestzeit für die Ewigkeit. Ab jetzt werden wieder Zeitziele von „Irgendwas unter 4 Stunden“ ausgegeben.

Ich genieße noch ein wenig die Sonne, die Stimmung, gönne mir eine Massage der malträtierten Waden und lasse einen wunderschönen Marathontag ausklingen.

Gruß

Sirius
…der Marathons ab jetzt nur noch läuft, nicht rennt.

5
Gesamtwertung: 5 (13 Wertungen)

goil ...

Gratuliere dir aufs herzlichste !
du hast erreicht, was du wolltest und siehst das auch so - dafür gebührt dir ein bisschen mein Neid :-)
Und noch dazu SEHR unterhaltsam geschrieben - vielen Dank dafür !
Erhol dich gut !

wow!!!

Da passte wohl alles! Wunderbar!!!

Und Laufclowns hassen: gestern überholte uns einer JONGLIEREND mit drei Bällen. Würde ich nicht mal stehend schaffen. Die Zuschauer fanden es klasse, aber ich hätte ihn offen gestanden lieber erwürgt (ich hoffe, er liest das hier nicht, ist nichts Persönliches...).

"Gelaufen wird wie es geht, geschlafen wann es sein muß und wenn ich im Ziel bin, bin ich da" (Schalk)

Saarvoir courir - laufen im Saarland

Gluckwunsch zur PB in HB ...

... ohh man(n) ... ja an dieser Steigung nach'm Station haben mehrere Waden-Probleme
bekommen.
Glückwunsch zum Durchbeissen und PB - Marathon - Finish !

Schade das wir uns nicht getroffen haben.
Gruss Markus - een neongelbe Löper ut´n Norden

[ EDIT: ... meinst du diesen CLOWN ??? ]

Nein, ich meinte einen, dem

Nein, ich meinte einen, dem man es zunächst gar nicht ansah.
Einen, der erst zum Clown wurde. ;-)

Klasse!!!

So muss es sein.
Wenn Alles passt, Alles geben.
Herzlichen Glückwunsch zur PB.
krowil

4.Oktober 2014 Zeeland-Marathon

Tolle Zeit - DEINE Zeit!

Du hast ein sehr schönes Beispiel dafür abgegeben wie Zuversicht dazu beiträgt ein Ziel zu erreichen! Ich werd mich versuchen daran zu erinnern.
Glückwunsch zur "all-time-best" -- aber man soll ja nie nie sagen... Wer weiß: alte Männer werden im weiter fortgeschrittenen Alter mitunter wunderlich und kommen auf so manche komische Gedanken.

Gruß, Dominik
_____________________
"Wochenenden zählen nur, wenn man sie mit völlig sinnlosen Dingen verbringt!"

Du hast recht,

das Training sollte nicht in Arbeit ausarten, um noch und noch und noch schneller zu werden.
Gratulation zur Allzeitbestzeit.

Großartig!!!

Vom "Losprusten" bis "hach, wie schööööön", ist für den Leser alles dabei;-) Mannometer bist du schnell!!! Ganz fetten Glückwunsch zur tollen PB, zum wunderbaren Lauferlebnis und zur Feststellung, jetzt nur noch langsam laufen zu müssen, sprich sub4h (*hüstel*)!!! Ist ja fast wie in Rente gehen;-) Genieße deinen tollen Erfolg!!!

Lieben Gruß
Tame

Herzlichen Glückwunsch ...

und danke für Deinen tollen Bericht!

Dann einfach viel Spaß weiterhin! :-)

Jetzt, nach zwei Tagen

Jetzt, nach zwei Tagen, bin ich zu der festen Überzeugung gekommen, dass es sich bei dem Spaßmacher um einen Halbmarathonläufer gehandelt haben muss. Dann ist das kein Wunder. Das kriege ich dann auch noch hin.
Sogar jonglierend.
Kniehebelauf jonglierend.
Mit nach oben gestreckten Armen.
Kleinigkeit!

Meine wunderliche Phase ist

Meine wunderliche Phase ist Sonntag zu Ende gegangen.

Gruß

Sirius
...der aber schon wieder mit komischen Gedanken rennt.

@ alle

Vielen Dank für eure Glückwünsche!

Ich schreibe diese Berichte ja eigentlich in erster Linie für mich. Sie sind einfach schöne Erinnerungen an tolle oder auch mal nicht so tolle Läufe. Schöner als z. B. ein Zieleinlauffoto, das sowieso nie schön ist. Ich käme aber nie auf die Idee, für mich allein eine Art Tagebuch darüber zu führen.

Schön, dass es diese Plattform gibt.

Saustark gemacht!

Dein Bericht reizt, es selbst im Alter noch einmal mit der PB zu versuchen... ;-))
So wie's ausschaut, hattest du genau das richtige Tempo gefunden, zumal ja für dich der Marathon erst bei km 30/32 anfing. Aber Umkehren wäre ja jetzt auch doof gewesen, gell/ne/wa? Dann doch lieber nur noch die restlichen 10 km laufen! ;-))

Fette Gratulation und Reschbeggt!
:-)

drei-siebenunddreißich...

...alter lachs!! nich schlecht für so´n alten sack! *duckundwech* ;-)
neee, echgezma: klasse gemacht und das lockere sub-vier laufen in zukunft haste dir nu verdient...
____________________
laufend wünscht sirius viele schöne gelaufene marathons: happy™

"man muss es so einrichten, dass einem das ziel entgegenkommt." (theodor fontane)

Allzeitbestzeit! Hiphip-hurra!

Ach Sirius, das hast du wieder so schön mit dem gewissen Schalk im Nacken geschrieben, danke dafür! Und die PB ist der Hammer, Riesenglückwunsch dazu!

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

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