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Infiziert mit diesem Virus hat mich der Schalk, der nach meinem ersten Ultra überhaupt (Schwäbisch Alb Marathon) im Finishershirt des Zugspitzlaufs neben mir saß und vom UTMB sprach. Nun ja, ich hatte mich dann mal schlau gemacht: da braucht man Punkte für. Aha. 168km erschien mir auch ein wenig übertrieben für mich, aber es gibt ja auch den CCC dort, der "nur" 100 km hat. Das wäre doch auch ein tolles Ziel. Wie gesagt, der Zeitpunkt war vor ca. 3 Jahren. Die Überredung zum Rennsteigsupermarathon war gleich noch mit inbegriffen und so war ich 2012 dort auf meinem zweiten Ultra unterwegs. Der Ultravirus hatte mich gepackt - es folgten ein wunderschöner Bergmarathon (K42) und, da man ja von Dingen wie Europacup Ultramarathon und UTMB schon infiziert war die Frage: was lässt sich ale 2. Punkt verwenden? Der Wörthersee-Trail war in beiden Kategorien gelistet und so folgte dann mit der nochmaligen Absolvierung des Albmarathons im Jahr 2012 gleich die Qualifikation für den Europacup. Den CCC hatte ich mir mit Wörthersee und Rennsteig "gesichert".

Beim abschließenden Pizza-Essen, dieses Mal ohne Schalk dafür mit strider und Coach und MC und ähnlichen Ultra-Urgesteinen wurde über die Pläne 2013 gesprochen und ich ließ mich vorlaut zu "entweder CCC oder Langdistanz" als Plan aus, denn für den CCC wird gelost und vom Schalk wusste ich, dass der 3 Jahre auf den UTMB warten musste. Die Punkte sind 2 Jahre gültig. Das Losglück war mir (zum Glück wie ich heute sagen muss) nicht hold und so war die Langdistanz als Jahresziel ausgelobt. Und fazer hält was sie verspricht. Das Jahr wurde radlastig, kein Ultra aus Rücksicht auf die langen Radeinheiten. Na ja, einer kam dann doch noch 3 Wochen nach der LD und brachte mich im deutschen Nationaltrikot an den Start eines 50ers. Also 0 Punkte für UTMB und Co.

Bei der LD-Vorbereitung hatte ich meinen Freund kennengelernt (beim Laufen) und da er als erfahrener Marathonläufer dann auch gleich den 50er als ersten Ultra gelaufen war war er von meinen Laufberichten schon ziemlich angefixt. Als ich mich dann im Dezember wieder in die Lostrommel für den CCC warf hat er sich gleich in die Lostrommel für den OCC geworfen - mit (wie ich erst seit Juli weiß) NULL Bergerfahrung. Na ja, er hat einmal in der Nähe von Grainau eine Kur gemacht - aber das war's auch schon. Dabei "mussten" sie dann laufen, aber meist eben unten im Tal am Fluss entlang. Einen längeren Lauf (über 40km) hatte er da wohl auch in die umgebenden Hügel gemacht - und das war's.

Es kam wie es kommen musste: wir wurden beide gezogen. Was hab ich mich gefreut! Ein gemeinsamer Urlaub in Chamonix mit einem tollen Lauf. Doch hoppla, ich brauch auch noch Bergläufe als Vorbereitung. Und da bot sich der Zugspitztrail an. Hier hat er sich dann auch gleich für die 60km angemeldet - für 35 wollte er nicht erst loslaufen :kicher: - und ich mich halt für die 80km, weil ich mir so dachte für einen 100er brauch ich keinen 100er als Vorbereitung. Mein bisher weitester Lauf, bei dem ich ordentlich Lehrgeld gezahlt habe. Wir hatten uns schon vorher in die Haare gekriegt wer denn wohl den steileren Anstieg habe und ähnliche unbedeutende Dinge (kann man aus dem verzerrten Profil eh nicht rauslesen!) und er meinte noch (was mich da ziemlich getroffen hat) das sei ja gar kein Laufen, gar keine Leistung, das könne ja jeder. Entsprechend schlecht gestimmt und unausgeschlafen plus Vollbremsung aus Überstunden im Job und Stress mit pubertierender 18-Jähriger war ich dort an den Start gegangen - und hab alle Fehler gemacht die man so machen kann: angefangen vom auf die Plauze legen (und das mehrfach und so heftig, dass ich ein richtig dickes Knie hatte und danach eine Woche überhaupt nur humpeln konnte) über leeren Kopf, leere Trinkblase und was noch alles. Nur der Laufengel hatte mich vor dem frühzeitigen AUS bewahrt - ich hab mich bis ins Ziel geschleppt.

