Benutzerbild von skydiver38

Viel wird und wurde bereits geschrieben über den Sinn bzw. Unsinn von hohen Umfängen während spezifischer Trainingsphasen. Gern würde ich mich da einreihen mit einem Selbstexperiment!
Da ich mich noch nie ernsthaft mit einem bestimmten Trainingsplan auseinandergesetzt habe, sondern mein Training in Wochenphasen mehr oder weniger nach Gefühl und subjektiver Sinnhaftigkeit einteile, kommt es manchmal zu überraschenden Ergebnissen. Eines ist jedenfalls sicher: eine dauerhafte Steigerung der Leistungen ist damit wohl eher unwahrscheinlich, aber ein blindes Huhn kann auch Strategien entwickeln, um immer häufiger ein paar Körner zu finden.

Jetzt also in dieser Woche (25.11. bis 01.12.) -- 200 km laufen.
Kann ich das?
Oder - eher noch schwieriger zu beantworten - WILL ich das überhaupt?
Und WARUM?
Das lässt sich schon leichter beantworten.
Diese Saison lief's nicht so rund. Kniebeschwerden nach einem Bänderriss am rechten Fußknöchel ließen mich monatelange pausieren. Im Sommer wieder Trainingseinstieg und der Ehrgeiz war auch wieder da, als ich Mitte August im Training einen Marathon lief. Im Oktober dann zwei Wettkämpfe, Marathon in Welver und Röntgenlauf. Letzterer mit einem Ergebnis von 6:34 h, womit ich wirklich zufrieden bin.
Doch eins blieb mir diese Saison leider versagt: die Teilnahme bei einem 24h-Lauf. Nach der fantastischen Erfahrung 2012 am Seilersee wollte ich dieses Jahr unbedingt meine Einstiegsmarke von 145km steigern. Aber wie es halt so oft ist, lassen sich die wenigsten Sachen wirklich planen.

Jedenfalls bin ich gerade ganz gut wieder im Training, mal Wochen mit 115km, dann wieder nur 55km. Trotz aller Bemühungen, einen Rhythmus von 3:1 (Leistung : Regeneration) einzuhalten, klappt das nicht immer so gut. Das gewöhnungsbedürftige Novemberwetter trägt sein übriges dazu bei.

Mein Licht am Horizont, der Leistungstest des Status Quo, könnte eventuell der 21./22. Dezember beim LangsteNachtLoop in Driehuis (NL) stattfindende 24h-Lauf sein. Einmal noch im alten Jahr die neue Form testen! Was kann ich, was kann ich nicht? Kann ich Kälte, Dunkelheit, 400m-Bahn-Monotonie? Es wäre ein Versuch wert!

Aber vorweg ein weiterer Test -- 200 km in dieser Woche. Wenn ich irgendwann einmal 200km im Wettkampf schaffen möchte (ich weiß, ehrgeiziges Ziel), dann sollte man es in einer Woche schon mal schaffen. Und diese Woche passt bei mir gut, ein paar Termine fallen aus.

Montag, 25.11. -- TAG 1 --

Meine Arbeit am Nachmittag fällt aus, somit habe ich viel Zeit. Um 6:50 Uhr (für mich früh...) klingelt der Wecker. Den Trinkrucksack habe ich schon am Vortag gepackt, mit Clementinen und Riegeln, Ausweis, Semesterticket, Geld, Handy, iPod etc. Die erste Trainingseinheit beginnt direkt vor der Haustür: ich muss zur Bahn sprinten, um den Zug nicht zu verpassen.
Um 8:00 Uhr fahre ich vom Kölner Bf West zum Bonner Hbf. Dort ist der Start für meine erste lange Kante diese Woche. Die Devise ist relativ einfach: Von Bonn nach Köln am Rhein entlang bis nach Hause.
Meine Garmin muss sich erst noch orientieren, aber um 8:35 stehe ich am Busbahnhof in Bonn und laufe los. Nach 1000 Metern bin ich am Rhein und nun folge ich dem Fluss stromabwärts. Der Himmel ist grau und bedeckt, aber das kennt man schon aus den vergangenen Tagen. In den folgenden Stunden laufe ich einen Schnitt meistens so zwischen 6:30 und 6:40. Zu jeder vollen Stunde gibt es entweder einen Riegel oder eine Clementine.
Ich fühle mich wie ein Zeitlupenzug. Flussarme, Schiffe, Wolken, Bäume, Enten, Sträucher, Radfahrer, Spaziergänger ziehen an mir vorbei...oder ich an ihnen. Der Diesel läuft. Ein eigenartiges Gefühl ist es, nicht anzuhalten. Nicht, um den iPod aus dem Rucksack zu fingern oder ein Taschentuch aus der Packung zu ziehen. Nicht, um die Clementine zu pellen oder den Riegel zu zerpflücken. Na gut, zum Pinkeln halte ich schon an.
Die Stunden vergehen. 9 km sind nach 1:00 geschafft, 18 km nach 1:59, 27 nach 2:58, 36 km nach 3:59 ...
Ich laufe fast ausschließlich am Rhein entlang, ein wunderschönes Gefühl. Diesen Strom gibt es schon seit Jahrtausenden, das Flussbett ändert sich nur geringfügig. Wer hier wohl schon alles vor mir langgewandert ist?
Dann bin ich in Godorf und rieche irgendetwas Chemisches. Die Werke von Evonik & Co. sind zwar Symbol für den menschlichen Fortschritt, aber noch nie wirkten sie so falsch am Platz wie heute.
In Köln angekommen erkennt man schon von weitem dem Dom. Aber das Auge lässt sich täuschen, der Weg bis dahin ist noch sehr weit. Ich laufe an der Promenade entlang und am Dom vorbei. Erst bei der Zoobrücke biege ich Richtung Stadt ab und ärgere mich sofort darüber, dass ich nun manchmal an Ampeln warten muss. Das bringt mich total aus dem Rhythmus! Wie blöd. Aber so ist es halt in der Stadt.
Nach 04:59:54 gelaufenen Stunden und 45,25 Kilometern erreiche ich zufrieden meine Bude in Bickendorf.
Toller Lauf zum Wochenanfang, kann man wiederholen.

