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Wird das jetzt ein Wettkampfbericht oder die Beschreibung des krönenden Abschlusses einer wahrscheinlich perfekten Vorbereitung auf einen Marathon? Ich glaube es wird letzteres, denn eben schon mehrfach gefragt, wie denn das Rennen war, konnte ich nur so etwas unspektakuläres antworten wie „ich bin relativ emotionslos das km-Tempo, was ich (zu schnell) angegangen war einfach 42 mal gelaufen und habe dann 200m-lang Faxen mit dem unglaublichen Rotterdamer Publikum gemacht.“

Natürlich geht es mir innerlich völlig anders, ich freue mich, laufe seit 13:25 Uhr mit einem breiten Grinsen durch die Gegend, feiere meine Zeit des Rotterdam-Marathons, habe schon mit meinem sehr guten Freund Khai ein paar Bierchen getrunken und auch sonst das Wochenende über den Lauf hinweg super ausklingen lassen. Aber auch während ich das hier schreibe, merke ich nochmal: meine Freude bezieht sich fast mehr auf die gesamten letzten 3 Monate und nicht nur auf den Tag heute.

Die Vorbereitung hätte ausgehend von dem Leistungsstand, wo ich Anfang Februar begonnen habe, nicht besser ablaufen können. Mein Grundprinzip war der 2:59h-Trainingsplan aus meinem Lieblings-Laufbuch von Herbert Steffny, eingebettet in eine Jahres-Periodisierungsplanung aus der „Triathlon-Trainingsbibel“ von Joe Friel. Ich bin jede Einheit gelaufen und habe bei keiner einzigen das Leistungsziel verfehlt. Leistungsziel heißt zum einen Tempo bei Intervallen oder Tempodauerläufen, sowie Dauer bei langen Läufen, aber vor allem auch Regeneration bei langsamen Läufen. Es waren viele gemütliche langsame Läufe dabei, wo man sich ernsthaft nach dem Trainingseffekt fragte (Tempo 5:40 Min./km – zum Vergleich, ich bin heute den Marathon in 4:08 Min./km gelaufen). Aber ich bin der festen Überzeugung, dass genau diese Läufe ihren Sinn hatten. Egal ob es war um zu merken, dass Laufen eben nicht immer automatisch Kampf mit der Leistungsgrenze bedeutet oder einfach schön sein kann, vor allem die Montag-morgen-Regenerationsläufe nach Testwettkämpfen am Sonntag oder um den Fettstoffwechsel zu trainieren oder um ein paar Gedanken im Kopf zu sortieren, was bei Kämpfen mit Minutenzeiten schwieriger geht.

Sylvester 2013 bin ich in Köln den dortigen 10km-Sylvesterlauf gelaufen, habe 40:14 Minuten gebraucht und im Ziel fast in Ohnmacht gefallen – der festen Überzeugung, dass es keine Sekunde schneller gegangen wäre. Der Lauf passte nochmal perfekt zu meinen letzten beiden Jahren, wo ich mich zwar in den Bestzeiten jeweils verbessern konnte, die Sprünge aber vergleichsweise klein waren. Ich hatte mich damit abgefunden, dass dieser permanente Kampf mit der 4-Minuten-Pace bei 5 und 10km-Wettkämpfen mein treuer Begleiter über die nächsten Jahre werden würde. Und über den Halb- und vollen Marathon würden es halt jeweils die anhand der gängigen Umrechnungsfaktoren ermittelbaren Zeiten werden.
Aber in dieser Vorbereitung haben sich im Vergleich zu den Vorjahren zwei wesentliche Änderungen ergeben. Zum einen trainiere ich mit meinem Triathlonverein, erstens eine supernette Truppe, mit der man Spaß am Training hat. Außerdem aber auch echt fitte Jungs wo man sich auch mal den Arsch aufreißen muss um beim Intervall an den Fersen des Vordermanns zu bleiben. Der zweite Aspekt ist, dass ich vollständig auf Freilufttraining umgestiegen bin. Das Wetter in diesem Jahr hat es ja einfach hergegeben, aber ich glaube auch wenn es winterlicher gewesen wäre, hätte ich im Vergleich zum Vorjahr auf viele Laufbandeinheiten verzichtet und mich draußen einfach witterungsgerecht angezogen. Ich merke es vor allem an der Flexibilität in Wettkämpfen auf Mitläufer zu reagieren. Auf dem Laufband läuft man exakt das eingestellte Tempo und ich glaube das prägt dann auch für den Wettkampf – man ist einfach nicht in der Lage auf Tempowechsel zu reagieren. Außerdem wird es schwierig sich weiter zu entwickeln. An einem guten Tag läuft man trotzdem das eingestellte Tempo und kann nicht einfach einen neuen Temporeiz einstreuen. Ganz anders, wenn man draußen und mit Freunden trainiert.

