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Das Nordwand-Prinzip

Ich habe heute einen Vortrag von Rainer Petek gehört. Herr Petek war Extrembergsteiger und transferiert seine Erfahrungen aus dieser Tätigkeit auf das Management von Organisationen. Das war sehr interessant, vor allem die Sprache des Bergsteigens ist der Sprache des Managements sehr ähnlich… oder umgekehrt?

Mir wurde sofort die Verbindung der Projekte im Bergsteigen mit meinem Projekt der Langdistanz offenbar. Und so übertrage ich seine Informationen auf meinen Sport und mein Projekt.

Ausgangspunkt aller Überlegungen ist:

Die komplexen Problemanteile, die aus Unsicherheit, Ungewissheit und dem Unerwartendem bestehen, sind in Organisationen immer größer geworden. Die Planbarkeit, also der weniger komplexe Problemanteil, wird tendenziell kleiner.

Mit anderen Worten: Die Probleme haben sich verändert.

Es ist notwendig, das Denken und Handeln im Tun zu entwickeln. Dies tut der Bergsteiger immer, denn es ist im Wesen des Bergsteigens immanent. Die Natur ist unberechenbar und meist gehen die Routen in unbekanntes Gebiet.

Ich weiß noch wie heute, dass ich bei meinem ersten Marathon, als ich das 35-km-Schild passierte dachte: „Hier bin ich also noch nie gewesen.“ Tatsächlich waren in meiner Vorbereitung auf den Marathon zwei lange Läufe über genau 35 km beinhaltet. So betrat ich also unbekanntes Gebiet… und das war spannend und in gewisser Weise ein Wagnis.

In keinem Moment ist das Leben so spannend, wie wenn man ein Wagnis eingeht, die Komfortzone verlässt.

Haben sich die Probleme denn verändert? Für mich ganz sicher… wobei ich mein Projekt Langdistanz als Herausforderung und sicherlich nicht als Problem ansehe.

- Die Trainingsumfänge sind gestiegen und werden noch weiter steigen.
- Die Trainingsplanung umfasst mehrere Zyklen, was für mich neu ist.
- Die Wahrscheinlichkeit, in dieser langen Vorbereitung zu erkranken, ist groß. Was mache ich, wenn ich den Plan nicht einhalten kann, weil ich längere Zeit krank bin?
- Der Wettkampf selbst dauert wahrscheinlich ca. 13 Stunden. Wie reagiert mein Körper, wenn ich vom Rad auf die Laufstrecke gehe? Und wenn ich es ausprobiert habe, wie reagiert der Körper dann in Köln, wenn es da wesentlich wärmer ist, als bei meinen Testwettkämpfen?
- Schlägt mir die Nervosität im Wettkampf eventuell auf den Magen? Werde ich genügend Nahrung aufnehmen können?

Also: Unsicherheit, Ungewissheit und Unbekanntes werden mich treffen. Das ist sicher, da bin ich gewiss – das erwarte ich.

Witzig nebenbei: Heute habe ich etwas Interessantes gelesen: „Mit 20 hatte ich keine Ahnung. Nun – mit 40 – habe ich auch keine Ahnung, aber es macht mich nicht mehr nervös.“

Interessant war auch der Hinweis, dass man das Ziel aus den Augen verliert, wenn man lediglich die Anstrengung erhöht. Das wendet sich an die Sportler, die glauben, mit immer mehr Training mehr erreichen zu können. Generell muss ich auch meine Umfänge erhöhen, doch der Trainingsinhalt ist eben auch sehr wichtig.

So bringt es sicherlich nicht viel, im Schwimmtraining immer nur mehr und noch mehr Bahnen zu ziehen… Schwerpunkt muss die saubere Technik sein. Nicht der Umfang ist das Ziel, sondern, die nötige sportartspezifische Ausdauer zu entwickeln und die Technik zu verbessern, um schneller zu werden.