Danach wusste ich: wenn ich unter solchen Bedingungen den ZST finishen konnte, dann würde ich auch den CCC schaffen. Denn da würde ich vieles anders machen. Schon im Januar hatten wir uns eine Unterkunft gesucht und wollten einige Tage vorher anreisen. Vollbremsung aus dem Job ausgeschlossen, Akklimatisierung gegeben, Familienstress weg (meine Tochter wollte nicht mit).

Im Juli wurde schnell noch ein Trainingslager im Stubaital eingelegt, bei dem auch mein Freund ein wenig Erfahrung sammeln konnte. Mit seinen Problemen ist er kein Bergabläufer, aber die am Anfang "schwierigen" Wanderwege kamen ihm bei unserem Trainingslauf über gut 50km mit ca. 3000 Höhenmetern im strömenden Regen und ohne Sicht gar nicht mehr sooo schlimm vor. Er meinte aber Berge wären nicht sein Ding, so ein schneller Straßenmarathon - das sei doch eine Leistung. Nun ja, kann er haben: ich hab ihm zum Geburtstag einen Start beim Frankfurt Marathon geschenkt und wenn er da (alterskorrigiert) seine Bestzeit nicht knackt, dann ist er selbst schuld. Ist immerhin die zweitschnellste Marathonstrecke überhaupt in Deutschland. Er meinte dann noch er würde nur beim OCC starten weil er sich da halt angemeldet hätte und den als Ausdauereinheit betrachten.

In Chamonix angekommen wunderten wir uns dann etwas welch holprige Straße der Transfer so hochfuhr, bis wir dann aussteigen sollten. Wir! Mitten in der Pampa, in Les Bossons. Zug fährt der erste nach Chamonix rein um 7:40, der letzte aus Chamonix raus um 20:14, kein Bäcker, kein Geschäft, nichts im Ort außer einem Hotel und einige Ferienwohnungen. Dafür wunderschön gelegen mit fantastischem Blick (sofern denn nicht grad Wolken und Regen waren) auf den Bossons-Gletscher, Aiguille du Midi und Mont Blanc. Es war saukalt und wir zogen die Fleece-Pullis an. Dann ab nach Chamonix einkaufen - beide Rucksäcke vollgepackt. Wir sind dann ein wenig gewandert und haben uns den Start des PTL angeschaut und das Ziel in Chamonix und überhaupt die Atmosphäre in uns aufgesaugt. Und so langsam wurde auch mein Freund angesteckt und hibbelig. Da wir inzwischen auch mitgekriegt hatten, dass wir morgens nicht mal eben zum Start gehen oder fahren könnten und klar wurde, dass die "Navettes" nicht nur für die Autofahrer vom Parkplatz zum Busstart waren aber schon die Reservierung geschlossen war versuchten wir das gleich Montag noch zu regeln. Keine Chance - zu, aus.

Mittwoch morgens konnte er seine Startunterlagen abholen. Während mein Freund in der Schlange stand hab ich dann das Transferticket für die Woche gelöst (damit wir uns gegenseitig supporten konnten) und nochmal versucht die nicht funktionierende (aber bezahlte) SMS hinzubekommen (ging dann auch während des Rennens leider nicht, so dass ich keinerlei Zwischenzeiten bekam, aber die Helfer in den VPs hatten Computer) und vor allem den Transfer nach Chamonix noch zu regeln. Da lief ich dann von Pontius zu Pilatus mit Null Erfolg, da die Verantwortliche gerade Pause hatte. Die Pflichtausrüstung wurde in vier Punkten kontrolliert. Wegen der Jacke gab's noch Diskussion - die erschien dem Kontrolleur zu dünn. Ich hab ihm die RET-Werte und Wasserdichtigkeit und Winddichtigkeit erzählt und dann meinte er so für den OCC würde die reichen. Ups, ich hab die gleiche - was wird da wohl passieren? Er bekam dann ein Busticket für 5:15h und ich auch gleich mit. Na prima. Da er eine meiner beiden Lampen und Ersatzbatterien mitnehmen wollte mussten wir dann zurück um die Sachen umzupacken in meinen Rucksack und mich dann einzuchecken (ich hätte ja am nächsten Tag aufgrund der Begleitung keine Zeit). Erst mal wieder zur Info, die Dame war da. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit teilte sie mir mit, dass man da draußen mit den Busfahrern mal sprechen könnte. Ich raus - ja, man würde große Busse einsetzen das wäre kein Problem. Ich müsste drinnen fragen. Da kam ich gerade her. Also wieder rein zu der netten Dame und mit ihr zusammen raus zu den Busfahrern. Köppe zusammengesteckt und telefoniert - und voilà: ich bekam einen Zettel für meinen Transfer, damit ich den richtigen Bus bekam. Für meinen Freund war es leider zu spät, das Busticket wollten sie nicht mehr umtauschen. Mein Freund hatte sich in der Schlange für mich angestellt und so konnte ich gleich ziemlich weit vorpfuschen. Jacke musste ich vorzeigen und die wurde ohne Kommentar abgenommen. Ab da waren wir beide "Gefangene".