Wie gut die Vorbereitung tatsächlich läuft, habe ich dann auch erst am ersten Märzwochenende erfahren, als ich den ersten Testwettkampf lief. Es war ein 10km-Lauf und laut Trainingsplan hätte ich irgendwas zwischen 38:30 und 39:30 laufen müssen (ersteres wäre schon Bestzeit gewesen). Es wurde eine völlig surreale 37:31 und so ging es über die nächsten Wochen auch weiter. 20km in Celle in 1:18:36, Halbmarathon Berlin in 1:21:23 – da war einfach Umdenken in neue Tempodimensionen angesagt.

So wusste ich also vor dem heutigen Marathon, was ich theoretisch laufen kann. Ganz auf die Spitze getrieben hätte ich es auch auf eine 2:51 anlegen können – das ist nämlich nach Steffny die umgerechnete Marathonzeit aus dem Berliner Halbmarathon zwei Wochen zuvor. Aber der Reiz sicher unter 3 Stunden zu bleiben war einfach zu groß. Wenn man wie heute seine Bestzeit um 13 ½ Minuten verbessert ist es m.E. schon ein Unterschied, ob es von 3:28 auf 3:14 ist oder eben der Sprung auf unter 3 Stunden. „Hinter der 3-Stunden-Marke muss man erstmal einen Haken machen und dann darf ich mir Gedanken machen, wie es weitergeht“, so war mein ehrfurchtvoller Gedanke bis heute mittag um 13:25 Uhr.

Jetzt aber zum Wochenende in Rotterdam. Freitag abend kam ich per Zug recht unspektakulär – d.h. ohne übliche Verspätungen o.ä. in Rotterdam an und fand den Gedanken ganz reizvoll die 3km zu meinem Hotel gemütlich zu spazieren, statt nach der erstbesten Straßenbahn zu suchen. Ich hatte mich mit der Stadt im Vorfeld nicht wirklich beschäftigt und wollte so erste Eindrücke gewinnen. Diese waren durchweg positiv, dennoch war ich dann auch froh gegen 22 Uhr im Hotel zu sein und mich mit meinem Buch auf’s Bett zu setzen. Ziel der frühen Anreise sollte schließlich auch sein maximal entspannt am Sonntag ins Rennen zu gehen.
Für Samstag hatte sich Khai angekündigt, verfolgte aber für sein gesamtes Wochenende das gleiche Ziel wie ich für den Samstag – maximal entspannen. Sein Flug hatte Verspätung und so hatte ich fast zwei Stunden Zeit im „Picknick“ einer phantastischen Frühstückslocation den Morgen zu genießen und dabei auch einen Italiener und eine Schottin kennenzulernen, die tags drauf ihren ersten Marathon laufen wollten.

