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Wie kommt man eigentlich auf die Idee 100km an einem Stück zu laufen? Diese Frage wurde mir in letzter Zeit öfters gestellt und wenn ich darüber nachdenke fällt mir spontan ein Bericht aus einer Laufzeitschrift mitte der 90er ein, der mich damals sehr in den Bann gezogen hat. In der Zeitschrift wurde über einen Lauf berichtet den jeder Läufer in seinem Leben mal gemacht haben sollte. Die Nacht der Nächte von Biel, einen Lauf über 100km durch die Nacht, ein Lauf wo es auf den Kopf ankommt. Damals in meinen Laufanfängen dachte ich mir, wie kann man so bescheuert sein und 100km an einem Stück laufen. Ein Marathon war für mich als Laufanfänger schon kaum vorstellbar und dann gibt es Menschen die laufen 100km. Wahnsinn!
So begann ich mein Läuferleben und das erklimmen der verschiedenen kleinen Läuferstufen. Der erste 10er, der erste Halbmarathon, der erste Marathon und auf die nächste Bestzeit folgte die Nächste. Nach meinen Hannover Marathon 2012, mit einer Bestzeit von 3:30, fragte ich mich was jetzt noch kommen sollte. Noch schneller? Oder lieber noch weiter? In Hannover begleiteten mich Peter und Micha, die eigentliche Geburtsstunde der Laufburschen. Peter erzählte uns von seinen Ultraläufen und von „den Lauf in Biel“. Die Laufburschen verabredeten sich im Herbst für den ersten Ultra, den Bottroper 50km Herbstlauf. Der erste Ultra wird zum Highlight. Endlich mal wieder ein Wettkampf ohne Zeitdruck, einfach nur ankommen. Bei so einem lockeren Lauf lernt man schnell noch viele andere Ultraläufer kennen und man merkt schnell, so ganz bekloppt sind die wirklich nicht.
Ab jetzt war klar, Biel wird kommen!
2013 verfestigten die Laufburschen beim Hamburg Marathon den Gedanken „Biel2014“. Peter machte uns heiß wie Frittenfett!
Wir blockten das 2.Wochenende im Juni 2014 und machten uns ohne Druck und Anmeldung ans Training. Es sollte ein gemeinsamer Lauf der Burschen werden, wo das gemeinsame ankommen im Vordergrund steht. Ohne großen Trainingsplan lerne ich erst einmal langsam zu laufen, 7:00Pace über 2Stunden kannte ich bis jetzt noch nicht. Ich sammelte viele langsame Kilometer ein. Dreizehn lange Läufe wurden gesammelt: 1x51km, 2x42km, 1x37km, 2x30km, 4x25km, 3x22km, ansonsten lief ich konzeptlos durch die Gegend. Zum Startschuss standen 1100km auf dem Tacho. Ich hatte mal gelesen, dass mindestens 1000km gelaufen sein sollten um in Biel zu bestehen. Also waren meine Hausaufgaben gemacht und mein schlechtes Gewissen kaum beruhigt.
Eine Woche vor Biel waren wir, dank Peter, auch angemeldet und die Bahnfahrkarten, sowie das Hotelzimmer waren gebucht. Auch ein Unwetter in NRW sollte uns nicht abhalten rechtzeitig in Biel anzukommen. Da keine Bahn pünktlich in Dortmund abfuhr und wir unseren Anschluss in Köln so nie erreicht hätten, fuhren wir 13 Stunden vor dem Start mit dem Auto nach Mannheim. Dort holten wir mehr oder weniger Peter von der Arbeit ab, um dann mit der Bahn pünktlich in Biel anzukommen. Meine innere Unruhe wurde in Mannheim ein wenig beruhigt. Wer 8 Stunden vor Biel noch arbeitet und mit leeren Magen in den Zug einsteigt und auch noch weiß was er da macht, kann das alles gar nicht so wild werden, sagte ich mir.
Gut hydriert mit Erdinger sind wir in Biel angekommen und besorgten uns unsere Startunterlagen und eine große Portion Nudeln. Danach ging es auch schon zur Garderobe, wo wir uns in einer großen warmen Turnhalle umziehen konnten. Die Anspannung stieg, der Magen fühlte sich flau an. Was machen Wir eigentlich hier? Diese Frage stellten Ich und Micha uns immer wieder. Das Laufshirt war schon durchgeschwitzt bevor es losging, 28°C und ein wenig Schwüle sorgten dafür. Am Start trafen wir auch Jan und Gerald, es herrschte eine gewisse Grundnervosität. Ich versuchte locker zu bleiben, das mir natürlich nicht gelang.
