... noch konnte viel passieren, noch immer war ich mir nicht endgültig sicher!

Aber ich saß tatsächlich im Auto auf dem Weg zum Glauchauer Herbstlauf. Nachdem ich bereits am Samstag meine Startunterlagen abgeholt hatte, stand ich nun etwas unsicher, was noch zu tun wäre, im Foyer der Sachsenlandhalle. Nach dem ersten Umziehen, stand ich Schnell am Verkaufsstand des örtlichen Sportgeschäftes. Leider musste ich meine treuen, innen gestützen, ersten Laufschuhe noch am Vorabend des Geschehens entsorgen, da im Fersenbereich irgendetwas durcheinander gekommen war. Es drückte unter den Sohlen bei jedem Schritt anders. So gönnte ich mir neue, leichte Laufschuhe und ein zweites Paar wetterfeste für die Winterläufe demnächst. Natürlich weiß ich auch, dass man neue Schuhe nicht gleich im Wettkampf testet, aber die Neutralschuhe wollte ich nicht nochmal anziehen, denn ich habe Ihnen eine Mitschuld an meiner Schienbeinmisere der letzten Wochen angehängt! Und um es vorweg zu nehmen: die Neuen waren eine gute Entscheidung! Zudem sollte es doch ein Genusslauf werden!
Da sich das Wetter ständig änderte, böiger Wind durch die Baumwipfel fauchte und Regenschauer auch nicht auszuschließen waren, besuchte ich die Umkleiden noch 2 weitere Mal, kaufte mir noch ein langärmliges Laufshirt und eine lange Hose. Irgendwann entschloss ich mich dann den Klamotten-Rucksack abzugeben, nicht ohne vorher im Foyer nochmals die Schuhe zu wechseln. Während des Laufs stellte ich schließlich fest, „Du bist zu dick angezogen! Kurz wäre besser gewesen!“

Der Start ließ etwas auf sich warten bzw. war ich etwas früh dran, also lief ich mich noch ein wenig ein, feuerte kurz die Firmenläufer an und unterhielt mich mit einem ehemaligen Tischtennis-Mitstreiter, dessen blinder Sohn ebenfalls über die 10km antrat. Eigentlich wollte er Halbmarathon laufen aber sein Laufbegleiter hat gesundheitlich schlapp gemacht und kurzfristig gabs dann nur noch Ersatz für die kürzere Strecke! Leider traf ich keinen weiteren Bekannten, bin wohl doch schon zu lange weg aus der alten Heimat (sind jetzt 10 Jahre), obwohl nach Recherche in den Ergebnislisten durchaus die Möglichkeit hätte bestehen müssen! Aber bei knapp 2000 Läufern, übersieht man sich wahrscheinlich einfach.

Dann kam der Start. Ich stand, wie schon in Stavenhagen, ganz hinten und als der Schuss viel, war die Startlinie nach geschätzten 15-20 sec passiert. Ich ließ es ruhig angehen und bummelte dem großen Pulk in Richtung Flutgraben hinterher. Wie auf Bestellung war die Sonne heraus gekommen und so wurde mir in meinem neuen, langärmligen Shirt und den neuen, ebenfalls langen Hosen schnell wärmer als einem lieb sein konnte. Entlang der Flutrinne gab es ein wenig Gegenwind, was die „Innentemperatur“ kurzfristig etwas fallen ließ aber spätestens am Stausee bereute ich meine Kleiderwahl endgültig.
Der Weg zum Stausee war nicht so spektakulär, der erste Anblick des Sees dafür herzerwärmend. Eine durch den Herbstwind leicht bewegte Wasseroberfläche glänzte mir im Gegenlicht entgegen. Tausende Lichtreflexionen blitzen mir in die Augen und auf dem Damm reihte sich Läufer an Läufer zu einer bunten Perlenschnur. Ein paar wenige Leute hatte ich im Gegenwind überholen können, dennoch fühlte ich mich jetzt etwas unterfordert. So nahm ich mir Zeit, genoss das Seefeeling und ertappte mich kurz dabei, wie sich meine Augen schlossen. So entspannt lief es sich wunderbar.

