Kauf doch deine Geschenke über diesen Link und unterstütze damit jogmap.

Topangebot der Woche

Benutzerbild von dfrobeen

Es hätte ein wirklich schönes Ferienwochenende in Polen werden können. Ein toller Abend in Poznan, ein sonniger Tag im überraschend schönen Gdynia - 30km nördlich von Danzig -, ein Wiedersehen mit Freunden und Kennenlernen von neuen Bekannten aus Polen. Wenn da nicht noch die kleine sportliche Einheit am Sonntag vormittag gewesen wäre, für die ich diese ganze Reise ursprünglich mal geplant hatte.

Ein befreundeter Ex-Kollege aus Polen erzählte mir, als wir uns vor knapp 2 Jahren mal wieder in Köln über den Weg gelaufen sind, dass er auch mittlerweile viel Ausdauersport mache. Die ersten Marathon hatte er bereits gefinished und nun sollte die Reise weiter in Richtung Triathlon gehen. Schon bald in der Kommunikation schwärmte er mir vom Halbdistanzrennen in Gdynia vor, welches Polens größten Triathlon darstellt.

Vor gut einem Jahr traf ich dann in Frankfurt beim Ironman Milosz. Er hat die Startnummer neben mir und wir kommen beim Rad-Check-In erstmals ins Gespräch. Als ich ihm die Story von Tomasz erzähle, stellt sich heraus, dass er selbst aus Gdynia kommt und natürlich alljährlich am dortigen Event teilnimmt. Als wir dann auch über das Ironman-Event in der Folge weiterhin Kontakt halten, konkretisiert sich die Planung: 3 sportverrückte Jungs, ein Event - klingt nach einem tollen Wochenende. Die Anmeldung kostet umgerechnet 70 EUR, fair für eine Halbdistanz - vor allem eine sehr sehr gut organisierte, wie sich für mich später noch herausstellen wird. Das der Termin drei Wochen nach meiner Langdistanz in Roth liegt, stört mich erstmal nicht wesentlich. Wird schon irgendwie klappen - und der Fokus des Wochenendes soll ja auf dem Treffen mit Freunden liegen.

So richtig klar, worauf ich mich da eingelassen habe, wird mir erst, als ich nach Roth mal die konkrete Planung angehe. Braunschweig - Gdynia sind etwa 790km Autofahrt, Flüge zu teuer und von den Zeiten her schlecht, andere Reisemöglichkeiten auch nicht besser und Wochenendverlängerung durch Urlaub auch keine wirkliche Option. Ich entscheide mich zumindest die Hinfahrt aufzuteilen und fahre Freitag nachmittag erstmal nach Poznan. Hier habe ich beruflich schon mal ein paar Tage verbracht, realisiere aber erst auf dieser Tour, was das eigentlich für ein schönes, attraktives Städtchen ist. Als ich nach gemütlicher Fahrt gegen 20:30 Uhr dort bin, haben die von mir vorher identifizierten, guten polnischen Restaurants leider schon zu, die offenen sind mir zu touristisch und ich lande in einer Tapas-Bar direkt am zentralen Platz der Altstadt und werde dort einen tollen Abend haben. Ich bestelle 3 Tapas, 2 Gläser Rotwein (bekomme jeweils eine 0,5l-Karaffe) und bezahle hinterher satt und gut angetrunken umgerechnet 8 EUR. Okok, Tapas-Bar ist jetzt nicht wirklich Land-und-Leute kennenlernen, daher gehe ich anschließend noch in eine Bierhalle, wo am Tresen ein Haufen einzelner Männer sitzt, die schon mit Tunnelblick in ihre vollen Biergläser starren. Auch hier habe ich nochmal großen Spaß, während ich zwei Bier trinke und gehe zufrieden in meine Unterkunft in der City.