Einzige Ausnahme vom Maximal-entspannen-Modus sollte der AD Mini Marathon sein. Dieser 4,2km-Lauf wurde bei der Marathon-Anmeldung angepriesen und da ich ja sowieso eine 30minütige Vorbelastung laufen wollte, habe ich gleich gemeldet. Das mit den 30 Minuten hatte ich mir aber anders vorgestellt – der Plan war das Ding so ähnlich wie z.B. den Berliner-Frühstückslauf am Vortag des Berlin-Marathon zu laufen. Dieser ist nicht gezeitet und alle laufen entspannt die kurze Strecke ab und bekommen hinterher ein kostenloses Frühstück. Der Rotterdamer Mini Marathon war gezeitet und da sind mir gehörig die Pferde durchgegangen. Ich war schon im vorderen Drittel der rund 2.100 Teilnehmer aufgestellt und stellte schnell fest, dass vor mir ganz viele Jungs unterwegs waren, die ganz offensichtlich nicht tags drauf den vollen Marathon laufen werden und in diesem Rennen um ihr Leben liefen. Es reizte mich zu sehr live dabei zu sein wenn einer nach dem anderen einbricht und habe dann doch auch in den Tempo-Modus geschaltet. Immerhin hat es sich gelohnt, denn das Schaupiel trat tatsächlich ein. Da waren so Fälle dabei, die den ersten km in unter 3:30 gelaufen sein müssen und dann von einer Sekunde auf die andere einfach stehen blieben. Nach knapp 1,5km kam ein Wendepunkt und ich konnte mich orientieren wer den da vorne wohl wirklich laufen konnte, musste aber auch feststellen, dass doch ein paar dabei waren. Da war ich noch irgendwo auf Position 100 unterwegs. Ich sammelte weiter ein und nach gut 3km war das Feld vernünftig sortiert. Ca. 20m vor mir war noch eine Dreiergruppe und ich hätte sie wohl noch bekommen. Aber da siegte die Vernunft. Letztlich überholte ich kurz vor dem Ziel nur noch einen der drei, einen Tunesier. Dies hat immerhin dazu geführt, dass ich als bester Ausländer geführt werde – ich wurde Neunter. Das Problem dabei war, dass ich das Rennen in einer 3:35-Pace gelaufen bin – Steffny wollte von mir einen 5:40-6:00-Pace-Lauf über 30 Minuten.

Damit immerhin die 30 Minuten voll wurden, lief ich nach einem Getränk im Ziel gleich weiter zum Hotel. Es war ganz schön schwierig so ganz zu entschleunigen und die km gingen immer noch in 5:00 weg. Aber das war jetzt auch schon egal. Mich überkam unter der Dusche dann ganz schön das schlechte Gewissen, was ich da für einen Quatsch gemacht habe. Was, wenn sich das beim Marathon rächt?

Ich lag nach einer leckeren Pizza mit Khai und langen hochphilosophischen Freundschaftsweisheiten am Rotterdamer Hafenbecken um 23 Uhr im Bett und brauchte geschlagene 2 Stunden um einzuschlafen. Es gingen mir doch einige Gedanken aus der Sportwelt und dem Leben allgemein durch den Kopf. Analog war ich am nächsten Morgen hundemüde als der Wecker klingelte. Als erstes horchte ich in meine Beine rein, ob noch Überbleibsel von gestern bestanden. Erster Eindruck: „Sollte passen“. Dann ein Blick aus dem Fenster: 12 Grad und strahlend blauer Himmel. Die Rahmenbedingungen sollten keinerlei Ausreden für ein mögliches Scheitern bieten.

Das Prozedere bis zum Start hat ja mittlerweile schon eine gewisse Routine bei mir, wenngleich Rotterdam in einigen Aspekten schon ganz anders ist als die sonstigen Marathons, die man so läuft. Es gibt keinerlei Kleiderbeutelabgabe – ein großes Umkleidezelt und man lässt seinen Beutel halt unter einer der vielen Bänke liegen. Machen alle, so gesehen sollte es also funktionieren. Ich habe auch noch nie bei einem Marathon so wenige Dixi-Klos im Startbereich gesehen, aber auch noch nie so kurze Schlangen davor. Keine Ahnung wie, aber es hat sensationell funktioniert.

Und dann war auch schon Startschuss. Meine Renntaktik war auf 2:56:59 ausgelegt. Da mir nichts anderes eingefallen war, habe ich die Zielzeit mal im Greif-Taktikrechner im Internet eingegeben und das Ergebnis als Plan für den Sonntag genommen: 15km in 4:14-Pace, km16 bis 25 in je 4:07 und dann den Rest in 4:11 nach Hause laufen. Obwohl ich in meinem Startblock keine 10 Meter von der Startlinie entfernt stand, war es die ersten Meter sogar recht voll. Der erste Blick auf die GPS-Uhr sagte 4:30-Pace, also ein paar Slalom-Einlagen und auf Tempo kommen. Der km ging dann in 4:11 raus und ich hatte freie Laufbahn.