In Trance fiel der Startschuss und wir begaben uns auf dem Weg zur Nacht der Nächte. Wir liefen ruhig im 6:45 Tempo los und an der Strecke tobte der Bär. Die Zuschauer hatten alle gut zu lachen, die meisten Läufer konnten da nicht mithalten. Wir versuchten einen Rhythmus zu bekommen, was auch bis zur ersten Steigung gut funktionierte. Die Steigungen wollten wir gehen, um keine Körner zu verschleudern. Wenn man in der Schweiz von einem flachen Lauf spricht kann man im Ruhrpott ruhig von der Todeszone sprechen, was mir zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht so bewusst war. Die langgezogenen 3km hinauf vergingen recht schnell. Nach einer Stunde hatten wir bereits 8km hinter uns und ich fing an eine kleine Hochrechnung anzustellen. Nach 10 Stunden bei 80km und die letzten 20km in 4 Stunden ist doch locker machbar, sagte ich. Peter dämpfte meine Euphorie prompt und stellte klar, dass wir das Tempo so nicht halten werden. Bei mir türmten sich mehrere Fragezeichen auf. Warum??? Wir sind doch schon langsam unterwegs und auch schon 3km gegangen und gleich wird es doch flacher oder?, fragte ich.
Es ging erst mal Bergab und dann kam wieder ein „Hügel“ und dann wieder hinab und wieder rauf. Jede Steigung gehen und dann wieder langsam anlaufen geht ganz schön auf den Zeiger. Micha fragte zwischendurch, wo denn der See sei wo wir rumlaufen? Er wollte die leichte Anspannung auflockern was ihm auch zwischendurch gut gelungen war. Nach hügeligen 20 Kilometer kam bei mir die Hoffnung auf, dass es jetzt flacher werden könnte und wir in einem „vernünftigen“ Laufrythmus kommen. Doch diese Hoffnung konnte ich schnell wieder begraben, es lag ein Blütenstaub in der Luft, dem Micha allergisch bedingt die Luft nahm. Also marschierten wir die leichten Hügel hoch und liefen mehr oder weniger zwischendurch ein paar Hundertmeter hinab. Bei Kilometer 25 bekam ich, bedingt durch den Rucksack und dem ungewöhnlichen Schritt Rückenschmerzen. Sobald ich im Laufschritt war, waren diese Schmerzen verschwunden. Also wollte ich Micha zu mehr Laufabschnitten überreden, schließlich wollten wir ja laufen, argumentierte ich. Micha machte mir klar, dass er zurzeit nicht anders könnte. Also lief ich langsam voraus und wartete zwischendurch auf die Burschen.
Um 3 Uhr morgens merkte ich, wie sich Müdigkeit auf meine Augen legte. Ich wollte am liebsten an der nächsten Bank ein kleines Schläfchen machen, meine Motivation zum Laufen wurde immer geringer. Der erste Schweinehund kam viel zu früh, es musste sich was ändern, hatte ich gedacht. Ich sagte mir, lass die Sonne aufgehen und lass mich locker werden. Zwischendurch überholten wir einen älteren Herrn der am Straßenrand kotzte, um danach im perfekten Stöhnen wieder an uns vorbei zu ziehen. Der Typ hat Eier, dachte ich, und ich jammerte hier rum wegen Müdigkeit und ein wenig Rücken.
Bei ca.45km ging langsam die Sonne auf und ich merkte, wie Energie in mein Körper floss. Wir machten uns Mut und entschlossen jetzt mehr und länger am Stück zu laufen. Wir kamen tatsächlich in einem echten Laufrythmus, was mein Körper mir sofort mit einem bestimmtem Bedürfnis quittierte. Schließlich muss die ganze Völlerei vor dem Start irgendwann entsorgt werden. Ich verabschiedete mich in einen Wald und bekam bei meinen Geschäft in der Hocke direkt einen Krampf im Rücken. Wenn mich jetzt noch die Hexe schießt, dann findet mich hier kein Schwein, dachte ich. Aber ich hatte Glück, ich befreite mich aus der misslichen Lage und begab mich wieder auf die Strecke. Die Burschen waren weit und breit nicht mehr zu sehen, die nutzten gerade ihren Runninghigh. Bevor ich wieder ans Laufen kam, musste mich ein Bayernfan beim 50 Km Schild fotografieren. Ich unterhielt mich kurz mit ihm, als er hörte dass ich aus Dortmund kam und seit 25 Jahre eine Dauerkarte besitze, war die Unterhaltung schnell wieder beendet. Der Typ wollte mir tatsächlich klar machen, dass der Kloppo ein scheiß Trainer ist.