Gdynia - schönes Ostseestädtchen

Am nächsten Morgen geht es weiter nach Gdynia. Ich verfahre mich auf der ohnehin 160km-langen Landstraßen-Strecke zur Autobahn Lodz - Danzig und verbringe so fast 3 Stunden in landschaftlich reizvoller Umgebung unterwegs zur Ostsee. Da ich keinen zeitlichen Stress habe, genieße ich diese Fahrt sehr und kommt gut erholt in Gdynia an. Ich hole meine Startnummer und fahre in die City. Meine Freunde werden erst später Zeit haben, also gehe ich eine kleine Vorbelastung an. Ich fahre einen Teil der Radstrecke ab und laufe einmal die Laufrunde ab. Anschließend treffe ich Tomasz, seinen Kumpel Woytec und wiederum Freunde von ihm. Er scheint halb Gdynia zu kennen, letztlich sitzen wir mit weit über 10 Leuten in einem Piroggen-Restaurant, essen diverseste verschiedene Ausprägungen der Teigtaschen und (zumindest ich) trinken Bier dazu - ich bin ja schließlich im Urlaub.


ganz links mein Name auf der Teilnehmerliste

Tomasz und ich übernachten im Appartement von Woytec. Es ist Tomasz zweiter Triathlon überhaupt und die erste Mitteldistanz. Während ich gewohnt mein Programm abspule und meine Wettkampfutensilien packe, benötigt es bei Tomasz schon ein paar gut gemeinte Ratschläge und beruhigende Worte, bis auch er seinen Kram gepackt haben. Licht aus ging gegen 23 Uhr, so richtig gut geschlafen habe ich aber nicht. Und dann klingelt um 6 Uhr der Wecker.


Einmal wie ein Profi fühlen ;-)

Die ganze Vorwettkampf-Routinen laufen problemlos ab. Dennoch spricht das Teufelchen auf meiner Schulter immer wieder die Frage aus, warum ich jetzt eigentlich gleich eine Halbdistanz starten will? Ich habe doch vor drei Wochen erst in Roth die doppelte Distanz gemacht und was will ich mir in Gdynia eigentlich beweisen? Das Teufelchen spricht immer lauter und als ich dann mit 1.499 anderen Startern am Strand von Gdynia stehe und auf den Startschuss warte, frage ich mich selbst schon sehr ernsthaft, warum genau ich den Quatsch da jetzt eigentlich angehe. Aber halbe Sachen gibt es bei mir nicht. Aufgeben, bzw. gar nicht erst zu starten ist keine Option. Und ein Rennen auf Sparflamme macht auch keinen Sinn...dann dauert es ja nur noch länger.

Fünf Minuten vor dem Start dann eine sehr coole Idee. Ein Lifeguard auf einem Jetski fährt die Schwimmstrecke ab, während der Moderator per Mikrofon auf die Besonderheiten hinweist. Dann sind es noch 2 Minuten und es geht los. Die Erfassung der Teilnehmer erfolgte vorher manuell, d.h. man musste nach Startnummer geordnet durch je einen kleinen Bogen gehen. Da meine Startnummer fast genau in der Mitte lag, stand ich nun auch in der Mitte des Teilnehmerfeldes am Strand. Ich hatte schon eine Vorahnung, was mich in den nächsten Minuten erwarten würde. Als der Startschuss dann laut und deutlich zu hören war, rannten 1.500 adrenalingetränkte Triathleten in die Ostsee und ich war mittendrin. Und wenn ich "mittendrin" schreibe, dann meine ich diesmal auch MITTENDRIN. Ich hatte letztes Jahr beim Ironman Frankfurt einen noch größeren Massenstart erlebt (2.200 Starter in der zweiten Welle), aber da war ich wirklich am Rand und kam eigentlich ganz gut dort heraus. Hier in Gdynia bezog ich 800m lang durchgängig Prügel. Ich hätte unmöglich so viele Menschen an Land provozieren können um so viele Schläge und Tritte einzustecken, wie ich es hier im Wasser erleben durfte (einen ganz guten Eindruck vom Start gewinnt man in diesem Video). Es gab aber auch keine Möglichkeit dem zu entkommen. Rechts und links von mir waren sowieso immer Schwimmer nahe am Körperkontakt. Vor mir gab es immer einen, der mit Kraul- oder gerne auch mal Brustbeinschlägen versuchte sich gegen meine Schläge gegen seine Füße zu wehren. Und wenn es mir doch mal zu bunt wurde und ich Tempo rausnahm um mich zurückfallen zu lassen, gab es gleich von hinten kräftig auf die Beine. Es half nichts...ich musste hier durch.

