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Benutzerbild von kaiserswerther kenianer

Teil I

Eine neue Zehnkilometerbestzeit werde ich in diesem Leben wohl nicht mehr laufen, ein schneller Marathon ist mir wegen der nötigen Vorbereitung zur Zeit zu eintönig und den Kampf um Altersklassenpodeste beim Triathlon kann ich in meiner teilnehmerstarken Altersklasse nur im Reich der Träume aufnehmen.
Außer schönen Erinnerungen habe ich als Sportler nichts mehr zu gewinnen,. Deshalb brauch ich mich keinem Diktat irgendwelcher Trainingsplanungen unterwerfen, die mich zum Saisonhöhepunkt zwanzig Sekunden früher aus einem Schwimmbecken aussteigen lassen. Daher habe ich die letzten Monate das Schwimmbad Schwimmbad sein lassen und den milden Winter zum Aufbau dessen, was wir Ausdauersportler hochtrabend „Radform“ nennen, genutzt.
Warum? Was trieb mich im Januar auf die Rolle in den Keller und im Februar ins Ruhrtal?
Es war mal wieder eine voreilige Verabredung vor Monaten. Lüttich Bastogne Lüttich wird gegeben für Hobbyfahrer. Am Vortag des Profirennens werden 85km, 167km und die originalen 270km dem gemeinen Radvolk zur Wahl gestellt. 167km sind etwa 17 mehr, als ich jemals an einem Stück gefahren bin. Aber wie so oft lassen sich Heldentaten Monate vorher leicht planen und schwuppdiwupp stand ich neben einigen Freunden in der Meldeliste über die Mitteldistanz (was auch der Grund für die Klammern in der Überschrift ist, denn diese Runde führt nicht ganz bis Bastogne).
Lüttich-Bastogne-Lüttich??? Kopfsteinpflaster…? Hellinge…? Schon mal gesehen…?
Alles konnte ich nach etwas Recherche verneinen. Die groben Pflaster gibt es bei Paris-Roubaix. Die giftigen flandrischen Steigungen, Hellinge genannt, bei der Flandernrundfahrt. Und da ich mich als durchschnittlicher Radsportgucker, der vor allem durch die Erfolge der Herren Zabel und Ullrich immer nur für drei Wochen zum Fachmann der Tour de France wurde, nicht an televisionäre Erlebnisse bei Lüttich-Bastogne-Lüttich erinnern konnte, tat ich dieses Rennen leichtfertig ab.
Bestimmt nur eine wenig anspruchsvolle graue Maus unter den Frühjahrsklassikern im Rennkalender, dachte ich. Der Vfl Wolfsburg der Radklassiker. Unbekannt, langweilig und nichtssagend. Da kann ich mich doch locker für anmelden…!
Von wegen Wolfsburg! Schalke oder Dortmund (da habe ich wirklich keiner Präferenzen) trifft es eher. Traditionsreich, geprägt von harter Arbeit und mit einem festen Platz im Herzen der Region.
Ich sollte mal wieder grandios daneben liegen. Aber keine Sorge. Es kommt jetzt nicht das übliche Gejammer des ungeübten und übergewichtigen Hobbysportler, der sich zu viel zugemutet hat und für seinen Übermut an den Steigungen der Ardennen gestraft wird.
