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Benutzerbild von kaiserswerther kenianer

L´Ancienne Bariérre ist der Name der ersten Steigung, die den Veranstaltern würdig genug erschien, auf der Streckenskizze Erwähnung zu finden. Ich persönlich fand das stete Auf- und Ab bislang schon anspruchsvoll genug, so dass ich jetzt voller Ehrfurcht die Markierung passiere, die den Beginn des 4800 Meter langen Anstiegs ankündigt. Es ist leerer geworden auf der Strecke. Die Streckenteilungen haben das Feld gelichtet. Trotzdem bin ich auch hier nicht der lässige Souverän der Landstraße. Im Gegenteil. Weiterhin gehöre ich aufwärts zu den unteren zehn Prozent.
Aber da ich Lüttich im Sattel sitzend wiedersehen möchte, widerstehe ich dem Drang mich an die verlockenden Rückfronten vorbeiziehender Bergziegen zu heften. Stattdessen lass ich den Blick über Landschaft, Straße und Tacho schweifen. Ich zähle die angekündigten 4800 Meter rückwärts. Stetig, schnurgerade und nicht so steil wie befürchtet führt mich die breite Straße in den Wald hinein. Und ohne das es besonders schwer geworden ist, habe ich schon die Hälfte geschafft. Der Rettungsanker dreht sich unberührt auf dem neuen Laufrad und das bleibt sogar bis zum Ende der Steigung so. Während oben die rasanten Gruppen verweilen, rolle ich in eine Abfahrt ganz nach meinem Geschmack. Nicht zu steil, nicht zu schmal und langgezogene Kurven. Die komprimierten Gewichtsvorteile katapultieren mich in die Upper Class des Tempofeldes. Die kleinen Freuden der Abfahrt begleiten mich einige Kilometer und schon naht die nächste Verpflegung.
Um es aber nicht zu leicht zu machen, haben die Veranstalter die Anfahrt zu dieser noch mit rauhem Kopfsteinpflaster ausgelegt. Im Innenhof eines Schlossähnlichen Gebäudekomplex wandern unzählige Becher Iso, massenweise Salzstangen und Trockenobst, sowie die üblichen Süßspeisen in meinen Zwischenspeicher zu Energiegewinnung.
Umkehren ist jetzt keine Option mehr. Der Blick auf die große Landkarte bestätigt, dass ich weiter als hier in Stavelot nicht mehr von Lüttich weg sein werde. 73 Kilometer gefahren, aber noch sechs Cotes vor mir.
Von der rechten Schulter flüstert mir mein Sportengel aufmunternd zu, dass ich schon fast die Hälfte hinter mir habe : „Die Form stimmt, die fühlst Dich gut. Du bist unterwegs im Herzen Europas und nicht im Dschungel Amazoniens. Es kann Dir nichts passieren und schon bald bist Du wieder im Dunstkreis Deines Hotels. Mach Dir also keine Sorgen!“
Doch Teufel links lässt nicht lange auf sich warten: „Pah, Hälfte! Das ich nicht lache! Jetzt kommen die hundert schweren Kilometer! Du hast bisher gar nichts erreicht! Das war noch kommt ist der Hammer und Du hast schon Körner für fünfundsiebzig Kilometer verschossen. Bis jetzt war nur Kindergeburtstag. Dafür warst Du gerade gut genug. Aber jetzt ist für Erwachsene. Und ob Du da zu gehörst, frage ich mich schon lange. Fühl dich bloß nicht sicher!“
Danke Teufel. Du hast dein Ziel erreicht: Ich fühle mich nicht sicher. Dafür aber einsam. Wie beim Berlin Marathon erdrückt mich die Masse an buntgewandeten Menschen. Ich wünsche mir jemanden, mit dem ich meine Sorgen teilen kann. Doch die Begleiter sind schon lange über zwei Berge und wahllos französisch sprechende Sportler anzusprechen scheint nicht erfolgsversprechend, wenn alles was einem auf französisch noch einfällt die Frage nach dem nächsten Schwimmbad ist.
Ich entscheide mich fürs weiterfahren und balanciere über das grobe Pflaster im kleinen Städtchen Stavelot auf eine Ampel zu. Sie zeigt rot und ich stelle mich am Pulk an. Die Pause eröffnet mir die Möglichkeit, in Ruhe geradeaus zu schauen.
–Das ist jetzt die Stelle, an denen im Unterschichtenfernsehen irgendeine tätovierte Teeniegöre „Oh mein Gott!“ rufen und sich vor Schreck die Hand vor den Mund halten würde, bevor sie in hysterisches Lachens ausbräche. –
Schnurgerade himmelwärts geht es hinter der Kreuzung durch den Ort weiter. Eine Steigung, die jetzt endlich Leiden verspricht.
