Bottroper Herbstwaldlauf am 10.11.2013 (Deutsche Meisterschaft im 50 km-Lauf)

Es gibt kein schlimmeres Leid als das, welches man sich selbst zufügt. Dies gilt auch dann, wenn um 5.00 Uhr morgens, wohlgemerkt am Sonntag, der Wecker klingelt. So früh aufstehen um einen Ultramarathon über 50 km zu laufen und dass, obwohl meine läuferischen Ziele für dieses Jahr erfüllt und meine „Wettkampf-Saison“ mit dem Marathon in Bonn (2:47:17) im Frühjahr eigentlich als beendet galt.

Einen offiziellen Wettkampf als „Saison“ zu betrachten, wird an dieser Stelle einige Lauffreunde zum schmunzeln bringen, aber mir reicht in der Regel eine Marathonvorbereitung inkl. Lauf pro Jahr im wesentlichen aus, der ein oder andere Vorbereitungswettkampf eingeschlossen. Normalerweise gibt es dann am Jahresende noch den ATG-Winterlauf, aber für dieses Jahr habe ich mich nicht vorgemeldet und werde daher wohl auch nicht teilnehmen. Das ich heute 50 km laufen möchte, ist die Schuld von Georg und Rita März! Die beiden haben vor kurzem übergangsweise das Training unserer Gruppe übernommen, so dass in den letzten Wochen regelmäßig nach Plan trainiert wurde, besonders Tempoeinheiten!

Nach anfänglichem Training ohne Wettkampfambitionen stellte sich irgendwann die Frage, was mache ich denn aus meiner „Form“? Harte Trainingseinheiten über mehrere Wochen ohne ein greifbares Resultat, das macht irgendwie keinen Sinn. Für einen Marathon oder Halbmarathon mit neuer Bestzeit fühlte ich mich nicht gut genug vorbereitet und die kürzeren Distanzen reizen mich weniger. Irgendwann wurde ich dann auf den 50 km-Lauf in Bottrop aufmerksam, dieser Lauf dient in diesem Jahr als Austragungsort für die deutschen Meisterschaften über 50 km. Das schöne ist, auf dieser Distanz würde ich in jedem Fall eine persönliche Bestzeit hinlegen, ankommen vorausgesetzt! Das ich in den letzten Wochen den ein oder anderen langen Lauf absolviert hatte, bestärkte mich in meinem Entschluss, mich vor ca. 2 Wochen nach der Generalprobe, unserem Vereins-HM, für diesen Lauf anzumelden.

Um kurz nach 6.00 Uhr treffe ich bei Georg ein, zumindest begleitet mich ein „Schuldiger“ zu diesem Sonntagsausflug und ich bin froh, einen erfahrenen Ultra-Läufer bei mir zu haben. Nach knapp eineinhalb Stunden incl. Frühstück während der Fahrt, erreichen wir das Bergwerk Prosper Haniel. Vom Parkplatz in Richtung Förderturm sind schon einige Läufer zu den Umkleiden unterwegs, es stehen mehrere Distanzen am heutigen Tag auf dem Programm, entsprechend groß ist der Andrang. Beim abholen der Startunterlagen treffe ich noch auf Moritz Kufferath, die Freude ist groß, wir haben uns 2012 in Bonn während des Marathons kennengelernt und sind seitdem über „jogmap“ als buddies in Kontakt. Moritz ist vor zwei Wochen in Frankfurt persönliche Bestzeit (2:41:50 h) auf der Marathon-Distanz gelaufen, eigentlich stände für Ihn Regeneration an! Meine Hoffnung auf seine Laufbegleitung zerschlägt sich jedoch schnell, Moritz will in die Wertungen eingreifen und strebt eine 4:00 bis 4:05/km an, für mich damit eindeutig zu schnell!