JA! Ich habe es unterschätzt.
Aber NEIN! Ich habe es nicht bereut. Ich würde es wieder tun.
Die Vorbereitung bestand aus etwa tausend Kilometern und drei arbeitsfreien Dienstagen, an denen ich Überstunden in lange Kanten verwandelte.
Dazu einer etwas intensiveren Recherche über „La Moyenne“. Der älteste unter den Frühjahrsklassikern wurde dieses Jahr zum hundertsten Mal ausgetragen. Und die Youtube Filmchen von den diversen Anstiegen sehen ja noch lustig aus, wenn sie dynamische Radprofis im Sprint durch ein dichtes Spalier zeigen. Aber es gab auch solche Aufnahmen von Radsportgruppen, bei denen Hobbyradler an „La Redoute“ mangels entsprechendem Vortrieb bei zwanzig Prozent Steigung einfach in den Graben kippen. Und das die sagenumwobene Redoute zwar die spektakulärste, aber gar nicht die schwerste Steigung auf dem Ritt mit 2600 Höhenmetern durch die Ardennen sein sollte, machte mir zusätzlich Bauchschmerzen.
Noch mehr schmerzte es aber, dass sich zum abschließenden Formtest in Essen Kettwig am Sengenholzer Weg bei gefühlten 25 Prozent der Freilauf meines Rennrades verabschiedete. Zwar rettete ich mich noch nach Hause, aber keinesfalls wollte ich mit einem fixed Gear in Lüttich am Start stehen. Jetzt rächte sich zudem, dass ich mein Rad nach einer großzügigen Schenkung auf edle italienische Komponenten umgerüstet habe. In der nachösterlichen Woche war es gar nicht so einfach, ein Laufrad zu bekommen, welches zu der betagten Neunfach Campagnolo Gruppe passte. Nach langen Suchen fand ich schließlich in Duisburg ein Juwel unter den Fahrradgeschäften, das genau das erwünschte auf Lager hatte: Handeingespeichte 36 Edelstahlstängchen und ein Freilaufkörper, welcher paarungsbereit auf eine Campakasette wartete.
Wer noch nie auf einer so großen Radsportveranstalter war, der muss sich diese Challenge am Vortag des Profirennens als eine Art Großstadtmarathon auf zwei Rädern vorstellen. Keineswegs als einsame und ruhige Fahrt über eine gut beschilderte Strecke. Insgesamt achttausend Teilnehmer lassen schon beim Abholen der Startunterlagen ein internationales Flair aufkommen. Es ist kein Radrennen. Es gibt keine Zeitnahme und den Zeitpunkt des Starts kann jeder innerhalb eines etwa zweistündigen Zeitfenster selbst wählen. Einzig an vier markanten Steigungen gibt es separate Zeitnahmen für die, die es interessiert. Die Straßen sind nicht für den Verkehr gesperrt, aber an allen großen Kreuzungen sorgen Helfer für sichere Passage der Radler. Und die große Anzahl an Teilnehmern vermitteln das seltene Gefühl, als Pedaleur zur herrschenden Klasse der Landstrasse zu gehören. Heute haben die Radler mehr Rechte. Und heute fahre auch ich in zweiter Reihe ohne schlechtes Spießergewissen.