Dienstag, 26.11. -- TAG 2 --

Heute habe ich Seminar um 10 Uhr und auch danach nicht mehr so viel Zeit. Also, wenn ich Kilometer schrubben möchte, dann in der Früh.
Mein Wecker klingelt um 6:15 und um 7:05 laufe ich los. Wo soll ich hin? Das entscheide ich auf den ersten zwei Kilometern, bis dahin steht mir vieles offen. Auf dem Kopf trage ich einen Buff und eine Stirnlampe, denn man weiß ja nie, wie dunkel das Unterholz auf den Trails im Norden ist.
Als ich dann aber durch den Park jogge, kann ich kaum glauben, wie schön dort alles ist. Der Raureif benetzt jedes Blatt und jeden Grashalm, im schimmernden Blassblau des heranbrechenden Morgens sehen die Wiesen aus, als hätte jemand sie mit glänzendem Puderzucker übergossen. Wow, toll! Ich bin hin und weg und entscheide mich dafür, den bevorstehenden Sonnenaufgang hier im Park zu genießen. So richtig schnell kann ich heute nicht mehr und die KM pendeln sich bei 5:05 ein. Komisch, das fällt mir sonst viel leichter...ist mit dem Rückblick auf gestern aber auch nachzuvollziehen. Bald geht die Sonne auf und die organge-goldene Farbenpracht ergießt sich über Bäume, Sträucher und Wiesen. Ein Traum!
Um einigermaßen die für heute angepeilten 20km zu schaffen, muss ich sechs Runden im Park laufen. Nach der Hälfte merke ich meine Oberschenkel, die mich daran erinnern, dass ich gestern schon ordentlich was geschafft habe. Weiter geht's!
Schließlich ist es vorbei (und ich bin auch wirklich froh darüber) und es geht wieder nach Hause.
Der Lauf heute in Zahlen: 19,6 gelaufene KM in 01:39 Stunden.

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(Ich klaue jetzt mal einen Begriff von irunfar.com:)
CALL FOR COMMENTS:
- Welche Erfahrung habt ihr mit kontinuierlichen Belastungen gemacht?
- Was haltet ihr generell von solchen hohen Umfängen?
- An welcher Stelle eines Trainings für einen 24h-Lauf würdet ihr eine ähnliche Belastung machen?

Ich glaube, dass ich noch viel lernen kann und würde mich über Antworten freuen.

...Achja, morgen geht's weiter mit ca. 35km.

5
Gesamtwertung: 5 (2 Wertungen)

Ich glaube, lieber Buddy,...

Unterbewusst willst Du eigentlich wissen, ob alles wieder haltbar und belastbar ist nach dem doofen Jahr.
Für mich verständlich.
Pass bei dem kalten Wetter auf und lauf nicht zu schnell, dann wirst Du diese Woche mit Deinen bisherigen Trainingskilometern schon schaffen und wegstecken. Wenn in vier Wochen der Lauf ist, wäre das sowieso einer der letzten Belastungsspitzen im Training, wobei ich einen längeren Trainingslauf am Stück auch für sinnvoller halte als Vorbereitung auf eben diesen 24h-Lauf am Stück. Manchmal geht's aber eben zeitlich nicht anders. Du weißt ja schon, was nach "einfachen" 50-70 km folgt und was dann vom Kopf und Körper gefordert wird, nur vergiss die Rahmenbedingungen, wie z. B. Kälte und evtl Schnee/Regen/Eis nicht, denn es bringt nicht viel, bei schlechten Bedingungen alles zu versuchen und sich dabei schon die nächste Saison zu versauen.
Habe auch überlegt, dieses Jahr noch was viel längeres zu wagen, aber lieber darauf verzichtet, um jetzt 1-2 Wochen etwas zu regenerieren und dann an den Grundlagen zu schleifen, damit ich Anfang 2014 frisch für Neues weiter machen kann.

