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Benutzerbild von dfrobeen

Ich sitze am Flughafen in New York und warte darauf gleich über Chicago nach San Francisco zu fliegen. Damit habe ich erstmals seit drei Tagen die Hauptkultstätte der Weltreligion Marathon verlassen und werde demnach nicht mehr von jedem Wildfremden, der mir auf der Straße entgegen kommt mit einem Lächeln und einem freundlichen „Congratulation“ begrüßt. Das hat mich ja gestern schon gefreut, konnte es aber noch nachvollziehen. Das es aber heute auf dem Weg vom Hostel zum Flughafen, beim Check-in und der Flughafen-Security auch noch so weitergehen würde, hat mich dann doch erstaunt. Beim Check-in in Boston bekam ich einen Stempel auf die Boardingkarte, dass ich die Fast Lane bei der Security nehmen kann um nicht zu lange in der Schlange stehen zu müssen. Nicht missverstehen…es ist super – aber irgendwie auch alles surreal. Selbst hier in New York hat die Frau von der Security auf mein Finishershirt reagiert und für einen Moment die Warteschlange Warteschlange sein lassen um sich bei mir zu erkundigen, ob es tatsächlich ein so phantastisches Event war.

Meine Antwort „Ja, war es“ – aber ich hole mal ein wenig aus.

Die ganze Vorgeschichte warum es seit etwa 3 Jahren mein Traum ist in Boston zu laufen, habe ich ja in diversen Blogs schon beschrieben. Und auch ein Resumee der Vorbereitung habe ich hier im Zusammenhang mit meinem Wettkampfbericht vom Rotterdam-Marathon schon beschrieben. Jetzt kam also Boston – es war soweit. Ich sollte tatsächlich dabei sein – im Rennen Nummer 1 nach den Anschlägen vom Vorjahr.

Donnerstag mittag ging mein Flieger von Düsseldorf nach New York. 2 Tage habe ich nochmal in dieser faszinierenden Stadt verbracht, die ich aber erstmals gefühlt als Gast und nicht als Tourist besuchte. Ich konnte von der Hektik der Stadt fliehen und die schönen Seiten finden und genießen. Einzigartig auch meine Joggingrunden im Central Park und am Riverside-Park, entlang des Hudson-River.

Samstag mittag ging dann der Flieger nach Boston und ab der Sekunde, zu der ich im Flieger saß wusste ich: „ab jetzt wird alles anders“. Die obligatorische Board-Durchsage begann mit den Worten „wer läuft Montag den Marathon?“ – etwa die Hälfte der Passagiere hob die Hand, rief irgendwas und ein paar Mädels begannen laut zu kreischen. Der nächste Satz der Durchsage war „dann viel Glück“ und sofort verfiel die andere Hälfte des Fliegers in ausgedehnten Applaus und Jubel. Ok, ich war angekommen.

Im Flieger neben mir sitzt eine 84jährige Frau aus Boston, die später per Rollstuhl aus dem Flugzeug abgeholt wird. Sie erkundigt sich, ob ich laufen werde und erklärt mir daraufhin, dass sie mich ganz besonders anfeuern wird. Ich frage „Anfeuern? Sind sie auch an der Strecke?“ und sie antwortet etwas verdutzt „Ja natürlich, das sind wir alle!“
Im Hostel angekommen stelle ich fest, was ich mit der Buchung für einen Volltreffer gelandet habe. Es kann vom Standard mit jedem 4*-Hotel mithalten, einziger Unterschied: es stehen mehrere Betten in einem Hotelzimmer. Und es ist nur 10 Minuten zu Fuß von Boylston-Street entfernt – dem Ort der Ziellinie und Anschläge aus dem Vorjahr. Also ziehe ich gleich los zur Expo um meine Startnummer abzuholen. Auf dem Weg entdecke ich, dass jeder Shop in seinem Schaufenster irgendetwas rund um den Marathon gemacht hat. Vor einer Kirche an Boylston-Street werden an Läufer blau-gelbe gestrickte Schals verteilt. Sie wurden von Schulen im ganzen Land gestrickt, nach Boston geschickt und sollen an Läufer gehen, damit diese an die Opfer des Vorjahres gedenken können.

