Benutzerbild von mainrenner

Eigentlich wollte ich gar nicht laufen. Das hatte ich mir jedenfalls auf meinem einsamen Ritt durch die Nacht beim KILL50 vorgenommen. Innerlich schon gecancelt. Aber dann, der Verstand setzte aus, telefonierte ich mit einem euch bekannten Herrn und schwupps, schon war ich angemeldet. Er buchte ein Zimmer und ich machte das Womo fertig. Das eiserne Pferdchen wollte mit uns die Hufe schwingen und so trafen wir uns als bald vor einer kleinen, malerischen Kirche, die von puppig kleinen Häuschen umgeben war, an einem Samstagnachmittag in Belgien.
Es war diesig, neblig, feucht und schnell dunkel. Im letzten Licht versteckten das Pferdchen und ich noch ein Bierchen und eine Cola bei km 55 und schon gings in Richtung Pizzeria, Lasagne und Pizza futtern, dann ab ins Bett.
Wir quatschten noch ewig und irgendwie konnte ich danach kein Auge zu tun. Die Kirche bimmelte pünktlich jede Stunde und ich drehte mich hin und her.
Irgendwann war es dann vorbei, Frühstück, Klamotten an und los. Wir fanden die Halle, wo die Startunterlagen ausgegeben wurden. Für 10 Euronen bekamen wir die Nummer und ein paar Klammern, (danach gabs ein warmes, deftiges Essen und einen Buff).
2 Grad, Nebel aber kein Regen. Schuhwahl? Im Nachhinein die falsche, die Hokas haben eindeutig zu wenig Profil für matschige Gefielde. Und Matsch gab es reichlich.
Naja, wir reihten uns ins Startfeld ein und Pferdchen traf jede Menge Bekannte. Der Sprecher murmelte irgendetwas unverständliches und schon gings los.
Viel zu schnell trabte ich im Feld los, die Wege waren schmal und schon bald staute es sich, dann gings in den Ort hinein, viele Treppen rauf, paar Matschwege, dann viele Treppen wieder runter. Mir taten die Arme weh, ich war kraftlos. Es war unschön. Den Marathon am Wochenende sagte ich in Gedanken schon mal ab. Flasche leer. Hinter mir liefen viele Läufer und ich war genervt, niemand drängelte aber ich fühlte mich trotzdem wie ein Bremsklotz. Obwohl wirklich zu keinem Zeitpunkt jemand nah aufgelaufen ist- eigentlich alles zivilisiert. Trotzdem hatte ich die Nase voll und beschloss fortan mein eigenes 'Ding' zu laufen.
Ich liess alle, wirklich alle Läufer vor! Okay, am nächsten Berg wurde ich noch mal eingesammelt, aber dann war ich wirklich die letzte. Das war eine sehr interessante Erkenntnis. Die Letzte! Aber es beunruhigte mich nicht, vielmehr konnte ich endlich meinen Stiefel laufen, oder gehen, so langsam wie ich wollte, ohne mich andauernd umsehen zu müssen, ob ich jemandem den Weg blockiere. Das war unheimlich befreiend.
Die Gegend war landschaftlich wieder mal sehr attraktiv, und voller Gegensätze. Ziemlich viel verfallenes Gemäuer stand top restaurierten, kleinen Häuschen gegenüber. Schick angebaute Häuser, mit viel Glas und Holz. Ein Augenschmaus. Dazu viel Wasser, kleine Bäche, Staustufen, Wald, Weiden mit vielen Pferden, Rindviehchern, Moos das Felsen überwucherte. Dichtes Grün und schmale Pfade, breite tief vermatschte Wege. Es gab von allem etwas.
Unschön waren die vom Stacheldraht umzäunten Weiden, an denen wir uns vorbei hangeln mussten- die andere Option wäre öftermals ein tiefes Schlammbad gewesen.
Gerade am Anfang versucht man den allzu innigen Kontakt mit Schlamm und Wasser zu vermeiden. Aber nach dem sich paar mal so richtig versenkt hat, der Schlamm über den Schuhen zusammen gelaufen ist, wird man bei der Wegwahl etwas lockerer. Mittendurch, statt aussenrum, ist dann die Devise. Mut zum Matsch!
Die Wege waren ziemlich rutschig und manchmal lief es sich wie auf Eis, die Füße bewegten sich, aber die Richtung war nicht die gewünschte.
Irgendwann kam der erste der 4 VPs. Es gab Wasser. Davon hatte ich schon genug in meinen Schuhen und so lief ich weiter. Mein Wasser war aber wenigstens warm!
Ab und zu spuckte einen der Wald wieder aus und man lief durch eine Ansammlung Puppenhäuser oder, wie in Banneaux, durch einen Wallfahrtsort. Dort soll einem Mädchen mehrfach die Mutter Maria erschienen sein. Die ganze Anlage war sehr eindrucksvoll, eine Heilquelle gleich zu Anfang und ich nutzte die Möglichkeit. Heilwasser. bringt Heil, oder? Vom Trinken wurde abgeraten und so wusch ich mir zumindest eine Hand. Geschadet hat es nicht, obs besser wurde? Zumindest gings weiter. Dann kam nach einer Weile die nächste Verpflegung. Dort gabs Müsliriegel, irgendwelche Getränke und Chips. Und andere Läufer, hey, ich überholte welche, weil ich mir nur ein Stück Müsliriegel schnappte und weiter lief. Ein Biss und as Teil landete in der Tonne. Igittt. Das Ding bestand nur aus Zucker und industriegepresstem 'ichseheauswieHaferflocken). Unessbar. Zum Glück hatte mir dietzrun ein paar kleine Kartoffeln gegeben und ich hatte Brezeln dabei, dazu mein Bier und ein Stück Butterbrot. Also eine Kartoffel verspeist und ein paar Brezeln, ein Schlückchen Bieer und zu mehr konnte ich