Der zweite km war dann eine 4:04 und genau hier war meine Renntaktik auch schon im Eimer. Es fühlte sich total entspannt an und ich hatte alles andere als Lust jetzt 10 Sekunden pro km rauszunehmen. Meine besten Marathons bin ich sowieso nach dem Motto gelaufen: „42mal die gleiche Pace“, also „scheiß auf Taktik“. Stattdessen konzentrierte ich mich darauf immer eine einzelne Person oder eine Gruppe zu haben, mit der ich einen Rennabschnitt gemeinsam angehen konnte. So verflogen die km und das ist auch eigentlich die ganze Geschichte des Marathon.

Die Strecke ist super flach und super schnell. Rotterdam als Stadt ist insgesamt total beeindruckend (hat mich positiv überrascht), aber die Sehenswürdigkeit ist halt die Stadt an sich – so hatte der Parcours eigentlich keine Highlights, wie ein Brandenburger Tor, einen Eiffelturm o.ä. zu bieten. Als Pace pendelte sich so die 4:07/4:08 an, ich war aber auch davon ausgegangen, dass ich hinten raus bei über 4:10 landen würde. Tat ich aber nicht.

Die km 15 und 16 fiele mir als diejenigen auf, die ich überhaupt nicht wahrnahm. Bei 14,5 kramte ich mein erstes Gel aus der Tasche, weil ich die angekündigte Verpflegungsstelle erwartete. Doch statt direkt hinter km 15 kam diese nach dem Schild für km16. Dazwischen war aber – gefühlt – eigentlich nur eine Linkskurve. So sehr war ich im „Flow“. Mit km16 ging es genauso – auch später kamen immer wieder so Teilabschnitte.

Halbmarathon war dann bei 1:27:49, aber das spielte auch alles keine Rolle. Bei km 28 war man dann kurz wieder in der City und durch die Areale gelaufen, die wir am Vortag erkundet hatten. Toll war dort vor allem aber auch die Stimmung. Wobei man die insgesamt hervorheben muss. Der Rotterdam-Marathon wirbt schon damit – es ist aber auch wahr. Sobald an der Strecke eine U-Bahn-Station in der Nähe ist, ist dort der Teufel los. Es hatte jeweils etwas von Alpe d’Huez oder in Triathlonsprache dem Solarer Berg, wenn die eigentlich total breite Straße durch Menschenmengen auf 2m Breite verengt wird und nur noch lautes Geschrei und Jubel zu hören ist. Das ist bestimmt 12 bis 15 mal entlang der Strecke der Fall.

Die km30 bis 32 läuft man eine Straße, die man in Gegenrichtung dann bei 39 bis 41 passiert. Genau dort kam uns auf der anderen Straßenseite die Spitze entgegen. Die Jungs hatten es also gleich geschafft und die Uhr über dem Führungsfahrzeug zeigte 1:58 Stunden. Ich musste noch eine Stunde, aber das war ok – ich fühlte mich immer noch sehr gut. Es kam dann aber im Kopf ein wenig die Frage auf, was wohl in der Stunde passieren würde. „Ein Marathon beginnt bei km30“ ist doch der Standardspruch. Oder „Bei km30 wartet der Mann mit dem Hammer“ und ich habe diesen auch schon das eine oder andere Mal persönlich getroffen (bzw. er mich). Was würde jetzt wohl kommen? Hatte ich mir die ganze Zeit etwas vorgemacht und doch zu schnell gestartet? Die Trainingsläufe gingen bis maximal 35km, gleich würde wieder die große Unbekannte kommen. Zweifel kurz im Kopf, aber die Beine waren immer noch gut unterwegs.
Ich hielt es dann stattdessen mit einem Spruch von meinem Lauftrainer vom letzten gemeinsamen Training am Dienstag. Till sagte dort „Daniel, denk bei km32 an mich und hau nochmal einen raus“. Also dachte ich bei km32 an Till und haute nochmal einen raus. Okok, dieses „Raushauen“ bestand daraus, dass ich das Tempo einfach respektlos weiterlief. Soweit nix neues, das tat ich ja schon seit gut 2 Stunden. Neu war, dass es ab sofort keinerlei Sinn mehr machte nach Gruppen oder Mitläufern zu suchen. Ich war weit und breit der schnellste, denn jeder um mich rum und vor mir musste Federn lassen. Ich bin ab km32 tatsächlich kein einziges Mal mehr überholt worden – im Gegenteil, habe bestimmt nochmal 100 Plätze gut gemacht.
Einzige Ausnahme war ein Läufer im roten Shirt, der mir schon so zwischen km5 und 10 als Windschatten gedient hatte, danach aber offensichtlich schneller unterwegs war als ich. Als ich ihn überholte heftete er sich nochmal dran und wir liefen so zwischen km35 und 39 gemeinsam. Das tat gut und machte es nochmal kurzweiliger. Er fiel dann aber endgültig zurück. Ich habe einmal sogar Tempo rausgenommen und sagte ihm „Komm mit, die 3km ziehen wir jetzt auch noch durch“. Aber er war durch und sagte ich solle laufen.