Auf der Expo erhalte ich meine Startnummer, das Teilnehmershirt und erwerbe die völlig überteuerte Adidas-Marathonjacke. Aber ich habe das Spiel schon verstanden. Jeder läuft in der Stadt mit der Jacke rum. Der Sport ist, dass man eine möglichst alte hat um zu zeigen, wie lange man schon in Boston teilnimmt. Ich hatte also keine Zeit zu verlieren und brauchte die 2014-Jacke, ab nächstem Jahr kann ich damit schon erste minimale Aha-Effekte erzeugen. Viele werden es aber nicht sein, denn so viele Erstteilnehmer wie ich es einer bin, wird es auch nächstes Jahr nicht geben.

Auf der Messe treffe ich auch John Stoller. Er ist der Erfinder der Kult-T-Shirts „Right-on-Hereford-left-on-Boylston“ und nachdem ich meinen Startplatz erhalten habe, sind wir in einen netten Mailkontakt getreten und er hat mir knapp 100 Shirts aus seiner Kollektion geschickt, die ich in Deutschland verkaufe, wobei der volle Erlös der Stiftung Deutsche Schlaganfall Hilfe zukommt – ich verdiene keinen Cent daran. Ich werde dazu noch separat bloggen. John nahm mich zur Begrüßung in den Arm, stellte mich seiner Frau und seinen Kindern vor und wir machten ein Foto, damit unser erstes persönliches Treffen verewigt bleiben soll.

Wieder aus der Expo raus empfinde ich, dass ich mal abschalten muss. Es sind jetzt schon so unglaubliche Eindrücke – die müssen verarbeitet werden. Also laufe ich den Freedom-Trail ab. Das muss ich als guter Tourist ohnehin tun und mit Kopfhörer auf dem Ohr und Kamera in der Hand ist es eine tolle Gelegenheit etwas runterzukommen.

Bis zum nächsten Morgen lerne ich im Hostel die meisten meiner Zimmergenossen kennen. Mit Cedric werde ich mich über die nächsten Tage noch weiter anfreunden. Er wird in 2:41 finishen – der gleichen Zeit, die er eine Woche zuvor auch in London gelaufen ist. Berlin 2012 ist er in 2:31 gelaufen, seiner persönlichen Bestzeit. Er hatte so „einen dieser Tage“ und ist einfach mal mit Irina Mikitenko losgelaufen, die dort ihren Masters-Weltrekord aufstellte. Und er ist ein supernetter Typ – wir wollen demnächst in Kontakt bleiben, welche anderen tollen Rennen man mal gemeinsam angehen kann. Mein Etagenbett teile ich mir mit John. Er ist 68 und war letztes Jahr bei km41 als die Bomben explodierten. Er traf auf eine Straßensperre und dachte in der Mitte der Straße sei ein Läufer zusammengebrochen. Er kletterte (wie viele andere Läufer auch) am Rand über die Absperrung und wollte ins Ziel laufen. Doch das Sicherheitspersonal hinderte ihn daran. Er ist einer derjenigen, der einen garantierten Startplatz bekommen hat, weil er 2013 nicht über die Ziellinie laufen konnte. Wegen gesundheitlicher Probleme hätte er sich auch nicht qualifiziert – so aber war er nochmal dabei.

Den Samstag nachmittag verbrachte ich mit einer tollen Audio-mp3-Führung entlang eines Teils des Hafens. Mit Knopf auf dem Ohr eine der wenigen Möglichkeiten vor dem Rennen nochmal abzuschalten. Es war alles toll, aber die Vielzahl und Intensität der Eindrücke mussten immer wieder verarbeitet werden. Letztlich war ich sehr früh ihm Hostel, wollte noch etwas auf dem Bett vor mich hinträumen, muss aber sofort eingeschlafen sein.