Am Donnerstag startete dann der OCC und er war mit einem Lächeln am Start - und kam zufrieden nach knapp 10 Stunden (fand er vorher ultimativ schlecht, aber ein Rechner auf der Seite hatte ihm schon einiges klar gemacht) mit einem fetten Grinsen ins Ziel. Er meinte sogar das sei anstrengend gewesen - hatte also sein Bestes gegeben. Auch ein Platz am Ende des vorderen Drittels und in den Top 20% seiner Altersklasse hatten ihn zufrieden gemacht (er ist in der zweiten Hälfte der AK, die 10 Jahre umfasst). Ich war von morgens 3:30h auf und hatte ihn an zwei Stellen der Strecke getroffen, ihm immer gesagt das er gut im Rennen liege, ihm Zusatzkuchen und trockene Klamotten angeboten. Trockene Sachen brauchte er nicht, war super warm an dem Tag und ich holte mir beim Warten fast einen Sonnenbrand.

Wir bekamen also noch den vorletzten Zug aus Chamonix und da ich morgens schon alles vorbereitet hatte für's Abendessen konnte ich dann gleich kochen, während er duschen ging. Erst gegen 22h waren wir fertig, ich bräuchte "erst" um 5:45h aufstehen. Nur: ich hatte die Nacht vor seinem Lauf wenig geschlafen und die Nacht davor auch schon schlecht. Das war nicht viel - und ich würde die Nacht durchlaufen. Wie sollte das gehen? War ich wirklich bereit für diesen Lauf? Hatte ich genug trainiert? Ich konnte mich dann aber selbst beruhigen, weil ich ja a) "nur" ankommen wollte, b) ich im Stubaital meine innere Ruhe und meinen Frieden wieder gefunden hatte und wusste warum ich hier laufen wollte, c) ich wusste, dass es von VP zu VP nie mehr als 17km waren. Also wollte ich nur von VP zu VP denken, die Strecke genießen, die Gesamtlänge ausblenden und einfach nur laufen. An den VPs sollte jeweils die Trinkblase aufgefüllt und Energie nachgetankt werden, damit ich nicht wie beim Zugspitztrail auf Reserve laufen würde. Ein Vortrag im Rahmen der Tage hatte mich da auch nochmal belehrt.

Gespannt ging ich in dieses Abenteuer. Als wir in Courmayeur ankamen gab's keinen Platz mehr im Startblock, und so stand ich mit einigen anderen außerhalb.

Doch es erfolgte nach dem Spielen der französischen und spanischen Nationalhymnen (als teilnehmerstärkste Länder) ein zweiter Start, bei dem ich dann auch in den Block rücken konnte.

Als es dann endlich losging - ging es wirklich nur. Die Straßen des Ortes sind zwar nicht super eng, aber gut 1000 Läufer wollen sich erst mal verteilen. Und so marschierte ich frohen Mutes (und ein wenig traurig, weil man hier ja hätte schön locker laufen können) durch den Ort, wo ich schon bald den ersten Blick auf die Berge erhaschte, bevor es dann erst mal in den Wald ging.

Auch hier waren wieder so viele vorne, die scheinbar noch nie Wurzelpfade gesehen hatten, dass es schon erschreckend war wie langsam man vorwärts kam und wie oft es bis zum Stillstand kam. Doch ich konnte ja nicht mehr tun als hinterhermarschieren und schauen, dass ich nicht der Grund für den Stau wurde.

Ein weiterer Stau vor dem Abzweig in einen bergab (!, auf dem Profil ging's eigentlich nur bergauf) führenden Single-Trail ergab die Gelegenheit zum Schauen und Fotografieren. Uah, soooo viele sind schon unterwegs! Das wird dauern.

Hier schlängelte sich dann der Weg bergab und dann wieder bergauf, was immer wieder Fotopausen aufzwang. Wäre eigentlich gemütlich laufbares Gelände gewesen, aber Überholmanöver waren schwierig und ich wollte auch keine Kraft vergeuden. Kam ja noch was hinterher. Ich wollte meinen ersten dreistelligen Kilometerstand während eines Laufs einstellen. Aber so konnte man wunderbar die Läuferschar, den vorausliegenden Wegverlauf und die Berge bewundern.

Immer Richtung Refuge Bertone, der ersten Etappe. Kurz vorher: ein wunderbarer Blick zurück auf Courmayeur.