Ich zog endlich die Zügel an und ging im 6:00 Tempo auf die Suche nach meinen Laufburschen. Den ersten hatte ich schnell wieder ein, Peter musste auch austreten. Von Micha war weit und breit nix zu sehen. Erst machte er mich auf den ersten 50km mürbe und jetzt haut er einfach ab, ich glaube das nicht, hatte ich gescherzt. An der Verpflegung in Kirchberg, bei 56km, waren wir wieder alle zusammen. Die nächsten 10 Kilometer kamen wir gut voran, trotz Unebenheiten am Emmendamm. Es blieb wenigstens Flach. Wir fraßen die Kilometer und waren guter Dinge. Nochmals trafen wir kurz den Bayernfan, er fragte Peter ob er auch aus Dortmund kommt, was Peter mit einem sehr kurzen und klaren NEIN beantwortete.
Eine Hochrechnung zum Zieleinlauf gab es schon seit 60Kilometern und ca.9 Stunden nicht mehr. Peter hatte das beste Argument, wir konnten erst um 15 Uhr im Hotel einchecken, also lohnte es auch nicht vorher ins Ziel zu kommen. Da hatte der alte Fuchs wirklich recht. Trotz zunehmender Schmerzen kam niemand auf die Idee in Bibern, bei 76km, auszusteigen. Wir machten uns Mut, "wir drei „Pussys“ rocken das Dingen, egal wie lang und schmerzhaft es wird". Irgendwo bei Kilometer 80 kaufte Peter in einer Bäckerei uns Dreien einen Kaffee to Go und mir das leckerste Salamibrötchen was ich je gegessen habe. Ab jetzt ging es bei praller Sonne und ohne Schatten an der Aare entlang. Es wurden die längsten Kilometer meines Lebens. Ich unterhielt mich noch kurz mit einer 71 jährigen Schweizerin die zum 30. Mal am Start stand und noch locker eine Stunde vor mir ins Ziel kam. Noch konnte ich laufen, aber die Schmerzen unter der linken Fußsohle und am Knie waren erbärmlich. Ich lief vor und wartete im Schatten, bei 84 km, auf meine Burschen. Ich dehnte mich und eine Fahrradbegleitung, von irgendjemanden, forderte mich auf weiter zulaufen. Ich musste ihr klar machen, dass ich auf die restlichen Laufburschen warten müsste und mit mir alles in Ordnung wäre. Irgendwie wollte Sie mir das nicht glauben und blieb einfach bei mir stehen. "Du muss dich bewegen", sagte sie mir immer wieder. Als die Burschen wieder zusammen waren und ich langsam wieder in die Gänge kam, war mir klar warum ich mich bewegen sollte. Irgendwann zog ich meine Schuhe aus und ging Barfuß ein Stück des Weges. Es brachte aber keinen Erfolg, die Schmerzen blieben. Also zog ich die Schuhe wieder an und an der nächsten Verpflegung musste ich viel trinken und ein Koffein Gel ziehen. Bei 90km entschloss ich strammen Schrittes zu gehen ohne Rücksicht auf Schmerzen und die anderen Burschen, ich wollte ins Ziel. Und siehe da, die Schmerzen wurden weniger. Nur meine Hände schwollen immer weiter an und ich hatte Sorgen um meinen Kreislauf. Nicht stehen bleiben, immer weiter, war meine Devise. Ich überholte immer wieder Läufer. Die Vorstellung dass ich für 10km noch locker 2 Stunden brauchte war echt deprimierend. Wenn du jetzt noch laufen könntest, aber das war leider keine Alternative mehr. Bei 98km überlegte ich, wo ich auf die Burschen warten könnte, aber es war weit und breit kein Schatten in Sicht und mein Kreislauf wollte weiter. Dann kam endlich das verfickte 99km Schild in praller Sonne. Muss ich jetzt echt alleine ins Ziel?, fragte ich mich. Das darf nicht Wahr sein, doch 500m vor dem Ziel kam doch eine Erlösung, eine Bahnunterführung. Im kühlen Schatten wartete ich auf meine Burschen und wir gingen gemeinsam über die Ziellinie. Was für ein Moment, nach 16Stunden und 48 Minuten haben die „Drei Pussys“ das große 100 Kilometer Ziel erreicht!