Der Verpflegungspunkt war dann eine akustische Ohrenweide. Schon von Weitem war das Trommlerpaar zu hören, das hier richtig Rabatz machte. Sambarythmen im Duett, klasse. Ich lief einen kleinen Bogen, um mich vor den Trommlern zu verneigen und zu applaudieren. Den roten Drunk am VP hab ich dann aber stehen lassen. Zum einen wusste ich nicht, was das war und zum Anderen erinnerte ich mich an den Eichenlauf und meine Drinkversuche dort. Einen klebrigen Bart und Latz wollte ich dann doch nicht riskieren! Nach dem Getränkestand dann das nächste Konzert, vorgetragen von vielen Läuferfüßen auf platzenden Plastikbechern! Könnte man hier nicht große Müllsäcke platzieren?

Die Runde um den ehemaligen Gondelteich war eine eher traurige Angelegenheit. Hier, unter dem bunten Blätterdach, war die Melancholie des Herbstes deutlichst zu spüren. Der Gondelteich lag im Gegensatz zum Stausee still neben der blätterbedeckten Strecke, das ehemalige Ausflugkaffee ist nun mehr eine Ruine und Boote gibt’s auch keine mehr. Ich erinnere mich noch gut, wie man früher unter der kleinen Brücke durchfahren konnte, die Insel umrundete und sich als kleiner Mann, wie ein richtiger Seefahrer, wie ein Entdecker fühlte. Schade, dass diese Zeiten vorbei zu sein scheinen. Irgendwie schienen auch alle Läufer einen Gang runter zu schalten und ich lief auf eine Gruppe auf, aus der eine junge Frau kurz vor mir ausscherte und ersteinmal die Kastanien düngte. Offensichtlich Magenprobleme und irgendwie war ich jetzt, angesichts meiner Entscheidung, das rote Gebräu stehen zu lassen, froh. Dann standen plötzlich zwei ganz sympatische Haudegen in mittelalterlicher Armeekluft am Wegesrand und musizierten mit Blechtrommel und Piccoloflöte. Eine weitere kurze Verbeugung und dann dachte ich mir auf in den Kampf und zog an der kleinen Gruppe vorbei. Wieder vorbei am VP, wo die Becherlavine nicht kleiner geworden war, zurück am Stausee, trommelten sie immer noch. Danke die Dame, danke der Herr, ich durfte sowas zum ersten Mal erleben und bin begeistert!

Die Hälfte der Strecke war nun vorbei und es lief immer besser. Langsam laufen verursacht bei mir den Wunsch nach Mehr und als von Hinten ein Vater mit Sohnemann überholte, wollte ich nun auch etwas schneller werden und blieb an den beiden dran. Der Kleine war vielleicht 12 Jahre alt und lief die 10km Strecke in bravourösem Tempo. Der Vater war eine wahre Sportskanone, was mir seine Statur und die starken Beine verrieten, und fungierte als Bremsläufer und Wasserträger. Mein Sohn ist in einem ähnlichen Alter und da kommen einen ganz spontan neue Perspektiven, was die zukünftige Laufbegleitung betrifft. Ich muss ihn mal fragen!

Die Beiden nahmen mich bis KM 7 mit und dadurch, dass wir zahlreiche Läufer überholten, die auf der 2. Hälfte einbrachen, erwachte mein Wettkämpferherz. So beschloss ich auf den letzten 3 km die Vorsicht aufzugeben, zog an Vater und Sohn wieder vorbei und ließ es laufen. An der Flutrinne entlang nahm mich dann noch der Wind, der jetzt von Hinten schob, mit und so kontte ich noch viele der anderen Herbstläufer überholen. Rüber über die Brücke, am Muldendamm mit Tempo runter und an den Vorsichtigen vorbei, unter der Brücke durch, drüben wieder den schon leicht schmierigen Erdwall rauf, nochmal 3 überholt – kurzzeitig hatte der Lauf Wettkampfcharackter angenommen. Dann etwas unerwartetes. Einen km vor dem Ziel lief ich auf den Sohn meines TT-Kollegen auf und plötzlich stellte mein Kämpferherz seinen Dienst wieder ein. Ich weiß nicht, ob es richtig war aber diesen Teilnehmer konnte ich nicht überholen. Die Beiden kämpften, durch eine kurze Leine miteinander verbunden, gegen die Erschwernisse des alltäglichen Lebens und das im Laufschritt, nein mehr noch im gegenläufigen Gleichschritt, als hätten sie nicht nur am Handgelenk ein Band sondern wären auch an den Füßen fixiert. Bordsteine, Schlaglöcher, niedrige Pfosten, alles wurde sicher umschifft. Ich war fasziniert von so viel Vertrauen des blinden Läufers und von so viel Fürsorge seines Begleiters. Wenn sich die Chance ergibt würde ich das auch mal gern machen und würde mich freuen, wenn ein anderer Mensch mir sein Vertrauen schenken könnte. Großen Respekt an dieser Stelle.