Jetzt war er da, der Tag meines ersten Boston-Marathon. Um 6:00 Uhr klingelte der Wecker. Das Hostel hatte das Frühstück statt um 7 Uhr schon um 5 Uhr gestartet. So konnte ich meine obligatorischen 3 weißen Brötchen mit Marmelade essen, die diesmal 3 Plain-Bagel waren. Um Viertel vor 7 musste ich die 3 Minuten Fußweg zum Shuttlebus gelaufen sein. Obwohl ich eigentlich die Qualifikation um 19 Sekunden verpasst hatte, wurde ich in die erste Startwelle gepackt, also fuhr mein letzter Bus um 6:50 Uhr. Die Startwellen und Startnummern wurden übrigens streng nach Qualifikationszeit vergeben. Meine Startnummer 7564 bedeutete also, dass ich von den 36.000 Teilnehmern planmäßig 7564. werden müsste.

Als die Busfahrerin die Tür öffnete um uns wartende Läufer einsteigen zu lassen, stieg sie auf, applaudierte jedem einzelnen zu und gratulierte zur Qualifikation zum heutigen Rennen. „It is a great day for a run“ sagte sie immer wieder zwischendurch. Es folgte eine einstündige Fahrt zum Startort des Rennens, Hopkinton. Das ist ein verschlafenes Dörfchen, in dem einmal im Jahr die Hölle los ist. Eben immer dann, wenn „Marathon Monday“ ist und das wahrscheinlich weltbeste Teilnehmerfeld eines Marathon auf die Reise ins 42,195km entfernte Boston geschickt wird. Auf der Fahrt nach Hopkinton staunte ich aber nicht schlecht über die vielen Menschen, die entlang der Busstrecke im Morgenmantel vor ihrem Haus standen. In der rechten Hand hielten sie ihren Kaffee, in der anderen Hand ein Schild auf dem oft so etwas wie „Good Luck Runners“ stand.

Auf der Fahrt fragt man sich schon, warum man das alles denn gleich zurück laufen solle. Es wirkt schon ganz schön weit, was man da in 60 Minuten Busfahrt zurück legt. Aber die werden die Laufstrecke wohl vernünftig abgemessen haben und 42km laufen kenne ich ja nicht zuletzt aus Rotterdam.

Im Athletes Village werden dann nochmal 90 Minuten Zeit totgeschlagen – jeder hat seine eigene Herangehensweise. Auf die Wiese legen und Augen zu. Herumzappeln. Willenlos die haufenweise angebotene Verpflegung in sich reinstopfen (und hinterher erklären, dass man nicht so schnell war, weil man Magenprobleme bekam). Ich lief ein wenig rum um Eindrücke zu sammeln. Zum Hinsetzen war mir zu kalt. Aufgrund der neuen Sicherheitsvorschriften durfte man kaum etwas mitnehmen. Viele hatten alte Kleidungsstücke dabei, die sie dann vor Ort entsorgten, bzw. spendeten. So clever bin ich beim nächsten Mal dann auch.

In perfekter Organisation ging es dann zum Start. Ich war in Welle 1, Block 8 (von 9) eingeteilt. D.h. so mit all denjenigen, die wie ich so um die 3:07-3:10 als Qualifikationszeit hatten. Jetzt war ich aber eine Woche zuvor eine 2:55 gelaufen und schob dies insbesondere darauf zurück, dass ich in Rotterdam immer in harmonierenden Gruppen laufen konnte, die sich gegenseitig gezogen und supportet hatten. Da ich den Gedanken des „Boston langsam laufen und genießen“ schon längst abgelegt hatte, musste ich also schnell nach vorne um gleichschnelle Mitakteure zu finden.
Ein Wort zur Taktik. Ich bin mal in das Jahr gestartet um einen Marathon unter 3 Stunden zu laufen. In Rotterdam wurde es eine 2:55, also das Ziel war schon deutlich mehr als erfüllt. Aber der hochgerechnete Vorbereitungslauf beim Berliner Halbmarathon verriet mir, dass ich theoretisch im besten Fall sogar eine 2:51 laufen könnte. Außerdem machte mir Mut, dass die Auswertung des Rotterdam-Laufes ergab, dass ich im Durchschnitt einen Pulsschlag unter GA1 unterwegs war – da könnte also tatsächlich noch Luft sein.