Viele Läufer, die ich kenne, laufen sehr lange Strecken. Und auch ich erwische mich dabei, dass ich eine Laufeinheit unter 10 km als unbefriedigend empfinde. Dabei soll ja die Abwechslung im Training auch sehr wichtig sein. Einen kürzeren Lauf kann man mit anderen Inhalten füllen (integriertes Lauf-ABC, Zwischensprints, etc.), so dass der Lauf wirklich etwas bringt und Spaß macht.

Wenn ich in eine Situation komme, in der die Realität vom Plan abweicht, dann muss ich sofort umplanen, ich muss entscheiden und ich muss handeln. Sehr hilfreich ist es dann, wenn ich einen positiven inneren Dialog starte: „Ich habe die Herausforderung gewählt, um in solche Situationen zu kommen. Ich schaffe das.“
Schließlich heißt es „Challenge“ oder „Iron-Man“… warum wohl? Weil es kein Kindergeburtstag ist!

In jedem Fall hilft ein Perspektivwechsel, denn eine Situation, die aus dem einen Blickwinkel aussichtslos erscheint, ist von einem anderen Standpunkt gesehen lösbar. Z. B. beim Schwimmen: einige Meter mal Brust schwimmen, Radfahren: Tempo etwas raus, Laufen: kleine Gehpause…

Im Training könnte der Perspektivwechsel bedeuten, dass man vom Trainingsplan abweicht und den Fokus auf das Körpergefühl legt, oder eine nicht geplante Recovery-Woche einlegt. Vielleicht ist man zu sehr in dem Trainings-Ding drin, dass es besser ist, mal zum Badminton zu gehen, anstatt auf die Laufstrecke.

Der positive innere Dialog ist geprägt von einer offenen Haltung (alles ist möglich) gepaart mir einem radikalen Lösungsfokus. Ich nehme mir ein strategisches Time-Out, ich entschleunige. Danach aber auf jeden Fall: entscheiden und handeln. Alles hat seine Zeit.

Rainer Petek erläuterte dann noch den Unterschied zwischen „wollen“ und „wünschen“. Der Wille zeigt sich im Handeln. Ich kann mir wünschen, die Langdistanz zu finishen, aber nur wenn ich dafür trainiere, also handle, habe ich den Willen, sie zu finishen. Wünschen kann man sich viel… Wünschen ist gar nichts.

Yoda sagt es ähnlich: „Versuchen ist gar nichts. Du es TUN musst, Luke.“

Ich muss meinen Körper und meinen Geist auf das Unerwartete vorbereiten. Ist etwas schwierig, weil ich ja somit das Unerwartete ungefähr definieren muss. Somit wird es zu Erwartenen. Für mich bedeutet das körperlich, dass ich meine Fitness auf etwas mehr Distanz als die Langdistanz vorbereiten möchte. Und geistig bedeutet es, die Gelassenheit zu entwickeln, mit Überraschungen positiv umzugehen bzw. Freude an der Improvisation zu haben.

Generell gilt: “Scheitern ist erlaubt.“
Dennoch möchte ich bestvorbereitet an die Startlinie gehen. Dafür halte ich meinen Trainingsplan ein. Dafür höre ich auf meinen Körper. Dafür verzichte ich bis zum Start auf viele Dinge.
Wenn ich Fehler mache, so liegt das nicht an mir als Person, sondern daran, dass ich nicht genug Wissen und Erfahrung für die Herausforderung habe. Also bin ich lernbegierig und höre auf Menschen mit mehr Erfahrung.
Ich informiere mich über mögliche Schwierigkeiten im Training und im Rennen… ich übe den Reifenwechsel nach einem Platten, ich verschiebe meine Trainingszeiten bei Dienstreisen.

Ich bin gewappnet für die nächsten Monate. Wird nicht leicht. Deshalb liebe ich es.

Dank an Rainer Petek für den tollen Vortrag.