Es dauerte tatsächlich gut 800m, nämlich die Strecke bis zum Wendekatamaran, bis ich dort sehr großzügig wendete und mich ab dort ganz außen weiterbewegt habe. So bin ich sicherlich nochmal 50 bis 100m mehr geschwommen, aber dafür konnte ich immerhin nach eigenem Gusto schwimmen. Da ich nach den intensivsten der permanenten Prügelattacken doch immer wieder auf Brust umstellte, befürchtete ich auch, dass meine Zeit zusätzlich im Eimer sein sollte. Ganz ehrlich kam mir auch immer wieder der Gedanke mit dem Quatsch aufzuhören - die Motivation für dieses Rennen hatte ich immer noch nicht aufgebaut. Da ich aber eh am offenen Meer unterwegs war und sowieso hätte zurückschwimmen müssen, konnte ich es auch gleich im laufenden Wettbewerb tun. Also weiter im Text.

Als ich dann endlich ein paar Meter am Stück mal frei schwimmen konnte, sah ich dann etwa 100m vor mir einige Teilnehmer durch das Wasser gehen. Wir waren mittlerweile wieder zurück in Richtung Küste geschwommen und der Rest bis zum Schwimmausstieg sollte parallel zu selbiger verlaufen. Auch ich gönnte mir diese Gehpause als Erholung von den Schwimmbewegungen. Dabei blickte ich auch mal auf die Uhr und sah eine 28:xx. Es war schwierig einzuschätzen, wie viel von der gesamten Strecke ich schon erledigt hatte - der Kurs war doch recht verwinkelt. Aber gefühlt hatte ich erst knapp über die Hälfte und so war ich mir sicher, dass die Schwimmzeit so schlecht werden sollte, dass der weitere Wettbewerb sowieso nur noch zur Spaßveranstaltung mutieren soll. Doch irgendwie verging der Weg entlang der Küste ziemlich flott. Keine Ahnung, ob jetzt die Strömung günstig stand oder ich mich einfach in der Entfernungseinschätzung vertan hatte - ich kam dem Ausstieg immer näher und die Uhr schien fast stehen zu bleiben. Es stellte sich auch noch raus, dass man theoretisch den ganzen Weg zum Schwimmausstieg noch hätte laufen können. Dann wäre es eher zum Quatrathlon geworden, mit Aquajogging-Anteil. Aber ich wusste ja mittlerweile, dass man im Wasser schneller schwimmt, als man gehen kann, also versuchte ich die Gehpausen auf ein Minimun zu reduzieren. Letztlich verließ ich nach ca. 40:30 Minuten das Wasser, dann kam ein kurzer lauf zur Zeitmessung, die für mich bei 42:00 Minuten auslöste. Das war vom Tempo her ok, zumindest im Vergleich zu weiteren Halbdistanzen, wo ich zuletzt bis zu 45:00 Minuten für die gleiche Distanz benötigte.

Zu diesem Zeitpunkt rangierte ich auf Rang 1043, es gab also noch einige weitere Athleten, die hinter mir aus dem Wasser kletterten. Nun folgte ein langer Lauf zur Wechselzone und schließlich die ebenso lange Wechselzone selber. Hier nun das übliche Prozedere: Neo ausziehen, Startnummer/Sonnenbrille/Helm anlegen, Fahrrad schnappen und aus der Wechselzone rauslaufen. Diesmal benötigte ich für die Übung 4:17 Minuten - Rang 79 in der Wertung aller Teilnehmer. Eine noch schnellere Zeit scheiterte an der schmalen Wechselzone, in der ich mit dem Rad in der Hand kaum überholen konnte. Allein in der Wechselzone machte ich 175 Plätze gut und ging nun von Rang 868 aus in den Radsplit.