mich nicht aufraffen. Also weiter. Irgendwann wurde ich dann wieder überholt. Aber ich hatte mich in meine Situation hineingefunden. Alleinsein im Wald finde ich sowieso schön und es schreckt mich nicht. Auch der Gedanke, allein in der Dunkelheit, hat für mich ehr einen Reiz als dass ich mich verlassen und verloren fühle. Man ist im Dunklen so reduziert auf den Blick im Lichtkegel der Stirnlampe, die Sinne schärfen sich, die Suche nach den Markierungen nimmt einen so in Anspruch, dass man keine Gedanken an Negatives verschwendet. Aber bis es Dunkel werden würde hoffte ich noch ein paar Kilometer hinter mir zu lassen. Langsam aber sicher sammelte ich immer mehr Läufer ein. Dann die nächste VP bei 46km. Ich brauchte Zucker und so nahm ich ganz mutig etwas Tee. Kein Süßstoffgeschmack- also schlürfte ich das warme süße Gesöff und weiter gings. In der Zwischenzeit hatte ich diverse Feldentwässerungsgräben der Länge nach durchlaufen, ein paar kleinere Brücken überquert und war durch mindestens einen Bach balanciert. Eigentlich dämlich, denn die Schuhe hätten dringend ein Bad gebrauchen können.
Ein belgischer Läufer lief auf mich auf und wir quatschen bisschen auf Englisch und der Weg zog unter uns durch, sammelten wieder ein paar Läufer ein. Dann endlich km 55 wo meine Cola und ein frisches Bier standen. Dort habe ich erst mal ausgiebig Pause gemacht, mein halbes Brot gegessen, die Flaschen gefüllt, Cola geleert und die Stirnlampe ausgepackt. Das Läuferfeld zog mal wieder an mir vorbei. Aber kein Problem...ich trottete weiter und hätte mich fast verlaufen, die Strasse war einfach zu verlockend, im letzten Moment bog ich doch noch ab und der Wald verschluckte mich wieder. Wieder rauf auf einen Hügel, Lampe an und ein paar Läufer eingesammelt. Dann gings mal wieder richtig steil einen Berg hinab. Man wustte kaum, wie man die Füße setzten sollte und so setzte man sich statt dessen auf den Hintern. War eh alles matschig und somit EGAL. Dann einen hübschen welligen Waldpfad entlang, rauf auf einen anderen Hügel- über ziemlich rutschige Steine. Weiter hügelig, hoch runter, wieder an Stacheldrahtzäunen vorbei. Das war teilweise wirklich grenzwertig, denn die Weide war 1m tiefer gelegen als der Weg, dh die oberste Reihe Draht lief auf Höhe der Wade entlang, beim Abrutschen vom Pfad hätte man unweigerlich mit der Hüfte drin gehangen, die Waden in der unteren Reihe Draht, Knie mittendrin. Besser nicht dran denken.
Dann VP bei km 63. Meine Uhr war schon lange aus, so dass ich weder eine Zeitvorstellung hatte noch wirklich wusste wie viele Kilometer noch kommen würden. Die vorherigen VPs waren nämlich nicht an den angegebenen Kilometerpunkten. Ich wusste nur eines, ich brauchte noch bisschen Zucker. Es gab Zitronenlimonade. Ich dachte an Sprite, es war tatsächlich flüssiger Zucker mir Zitronengeschmack. Ohne Rücksicht auf irgendwelche allergischen Reaktionen kippte ich einen Becher runter und lief weiter. Vor mir gingen ein paar Leutchen und ich fühlte mich jetzt endlich halbwegs gut, und nicht mehr so kraftlos, so dass ich lief. Immer schön nach Markierungen suchend, weiter. Es wurde wieder steil und matschig. Aber so kurz vor dem Ziel war es nun wirklich total wurscht und ich lief mittendurch. Rutschig war es eh, nass war es auch also so what? Irgendwann sah ich den Rucksack von dietzrun. Ihn glaubte ich schon lange im Ziel und ich freute mich richtig ein bekanntes Gesicht zu sehen. Wieder wellig, matschig, rauf runter, ein bisschen Strasse, dann wieder in den Matsch und dichten Wald. Irgendwann hörte ich dann die Musik am Ziel und ein letzter Hügel. Ich ging, wurde noch mal überholt und dann endlich war ich da! Startnummer zeigen, abgeben, buff dafür bekommen, zu Dusche gehen. Vor der Duscche traf ich dann noch einen Läufer den ich nach dem letzten VP überholt hatte und der mir dort erzählte, wie fertig er sei...und doch war er vor mir im Ziel. Überholt hat er mich allerdings nicht! Wunder gibt es immer wieder...
Die Duschen waren heiß und nach dem ich meine Matschklumpen abgestreift hatte, genoss ich das Duschen ausgiebig. Das eiserne Pferdchen war schon lange vor mir im Stall und sie besorgte Mülltüten für die Schuhe und versorgte mich mit Buttermilch. Einfach nur schön. Zusammen machten wir uns auf zu dietzrun, quatschten, aßen und schließlich gings wieder Richtung Womo und ein tolles Lauferlebnis ging dem Ende zu.
Olne Spa Olne, ein Lauf den man sich merken muss. Schade, dass die homepage so wenig aussagekräftig ist. Es gibt nämlich zB die Möglichkeit an alle 4 Vps eigene dropbags liefern zu lassen...viel spannender ist es natürlich, vorher Eigenverpflegung im Wald zu verstecken...
Die Gegend ist auf jeden Fall eine Reise wert, der Lauf für 10 Euronen ein absoluter Kracher. Zwei UTMB Punkte gabs noch obendrauf. Tolles Wochenende, Dnake Pferdchen, Dnake dietzrun!!!