Falls Du startest, wünsche ich Dir gutes Wetter und starke haltbare Beine und so viele Km, wie möglich!
Am liebsten würd ich ja sogar mitmachen! ;0))

Lieben Gruss Carla
"Mancher rennt dem Glück hinterher, weil er nicht merkt, dass das Glück hinter ihm her ist, ihn aber nicht erreicht, weil er so rennt!" (Bert Hellinger)

zu deinen Fragen ;-)

Ich habe keinerlei Erfahrung mit solchen Umfängen, Wochen mit über 100km haben bei mir schon Seltenheitswert (in diesem Jahr erst eine!).
Trainingstechnisch halte ich das auch für ziemlichen Unfug, wenn man es nicht gewohnt ist! Bei einem Schalk ist das etwas anderes ;-) So als Experiment, um mal zu testen, wie es sich anfühlt, bitte. Braucht man 200 Wochenkilometer für einen 24h Lauf? Ich nicht ;-) Aber vermutlich laufe ich auch zwei Ligen unter dir, mindestens ;-)
Wenn ein Körper 200km/Woche gewöhnt ist wird er das auch verkraften. Wenn ich es von jetzt auf gleich probieren würde müsste ich mit einer Verletzung oder zumindest einer längeren Erholungsphase rechnen (und mein Körper ist schon so einiges an Ausdauer gewohnt).
Was meinst du mit kontinuierlicher Belastung? Nicht mal die Profis laufen ganzjährig Woche für Woche solche Umfänge. Wenn du soviel laufen willst (und es vermutlich eher im "grünen Bereich" machst) wird dein Körper das schon wegstecken, aber besser oder schneller wirst du mit kontinuierlich=gleichförmigem Training wohl nicht.

MIr stellt sich eher die Frage, wo man soviel Zeit her nimmt...

Aber den Lauf von Bonn nach Köln hätte ich auch gerne gemacht ;-) (habe mal in Ehrenfeld gewohnt, da hättest du mich ja absetzen können ;-))

Saarvoir courir - laufen wie bekloppt im Saarland

Die Frage nach dem "Warum"

Wie genial ist denn so ein spontaner Montagmorgenlauf am Rhein entlang von Bonn nach Köln mit diesen Eindrücken. Weiterhin viel Erfolg beim (gesunden) Erreichen deines Wochenziels.

Eigentlich wollte ich ja gestern schon...

... meinen Senf dazugeben, habe es dann aber doch erstmal gelassen. Aber jetzt...

Ich habe zwar noch keinen 24 h Lauf absolviert, denke aber, dass einmal eine Woche mit 200 km nichts dafür bringt.

Ordentlich Kilometer sammeln im Vorfeld und vielleicht mal einen Tag mit mehreren längeren Läufen???? Könnte ich mir vorstellen.

200 km/Woche über Wochen ist machbar... man sollte es gewöhnt sein, um Verletzungen zu vermeiden.

Als Vorbereitung für irgendwas bringt es wahrscheinlich nicht viel, weil bei so einem Umfang geht eigentlich nur noch "LANGSAM" und "TEMPO" wird zum Fremdwort.

Ich bin gerade in der 71. Woche in Folge mit mindestens 200 Wochenkilometern... für alles was länger als Halbmarathon ist und schnell (4 min/km) sein soll, würde mir eben die Kraft fehlen.

Gazelle stimme ich da zu!

Eine Woche mit 200km trainieren ist zwar gut für den Kopf und kann durchaus mal für einen 24h-Lauf probiert werden.
Allerdings würde ich anders an die Sache rangehen:

Welche Strecke willst du laufen? 100km, 150km...
Willst du z.B. 150km über die 24h laufen, dann trainiert man sich die Belastung an. Zunächst eine Woche mit 150km, dann 5 Tage in der Summe mit 150km, 150km in 48h bzw. 36h, je nachdem, wie gut du Körper & Geist auf die Belastung reagiert. Als quasi Generalprobe könnte man dann ca. 14 Tage vor dem eigentlichen Wettkampf die 150km in 24h probieren.

Willst du dann im Wettkampf "einfach drauflos laufen", oder hast du dir einen Plan (Laufen, kurze Pause, längere Pause u.U. mit Schlafen bzw. im Winter Aufwärmen, wann Kleidung und Schuhe wechseln) gemacht?
Aus meiner Erfahrung: Durch die Nacht laufen kann sehr angenehm sein, gerade wenn man weiß, das es nach Sonnenaufgang z.B. "nur" noch z.b. 4h bis zum Zielschuß sind.

Wie geschrieben: So würde ich es angehen; habe mit den aufbauenden Belastungen bislang ganz gute Erfahrungen gemacht.

Wo is´der Sport am schönsten? In´ne Halle!

@staewahn

Wo is´der Sport am schönsten? In´ne Halle!

Neeeeee, vorm Fernseher mit Chips & Bier ;-)

@Gazelle

Hui, diese Variante des Hallensports war bis dato unbekannt ;-))

...muss ich unbedingt mal probieren!

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