Die Radstrecke war relativ unspektakulär. Es ging insgesamt zweimal eine 22,5km-Strecke aus der Stadt raus und auf nahezu gleichem Wege wieder zurück. Landschaftlich nicht besonders reizvoll, aber da die einzigen Erhöhungen die Brücken unterwegs waren, insgesamt pfeilschnell. Ich begann wieder das muntere Überholen und machte Platz für Platz gut. Für den Rückweg auf der ersten Schleife fand ich einen Mitfahrer, der ziemlich exakt mein Tempo fuhr und wir uns weitgehend innerhalb der Windschattenregel gegenseitig mit Führungsarbeit unterstützten. Den Wendepunkt an der Wechselzone erreichte ich nach exakt 1:14 Stunden, sodass ich wieder mit der Rechnerei anfing, ob ich den Radsplit unter der Schallmauer von 2 1/2 Stunden absolvieren konnte. Eigentlich war ich sehr optimistisch. Doch gefühlt hatte der Wind etwas gegen meinen Plan. Auf der ersten Runde hatte ich auf dem Rückweg in die Stadt merklich Rückenwind. Jetzt hatte selbiger offensichtlich gedreht, weshalb es relativ mühsam wurde das erforderliche Tempo für den 36er-Schnitt zu halten. Im Endeffekt stoppte die Uhr bei 2:30:31 Stunden, was sicherliche eine gute Radzeit ist, aber halt knapp an der 2:30h vorbei schrabbte. Diese Zeit reichte für Rang 314 in der reinen Radwertung. Ich war bei Analyse der Ergebnisliste etwas überrascht, denn mit einem 36er-Schnitt dachte ich noch weiter vorne mit dabei zu sein. Aber die Strecke war halt super-schnell. Im gesamten Rennen rangierte ich nun auf Platz 452.

Beim zweiten Wechsel konnte ich nicht wie gewohnt noch weitere Zeit gutmachen. Wie schon in Roth entschied ich mich dafür in meinen normal geschnürten Wettkampf-Laufschuhen zu laufen. Immerhin hatte ich diesmal die Schnürung offen gelassen, weil ich seit Roth weiß, dass meine Füße auf dem Rad derart anschwellen, dass ich nicht in locker vorgebundene Laufschuhe hineinschlüpfen kann. Und wie sollte es anders sein - in der Hektik wollte das Schuhe binden einfach nicht funktionieren. Die Sekunden verrannen und in meiner liebsten Teilwertung fiel ich ins Mittelfeld zurück. Der zweite Wechsel dauerte 2:34 Minuten, Rang 380 im gesamten Teilnehmerfeld. Immerhin machte ich nochmal 6 Plätze gut und ging nun von Platz 446 aus auf die Laufstrecke.

Die Laufstrecke war wirklich ein Highlight des Events in Gdynia. Generell muss ich hier mal großes Lob aussprechen. Die Veranstaltung war toll organisiert - und das für umgerechnet 70 EUR Startgebühr. Es gab eine riesige Expo in der modernen, lokalen Basketballarena. Es gab eine Pastaparty für alle Teilnehmer (in Startgebühr enthalten), das Rennen war wirklich super, Schwimmen in der Ostsee über einen gut markierten und attraktiven Kurs, Wechselzone perfekt abgewickelt (z.B. mit Foto bei Betreten und verlassen...zur Sicherheit das mitgebrachtes und mitgenommenes Fahrrad das gleiche ist - hatte ich sonst nur in Frankfurt) und Radfahren/Laufen mitten in der City, also nicht auf irgendwelchen abgelegenen Wegen. Der Finisherbereich muss sich vor keinem Rennen der Welt verstecken, 20m vor der Ziellinie stehe ein Moderator und begrüßt die Finisher einzeln. Und im Zielbereich gab es umfangreiche Verpflegung (warm/kalt), Massagen, Regenerationsbecken etc. etc. etc.. Wie gesagt...alles für 70 EUR. Im Zuge der Veranstaltung wurde jedoch bekannt gegeben, dass das Rennen ab dem nächsten Jahr als Ironman 70.3-Rennen ausgetragen wird. Ich bin mal gespannt, wie sich die Startgebühr hierdurch verändern wird.

Aber zurück zu meinem Rennen - ich befinde mich auf der Laufstrecke. Hier habe ich ein Minimal- und ein gesetztes Ziel. Roth war noch sehr präsent in meinem Kopf und dort ging mir schon bei km2,2 die Puste aus und ich ging. Mein Minimalziel war also dieses beinahe traumatische Erlebnis zu verarbeiten und den Halbmarathon in Gdynia durchzulaufen. Als realistisches Ziel hatte ich die beiden Halbmarathon-Zeiten aus meinen letzten Mitteldistanzen-Rennen im Kopf - das waren so 1:38h-Zeiten. Insgesamt waren meine Ambitionen für Mitteldistanzen zwischendurch mal höher. Ich habe so die Regel im Kopf HM-Bestzeit plus 10 Minuten. Umgekehrt kenne ich aber auch Leute aus meinem Team, die auch mal eine "HM-Bestzeit plus 6 Minuten" auf die Laufstrecke zaubern. Mit meiner 1:21 vom Berliner Halbmarathon hätte ich also gerne mal so etwas wie eine 1:30-1:32 anpeilen dürfen, aber von der Illusion hatte ich mich schon nach dem letzten beiden Mitteldistanzen getrennt. Da ich ja irgendwie auch noch Roth in den Beinen hatte, peilte ich also wieder meine 1:38 an, was eine durchschnittliche 4:40-Pace gewesen wäre.