Der Tag beginnt um 6.00 Uhr. Der Wecker meiner Sportuhr reißt mich aus dem komfortablem Bett des sauberen Mittelklassehotels im Herzen von Lüttich –im übrigen eine faszinierende Stadt voller offener Fragen, die ich gerne bei weiteren Besuchen beantwortet haben möchte-, eine schnelle Dusche, dann der fragende Blick nach draußen. Trocken, aber noch morgenkühl. Ich klappere also mit dreiviertel Hose und Zwiebellook in den Frühstücksraum. Die vierzehn zusätzlichen Euros für das Morgenmahl müssen sich lohnen. Joghurt, Obst, Brot, Rührei, Schinken werden mit großzügig bemessenen Filterkaffeemengen gemischt. Ein bedeutender Vorteil des Radfahrens gegenüber dem Laufen oder gar dem Schwimmen ist, dass es auch mit prallvollem Magen geht.
Um halb acht rollen wir so satt wie man nur sein kann durch Lüttich. Der Weg zum Start bringt uns die ersten sechs Kilometer, welche fast durchgängig bergauf gehen. Mit uns zwei Engländer aus dem Hotel, die extra für die Jubiläumsausgabe des Rennens aus Edingburgh angereist kamen.
Um Acht starten wir. Ampeln und unzählige bunte Radfahrer erfordern volle Konzentration. Rasierte Beine in extravaganten Outfits auf teuren schmalen Reifen unter Carbonrahmen sind häufiger zu sehen als unrasierte Altmettaller. Aber im Großen und Ganzen ist alles auf zwei Rädern unterwegs was sich vorstellen lässt.
Ich orientiere mich an dem Klebestreifen, der den Startunterlagen beilag. Aufgeklebt auf der Trinkflasche zeigt er, wann Verpflegung und Berge kommen. Nach achtundvierzig Kilometern wartet die erste Zwischenmahlzeit und danach der erste Berg. Beruhigend viel Zeit zum Einrollen denke ich, als sich plötzlich eine Steigung vor mir auftut.
„Wie kann das sein, es steht doch noch gar nichts auf der Flasche?“ frage ich mich empört, während sich die Straße immer weiter aus Lüttich heraus durch Wald und Vororte bergwärts windet. Keine zehn Kilometer sind vorbei, und schon habe ich einen Begleiter einer grünen Ampelphase geopfert und die anderen drei nach vorne verloren. Ich bin alleine! Allein unter tausenden Radsportlern. Und auch wenn ich in den letzten Jahren schon häufiger das Niveau der Belgier und Niederländer auf zwei Rädern bewundern musste, frustriert es doch, dass ich in der Steigung zum Verkehrshindernis der einheitlich gekleideten Sportgruppen werde.
„Ob die wohl auch mit rechts eine wedelnde Handbewegung nach hinten machen, um den Hintermännern das große Hindernis in der weißen Jacke anzukündigen, kurz bevor sie mich überholen?“, frage ich mich besorgt. Ich fürchte sehr, dass sie es getan haben. Denn sie waren so schnell, dass ich noch nicht mal darüber nachdenken mochte, im Windschatten von der Führungsarbeit der Gruppe zu profitieren.
Auch wenn ich darauf eingerichtet war am Berg nicht den Ton anzugeben und ich mir im Laufe der Jahre etwas Altersweisheit zugelegt habe, so sticht doch jeder Überholvorgang ein bisschen. Nach wenigen Kilometern war ich das vollbelegtes Nadelkissen auf der Fensterbank meiner –Gotthabsieselig- Großmutter.
„Und wenn diese geschätzten vier Kilometer bergan es nicht wert sind auf dem Klebestreifen Erwähnung zu finden, wie mögen denn dann erst die vermerkten Steigungen sein, die nach über hundert Kilometer warten?“ Mir rutscht das Herz in die Polsterhose. Rückblickend kann ich sagen, dass die ersten fünfzig Kilometer die härtesten sind. Schlechte Laune wegen der ständigen Überholvorgänge mischen sich mit der Angst vor der langen Fahrt. Die Zweifel nagen in mir, ob ich mir da nicht doch zuviel zumute. So lange bin ich noch nie gefahren und so viele Höhenmeter auch schon lange nicht mehr.
In meiner Rückentasche liegen siebzig Euro als Rettungsanker. Aber was würden die mir nützen, wenn ich achtzig Kilometern vor Liege als Häufchen Deutsch- und Englischsprachiges Elend am frankophonen Wegesrand verrecken würde?
Nach achtundreissig Kilometern steht die erste Entscheidung des Tages an.
Kein Scharfrichter, der Gruppen sprengt, sondern schlicht die erste Streckenteilung. Wenn ich jetzt rechts abbiegen würde, dann würde ich auf direktem Weg in die schweren Steigungen fahren, aber dafür würde ich mir etwa hundert Kilometer dazwischen sparen. Die 78 Kilometer Fahrer verlassen die Route! Ich nicht! Aber es fiel wirklich schwer. Es war eine knappe Entscheidung. Und auf der den nächsten zehn Kilometern, die größtenteils bergan –auch diese nicht verzeichnet- zur ersten Verpflegung führen, reift in mir ein Gedanke: „ Nach der Labe kehre ich einfach um und biege noch in die kurze Runde ein.“
Nahrung findet diese hässliche Gedankenpflänzchen in den unheilsschwangeren Schilderungen eines holländischen Mitfahrers, der in düsteren Tönen vor der Steilheit der letzten drei Steigungen (diese sind dann doch vermerkt) nach über hundert Kilometern warnt.
„O.K., das war es für mich.“ Der Entschluss steht fest, als ich an der ersten Verpflegung bin und mir den Bauch mit belgischen Waffeln (die mit den knirschenden Zuckerkristallen drin) vollschlage. „Du drehst um, nimmst die drei harten Steigungen in Angriff und hast dann immerhin auch knapp hundert Kilometer geschafft.“ Ich stehe auf der Landstraße und suche nach einer Lücke, um dem Strom der ankommenden Radler entgegenzurollen.
„Lieber resigniert und gesund als kämpferisch und halbtot!“ In Gedanken bin ich auf dem Rückweg. Finde ich den ohne Pfeile? Klar, doch, ich muss doch nur den radelnden Massen entgegen fahren, dann werde ich automatisch an die Streckenteilung kommen. Ich fahre los…