4.5
Gesamtwertung: 4.5 (8 Wertungen)

Ihr drei Pussys :-)

Ich kann die Schmerzen nur erahnen.. aber der Bericht ist zum Brüllen!
Gratuliere zum stählernen Willen!
Und danke fürs Teilhaben lassen.
Und nicht vergessen: der Berg ist auch DEIN Freund ;-)

holzi...

...ihr seid die gxxlsten hier! danke für den blog. der entschädigt in vollem umfang für die kurze nacht, die mir meine neugier bescherte, weil andauernd auf den ticker schauen musste. ich glaube, ich will jetzt trotzdem oder erst recht biel...
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laufend amüsiert sich grad köstlich: happy™

"man muss es so einrichten, dass einem das ziel entgegenkommt." (theodor fontane)

Einfach der Hammer,

dass Ihr das so tapfer durchgezogen habt! Sicherlich ein emotionales Erlebnis, danke für den netten Bericht.
Ich selbst frage mich auch immer, wie man überhaupt auf die Idee kommen kann, eine solche Strecke zu laufen. Mehr als 20km macht mein Schweinehund net mit. Aber wer weiß ...
Und nun erholt Euch mal wieder, bis zum nächsten Ultra

Alex

100 km

wollte ich nie laufen und werde das auch nicht nach deinem tollen Bericht machen!
Diese Leiden, diese Schmerzen und immer die Gefahr, beim Kacken eine Hexe zu kriegen, das könnte ich nicht ertragen!
Ihr seid geile Laufburschen, denen die Freundschaft wichtiger ist als der persönliche Erfolg!
Ein starkes Team !
LG
Many

Respekt! Jeder, der den

Respekt!
Jeder, der den Bieler finished ist kein Pussy. Habe mich köstlich über den Bericht amüsiert. Ja, in 100 km kann man viel erleben, auch nachts, besonders in Biel, wo die Bevölkerung scheinbar in der Nacht der Nächte eisern an der Strecke durchhält. Ganz besonders amüsiert hat mich eure Wahrnehmung der Steigungen :-) Wünsche euch dreien gute Erholung und: nach dem Bieler ist vor dem Bieler.

Große Leistung

- 100 km in der Schweiz müssen erst mal überstanden werden. Schade, dass wir uns nicht mehr gesehen haben, daher auch hier noch mal 'Riesenglückwunsch'.
Und den nächsten Hunderter läufst du dann 'unfreiwillig' ?
VG von Gerald

Dank Tante Googel

bin ich gerade auf diesen herrlichen Blog aufmerksam geworden. Ich glaube, ich werde ihn auswendig lernen. Er wird mich am 12.6. aus meinen Tiefs rausholen und mir sagen, dass es immer irgendwie weiter geht. DANKE! Oh, was freue ich mich jetzt schon aufs Ziel;-) Euch Burschen gratuliere ich nachträglich zu eurem harten und verdienten Sieg! Boah, ich hab echt Gänsehaut!

Lieben Gruß
Tame

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