Voller Unbehagen und Stroopwaffeln blicke ich zum Cote de Haute Leveè hoch. Irgendwann verliert sich der Blick hinter einer Kurve mit ungewissem Steigungsfortgang. Die Ampel wird grün, der Drang zur Konversation ist noch nicht verschwunden. Wie einen alten Freund begrüße ich den Rettungsanker.
„Komm Kumpel, Du und Ich, wir sind doch ein prima Trio!“, versuche ich mich mit Fußballerzitaten aufzumuntern. Kette links und Eyes Down. In steilen Stücken konzentriert sich mein Gesichtsfeld auf das in Zeitlupe vorbeischleichende Asphaltstück der nächsten fünf Meter. Stetig und steil geht es lange geradeaus auf die Kurve zu, hinter der der Anstieg unvermindert weitergeht. Einige wenige schieben, aber mit Hilfe meines 27zähnigen Freundes lasse ich die Kompakte Kurbel bis oben rotieren.
„Ging doch einigermaßen….!“, gratuliert mir das Engelchen von der rechten Schulter runter, was zur Folge hat, dass der Teufel wortlos auf das Schild deutet, welches die Kilometer bis zur nächsten Steigung ankündigt. Es wird die erste mit Zeitnahme sein. Das lässt zumindest befürchten, dass sie spektakulär schwerer sein wird. Die eigene Zeit ist mir diesmal wirklich egal.
„Hauptsache ankommen, die Zeit spielt keine Rolle!“ , gehört bekanntlich zu den Top Five der Hobbysportlerlügen, aber hier und heute stimmt es für mich. Mein einziges Zeitziel ist die Happy Hour an der Hotelbar, die Bier zum halben Preis verspricht.
An mir fliegt ein Trikot vorbei. „Kölner Universitätskliniken“. Soll ich als Düsseldorfer so weit sinken, mich in den Windschattens eines rheinischen Rivalen zu setzen? An Tagen wie diesen…? Sicherlich. Kennt mich ja keiner hier…
„Das musst Du aber zu Hause erzählen…“ hält mir der freundliche Bewohner der rheinischen Metropole vor (Anm. des Autors: „Hiermit erledigt!“)
Auf den Flachstücken lutsche ich gnadenlos, bergan verliere ich das Trikots aus den Augen und abwärts überhole ich ihn. Die Kilometer fliegen über den Tacho, es könnte endlos so weiter gehen, doch plötzlich und unvermittelt bereitet die Streckenführung diesem heiteren Spielchen ein jähes Ende. Hinter einer scharfen Rechtskurve versteckt wartete der Col du Rosier. Der erste Berg mit Zeitmessung veranlasst die ehrgeizigen Fahrer zur Pause vor dem Start. Ich rolle stoisch weiter und begrüße den Rettungsanker.
Das die Belgier schnell Rennradfahren können, habe ich schon bemerkt. Das ich aber mitten im Anstieg die vierköpfige Familie mit den normalen Tourenrädern nur sehr langsam überhole, sorgt am Abend in Lüttich für Erheiterung. In dem Moment aber verhöhnen mich die prall gefüllten Satteltaschen der Mutter mitten in der Steigung. Strecken, die meine Holden nicht mal mit dem Auto fahren möchten, sind den Belgiern eine Familienradtour wert. Ich fasse es nicht.
Doch auch irgendwann ist der Anstieg vorbei. Während sich ausgepumpte Zeitfahrer in schattigen Plätzchen mit Getränken versorgen rolle ich in der Manier eines Dieseltreckers weiter. 25 Kilometer bis zur dritten und letzten Verpflegung bei Kilometer 115.
Ausnahmsweise jetzt wirklich flach. Die Landstraße bleibt im Flusstal. Und es beginnt die logische, wenn auch immer wieder erstaunliche Sogwirkung des Pulkfahrens. Am Ende sind wir bestimmt hundert. Das macht nicht wirklich Spaß, wenn man sich schon bei der Ausfahrt der achtköpfigen Trainingsgruppe des Triathlonvereins beengt und unwohl fühlt. Anflüge falscher Platzangst und die todesverachtenden Überholmanöver der belgischen Autofahrer lassen zumindest vergessen, dass man nach fünf Stunden auf dem Rad eigentlich leiden sollte. Ich frage mich, ob das Anhupen von Radgruppen wie bei uns ein aggressiver Akt der Verkehrserziehung oder einfach ein freundlicher Hinweis auf den bevorstehenden Überholvorgang durch den Autofahrer ist. Mich stresst es jedenfalls jedes mal. Zum Glück nicht allzu lange. Denn plötzlich und unerwartet sind wir an der letzten Labe. Der letzten Labe vor den großen Prüfungen. Der letzten Labe vor dem legendären Cote de la Redoute, dem Cote de la Roche au Faucons und dem Cote de Saint-NicolasLa Redoute“. Der letzten Labe vor fünfzig schweren Kilometer mit Steigungsspitzen über 20 Prozent, die noch zwischen mir und der Happyhour liegen.