Dann Zeitcheck. Man musste sich in der Schlange anstellen, um von zwei Leuten gescannt zu werden. Es ging abwärts auf recht leicht laufbaren Pfaden, wo auch die ersten Überholmanöver auf Nebenspuren gestartet wurden. Dann kam man zum Verpflegungspunkt, wo es eigentlich nur Getränke geben sollte. Gab aber auch Müsliriegel und andere Kleinigkeiten zu essen und ich füllte die Trinkblase auf (auch hier: Anstellen!) und aß was.

Irgendeiner der Läufer hatte gefragt wie viele schon durch seien und man sagte so 1400 etwa. Das hat mich schon ein wenig geschockt - so weit hinten waren wir? Und da kam noch eine Riesenschlange an Läufern (und sogar noch ein Starterfeld wie mein Freund mit später ezählte) hinter uns! Nun ja, egal, ich will ja nur ankommen. Ein Blick auf die Uhr hatte mich auch schon geschockt: fast 4h für 15km! Das würde ein langer Tag - und eine lange Nacht - werden!

Doch es ging weiter zur Refuge Bonatti - 7km wie ich mir gemerkt hatte. Auch hier konnte man fantastisch die Berge, das Aostatal, die dunkler werdenden Wolken und den kurzen Regenschauer beobachten, da der Weg voll war.

Hier traf ich auch einige Läuferinnen, die ich vom ZST kannte (also ausnahmsweise mal deutsch gesprochen). Die eine meinte meine Schuhe hätte sie erkannt - typisch Frau halt :lach:

Von hier aus ging es nach Arnuva - nur 5 km. Danach würde der zweite hohe Aufstieg auf den Grand Col Ferret kommen. Wieder ein wunderbarer Blick auf Grand Jorasses und Gletscher.

Nach dem Col kam dann ein langer Abstieg nach La Fouly, wo die nächste Verpflegungsstation war. Hier ließ es sich langsam laufen, die Wege waren breiter, es konnte mal überholt werden ohne Zusatzanstrengung und die Läuferschar wurde lichter. In La Fouly gab's wieder ordentlich Futter - wie sagt der Schalk so schön "ohne Mampf kein Kampf". Käse, Brot, Salzkekse, Nudelbrühe, Iso, Wasser auffüllen. Viele setzten sich gemütlich an die Tische, ich erledigte das im Stehen. Wollte ja noch weiter und versuchen bei Tageslicht noch bis Champex zu kommen, wo mein Freund mich zum ersten Mal erwarten würde. Beim Reinlaufen in die Verpflegungsstation bekam ich noch die Durchsage mit, dass ca. 1000 Läufer schon durch wären. Ich fühlte mich gut und stark, bereit für die nächsten 14km.

Schön war überall unterwegs auch die Anfeuerung der Zuschauer, die sich teilweise mit eigenen Autos oder auch zu Fuß aufgemacht hatten. Selbst an den Hütten standen sie mit Glocken, riefen "Allez Brigitte", bis dann einer sie korrigierte und gar meinen Namen richtig aussprach. Waren ja überwiegend Franzosen, bei denen ich mich stets mit einem Lächeln und einem "Merci" bedankte. Bei weiteren Hotspots wurde ich dann später schon von scheinbar denselben Leuten mit "La Birgit" und La Ola Wellen empfangen. So herzlich, so rührend nett. Ich hab mich jedes Mal unheimlich gefreut.

In Champex angekommen sah ich auch gerade den Shuttlebus kommen, der dann noch zurücksetzten musste. Im Verpflegungszelt gab es eine richtige warme Nudelmahlzeit und Apfelkompott, den ich mir da drüber getan habe. Hier habe ich mich auch hingesetzt, wobei ich immer wieder aufgestanden bin, um meinen Freund zu suchen, da ich vor der Nacht die aufgrund des von La Fouly schon herrschenden Regens nassen Klamotten gern wechseln wollte. Auch die Lampe wurde ausgepackt und die Brille eingepackt. Schließlich fand ich ihn am Eingang des Zeltes. Er hatte mich in La Fouly verpasst und war gerade mit dem zurücksetzenden Bus angekommen. Wenn er nicht da gewesen wäre hätte ich schlicht das lange Oberteil unter die Jacke gezogen und wäre weiter, aber die Nudeln mussten eh was abkühlen und so war ich halt hin- und hergelaufen und hatte mir noch eine Nudelbrühe und einen Tee besorgt. Glücklich zog ich die trockenen kurzen Sachen an und gab ihm die Brille schon mal mit. Ärmlinge kamen in die Seitentasche des Rucksacks, falls es mal sehr kühl werden würde. Er meinte ich würde gut im Rennen liegen, viele seien schon ausgestiegen. Hier waren aber erst 56km gelaufen und noch fast die Hälfte lag vor mir.