So lief ich den letzten KM wieder entspannt und hatte vermutlich, neben den Siegern, den größten Applaus beim Zieldurchlauf, der natürlich nicht mir gelten sollte. Schön wars trotzdem.

Was bleibt unterm Strich:
10km ohne größere Beschwerden durchgezogen,
deutlich positiver Split mit 54:36 Gesamtzeit bei einer 1. Hälfte in ca. 30 min
43. in der AK 35

Aber das wichtigste ... ganz gaaaanz viele, unvergessliche Erinnerungen an einen wahrlich goldenen Herbstlauf mit Sonne, Wind, Wellen, Rythmus, ein bisschen Melancholie und vielen Lehren sowie neuen Perspektiven für mein 2. Läuferjahr.

Ein Lauf der mein Freund UND mein Lehrer war, besser geht es nicht.

Ich schwelge noch immer,
euer aNGUS SchuAn.

4.5
Gesamtwertung: 4.5 (6 Wertungen)

Glückwunsch zu diesem tollen Lauferlebnis!

Und habe ich es richtig verstanden? Das war deine allererster Wettkampfzehner? Respekt für die gelungene Renneinteilung! Ach übrigens: wenn die zweite Hälfte schneller ist als die erste, dann nennt man das "negativen Split".
Viel Spaß beim Weiterlaufen und noch vielen weiteren Wettkämpfen!

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Erst einmal

Gratulation zu deinem Wettkampfeinstieg und deinem Ergebnis. Die Variante "Laufen mit Sohn" hatte ich mir auch mal ganz prächtig vorgestellt. Wenn das bei dir funktioniert, laß mich wissen wie du es angestellt hast. Ich bin bei dem Projekt zumindest gescheitert, allerdings auch mit der Einsicht, daß wohl nur gaaaaanz wenige tatsächlich Gefallen daran finden mit dem "Alten" über km durch den Wald zu stolpern. Ja, es gibt welche, aber es sind nur wenige die da tatsächlich Spaß dran haben. Frag ihn, probiert es, zu 90% wird es aber nix. Ich schlepp immer den Hund mit, der hat keine Ausreden und freut sich meistens wirklich über ein wenig Abwechslung mit Bewegung an der frischen Luft.

Mal läuft´s und mal läuft´s besser.

@ Sonnenblume2 ...

... ich bin bereits einen Zehner gelaufen. Der Ivenacker Eichenlauf wars und eigentlich sollte der nur zum Reinschnuppern sein. Doch bereits dort habe ich das geplante Ziel für dieses Jahr geschafft (sub 50min) und so konnte ich Glauchau langsam angehen lassen. Aber das musste ich auch. Mehr dazu steht in meinen bisherigen Einträgen! Wenn du Zeit hast, würde ich mich freuen deine Meinung/ deinen Kommentar auch dort zu finden!

Gruß aNGUS SchuAn.


Aller Anfang sollte leicht sein, schwerer mach ich's mir ganz von allein!

@ Don Schultze ...

... mein Sohn hat schon nachgefragt, wann er mal mit mir laufen darf. Zudem hat er bereits einen Lauf für seine Schule absolviert. Ich hoffe ich habe da gute Karten. Aber man wird sehen, wie sich das entwickelt.