Boston ist ein ganz klar zweigeteiltes Rennen. Der erste Halbmarathon geht weitgehend konstant bergab und hier gilt es Zeitguthaben zu erlaufen. Aber Vorsicht „you have to manage the course“ ist der Standardsatz eines jeden, der schon einmal gelaufen ist. Auf der zweiten Hälfte kommen dann die berüchtigten Heartbreak Hills, insgesamt 5 empfindliche Anstiege, die einem die Kraft aus den Beinen aussaugen. Wenn ich also in Richtung Bestzeit laufen will, dann müsste ich in einer Pace knapp über 4:00-Minuten loslaufen. Also los…

Der Startschuss fiel und ich war in einer Menschenmasse unterwegs. Wenn man einen Marathon in 3:50-Pace angeht (und das wurde es bei mir), ist man sonst recht schnell alleine Unterwegs. Hier denkt man, man ist mitten im Pulk eines viel zu großen Marathon – wie gesagt, ich bin in etwa auf Position 7500 über die Startlinie gegangen.

Der Halbmarathon war dann bei 1:23:55h erreicht, immer noch unter 4:00-Pace. Ich durfte nicht darüber nachdenken, was ich da für einen Quatsch mache. Allerdings hatte ich nach den Rennen in Berlin und Rotterdam recht großes Vertrauen in meine Ausdauer, das Gefühl ein Tempo nicht mehr halten zu können, kannte ich nicht mehr so gut.

Bei km20 wartete eine erste der ganz bekannten Stellen, der Wellesley Scream Tunnel. Bereits etwa einen km vorher hört man schon einen Lärm aus kreischenden Mädchen. Es sind die Studentinnen von Wellesley College, die Jahr für Jahr eine riesen Party an der Strecke machen. Standard ist, dass jede ein Schild mit der Aufschrift „kiss me, because…“ trägt und dann irgendeinen lustigen Spruch ergänzt und tatsächlich Küsse einsammelt. Wenn ich langsam gelaufen wäre, hätte ich hier sicher einen Moment angehalten, aber ich war schon längst im Temporausch und wollte jetzt keinen Quatsch mit Mädels küssen beginnen. Also beschränkte ich mich auf etwa 1000 „high five“ und hatte dabei schon Sorge, dass meine Hand dabei ernsthafte Schäden nimmt.

Generell hat beim Lauf geholfen, dass ich schon im Vorfeld genau über die einzelnen Orte der Strecke bescheid wusste. Boston ist ein Rennen von A nach B, bzw. von Hopkinton nach Boston. Auf dem Weg durchquert man 8 Ortschaften und jede einzelne davon lebt ein Jahr auf’s neue auf Marathon Monday hin um dann die Party des Jahres zu feiern. Es ist einfach unglaublich diese Strecke abzulaufen und die Begeisterung der Zuschauer wahrzunehmen. Sie sind halt nicht nur Zuschauer an der Strecke – das gibt es woanders auch. Sie flippen förmlich aus, sobald der erste Läufer an ihnen vorbei rennt.