So trabte ich dann oben trocken und in Jacke weiter. Es ging am wunderschönen See vorbei, flach auf Asphalt. Die Laternen gingen an. Hier erwarteten mich Laufkollegen, was ich aber nicht wusste. Ich sah nur das Schild "Birgit GO" und bedankte mich wie immer mit "Merci", dachte noch das wäre gar nicht für mich, sondern vielleicht für eine Namensvetterin oder "meine" Franzosen hätten das noch zwischendurch gemalt. Hab mich aber natürlich riesig über diese persönliche Anfeuerung gefreut.

Hier endet dann auch wegen schlechter Kameraqualität bei Dunkelheit die Bildberichterstattung von unterwegs, denn ab dem Wald musste die Lampe angeschaltet werden. Irgendwie hatte ich vorher Bedenken gehabt, doch die zerstreuten sich schnell. Die Lampe leuchtete gut, auch wenn es nun regnete, und regnete, und regnete. Aber ich hatte ja "nur" 17km bis zum nächsten Verpflegungspunkt in Trient, wo mein Freund wieder auf mich warten würde, falls das mit dem Shuttle klappen sollte. Wenn nicht würde er in Vallorcine auf jeden Fall auf mich warten. Ab hier "kannte" ich die Strecke aus seiner Beschreibung, allerdings war die wenig zutreffend. Denn durch den Regen hatte sie sich verwandelt. Aber die Nacht hat auch ihren eigenen Zauber. Die Sterne am Himmel, ab und an wandernde Lichter irgendwo an einem Hang, mal Lichter eines Ortes, Lampenlicht, das sich im Regen bricht. Schön.

In Trient angekommen - kein Freund. Wie ich später erfuhr musste er in Champex noch eine Stunde länger warten, weil der erste Bus nach meinem Abgang voll war und hatte es nicht rechtzeitig geschafft. Wir werden vor dem Verpflegungszelt noch daran erinnert die Lampen auszuschalten. Kurz mit den Verpflegungsposten geschnackt beim Tee und Nudelbrühe trinken - und weiter. Draußen bin ich erst mal allein, sehe aber weiter vor mir mehrere Lichter, die ich beim nächsten Anstieg auch erreiche. Ab da wird mit Gruppe weitergekämpft. Die Wege und Wiesen haben sich in Schlamm verwandelt, der einem fast die Schuhe auszieht. Zwei Schritte vor und einen zurück. Vorbei an bimmelnden Kühen, die wir wohl mit unseren Lampen aus dem Schlaf schrecken und deren Augen im Schein der Lampen erstrahlen. Sehr interessant sich in dieser Phase selbst zu beobachten. Ich bin hundemüde, versuche aber bergauf mit den Männern mitzuhalten, auch wenn da hin und wieder einer ausschert und sich hinten wieder einreiht. Bergab rutsche ich dann und fliege in der Matsche - pardauz - auf den Hosenboden. Sofort fragt einer ob alles ok sei. Na ja, geht schon. Beim zweiten Mal meint er so: "Das ist nur die Müdigkeit. Komm hinter mir her" und setzt sich langsamer vor mich, so dass ich ihm folgen kann. Einfach sehr nett.

Überhaupt ist auffällig, dass schon vorher immer mehrere Läufer die am Rand sitzenden ansprechen (auch ich) und fragen ob's ok wäre oder Hilfe benötigt wird. Einem von Krämpfen geplagten Läufern habe ich auch meine Salztabletten angeboten - er wollte aber nicht und meinte wäre in seinem Getränk, würde aber nicht reichen. Inzwischen habe ich auch schon bemerkt, dass ich französisch denke, da ich mehrheitlich von Franzosen umgeben bin. Vor der Verpflegung muss ich umschalten - mein Freund kann's nicht.

Endlich brechen wir aus dem Wald über die Wiese und sehen unten ein paar Lichter - Vallorcine. Ich erreiche die Verpflegungsstelle und weiß: ab hier "nur" noch gut 18km - die schaff ich! Ich tausch noch meine Uhr mit der meines Freundes, der sie mir schon mit Satellit versorgt hat, während ich mich versorge, wechsle den Akku der Lampe und verabschiede mich mit einem "ich kämpf mich bis Chamonix, egal wie lange das dauert. Bis später". Erst mal geht es recht locker fast flach auf einem Waldweg lang, wo ich auch wieder locker jogge. Dann geht es zum Col des Montets und ab da durch schwieriges, blockiges und stufiges Gelände mit Nebel (aber ohne Regen) bergauf - der letzte Anstieg. Im Dunklen sind die Steine richtig nass und rutschig und wir quälen uns Schritt für Schritt bergauf. Ich hab mich wieder einer Männergruppe angeschlossen - irgendwie hab ich auch noch eine Frau unterwegs überholt, aber mir ist DAS inzwischen sowas von egal. Ich will nach Chamonix! Mehr nicht. Am liebsten würde ich mich hinter einem Stein verkriechen und eine Runde Pause machen oder heulen oder was auch immer, aber die Gruppe hält mich aufrecht. Immer wieder treten Männer zur Seite, um die anderen vorzulassen und sich hinten wieder einzureihen. Keiner will hier allein sein hab ich den Eindruck. Besonders spannend finde ich den Schein der Lampe (mit Diffusor drauf), in dem die Nebeltröpfchen zu tausenden auf mich zufliegen. Irgendwann bin ich auf einmal der "Kopf" der Schlange - und da kann Frau sich nicht hängen lassen, oder? Ich such also den besten Weg durch die eiskalten Bäche im Schein der Lampe, frage ein paar Mal ob jemand schneller will - keine Freiwilligen.