Als M40-er kann ich die Sache auch langsamer angehen, hier dürfte die Konkurrenz nicht ganz so stark sein. Zu Dritt suchen wir die Umkleiden auf, gemeinsam mit Bergleuten der Grube Prosper Haniel ziehen wir uns in den „Bergmannskauen“ um und deponieren unsere „Sachen“ in Metallkörben, welche wir über Ketten nach oben unter die Decke ziehen. Danach geht`s in Richtung Start wo eine „ultraentspannte“ Stimmung herrscht. Kein Gedränge um die vorderen Plätze, kein Einlaufen auf der Strecke, stattdessen fröhliche Stimmung! Apropos Einlaufen. Wären nicht Georg und Moritz an meiner Seite gewesen, ich hätte mich garantiert warmgelaufen, vermutlich als einziger! Entsprechend war die Reaktion der beiden auf meine diesbezüglich Frage und die Antwort „Du willst Dich doch für ein 50 km-Rennen nicht warmlaufen, das kannst Du unterwegs tun!“ Stattdessen „stellen“ wir uns warm unter im Flur zur Bergmannskaue und warten einen heftigen Schauer ab, der zum Glück vor dem Start in leichtem Nieselregen übergeht.

Pünktlich um 9.00 Uhr geht es dann auf die erste 25 km-Runde, vorneweg eine Spitzengruppe von geschätzten 20 - 25 Läufern und dann ein Gruppe von etwa 6 Läufern, mit denen ich die ersten Kilometer zusammen laufen werde, der Schnitt liegt knapp unter 4:10/km, geplant war eigentlich fünf Sekunden langsamer. Trotzdem gehe ich mit, den Vorteil einer Gruppe weiß ich zu schätzen, auch in Hinblick auf die Gefahr, dass ich mich unterwegs verlaufen könnte, wäre ja nicht das erste Mal!

Die ersten Kilometer laufen sich gut, der „angeschlagene“ rechte Fuß fühlt sich ebenfalls gut an, Bewegung ist hier anscheinend die richtige Therapie. Gerade am Anfang nimmt man die Landschaft gut wahr, diese Gegend ist wunderschön. Gefühlte 95% geht es über Waldwege, zwischendurch Sumpfgebiete und später entlang an einem großen See. Die Strecke ist gut gekennzeichnet, regelmäßige Verpflegungsstände sind eingerichtet, ideale Voraussetzungen also, selbst der leichte Regen ist angenehm! Bis Kilometer 14 läuft es in diesem Tempo, dann gönne ich mir die erste Pinkelpause und lasse meine Gruppe ziehen. Georg hatte gesagt, bei einem Ultra bleibt man auch mal bei den Verpflegungsstellen stehen, dann sollte pinkeln ja auch o.k. sein! Nach einer gefühlten Ewigkeit von ca. 20 Sekunden geht es dann weiter, der nächste Kilometer in 3:56 min und schon treffe ich wieder auf den 1. Läufer aus meiner vorherigen Gruppe, der am vor mir auftauchenden Verpflegungsstand pausiert. Gott sei Dank, der Anschluss ist wieder hergestellt, die anderen sind auch wieder in Sichtweite!

Weiter geht’s, die Blase ist leer, verpflegt bin ich auch, nette Gesellschaft ist vorhanden, fehlt noch ein wenig Unterhaltung, welche nicht lange auf sich warten lässt. Einer von den schnelleren Jungs hat sich ein lauschiges Plätzchen direkt am Wegesrand gesucht und nutzt dieses vor Publikum für größere Geschäfte, kurze Zeit darauf setzt der Kollege den erzielten Gewichtsverlust ein und überholt uns wieder, das Tempo ist nicht unsere Liga. Kurze Zeit später, der gleich Läufer, das gleiche Bild am Wegesrand und ausgelassene Stimmung in unserer Gruppe! Kurz darauf werden wir wieder von besagtem Mitstreiter überholt. Neben mir läuft Lieven Vandenbroucke , belgischer Landsmann, direkt sympathisch, da keine Konkurrenz aufgrund der Nationalität. Lieven ist im Oktober erstmalig Marathon gelaufen, auf Anhieb unter 3:00 h und bestreitet wie ich jetzt seinen ersten Ultra und will nächstes Jahr in Marokko einen weiteren Ultralauf auf „Einladung“ eines Freundes bestreiten. Wir unterhalten uns so gut es geht in englisch, deutsch und niederländisch, beim Laufen sind Fremdsprachen irgendwie noch schwieriger. Lieven ist fit, ich kann teilweise nicht den Anschluss halten, aufgrund seiner Pausen an den Verpflegungsständen bleiben wir aber in Reichweite zueinander und beim „dinieren“ überhole ich Ihn regelmäßig.