Exakt bei km25 geht es nochmal steil bergab, bevor anschließend ebenso steil wieder bergauf geht. Km25 ging somit bei mir nochmal in 3:45 raus, ich wusste aber, dass es ab jetzt schwer werden würde die 4:00-Pace zu halten. Die ersten beiden der Hügel klappte es sogar und selbst bei km30 war ich im Schnitt immer noch unter 4:00Minuten/km unterwegs. Bei km28 folgte sogar eine echte Abwechslung. Es war die erste Abbiegung des gesamten Rennens. Nach 28km geradeaus laufen, bogen wir jetzt rechts ab. Es folgten aber noch weitere Abbiegungen – zwei um genau zu sein. Bei km41 biegt man in Boston rechts in Hereford Street ab um etwa 200m später gleich noch einen Richtungswechsel einbauen zu müssen. Hier geht es links auf Boylston Street – geradewegs auf die Ziellinie zu.

Nach km30 folgten aber in Newton erstmal fast 3km konstant bergauf – das war der eigentliche „Heartbreak Hill“. Hier war klar, dass ich die 4er-Pace nicht halten kann. Aber mit den 4:11-Zeiten war ich dennoch zufrieden. Oben in Boston College wusste ich dann, dass es jetzt nur noch bergab geht – Gelegenheit mich zu sammeln und zu überlegen, was denn für eine Endzeit möglich sein würde. Es war mir noch etwas Puffer geblieben, sodass ich bei konstanter Geschwindigkeit unter 2:50 bleiben konnte. Der Wahnsinn übrigens – wenn Steffny mir sagt, dass maximal eine 2:51 geht und man plötzlich in Boston, einem bekanntermaßen schwierigen und langsamen Marathon drauf und dran war unter 2:50 zu bleiben. Aber es lagen ja noch 7km vor mir.

Ich hatte auch mehrfach gelesen, dass das eigentliche Problem der Heartbreak Hills der Bergab-lauf danach sei. Die ermüdeten Beine seien nicht mehr auf diese Form der Belastung vorbereitet – das nahm ich aber nicht so ernst, wie die Warnungen vor den Bergauf-Stücken. Bei km36 holte mich aber die Realität ein. Mein linker Oberschenkel verkrampfte auf einem steilen Bergab-Stück und ich hatte das Gefühl fast wegzusacken und ungebremst auf den Boden zu fallen. Ich war heilfroh, als die Straße wieder eben wurde und begann zu überlegen.

Ich war das Rennen nach dem Motto „Held oder Heldentod“ angegangen, hatte aber die zweite Option nicht wirklich noch für möglich gehalten. Was aber, wenn jetzt der Oberschenkel ganz zu macht, was wenn ich stehen bleiben muss, dehnen muss, gehen muss…6km können dann ganz schön lang sein. Ich nahm minimal Tempo raus und versuchte in den Luftphasen des linken Bein selbiges zu lockern. Dann kam eine Verpflegungsstation und ich sagte mir „jetzt alles rein was geht“. Ein zusätzliches Gel hatte ich bei der einzigen Gelstation des Rennens noch eingepackt – gute Idee war das gewesen. Und ebenfalls beruhigend fand ich, dass der km mit dem Krampf in 4:04Minuten endete, ich also nicht großartig Zeit verloren hatte.