4.8
Gesamtwertung: 4.8 (5 Wertungen)

Ja, es war schön!

Und Dein Bericht auch!
Man kann es nicht oft genug sagen: 10 (ZEHN) Euro für ein geniales Erlebnis.
Schon bei Carla wunderte ich mich, daß sie die Startnummer abgab, mussten das nur die Frauen? Ich hab meine noch.

Liebööö Madame Mainrennöööör,....

es war tut zwiet charmant miet Eusch dort Fangooo zu tanzööön!!!
Isch war sööö fröööh, dass Dein Ühr nur ausgögangön und nisch verloren gögangön ist!
Und mon cherry dietzrun, dör Büff is nisch so schön für Männör (weiß und langweilig), abör wenn Dü willst, schönk isch Dir meinön gern für diese wundervölle Gösellschaft mit Eusch beidöön! ;o))

Freuöö misch sehr auf charmante Läufööö mit Eusch in Zukünft! :o)

Merci beaucoup!
Carla

"Mancher rennt dem Glück hinterher, weil er nicht merkt, dass das Glück hinter ihm her ist, ihn aber nicht erreicht, weil er so rennt!" (Bert Hellinger)

Thank you very matsch

für den Bericht.
Fango für alle ;o)

LG,
Anja

Zum Glück

kenne ich mittlerweile so einige UltraläuferInnen und kann daher an deren unglaublichen Erlebnissen dank ihrer immer wieder interessanten Berichte teilnehmen. So kann ich Ultras miterleben, ohne sie laufen zu müssen bzw. können. Und es fasziniert mich immer wieder.
Glückwunsch zu diesem wahrhaft matschigen Laufe!

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

K(l/r)asse(r) Bericht ...