Der erste km geht flach aus dem Hafenbereich in Richtung City. Ich wollte auf keinen Fall überpacen und starte erstmal um locker reinzukommen. Der km geht in 4:50 raus. Das ist ok. Der nächste geht die Einkaufsstraße "Swietojanska" hoch, leichte Steigung, aber kontinuierlich bergauf. Ich nehme Tempo auf und der km geht trotz Steigung in 4:44 Minuten raus. Linkskurve und bergab zurück zur Küstenpromenade, km3 in 4:36 und es fühlt sich gut an. Entlang der Promenade erst rechts zum Wendepunkt und dann zurück zur Wechselzone. So geht die erste von 4 Schleifen a 5km in 23:45 Minuten raus. Das liegt voll im Plan. Ich laufe das Tempo weiter - gefühlt zumindest. Aber schon der erste flache km der zweiten Runde endet nach 4:54 und bergauf km7 bin ich schon über 5:00 Minuten. OK, das war bergauf, aber jetzt muss ich Zeit gut machen und ich versuche nochmal anzuziehen. km 8 in 4:40, aber 9 und 10 je einmal knapp unter und einmal knapp über 5:00 Minuten. Jetzt merke ich auch die Ermüdung, meine Beine werden schwer. Ich kann zwar noch locker laufen, aber ich bekomme keinen Druck mehr aufgebaut. Ich hatte zwischendurch immer mal gerechnet, welche Endzeit wohl für die Mitteldistanz für mich erscheinen wird. Und lange hatte ich noch auf eine sub5 spekuliert - wofür ich einen 4:44-Schnitt auf dem Halbmarathon hätte laufen müssen. Aber auch hier realisiere ich, dass es hierzu nicht reichen wird.


Was folgt sind Gedanken, wie ich mit der Mitteldistanz umgehe. Was bedeutet das für mich, was für die weitere Saisonplanung. Ein paar Fakten kann ich festhalten. Ich war im April/Mai mal in einer phantastischen Laufform. Für meine Ziele hinsichtlich Marathon und auf dem Weg dahin die überragenden Bestzeiten über 10km und den Halbmarathon, war es absolut perfekt. Aber für die dann folgende Triathlonsaison war es einfach zu früh. Es ist mir gelungen über den Sommer eine für meine Verhältnisse sehr gute Radform aufzubauen. Den Prozess kann ich von Rennen zu Rennen verfolgen und war in Roth da sicher auf einem sehr guten Leistungspeak unterwegs. Schwimmen ist und bleibt meine mit Abstand schwächste Disziplin. Mein Kampf zu Beginn der Triathlonsaison meine Schwimmzeiten doch noch zu verbessern - und damit die ausgebliebene Verbesserung über den Winter doch noch nachzuholen - endete eher in einem Krampf. Jetzt, immerhin noch rechtzeitig für Roth merke ich zumindest eine kleine Entspannung...es geht Aufwärts, allerdings in kleinen Schritten und auf niedrigstem Niveau. Aber im Laufen ist der Zug gerade für mich abgefahren - das deprimiert mich gerade. Aber es ist auch gut für das Verständnis. Im Mai eine tolle Laufform haben und dann zu glauben, dass ich sie einfach durch 'n bisserl Radfahren und ein paar schnelle Sachen mit meinen Triathleten beim wöchentlichen Dienstag-Training aufrecht halten kann, funktioniert halt nicht. Im nächsten Jahr muss ich mich entscheiden - will ich wieder einen schnellen Frühjahrs-Marathon laufen oder baue ich die Form später auf und spekuliere auf schnelle Triathlon-Zeiten? Diese Saison war/ist einfach zu lang. Ich habe sogar die übliche Vorbereitungszeit für die Langdistanz in Roth verlängert um mit dem Boston-Marathon schon einen vorgezogenen A-Wettkampf zu absolvieren und wollte dazu schon alle Phasen des Grundlagenaufbaus vorher komplett durchlaufen. jetzt geht mir die Puste aus und ich muss entscheiden, was ich aus dem Jahr noch mache.