Jetzt kam der Teil der Strecke, den ich am Vortag schon als kleine Vorbelastung gelaufen war. Wieder eine sehr gute Idee – dieses Gefühl „kenne ich“ macht einem die letzten km leichter. Aber selbst wenn ich es nicht gelaufen wäre, „kenne ich“ hätte ich auch so sagen können. Nach mehrfacher Lektüre von Laufberichten anderer Boston-Finisher wusste ich, dass etwa 4km vor dem Ziel ein ganz großer Moment wartet. Man war 38km durch Ortschaften rund um Boston gelaufen, die streng genommen alle gleich aussahen. Dann aber erscheint am Horizont ein riesiges Werbeschild der Firma „Citgo“ mit einem roten Dreieck. Ab dieser Sekunde weiß man, dass man in Boston ist. Man weiß auch so, dass es noch 4km sind, aber das Gefühl ist plötzlich ein anderes. Es geht jetzt 2km lang geradeaus auf dieses Schild zu und es kommt immer näher. Meine Pace liegt wieder rund um 4:00 und die sub2:50 bleibt rechnerisch möglich. Ich passiere das Citgo-Schild und weiß, ab hier sind es noch genau eine Meile, 1.609m des unglaublichsten Lauferlebnisses meines Lebens. Es folgt eine Unterführung, die nochmal weh tut, vor allem natürlich das kurze, aber doch recht steile Stück bergauf. Dieses Stück vom Citgo-Schild bis Hereford Street hatte ich vom Vortag kürzer in Erinnerung und es zog sich mühsam. Dann bog ich ab. Ich war schon lang im absoluten Tunnel. Schon weit vor dem Citgo-Schild war nur noch konstant lautes schreien, jubeln und kreischen zu hören. Ich weiß nicht wo ich im Kopf unterwegs war – auf diesem Planeten war es jedenfalls nicht.

Hereford Street war nur ein kurzes Stück, das habe ich wieder so empfunden und es geht links auf Boylston Street. Kann bitte mal kurz die Zeit stehen bleiben? Dieser Moment ist unglaublich – bitte mehr davon. Ich sehe das Ziel, ich sehe aber auch links die beiden Stellen, wo am Vorjahr die Bomben explodierten. Viele hochgehaltene Schilder auf der Strecke beinhalteten so Slogan wie „Läufer, helft uns unsere Ziellinie wieder zurück zu gewinnen“. Na dabei helfe ich gerne, wenn ich dabei selber so etwas empfinde, wie ich es gestern getan habe.

Noch 500m bis zum Ziel…400m…300m…und dann passiert das, was ich nicht mehr für möglich gehalten habe. Mein linker Oberschenkel macht völlig zu. Einen Moment lang habe ich das Gefühl, dass ich sofort stehen bleiben muss, wenn ich nicht über die Ziellinie krabbeln möchte. Aber die Uhr tickt und ich habe nur noch wenige Sekunden um unter 2:50 zu bleiben. Ich laufe mit gestrecktem linken Bein weiter – muss sehr lustig ausgesehen haben. Verdammte 300m muss das jetzt gehen. Dann sogar die Erleichterung, wenn ich das Bein in der Luft kräftig schüttele, dann wird es sogar ein wenig besser. Die Ziellinie rückt immer näher und ich weiß, dass ich es ohne anhalten schaffe. Bei der Analyse der Garmin lerne ich, dass man auch mit gestrecktem linken Bein einen km in 4:04 Minuten laufen kann.

Ich hatte mir im Vorfeld viele Gedanken gemacht, ob und was ich wohl beim Zieldurchlauf machen werde. Aber der Kampf mit dem Krampf, mit der sub2:50 und der totalen Erschöpfung war stärker. Ich reiße nur die Arme kurz in die Luft und schreie einen Jubelschrei aus. Kein Küssen der Ziellinie, kein Tänzchen – das hebe ich mir für eins der Folgejahre auf. Gleich hinter der Ziellinie liegt rechts ein großer Haufen Fernsehkabel. Der sieht weicher aus, als wenn ich mich jetzt auf den blanken Boden werfe. Ich stürze mich drauf und ruhe mich wenige Sekunden aus. Sofort sind drei Helfer um mich rum und fragen mich, ob es mir gut geht. Es könnte nicht besser sein, aber körperlich geht es mir beschissen…und mein Oberschenkel krampft. Ich stoppe die Garmin, die 2:50:01 zeigt – aber es sind schon einige Sekunden seit der Ziellinie vergangen. Meine offizielle Zeit ist 2:49:53. Gänsehaut, wenn ich diese Zahlen jetzt einen Tag später in die Tastatur eingebe. Platz 944, also rund 6.600 Plätze besser, als es meine Startnummer prognostizierte.