Nach 1:43:40 h ist die erste Runde geschafft, meine Vereinskameradin Marina Trippels begegnet mir danach auf der 10-er Distanz und ich freue mich über unsere kurze Begegnung. Auf Kilometer 26 meldet sich dann die linke Wade mit einem schmerzhaften Stich und es macht sich leichte Panik in mir breit. Sofort ändere ich meinen Laufstil und setze den Fuss anders auf, nach ca. 1 km kommt die Sicherheit wieder, die Wade hält bei annähernd gleichem Tempo, vorerst zumindest!

Die zweite Rennhälfte wird trockener und die Sonne lässt sich hin und wieder blicken, die Zahl der Spaziergänger nimmt auch zu. Darunter auch „fachkundiges Publikum“ welches auf Zuruf auch die Strecke freigibt und beim Vorbeilaufen die Leistung durch Aussagen wie „Da kommen die Nachzügler“ honoriert. „Nein“, wir sind nicht die Nachzügler des 10 km oder 25 km-Feldes, „wir sind die Vorhut des 50-km Laufs“! Für Erklärungen dieser Art fehlt aber leider die Zeit, also denke ich mir diesen Teil. Bei km 33 steht die nächste Pinkelpause an, deutsch-belgisches „Rudelpinkeln“ direkt hinter dem Verpflegungsstand, die Frage der Streckenbetreuung wer schneller pinkelt und die Führung übernimmt ist schnell beantwortet, „Das spielt keine Rolle, ich werde deutscher Champion und Lieven belgischer“! Trotzdem gehe ich als Sieger aus aus deutsch/belgischen Pinkelpause hervor.

Dann geht’s wieder weiter, der Schnitt sinkt auf ca. 4:15/km, meine direkten Konkurrenten verlieren aber mehr an Geschwindigkeit. An den Verpflegungsstellen verliere ich aber auch an Zeit, dafür kann ich in Ruhe trinken, jetzt bevorzugt Cola! Die Marathonmarke erreiche ich gemeinsam mit Lieven unter 2:58 h. Die letzten Kilometer sind hart, Lieven habe ich abgehängt und weitere Läufer sammle ich ebenfalls ein. Dies ist positiv für die Psyche, immer wenn ich einen Läufer überhole, taucht in der Ferne ein neuer Mitstreiter auf. Meine Angst mich zu verlaufen treibt mich ebenfalls an, immer auf einen Voranlaufenden aufzulaufen.

Zum Schluss wird die Strecke wieder von andern Läufern frequentiert und ich kann entspannt die letzten 2-3 Kilometer angehen. Kein direkter „Gegner“ vor oder hinter mir, trotzdem reicht es noch für einen kleinen Endspurt, der letzte Kilometer in 4:10 min und dann ist es geschafft. Kurz vor Zieleinlauf die begeisterten Zurufe von André und Marina, dann bei 3:31:19 h über die Ziellinie. Hier werde ich mit einer schönen Teilnehmer-Medaille sowie einem wärmenden Plastiküberhang empfangen, kurz zuvor ist mir noch ein Sch..... über die Lippen gegangen, was heißen sollte „Was tue ich mir hier nur an!“

Im Ziel wartet bereits Moritz und empfängt mich. Auch André und Marina gratulieren mir. André hat den 1. Platz M45 auf 25 km in flotten 1:38:54 h erreicht auf ist auf dem Weg zur Siegerehrung. Bei Marina sind es 56:45 min und der 11. Platz in Ihrer Altersklasse geworden. Mit Moritz humple ich zum Erdinger-Stand und wir geniessen ein alkoholfreies während wir uns gemeinsam mit anderen Finishern unterhalten. Ich kann kaum noch laufen und befürchte einen schlimmen Muskelkater. Wir machen uns auf den Weg zum duschen, die Bergmannsduschen sind schön heiß und zahlreich vorhanden, nach ca. 20 Minuten spielt auch die Muskulatur wieder mit. Gemeinsam mit Georg und Moritz geht es dann zu den Verpflegungsständen und später auch zur Siegerehrung. Moritz wird sechster in der Gesamtwertung der deutschen Meisterschaft (3:23:07 h), leider reicht es für Ihn nicht für eine Medaille in der Altersklassenwertung, da alle Läufer bis einschließlich M30 gemeinsam für die DM gewertet werden. Georg verbessert seine persönliche Bestzeit um mehr als 23 Minuten auf 4:13:27 h und das zwei Wochen nach seiner Teilnahme am Röntgenlauf über 63,5 km. Da ist also noch deutlich Luft nach oben!