Kurzfristig galt es aber erstmal Gdynia noch zu Ende zu bringen. km20 war mittlerweile absolviert und es folgte die "Ehrenrunde" zum Ziel. Erst ging es noch ein letztes Stück des Rundkurses entlang. Es war der Teil mit den mit Abstand meisten Zuschauern. Hier wurde man vorher schon auf jeder Runde lautstark angefeuert. Und da es ein Teil der Uferpromenade war, musste man um so einen großen Blumenkübel drumherum laufen - ein ziemlich enges Stück und gerade nach 5 Stunden Sport war ich darum bemüht die kürzest mögliche Linie zu laufen. Vorher sehe ich aber einen jungen Zuschauer, der offensichtlich die Laufstrecke kreuzen möchte. Irgendwie hatte ich ihn sofort in die Kategorie "Scheiß-Triathlon-hier-in-meiner-Stadt" gesteckt und er begann gaaaanz langsam auf die Laufstrecke zu gehen. Mir war das alles zu blöd und ich hätte massiv abbremsen müssen um die Kollision zu vermeiden. Stattdessen einigte ich mich mit mir selber, dass ich ihn als Airbag benutze, verbunden mit der Hoffnung, dass er vielleicht doch selbst einfach auf Seite springt und ich ungebremst weiterlaufen kann. Aber er wollte einfach die Kollision und nun stand ich auch. Wir waren dann sehr schnell in einem lauten deutsch-polnischen Wortgefecht und er begann dann auch mich dabei rumzuschubsten. Mir war das dann erst recht zu blöd. Ich hatte ja noch die Mission Ziellinie vor Augen und nahm wieder Tempo auf. Immerhin schienen die Zuschauer die Situation erkann zu haben und so erntete ich jetzt nochmal ganz besonders lauten Szenenapplaus. Da mein Name auf der Startnummer stand, hörte ich nun nochmal ganz oft irgendwelche polnischen Sätze mit "Daniel".


Nach dem Rennen konnte ich auch schon wieder lachen

Etwa 600m vor dem Ziel verließ ich nun die 5km-Schleife und machte mich auf den Weg in Richtung Zielkanal. Ich wusste mittlerweile, dass es seine 5:04:xx werden würde und lief das Rennen gemütlich nach Hause. Es war ein toller Wettkampf, für mich aber zu einem blöden Zeitpunkt. Unter den gegegeben Rahmenbedingungen bin ich mit meiner 5:04:33 sogar zufrieden. Ich beendete das Rennen auf Rang 342. Ich überholte also auf dem Halbmarathon nochmal 104 Teilnehmer. Etwas überrascht stellte ich fest, dass der vergleichsweise schlechte Halbmarathon in 1:45:11 Std. der 275-schnellste des Tages war und (von den Wechseln mal abgesehen) damit auch meine beste Teildisziplin.

5
Gesamtwertung: 5 (6 Wertungen)

Ich würde

einfach mal versuchen, den Rest des Jahres den Sport zu genießen statt sich beim x-ten Rennen der Saison über Bestzeiten den Kopf zu zerbrechen. Sei mal zufrieden mit dem, was du geleistet hast!

Trainingsmethodisch ist es ja richtig analysiert, aber das ist doch von vornherein klar, dass der Körper mal Pause braucht. Machst du den Rest des Jahres so weiter, kriegst du mit bisschen "Glück" ein Übertrainingssyndrom oder orthopädischen Stress.

Harte Worte, das ist mir bewusst, vielleicht sollte ich sie mir verkneifen. Finde es aber einfach schade, wenn man sich aus übertriebenem Ehrgeiz eine hervorragende Saison kaputtmacht. Und obendrein vielleicht den Körper...

granreserva


___________________________
Die Körper wären nicht schön, wenn sie sich nicht bewegten

Und noch ein Tria-Krimi!

Das klingt nach einem prima Wochenende. Vielen Dank für einen superspannenden Bericht - dramaturgisch wertvoll finde ich ja bei Dir, dass Du immer die Platzierung zwischen den einzelnen Disziplinen inklusive Wechsel mitlieferst. Das ist natürlich besonders deshalb so spannend zu lesen, weil es Dir jedesmal gelingt, Plätze gut zu machen. Sehr beeindruckend!