Der Rest ist schnell erzählt – es ist 12:53 Uhr in Boston und ab jetzt wird jeder wildfremde Mensch, der mir in die Augen guckt „Congratulations“ sagen und ich werde mit einem breiten Grinsen im Gesicht „Thank you“ antworten. Mein Oberschenkel spielt wieder mit, ich gehe die knapp 1000m zurück zum Hostel und bekomme unterwegs die Finishermedaille, einen Wärmeumhang, Wasser und Essen. Im Hostel lege ich mich auf das Bett. Ich war eine Minute zu spät. Der schnellste Läufer des Hostels wurde gerade fotografiert und sein Foto später in DIN A3 am Empfang ausgehangen. Er ist Kolumbianer und ist eine 2:41 gelaufen. Okok, er hat es auch mehr verdient als ich mit meiner 2:49.

Auf dem Handy habe ich schon die ersten Glückwünsche und einen Link zum live-Stream. Etwa 30 Minuten nachdem ich dort war, sehe ich auf dem Laptop meinen eigenen Zieleinlauf. Glück gehabt, dass mein verzweifelter Wurf auf den Kabelhaufen genau außerhalb des Fernsehbildes ist. Ich telefoniere einmal kurz nach Hause, schlafe ein Stündchen, dusche und gehe dann spazieren. Teil 2 des Harbour-Walks wartet. So kann ich wieder etwas Eindrücke verarbeiten. Habe ich tags zuvor gesagt, dass es viele Eindrücke waren? Lächerlich gegen das, was mir auf der Strecke passiert ist.

Nach dem Harbour-Walk bin ich wieder offen dafür Teil dieser Welt zu werden. Es gibt erst ein Get together in Fenway Park, dem Baseballstadion in Boston und anschließend die große Post-Race-Party mit ca. 2000 Teilnehmern. Schon in Fenway Park treffe ich Cedric, mit dem ich vorher schon viel gequatscht habe. Wir gehen den Rest des Abends gemeinsam an. Auf der Post-Race-Party steigt erst die toll gemachte Siegerehrung und dann ist richtig Party. Ich beschließe mich einfach mal zu betrinken und abzutanzen. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Gegen halb 2 bin ich im Bett und ein unfassbarer Tag meines Lebens geht zu Ende.

4.85185
Gesamtwertung: 4.9 (27 Wertungen)

Herzlichen Glückwunsch!!

Unfassbar! Was ein Erlebnis für dich. Was für eine unglaubliche Geschichte allein der Weg dahin war ...
Und dann eine Woche nach Rotterdam noch mal so ne Zeit rauszuhauen ...

Wenn man überlegt, wie hart du für das erreichen der Qualizeit gekämpft hast und wie sehr du deine PB gedrückt hast in dem einen Jahr ... Das ist echt ne Leistung. Zumal du ja schon auf hohem Niveau unterwegs bist...

Danke fürs mitnehmen nach Bosten ... Und auch für den Weg dahin, den ich tatsächlich komplett verfolgt habe ...

So! Jetzt mal ein Fremdwort für dich: erhol dich gut und mach dieses ... Ach wie heißt nochmal ... REGENERATION ;-)

Gruß Thorsten

If you see me collapse,
pause my Garmin...

Congratlation :)

Und vielen Dank für diesen tollen Bericht!

Einfach nur ...

... Geil!
Der Weg dahin, der Lauf und so ganz nebenbei noch diese Hammer-Zeit!
Gratulation!
;-)

Ach Du Scheiße!

Wie geil!

---

"What day is it?" asked Pooh.
"It's today" squeaked Piglet.
"My favorite day" said Pooh.

WOW!!!!

Ein Traum!!
Gratuliere Dir ganz herzlich!!
Megastarke Leistung und Erlebnis!
Wird niemals vergessen!!! :o)

Lieben Gruß Carla
"Mancher rennt dem Glück hinterher, weil er nicht merkt, dass das Glück hinter ihm her ist, ihn aber nicht erreicht, weil er so rennt!" (Bert Hellinger)

Glückwunsch!!