Auf einmal wieder Zeitcheck "On est au Tete aux vents" sagt man uns. Ich hatte schon auf La Flégère getippt, aber ein Blick auf die Uhr zeigt, dass es noch ein paar Kilometer sein müssen. Die Uhr war eh nur ab und an mal gut um zu wissen wie weit der nächste VP so weg ist - Zeit hab ich gar nicht geschaut.

Weiter durch das blockige Gelände, dafür mehr bergab. Kaum mal Strecken, in denen wir in langsamen Trab fallen. Wir erreichen die letzte Verpflegungsstation - nur noch 8km, yeah! Eine letzte Nudelbrühe, zweimal Cola in meinem winzigen ZST-Becher und weiter! Ich stolpere mehrmals über kleine Wurzeln und mache entsprechend langsamer. Jetzt noch hinhauen wär's nicht. Echt nicht. Doch nach einiger Zeit wird der Weg leichter und - hey, wenn ich jogge geht's auch schneller zu Ende! Also wird wieder der Bergsteigertrott eingelegt und ich sehe die Lichter von Chamonix näher kommen. Das hat so was Magisches, ist so unbeschreiblich schön. Immer wieder kamen uns unterwegs auch Leute entgegen - ich denke mal das waren die unermüdlichen Streckenposten und Sanitäter, denen hier mal ein riesiges Dankeschön gesagt sei.

Kaum hab ich Asphalt unter den Füßen jogge ich los. Endspurt, ich kann nicht anders. Die Männer bleiben hinter mir, vor mir niemand zu sehen. Also wirklich schön locker gemütlich durch das nächtliche Chamonix, von Streckenposten auf dem schon bekannten letzten Stück geleitet jogge ich mit tonnenschweren, nassen, matschigen Schuhen die letzten Kilometer. Und an der Hauptstraße durch die unermüdliche Zuschauerschar, die natürlich kleiner als tagsüber aber trotzdem sehr mitreißend ist. Bonjour Chamonix - rufe ich ihnen zu. Und ich freue mich riesig auf den Zieleinlauf, den ich ganz für mich habe.

Das Foto ist gerade nach dem Zieleinlauf, das Uhrstoppen wohl ein antrainierter Läuferreflex :lach: Zeit war mir egal.

Es gilt ja "kein Bier vor 4", aber ich hatte Glück. War ja schon nach 6 - und so gab's ein wohlverdientes Finisherbier nachdem ich mir die Finisherweste abgeholt hatte.

Die Kampfspuren waren auch unübersehbar:

Anschließend holen wir die Wechselsachen ab und fahren mit dem ersten Zug zurück nach Les Bossons, wo ich nach einer ausgiebigen Dusche erst mal das Teilnehmershirt und die Finisherweste anziehe, die wirklich total schick ist.

Erst viel später sehe ich, dass ich insgesamt 21:21:01h gebraucht habe, um meinen ersten 100er zu vollenden. Damit bin ich 530. gesamt, 45. Frau, 5. meiner AK und 1. Deutsche geworden (hihi).

Wir sind nochmal nach Chamonix gefahren und haben uns die Siegerehrung für den CCC und dann auch den Einlauf der ersten des UTMB angesehen. Was ein Lauf: der zweite und dritte kommen gemeinsam rein, nachdem sie sich auf gut 166km nicht besiegen konnten verzichten sie auf einen Endspurt und laufen Hand in Hand über die Ziellinie, umarmen sich dann brüderlich. So genial.

Ich kann nur sagen: das war ein tolles Erlebnis, eine super Atmosphäre und ein wirklich sehr gut organisierter und beschilderter Lauf. Na ja, die Sache mit den Navettes hat Verbesserungspotential, aber sonst: TOP!

4.857145
Gesamtwertung: 4.9 (7 Wertungen)

Tschuldigung! ...