... herzlichen Glückwunsch zum Finish, ihr hattet leserlich viel Spass und Freude in Belgien. Zuletzt war ich da nur auf der Durchreise zu meinem ersten Lauf außerhalb Deutschlands unterwegs.

Und was soll ich sagen, irgendwie finden diese Ultraberichte langsam Anklang in einem Teil meines Hirns - weit, weit hinten im Unterbewusstsein. Ich könnte mir vorstellen... also irgendwann einmal... und ich glaube, ich habe gestern sogar zu meiner Frau geäußert, dass bei meinem derzeitigen Endziel, ein Marathon vor dem 40. Geburtstag zu beenden, noch nicht Schluss sein muss?!

Aber bis dahin fließt noch viel Wasser die Wege Belgiens hinab und ein Langer davon liegt wohl noch vor mir!

Gruß aNGUS SchuAn.


Aller Anfang sollte leicht sein, schwerer mach ich's mir ganz von allein!

Danke für den Bericht

wieder ein Lauf, den ich NICHT machen werde, aber von dem ich voller Respekt höre! Die belgischen Läufe haben was; ich kenne ja den Dodentocht. Wenig Geld aber viel was man dafür bekommt. Könnte man hier auch mal überlegen ....

Saarvoir courir - laufen wie bekloppt im Saarland

Und wieder ein Lauf auf der Liste der Läufe ...

... die man mal laufen könnte. Ist eigentlich klar. Wo Uwe, das Pferdchen und Du auftauchen, is was interessantes zu erwarten.
Glückwunsch zum Matscherlebnis.
;-)
PS: beim Brocken-M hab ich genau aus dem Grund noch mal die alten Treter genommen. Nur bei mir wars dann gar nich so schön matschig.

klingt so...

...als könnt ich den auch laufen. aber wenn frau mainrenner über so´n ultra schreibt, klingt das immer so, als ob man das einfach laufen kann. isch trau dat nisch!!
danköööö...
____________________
laufend hat auch ma wieder bock auf matsch: happy™

"man muss es so einrichten, dass einem das ziel entgegenkommt." (theodor fontane)

Irgendwie

bekomme ich beim lesen riesen Hunger.
Müsliriegel, Bier, Chips, Butterbrot, Pizza, Kartoffeln usw. :-)

Und dazwischen noch ein wenig laufen.

Super was ihr da gerockt habt.
Glückwunsch!!

LG
Fraggle

Wieder mal ein super

Wieder mal ein super Bericht. Vielen Dank fürs mitnehmen!! Ein Lauf wie für dich gemacht. Alles dabei Wald, Einsamkeit,Dietzrunn, Pizza, nette Mitläüfer, Bierchen, Brezeln, Kartoffeln und Pizza. Als Krönung eine Schlammpackung. Was willste mehr? Einfach Perfekt.

Der Reiz des Unmöglichen besteht darin, es irgendwann doch zu ereichen.
Helden gesucht!

gegen den Lauf in deinem Wohnzimmer

hättn wir auch nix gehabt:)
War knackig, aber schaffbar, auch weil es ein sehr großzügiges Zeitlimit gab und man ohne Druck, ganz nach gusto, laufen konnte...
...to infinity and beyond...

Super Preis-Leistungs-Verhältnis

und saustark durchgezogen. Und wann erholst Du Dich?

Genau! ..

... Just da fielen mir wieder die gebratenen Scheiben Thüringer Klöße ein, die hier noch in der Küche stehen. Leckere selbst gemachte Klöße und dann gebraten. Es gibt fast nix besseres.
Die schmecken grad richtig gut.
Dnake.
;-)

Ich halt's mit Strider.

Wieder ein Lauf den ich nicht laufen würde, weil ich es auch gar nicht könnte. Und das, obwohl man so klasse darüber schreiben kann.

Gruß

Sirius
...der lieber kurz und trocken rennt.

Hey....

welch wunderschönes Lauferlebnis! Da wird man sofort neidisch! Ich laufe auch sehr gern allein im Dunkeln, aber eigentlich nur, wenn ich den Weg kenne. Ich habe ziemliche Angst, mich zu verlaufen. Auch das ist sicherlich Trainingssache und darin hast ja jede Menge Übung;-) Ich habe großen Respekt vor deiner Leistung!

Lieben Gruß
Tame

können wir ja mal

zusammen üben:)...und Dnake...to infinity and beyond...

Aber sowas von gern !!!

Setz mich mal rechtzeitig über deine Pläne in Kenntnis ;-)

Lieben Gruß
Tame

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