Jetzt war ich auch an der Straße, wo ich eben noch die Spitze gesehen habe. Da dachte ich noch „die Jungs können jetzt entspannen, sind gleich da“. Und da ich jetzt hier war, tat ich das auch. Da es Richtung City ging, waren wieder viele, viele Zuschauer da und gerade hier waren ganz viele Bands und DJs aufgebaut, die einfach nur Party gemacht haben. Um Kurzweile zu empfinden brauchte ich ab jetzt keinen Mitläufer mehr. Es begann das große Schaulaufen, ich wusste auch, dass hier absolut nichts mehr anbrennt. Es konnte kein Krampf kommen, kein Einbruch, kein Hungerast – alles völlig unmöglich. Ab jetzt musste ich das Ding nur noch nach Hause laufen.

Der km40 ging dann auch mal prompt in 4:01 raus und ich setzte schon mein Dauergrinsen auf. Auf den letzten 1.200m waren Zuschauer-MASSEN und ich fing an mit diesen zu spielen. Riss ich immer wieder beide Arme hoch jubelten beide Straßenseiten. Hielt ich meine Hand an mein rechtes Ohr, jubelte die rechte Seite und umgekehrt – sehr witzig. Ich habe auch noch nie so oft in kurzer Zeit meinen Namen gehört „Chut chemacht, Daniel“ war der Standard im typischen niederländischer Halskratzensprache.

Es war ein Fest und dann kam die Ziellinie immer näher und ich musste meine eigene Party stoppen. Ich hatte vor lauter Feierei versäumt, dass meine GPS-Uhr mir für km42 eine 3:49 testiert hat. Das ist aber auch gleichzeitig der einzige minimale Vorwurf, den ich mir mache. Ich habe verpennt zu sehen, welche Endzeit es jetzt wohl werden würde. Und so wurde es eine 2:55:04. Super geil eigentlich. Und die 2:55 ist auch keine Zeitgrenze um die ich mich ärgere, dass ich sie um 4 Sekunden verpasst habe. Aber bei der Meldung für Boston wird jedes Jahr in 5 Minuten-Blocks vorgegangen. Mit einer 2:54:59 hätte ich mit der zweiten Welle melden können – der Gedanke war vor 3 Monaten für mich noch unvorstellbar. Letztes Jahr bin ich um 19 Sekunden an der Boston-Quali gescheitert, jetzt bin ich eine „BQ minus 15“ gelaufen. Ich bin 2015 ganz sicher dabei, aber allein die Tatsache mit der zweiten Welle zu melden wäre schon sexy gewesen.

Im Ziel war es dann gleich wieder vergleichsweise unspektakulär. Wieder einmal bestätigte sich der Eindruck, dass man um eine gute Zielverpflegung keinen der großen Marathon laufen darf (Rotterdam ist ein IAAF Gold Race und statistisch gesehen der drittschnellste Marathon der Welt). Es gab genau eine Banane, zwei Becher Iso-Drink, einen Becher warmen Tee und als ich dachte jetzt kommen die leckeren Sachen war ich auch schon wieder im gemischten Bereich mit den Zuschauern.