PS: Entschuldigt bitte die verzögerte Fortsetzung des ersten Teils. Da aber vom Schreiben die Form für den nächsten Triathlon nicht besser wird und ich zudem durch die Abgabe meiner Arbeitskraft Löcher auf dem Konto stopfen muss, bleibt mir momentan nicht so viel Zeit für schnelle Fortsetzungen langer Geschichten. Aber es geht noch etwas weiter… Versprochen!

5
Gesamtwertung: 5 (4 Wertungen)

Wie bitte?

Vom Schreiben wird die Form nicht besser? DA hatte ich jetzt aber drauf gesetzt!

Komische Familientour da in den Ardennenhügeln. Hört sich fast nachahmenswert an. Ordentliche Satteltaschen auf's Treckingrad und los.

Und als Düsseldorfer hast Du ja nichts gegen Kölner Windschatten :kicher:, den Du bergab "überrollst".

Lieber Kenianer

Ab und an muss Mann auch eindeutige Prioritaeten setzen. Du hast, wie nicht anders erwartet (dieses Mal halt etwas laenger), klasse geschrieben und ich warte voller Ungeduld auf die letzten 50km.
Gruss Petra

Sehr spannend...

... aber was für ein Rettungsanker? Ist das Radlerfachvokabular?
Ich freu mich auch auf die Fortsetzung!

yazi

Mein Favorit

"Die komprimierten Gewichtsvorteile katapultieren mich in die Upper Class des Tempofeldes."

Genial geschrieben. Und gefahren. Eigentlich wie immer ;-)

"Gelaufen wird wie es geht, geschlafen wann es sein muß und wenn ich im Ziel bin, bin ich da" (Schalk)

Saarvoir courir - laufen im Saarland

"Die komprimierten Gewichtsvorteile"

und auch sonst: einfach köstlich!
Der Kenianer, wie er leibt und lebt!

Smilie by GreenSmilies.com

Rettungsanker

ich nehme an er meint die berühmte Mädchenkurbel. Das kleinste von drei Blättern für die ganz steilen Anstiege, das er eben nicht einsetzte.

"Gelaufen wird wie es geht, geschlafen wann es sein muß und wenn ich im Ziel bin, bin ich da" (Schalk)

Saarvoir courir - laufen im Saarland

Mhm,

er schreibt aber von der "kompakten Kurbel" und die hat zwei Zahnkränze. Fahren übrigens auch Mädchen. Die Jungs machen sich statt der 50 halt 54 oder so vorne drauf.

Vielleicht hinten 'nen MTB-Ritzel mit 34 Zähnen?

34-27

ist sein Rettungsanker, vorne kompakt (50-34), hinten ein 27 Ritzel als Größtes. ("mit Hilfe meines 27zähnigen Freundes lasse ich die Kompakte Kurbel bis oben rotieren"). Was man auch erstmal treten muss. Ich habe mal versucht, mt einer 30-25 Übersetzung den Grünten im Allgäu hochzufahren, da muss man ordentlich Drehmoment entwickeln, um die Kurbel überhaupt zu Bewegung zu überreden.

granreserva


___________________________
Die Körper wären nicht schön, wenn sie sich nicht bewegten

Ja, Kenianer,

da warte ich gern auch wieder 2 Wochen auf die Fortsetzung. Hat sich hier auch gerade gelohnt.
Und das mit dem Rettungsanker war mir auch nicht geläufig.

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Whaaa, da hift kein Notanker mehr

20 Prozent....,ach du meine Fresse! Ich möcht` jetzt nicht in deiner Haut stecken.

Bestell` dir ein Taxi und fahr direkt an die Bar.

Danke für den Bericht! Super.

Und noch ein hilfreicher Hinweis von Dir, den ich gerne zitiere: "Wie beim Berlin Marathon erdrückt mich die Masse an buntgewandeten Menschen."

"Ceterum censeo Carthaginem esse delendam."

Schoene Fortsetzung.

Schoene Fortsetzung. Komprimierte Gewichtsvorteile, ich glaube wir haben was gemeinsam. Ps. Dies Jahr Rad am Ring?

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