Und sonst: ist jetzt womöglich mal etwas Rumschluffen und Genießen dran?

Viel Spaß auch dabei wünscht
yazi

Ich finde die Gesamtzeit beeindruckend!

Egal wie Du selber das bewertest, aber Du kannst Wettkampf A nicht mit Wettkampf B vergleichen, da selbst bei gleichen Streckenlängen die Umgebungsbedingungen sehr unterschiedlich sein können. Das kann selbst beim gleichen Wettkampf zu verschiedenen Zeitpunkten so sein.

Du bist im Frühjahr fantastisch gelaufen - dass das nicht ohne gezieltes Training so bleibt ist wohl klar. Die Radform ist auch super und die Schwimmzeit - ich würde sie nehmen :lach:

Du musst vielleicht für Dich noch herausfinden wie viel Rad noch gut ist um im Laufen auch noch Deine Anforderungen zu erfüllen. Das macht dann vielleicht irgendwann den "perfekten" Triathlon für Dich aus.

Wobei: immer von hinten das Feld aufrollen und überall nur überholen - selbst bei den Wechseln - was willst Du mehr?

Daniel international

Neben deiner erneut hervorragenden Leistung beeindruckt mich, wie du dir die internationalen Schauplätze deiner Wettkämpfe eroberst. Und die Idee mit einem Spaßtriathlon finde ich gar nicht so verkehrt.

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Gebe fazer da absolut Recht.

Leistungsmäßig hast Du ne Menge drauf nur an der Einteilung haperts noch, das wird.

Du kannst halt einen Triathlon nicht wie fixe Einzelbausteine zu einem großen Turm stapeln, dazu spielen zu viele Faktoren rein, die erst aus der Summe entstehen.
Reflexion und Analyse ja, aber beiß Dich da nicht an Einzelzeiten fest.

Die Strategien bei LD, MD, OD oder VD sind extrem unterschiedlich, wenn auch der Wunsch nach Topzeiten gleich ist.

Bei der Menge an Wettkämpfen alle auf Vollgas kann selbst bestes Training nicht immer zu PBs führen.
Muss es doch auch nicht!
Wichtig ist, dass Du den Spaß daran erhältst, sonst haste bald keine Lust mehr.
Das wäre sehr sehr schade!!
Ich lese Deine Berichte gerne, denn sie sind sehr lehrreich.

Lieben Gruß Carla
"Mancher rennt dem Glück hinterher, weil er nicht merkt, dass das Glück hinter ihm her ist, ihn aber nicht erreicht, weil er so rennt!" (Bert Hellinger)

Ich freu mich sehr über

Ich freu mich sehr über Eure Ratschläge und Diskussion. Ihr trefft den Punkt ziemlich genau, wo ich gerade stehe. Jetzt ist gerade Weichenstellen für den Rest des Sportjahres angesagt. Dabei finde ich Eure Kommentare sehr wertvoll.

@granreserva: ich mache seit 4 Wochen, also seit Roth nur noch Sport nach Genuss. Ich war seither 3x Radfahren (mit Freunden im Harz - also Spaß), 2x schwimmen in meiner Mastergruppe (also Spaß...so sehr mir Schwimmen Spaß machen kann), 3x laufen (jeweils mit meinem Team, also Spaß) und 2 Abende Beachvolleyballspielen...großer Spaß. Ich glaube im Kampf gegen Übertraining tue ich gerade einiges. Will ich das den Rest des Sportjahres so durchziehen? Ich weiß nicht...ist schon ganz schon lang. Aber ich nehme Deine warnenden Worte sehr ernst.

@yazi: ja mir gefällt es auch besser im Rennverlauf aufzuholen, als als schneller Schwimmer nur noch eingesammelt zu werden. Aber wenn ich mal 300 Plätze weiter vorne aus dem Wasser steige, dafür aber 150 Teilnehmer weniger überhole, wäre ich noch zufriedener ;-)

@fazerBS: seit Kraichgau und Roth hat sich der Gedanke fest etabliert, dass ich Rennen A nicht mit Rennen B vergleichen kann oder Rennen A 2013 mit Rennen A 2014. Dennoch kann man wohl Relationen bilden und Gdynia war gegenüber Kraichgau und Roth ein lockerer Sonntagsspaziergang. Und ich nehme die Events gerade zum lernen. Diesmal die Erkenntnis, dass es im Schwimmen aufwärts geht und auf dem Rad die Erkenntnis, wie ich mich verbessern kann, wenn ich da gezielt trainiere. Und beim Laufen die Erkenntnis, wie schnell ein Peak auch verfliegen kann, wenn man da nicht gezielt am Ball bleibt.