Ja, einfach nur geil!!

Schnief!

Ab dem Moment, wo im Flugzeug nach Boston gejubelt wurde, wechseln sich beim Lesen Gänsehaut und Rührungstränchen ab. Danke, danke, danke! Und Riesenglückwunsch zu einer Wahnsinnsleistung und zum Erfüllen Deines Traums. Hach.

yazi

Held!!

Da wollte ich heute morgen gleich mit ganz viel Arbeit beginnen und was war?? Ich habe Deinen mega-interessanten Bericht gelesen und komme noch hat nicht davon los. Einfach toll!
Vielen Dank, daß Du uns an Deinem Wahnsinns-Ritt und dem vielen anschaulichen Drumherum teilhaben läßt!

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Wau!

Einfach grossartig gelaufen und sehr mitreissend beschrieben

cour-i-euse

das ist...

...unglaublich geil!!! danke für´s teilhaben lassen. bin ganz außer atem...
____________________
laufend gratuliert ganz ganz herzlich: happy™

"man muss es so einrichten, dass einem das ziel entgegenkommt." (theodor fontane)

Stark !

Absoluter Wahnsinn. Großartig. Stark!

Glückwunsch.
Und danke für den Bericht und auch die Berichte auf dem Weg zu diesem Lebens-Lauf.

Gruß
Uhrli

Dein Tag !!!

das war es !
Gratuliere dir aufs allerherzlichste !

Congratulation!

Danke fürs mitnehmen.
Durch Deine Vorbereitung, den langen Weg nach Boston und die tollen 42km durch Boston.

Dieses Rennen hast Du Dir mehr als verdient und genossen.

Hammer!

Gruß Nicole

Einfach genial

gelaufen und geschrieben...gratuliere ganz herzlich

Gruß stachel

Take your time and remember slow is the new fast ...

Herzlichen Glückwunsch! Good job!

Was für ein aufregender Weg nach Boston und als Krönung diese Hammerzeit.
Vielen Dank für den super Bericht.

Emotionen ohne Ende

Wiederholt musste ich die Tränen wegblinzeln, um weiterlesen zu können. Jetzt habe ich verstanden, was es für dich bedeutet, in Boston zu laufen. Und du bist so grandios gelaufen, in unfassbarer PB. Was für ein Potential steckt in dir, wenn du innerhalb von so kurzer Zeit zwei solche Wahnsinnszeiten ablieferst.
Ich gratuliere dir von ganzem Herzen und danke dir für diesen emotionalen Bericht! Erhol ich gut!

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

danke für diesen genialen Bericht

danke für diesen genialen Bericht!
Ich war im letzten Jahr dabei und die ganzen guten Erinnerungen kommen zurück!
Auch ich werde dort auf jeden Fall nochmals starten...
VG
Jörg

Tief geflogen ;) - nicht gelaufen!

Wahnsinn, das Erlebnis ist so toll beschrieben, Deine Leistung so stark - wo willst Du hin?

Mir fehlen die Worte - M in 2:55h unter GA1 und Du erzählst mir einen von 5er Schnitt wäre fix?

Regeneration ;) ist angesagt? Nee, die heißt Roth sub 9, oder?

Ganz großes Kino!

Meinen herzlichsten Glückwunsch zum grandiosen Abschluss dieser langen Geschichte. Hätte man als Drehbuch kaum besser schreiben können. Danke fürs Teilen.
kk

Riesenglückwunsch!

Hallo Daniel,

das ist wirklich der Wahnsinn. 8 Tage nach Rotterdam gleich wieder einen so einen rauszuhauen. Und dann auch noch bei deinem großen Ziel Boston-Marathon, wo Du so lange drauf hin gearbeitet hast.

Herzlichen Glückwunsch zu deinem großen Erfolg und gute Erholung!

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