…und einem rätselhaftem Impuls folgend werfe ich in den Bruchteilen einer Sekunde alle Überlegungen über den Haufen.
„Was soll ich denn all den Vereinskollegen erzählen, wenn ich kürzer gefahren bin?“ Ich biege ganz kurzentschlossen nach rechts ab und bleibe auf der Strecke.
Achtundvierzig Kilometer hinter mir. Noch sieben Kilometer bis zur ersten verzeichneten Steigung. Jetzt gilt es. Und mit jedem Kilometer den ich mich durch die schöner werdenden Landschaft der ersten Prüfung nähere werden die Zweifel kleiner. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Auf geht’s in die Ardennen...

Tbc

5
Gesamtwertung: 5 (5 Wertungen)

Na sag schon, wie gehts

Na sag schon, wie gehts weiter :-)

Sehr schön ...

...aber ich hasse warten. ;-)

Wann geht's weiter?

If you see me collapse,
pause my Garmin...

und weiter???

Auf alle Fälle hast Du erst mal eine gute Entscheidung getroffen auf der Strecke zu bleiben. Schließlich wollen wir ja noch weiterlesen.
Warum unterschreibst Du mit Tuberkulose? ;-)
LG, KS

Du weisst:

ich bin ein grosser Fan Deiner Blogs - ABER WIE GEHT ES WEITER?????

Hoffe, wenn ich heute abend nach Hause komme, ist die Fortsetzung da - mal mit ddem erhobenen Finger drohe ;-))
Gruss Petra

Wie schön!

Endlich mal wieder ein kenianer-Blog. Und dann noch über's Radfahren. Ich sag auch: Schwimmen wird vööööllig überbewertet. Bei 'ner LD ist das maximal 1/6. Aber Radfahren kann man nicht hoch genug bewerten! Das macht immerhin ca. die Hälfe aus.

Lüttich: ist das noch immer so dreckig wie anno dazumal, als ich da auf der Durchreise (mit meinem legendären "Sportrad") war? Wir sind am nächsten Tag freiwillig nach Namur weiter (T-Shirt-Kragen und Hosenbeine dreckig!) und von da durch die Ardennen, wo es aber inzwischen im Vallée de la Meuse lt. Aussage auch fast flache Radwege geben soll.

Oh man, es soll soooo viele herrliche Radklassiker geben, da wird mir ja ganz schwindelig. Wie soll ich das nur mit all den schönen Laufklassikern in Einklang bringen?

...toll geschrieben...

Bitte weiter!
Gruß Fritze

"To finish, you have to start!!"

JA!

Der Kenianer ist wieder on tour.....

By the way, the two guys from Edinburgh are scotsmen.

Thanks a lot...

...war mir ehrlich gesagt nicht klar, ich habe sie aber nicht als Engländer angesprochen. Daher bin ich am Leben geblieben und konnte den Bericht schreiben...

Da,

..bin ich aber froh

Ich musste sehr lachen...

Mein Radrevier ist die deutsche und belgische Eifel... und die Ardennen.
Lüttich quasi ein Nachbarort. :-)

Ich freue mich sehr auf die nächsten km Richtung Bastogne.

Nicht nur die Alpen sind ein Gebirge, wa?

Gruß

Oliver

"Ceterum censeo Carthaginem esse delendam."

Endlich zum Lesen gekommen

Und jetzt muss ich hoffentlich nicht mehr lange auf Teil 2 warten. Na ja, ich befürchte, so wie ich dich kenne, wird es Mittwoch werden?!
Da ich so lange nichts von dir lesen konnte, musste ich übrigens fremdgehen und die Triathlon-Erlebnisse des Weißen Kenianers "Der Weg frisst das Ziel" lesen. Auch amüsant. Kennst du bestimmt, oder!

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

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