... Aber eigentlich immer wieder gerne!
Ja, ich hab am Liveticker mitgefiebert. Ich hab bei den Zwischenzeiten quasi die vor dir liegende Strecke vor Augen gehabt. Es war wie selbst noch mal laufen.
Einen super Lauf hast du da hingelegt. Zeiten sind egal. Die kannst du eh nicht mit anderne vergleichen. Das Wetter hat da viel zu großen Einfluß.
Aber die Platzierung, die gilt. Und die ist der Hammer!
Janz herzlichen Glückwunsch auch hier noch mal dazu!
;-)

Riesenglückwunsch

Das scheint echt eine sehr schwere Version des CCC gewesen zu sein, mit so schwerem Geläuf. Dennoch liest es sich ganz leicht, ganz pragmatisch, von VP zu VP. Das schaffen nur die ganz starken. Chapeau!

granreserva


___________________________
Die Körper wären nicht schön, wenn sie sich nicht bewegten

Herzlichen Glückwunsch. Es

Herzlichen Glückwunsch. Es freut mich riesig zu hören das bei dir alles gut lief.

Der Reiz des Unmöglichen besteht darin, es irgendwann doch zu ereichen.
Helden gesucht!

Vor zwei Jahren ...

... war der CCC extrem hart. Da war Schnee und es war richtig kalt oben. Aber du hast Recht im Vergleich zum letzten Jahr. Da war Wetter und Geläuf perfekt. Da mußte Fazer doch deutlich mehr kämpfen!
;-)

unglaublich

und mir nicht vorstellbar, wie Du (und die anderen) das gemacht haben, danke für den ausführlichen Bericht, der mich richtig "mitgenommen" hat.

Große Gratulation,
waldboden

Unglaublich

für mich, was du da geleistet hast! Ich bin schwer beeindruckt und freue mich riesig für dich, über diese sagenhafte Platzierung! Ganz, ganz fetten Glückwunsch du Superweib du!!! 530 gesamt, das ist eine Zahl, die du immer näher und näher gekommen bist. Habe das genau verfolgt:-) 5. in deiner AK und 1. Deutsche, das ist einfach grandios!!!

Lieben Gruß
Tame

Hammerleistung!

Ich danke dir ganz herzlich für diesen schönen Bericht samt Fotos. Unvorstellbares hast du da geleistet, du wahre Powerfrau! Allerherzlichste Glückwünsche nicht nur zum Finish, sondern auch zu den tollen Platzierungen!

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Wooooow

Konnte dich ja wunderbar auf Facebook verfolgen und war da schon von deiner Leistung sehr beeindruckt!
Super Rennen gelaufen und noch viel besser gefinisht!!
Respekt und meine allerherzlichsten Glückwünsche!

Dein Bergsteigertrott

entspricht dann vermutlich meiner 10er WK-Pace ;-))

He, du Tier, Wahnsinn!!! Ich habe so mitgefiebert und es war so schön zu sehen, wie du das Feld aufgerollt hast, und das Ganze wie immer schön kontrolliert und beherrscht. Irre! Und die Weste steht dir verdientermaßen seeeeehr gut ;-))

Aber wer bitte kommt auf die Idee seinen ERSTEN 100er beim CCC zu machen? Wo willst du den zweiten absolvieren????

"Gelaufen wird wie es geht, geschlafen wann es sein muß und wenn ich im Ziel bin, bin ich da" (Schalk)

Saarvoir courir - laufen im Saarland

Einfach nur super !

Das hast Du Dir nach dem holprigen ZST aber auch so was von verdient!.
Ich ziehe alle zur Verfügung stehenden Hüte, Mützen, Buffs, etc.
Toll, toll, toll.

LG,
Anja

liest sich

mal wieder so einfach...aber HUT ab vor deiner Leistung. Und danke, danke, danke für den schönen Bericht! Ich glaube, da muss ich auch mal hin, man bekommt richtig Lust drauf. Meinst du, das klappt auch ohne Französisch?
...going beyond the mind -it's where the magic happens...

phenomenal !

was soll man dazu sagen ? einfach TOP !
Gratuliere herzlichst !!!
... und irgendwie ist es doch immer NACH vier ;-) auch 20 Sekunden zu früh
vlG

WOOOOW

Liebe fazer,
das ist eine gigantische Leistung!!! Herzlichen Glückwunsch zu diesem bestandenen - nein nicht nur bestandenen, sondern fantastisch bestandenen Abenteuer!! Und DANKE für die schönen Bilder und den tollen Bericht

Danke für den tollen

Danke für den tollen Bericht, Birgit!
Gruß, Martin

Danke Birgit....

...für Deine Ausführungen über den CCC.
Klasse gelaufen in einer überragenden Zeit.

ui...