Das einzig aufregende im Zielbereich war das kurze Gespräch mit dem Läufer im roten Shirt, mit dem ich die meisten km zusammen gelaufen war. Ich habe hinter der Ziellinie auf ihn gewartet und wollte mich zumindest für die gute Zusammenarbeit und seine Hilfe bedanken. Einmal erledigt bedankte er sich und konterte mit einem tollen Kompliment. Er sagte er hätte mich schon im Startblock gesehen und anhand meiner Statur nicht vermutet, dass ich solch eine Zeit laufen könne. Er ergänzte dann sofort, dass er jetzt aber wüsste „you are a very strong runner“. Das hat mich sehr sehr gefreut!

Dafür gab es super Duschen, schön warm und eigene Kabinen. Da ja erst 306 der rund 18.000 Teilnehmer vor mir im Ziel waren, konnte man auch gemütlich duschen ohne irgendwen warten zu lassen. Im Zielbereich gab es auch ein offenes WLAN, sodass ich gleich mit ein paar wenigen Leuten, die mir in dem Moment besonders wichtig waren Kontakt aufnehmen und den Moment genießen konnte. Dann galt es aber auch gleich zu Khai weiter zu ziehen und das geleistete ordentlich zu feiern. So standen ein paar Bierchen in der Rotterdamer Sonne auf dem Programm und die waren auch mit die leckersten meines Lebens.

Jetzt sitze ich im Zug und hoffe nach Plan um 0:55 Uhr daheim zu sein. Morgen früh geht es dann gleich zur Arbeit. Offen gestanden macht sich eine leichte Panik breit. Zuletzt hatte ich es nach dem Ironman, dass ein Großteil meines Lebens auf einen Tag ausgerichtet war und als der dann vorbei war die große Frage des „Und jetzt?“ kam. Die nächsten 3 Tage werden wohl recht stressig, einiges an Kram war im Job und privat liegen geblieben, was aber vor meinem Urlaub wirklich erledigt sein muss. Und dann geht es Donnerstag in die USA. Ich hoffe dann wieder entspannen zu können und vor allem den Boston-Marathon als 42,195km lange Ehrenrunde zur heutigen Leistung angehen zu können. Da muss ich aber erstmal hinkommen und in den 2 Wochen Urlaub nach Boston kann ich mir dann auch mal Gedanken um Antworten auf die Frage „Und jetzt?“ machen…

5
Gesamtwertung: 5 (5 Wertungen)

Danke!

Herzlichen Glückwunsch zu einem phantastischen Rennen! Und vielen Dank für den Bericht. So geht Fliegen!

LG yazi

Und heute fliegst du durch Boston

Gratuliere zur Pulverisierung deiner Bestzeit! Was für eine grandiose Entwicklung! Meine Daumen für Boston sind gedrückt.

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Selten lese ich...

...was bei jogmap (vor allem in den vergangenen Wochen extrem wenig ;), aber wenn ich von der etwas treueren jogmap-Seele an meiner Seite auf einen Deiner Berichte aufmerksam gemacht werde und den dann auch lese, bin ich üblicherweise beeindruckt.

Es gibt einfach Menschen, die sind zum Laufen geboren. Oder zumindest extrem zuhause darin. Du zum Beispiel.

Ich hoffe schwer, dass Du Deine Fangemeinde weiter mit Informationen darüber fütterst, wie weit Du mal wieder Deine Grenze verschoben hast. Ein Genuss, das zu lesen.

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"What day is it?" asked Pooh.
"It's today" squeaked Piglet.
"My favorite day" said Pooh.

Gratuliere

zur grandiosen Bestzeit und zur extrem beeindruckenden Strartblockproblem-Lösung vor Ort ;-) Rotterdam war also eher als Trainingslauf zu betrachten, stümmts? Dicker Respekt und Beifall von mir.

granreserva


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Die Körper wären nicht schön, wenn sie sich nicht bewegten

Fette Gratulation

Was für ein toller Lauf...freu mich schon auf deinen Boston-Blog...

Gruß stachel

Take your time and remember slow is the new fast ...

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