Bei mir wird es der 3. Platz in M40 und ich bin überglücklich, eins ist sicher, so wie ich hat kein anderer auf dem Treppchen gestrahlt! Im Gegensatz zu mir sind das aber auch grösstenteils prämierte und erfahrene "Ultra-Hasen" die schon einige Wettkämpfe bestritten und zum Teil auch gewonnen haben! Außerdem lag mein Kilometerumfang in den letzten 10 Wochen bei durchschnittlichen 64 km pro Woche, das „Ergebnis-/Leistungsverhältnis“ kann sich sehen lassen.

Jetzt ist meine Saison aber endgültig für dieses Jahr beendet, allerdings mit neuen Impulsen für das kommende Jahr.

4.857145
Gesamtwertung: 4.9 (7 Wertungen)

Saustark gepi....äh...gelaufen!!! ;o)))

Pinkeln brauchste nicht üben, und beim Ultradebüt gleich so stark aufzutreten
trotz muskulärer Probleme am Schluss und dann noch gleich aufs AK-Treppchen?!!!

Da zieh ich doch alle Hüte und Mützen, die ich so habe!

Fetten Glückwunsch zu dieser hammergeilen Leistung!! :o))

Herrlich geschrieben, Dein Bericht, und man liest zwischen den Zeilen und
natürlich auch anhand Deiner Trainingsinfos, dass da noch einiges an Potential in Dir steckt!!
M40 heißt da gar nix!
Die besten Ultras holen noch ne ganze Menge mehr raus durch ein gewisses Alter und Erfahrungen, die sie sammeln.
Das, wenn Du Lust und die Zeit hast und alles fit bleibt, kommt bei Dir alles noch!
Freu Dich drauf! ;o)

Und jetzt darfst Du zur Regeneration die Füße mal etwas hochlegen, obwohl so entspannte Entmüdungsläufchen durch den kühlen sonnigen Herbstwald oder bald vielleicht durch den Schnee haben auch was schönes für sich. :o)
Alles Gute Dir für die nächsten Läufe!

Lieben Gruß Carla-Santana
"Mancher rennt dem Glück hinterher, weil er nicht merkt, dass das Glück hinter ihm her ist, ihn aber nicht erreicht, weil er so rennt!" (Bert Hellinger)

Männer

machen aber auch aus allem einen Wettkampf, selbst aus den Pinkelpausen ;-)

Wahnsinnszeit, und das beim Debüt! Den Treppchenplatz hast du dir verdient - und den Muskelkater auch ;-) Frohes Regenerieren und Feiern!

Saarvoir courir - laufen wie bekloppt im Saarland

auch von mir...

... herzlichsten Glückwunsch zum überzeugenden, bärenstarken Ultradebüt! Tolle Zeit!

Die netten Geschichten am Rande, die Du erzählst (Warmmachen, deutsch/belgische Spezialwertung...) machen den Bericht noch lesenswerter als er ohnehin ist!

Berichtest Du noch ein wenig aus Deiner Vorbereitung für den Lauf (Distanzen? Wochen-km? welche Doppeldecker?)?
Wäre interessant!

VG von einem ebenfalls 2013 debütierenden, deutlich langsameren, aber ebenso glücklich schlumpfenden :-)

Hamburger

Hallo Hamburgschlumpf, die

Hallo Hamburgschlumpf,

die Vorbereitung 10 Wochen vorm Wettkampf:

6 lange Läufe zwischen 28 u 35 km, 1 x 43 km, gemütlich in 5:00 - 5:30
7 TDL zwischen 12 und 17 km in 3:55 - 4:05
Intervalle 6 x 1000, 3 x 2000 in 3.30 -3:45
1 Vorbereitungswettkampf HM in 1:23:18

Also relativ locker :-)

Wie war deine Zeit in Bottrop?

Gruss

Karomut

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