Gruß und Danke für deinen Kommentar,
aNGUS SchuAn.


Aller Anfang sollte leicht sein, schwerer mach ich's mir ganz von allein!

Denkt dein 12 jähriger Sohn

Denkt dein 12 jähriger Sohn ersthaft daran mitzulaufen?
Bei meinen undenkbar.
Schöner Bericht!

Herzlichen Glückwunsch zu

Herzlichen Glückwunsch zu diesem tollen Lauf. Einen schönen Bericht hast du da abgeliefert.
Meine Kinder konnte ich ab einem gewissen Alter nie richtig zum mitlaufen bewegen. Als Fuß- bzw. Handballer war das Laufen ohne Ball für sie immer langweilig. Aber jetzt, fernab von Zuhause, schnüren sie doch ab und zu mal die Laufschuhe und drehen auch mal eine größere Runde.

Gruß

Sirius
...der ohne alle seine Kinder rennt.

@rittervonstrele

... ja er hat mich schon gefragt. Ich habe mir gedacht, dass wir vielleicht einen kurzen (max. 5km) Volkslauf als gemeinsames Ziel fürs Frühjahr stecken und dann 2x die Woche gemeinsam ein paar Schafhofrunden laufen gehen? Mal sehen, wie sich das in beider Zeitplanung umsetzen läßt. Schließlich habe wir schon gemeinsame Termine denn bei seinem TT-Training bin ich ja schon immer dabei, also zwangsläufig quasi, denn ich bin der Vereinstrainer ;).


Aller Anfang sollte leicht sein, schwerer mach ich's mir ganz von allein!

@ Sirius..

.. danke für die virtuellen Blumen. Vielleicht kannst du mit deinen Kids noch den ein oder anderen gemeinsamen Lauf in Zukunft machen. Ich wünsche es Dir, denn die gemeinsamen Zeiten sind die schönsten auch wenns hier und da Reibungen/ Unterschiede in den Ansichten gibt.

Gruß aNGUS SchuAn.


Aller Anfang sollte leicht sein, schwerer mach ich's mir ganz von allein!

Wunderschön ... und bis ins

Wunderschön ... und bis ins Detail beschrieben; ich konnte genau verfolgen, wo du gerade läufst :-) Ich wünsche dir weiter so viele schöne Läufe.:-) VG Ute

@ cat0899

Hallo Ute,

warst du dabei? So genau finde ich meine Beschreibungen übrigens gar nicht. Ich habe nichts von der Wehrbrücke über die Mulde geschrieben, wo ich vor lauter Geniesen und Augen schließen nicht aufgepasst habe und fast den Fotografen umlief. Ich habe nichts vom Gelectra-Gelände erzählt, an welchem mich ein kleines Mädchen verwundert anschaute, um plötzlich schreiend davon zu laufen nur weil ich abklatschen wollte! Ich schrieb auch nichts von dem etwa 14 jährigen, etwas pummeligen Jungen, der mit hängenden Schulter hinterm Stausee dahin schlurfte, sich offensichtlich übernommen hatte und als ich kurz neben Ihm lief und zu ihm sagte: "Schultern hoch, Brust raus und Knie anheben, dann wirds Atmen und Laufen einfacher!" nochmals Mut fasste und kurz an mir dran blieb bis der Sohnemann mit Wasserträger überholte und ich dann doch wieder etwas schneller wurde. Und ich habe auch nicht erwähnt, wie ich Angst um meine eigenen Knochen bekam, als ich einen Läufer auf der Parkbank am Ostufer des Stausees sitzen sah, der sich die Wade und das Schienbein rieb, während er schimpfte und fluchte was das Zeug hält. Da ging mir durch den Kopf, dass er bestimmt einen unangenehmen, weiten Rückweg haben musste.
Es gibt noch so viel mehr, was ich nicht aufgeschrieben habe, weil es mir gerade erst wieder eingefallen ist oder weil es mir nicht so wichtig erschien oder aber weil das hier ja schließlich ein Blog-Seite und kein Buchverlag ist! ;)

Gruß aNGUS SchuAn.


Aller Anfang sollte leicht sein, schwerer mach ich's mir ganz von allein!

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