@Sonnenblume2: Das mit den internationalen Rennen ist schon geil...grundsätzlich möchte ich es auch so beibehalten. So verbindet man Urlaub mit Sport. Aber es war schon viel dieses Jahr und die wirklich guten Zeiten bringt man, wenn man entspannt am Start steht. Und das tut man nicht nach einer stressigen Anreise. Spaßtriathlon ja, aber bei mir ist es so auf der Grenze...so ganz locker kann ich dann doch nicht lassen ;-)

@Carla-Santana: Mit der Einteilung hast Du recht. Die Top-Triathlonzeit bringt man nicht, wenn man im Frühjahr schnell läuft und im Sommer schnell Rad fährt. Wenn ich also mal eine Topzeit bringen will (z.B. LD unter 10h), dann muss ich beide Peaks gleichzeitig aufbauen. Das ist wohl die Haupterkenntnis aus diesem Jahr. Aber einen Top-Triathlon werde ich sowieso erst ablegen, wenn ich schwimmen kann, also wäre es dieses Jahr vergebene Liebesmühe gewesen. Und dann bin ich froh, dass ich im Frühjahr die geile Laufform hatte und die sensationellen Zeiten gebracht habe.

Also was steht jetzt noch an in meinem Sportjahr? Diese Woche noch reine Erholung, dann habe ich insgesamt 4 Wochen davon gehabt (gut, ok, die MD...aber das geht schon). Am 23. noch eine OD und dann ist definitiv Schluss mit Triathlon für dieses Jahr. Schwimmen wird ab sofort eh nur noch auf Technik umgestellt und mehr Quantität...das MUSS bis nächstes Jahr besser werden. Die Räder werde ich wohl einstauben lassen, lediglich am 27.9. ist noch ein Teamzeitfahren in Hannover, das werde ich mit meinen Jungs wohl noch mitnehmen. Und bis Dienstag muss ich die eigentliche Entscheidung fällen: noch ein schneller Herbstmarathon oder nicht? Wenn, dann würde es Frankfurt und das Ziel wird keine PB, sondern sub3, damit ich auch 2016 garantiert in Boston starten könnte. Die Vorbereitung würde Dienstag starten. Und jetzt kommt die Überlegung Übertraining oder nicht? Ich glaube, wenn ich den Fokus nochmal auf Laufen lege, dann wird das noch klappen und dann mache ich 6 Wochen mal so richtig Power-Füßehochleging. Aber ich glaube es wäre schon spannend nochmal einen Laufpeak aufzubauen, dann hätte ich eigentlich die endgültige Bestätigung zu meinen o.g. Thesen und ich hätte noch mehr gelernt, was ich ab den nächsten Jahren in die Trainingsplanung mit einbauen kann. Mein Trend geht zu ja. Aber ich habe ja noch bis Dienstag Zeit ;-).

Mein Boston-Blog: danielssichtderdinge.wordpress.com/boston-marathon

Danke fürs Mitnehmen

Vielen Dank fürs Mitnehmen auf diesen schönen Wettkampf.
Jetzt weiß ich auch, warum du Triathlon machst: damit du zweimal deiner liebsten Teildisziplin nachkommen kannst: Wechselzone. Großartig !

Es ist hochinteressant und spannend, zu lesen, aber nachdem ich meinen letzten (Kurz-)Triathlon im Jahr 2000 gemacht habe und es mich da schon total genervt hat, als 150 Leute gleichzeitig in den See sprangen, weiß ich, dass diese Wasserschlägerei definitiv nichts für mich ist.

Eines ist jedenfalls klar: du bist wirklich ein Super-Sportler. Glückwusch.

Uhrli

Darstellungsoptionen

Wählen Sie hier Ihre bevorzugte Anzeigeart für Kommentare und klicken Sie auf „Einstellungen speichern“ um die Änderungen zu übernehmen.

Google Links