...oder "chapeau" wie der franzose zu sagen pflegt. grandiose leistung, liebe fazer und mitreißend geschrieben. aber sag, wie kann frau nach 100 km über so eine strecke noch so strahlenend frisch ausschauen und lachen? ;-)

achja, und schnelle straßenmaras sind keine kunst, so ein ccc-finish schon! :-P
____________________
laufend wünscht gut regeneration: happy™

"man muss es so einrichten, dass einem das ziel entgegenkommt." (theodor fontane)

Naja, Happy...

... also ich würde sagen ein schneller Straßenmarathon is schon auch ne Kunst.
Nur die Definition für "schnell" ist dann wichtig. Ich würde mich da noch nicht zu den Schnellen zählen...
;-)

Hach ja,

@schalk: da braucht es keine Entschuldigung - das hat mir schon so viel Spaß gemacht. War eben ein Anstupser, das Wandern und die Berge mit der Lauferei zu verbinden. Danke.

@granreserva: gab sicher schon schwerere Versionen - ich hatte die Yaktrax im Gepäck :grins:, allerdings dann unterwegs aufgrund der Wetteraussichten und Wetterlage nicht mit

@Linzgaurunner: danke

@waldboden: gerne

@Tame: ich wusste ja unterwegs auch, dass viele mich "verfolgen" - da kann ich ja nicht rummemmen, ne?

@Sonnenblume2: war eigentlich Anfang des Jahres immer noch sehr wage, wurde dann aber immer konkreter in der Vorstellung

@Kikilotta: danke

@strider: ich hab noch nicht den Track vom letzten Stück. Die Maximalgeschwindigkeit muss ein Messfehler gewesen sein - kann überhaupt nicht stimmen. Ich glaub nicht, dass ich das nach 100km mit Rucksack und todmüde laufen könnte. Und auf die Idee den ersten 100 beim CCC zu laufen kommen Leute, die den ersten 50er in Schwäbisch Gmünd laufen, den zweiten Ultra beim Rennsteig SM und dann noch Spaß an einem Bergmarathon haben - und sich dann komplett überschätzen

@Anja Borgard: danke - verdient hat man nichts, bekommen hab ich viel

@Mainrenner: geht bestimmt auch mit Englisch oder Italienisch - das war bei der Beschilderung meist dabei. Franzosen sind da schon speziell - einige Dinge hätte ich vermutlich nicht bekommen. Aber wenn du französisch mit denen sprichst und die feststellen Du kommst aus Deutschland, dann wollen manche unbedingt ihre Deutschkenntnisse anbringen. Wirklich sehr nett, die Franzosen!

@RitterEd: stimmt eigentlich :kicher:

@hkp_c: gerne, war nur viel Gerödel mit den Fotos hier

@Znegva: auch gern

@diezrun: ich bewundere Dich unheimlich - und Deine ganze Familie. Danke

@happy: ich glaub das tätest Du auch, nach so einem Endorphinschub. Da kannste gar nicht anders.

@schalk: Schnell ist wohl immer eine Frage der eigenen Ansprüche - und des Alters. Richtig schnell sind wir alle nicht. Und ich werde es auch nicht mehr werden und mein Freund auch nicht. Da kann man froh sein, wenn man seinen Level hält - und sei es alterskorrigiert.

Das Finisher-Bier-Bild...

... ist der Hammer! Du strahlst so wunderschön. Vielen Dank für den superspannenden Bericht, es ist total beeindruckend, dass eine, die normalerweise dermaßen schnell unterwegs ist, jetzt auch noch sensationell weit, hoch und runter kann. Mir gehen die Superlative aus, daher einfach nur: Herzlichen Glückwunsch!

yazi

komplett überschätzen

beim ZUT kenne ich seeeehr gut, nur dass du angekommen bist und ich nicht!

Du machst das schon richtig und klasse!

"Gelaufen wird wie es geht, geschlafen wann es sein muß und wenn ich im Ziel bin, bin ich da" (Schalk)

Saarvoir courir - laufen im Saarland

Ich habs heute endlich

Ich habs heute endlich nochmal in Ruhe und mit dem Finger auf der Karte gelesen. Nochmal hier: Eine WahnsinnsEnergie-Leistung bei Regen und Dunkelheit, aber auch schon alleine von der Vorbereitung her. DAS war mir noch gar nicht so klar, als ich während deines Laufs am PC "dabei" war. Jetzt so im Zusammenhang von 3 Jahren gelesen bekomme ich noch mehr Respekt als sowieso schon vor euch Extrem-Ultras (Und ich weiß speziell bei dir ja, daß du durchaus noch anderes "außer Ultras" kannst und leistest!.) Gratulation und späte aber sehr beeindruckte Glückwünsche zum Wahrmachen dieses Traums.

LG Britta

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