4.6
Gesamtwertung: 4.6 (10 Wertungen)

Wow!!! :0))

DAS ist das richtige Denken und die richtige Herangehensweise...wobei ich für mich vom Gefühl her noch weniger Druck empfunden habe, weil ich den Aspekt "es kann sooo viel passieren" noch mehr als " irgendwas passiert sowieso und es gibt immer eine Lösung" gesehen habe...im laufenden Training sowie auch im Wettkampf. Mein Fokus war allerdings auch bewusst weiter (Gleichzeitig Ultralaufen und Triatraining) eben weil ich persönlich dazu neige, mich zu verbeißen und dann mit Entäuschung z. B. wegen banaler Krankheit nicht umgehen zu können.
Sehr gute Gedankengänge sind das bei Dir inkl. aller Eventualitäten.
Daraus lese ich auch, die Lust ist wieder da und sooo lange ist es ja nun auch nicht mehr bis zum großen Event!
Du hast schon eine gute Basis und ne ganze Menge geschafft!
Diesen Vortrag hätte ich auch sehr gerne gehört, denn man lernt nie aus!
Mach weiter!
Es wird gut werden, du musst es nur wollen!!;0)

Lieben Gruss Carla

"Mancher rennt dem Glück hinterher, weil er nicht merkt, dass das Glück hinter ihm her ist, ihn aber nicht erreicht, weil er so rennt!" (Bert Hellinger)

Es gibt da ein Buch... "Das Nordwand-Prinzip"

Hallo Carla! :-)

Nur noch mal zur Klarstellung: Die Gedanken sind von Rainer Petek.
Von mir ist nur die Verknüpfung zum meinem Triathlon.

Es war ein wirklich toller und inspirierender Vortrag.

Gruß

Oliver

"Wenn Du eines Tages vor den großen Schiedsrichter trittst, so wird er Dich nicht fragen, ob Du gewonnen hast, sondern wie Du gespielt hast."

das...

...ist ein sehr sehr guter blog. danke oliver! der vortrag hätte mich auch sehr interessiert.
Der positive innere Dialog ist geprägt von einer offenen Haltung (alles ist möglich) gepaart mir einem radikalen Lösungsfokus. Ich nehme mir ein strategisches Time-Out, ich entschleunige. Danach aber auf jeden Fall: entscheiden und handeln. Alles hat seine Zeit.
wie sehr das stimmt. komme ich doch eigentlich bei jedem marathon oder auch ultra zu diesem punkt, an dem ich auf das unverhoffte treffe, weil jeder lauf anders ist. und ich habe festgestellt, dass man das strategische "time-out" mit der anschließenden entscheidung lernen kann und auch sollte, wenn man besser werden oder das optimum für sich selbst aus dem lauf holen will...
____________________
laufend wünscht sich öfter mal solcherart "philosophischer" blogs: happy™

"man muss es so einrichten, dass einem das ziel entgegenkommt." (theodor fontane)

Eine gelungene Verknüpfung,

die mich aber unterm Strich nicht überrascht, wenn sich jemand für eine Langdistanz entscheidet: denn gerade weil so ein Vorhaben einen in Bereiche führt, die man noch nicht kennt und gerade weil ein Finish nicht leicht zu haben ist, wird es so interessant!
Mit Überraschendem zu rechnen und gleichzeitig aktiv handelnd darauf reagieren zu können: das scheint mir ein lohnendes Trainingsziel zu sein!
Oder um es kurz mit dem meiner Meinung nach besten Werbespruch zu sagen: "Just do it!"

Dir viel Erfolg dabei!

Gruß, Dominik
_____________________
"Wochenenden zählen nur, wenn man sie mit völlig sinnlosen Dingen verbringt!"

Danke ...

... für die Mühe es zu übertragen und aufzuschreiben. Das werde ich mir noch einmal paar mal durchlesen und im Inneren bewegen.

Allein schon der Unterschied zwischen "wollen" und "wünschen" gefällt mir gut. Ich setze es um, indem ich nachher beim laufen auf die Qualität der Beinarbeit achte, den Laufstil und nicht einfach so km abreiße.


nordisch by nature

Die Macht möge

mit Dir sein!
Wünsch dir viel Glück bei deinem Vorhaben
Toller Blog

Was für ein Blog!

Ich habe selten so lange über einen Blog nachgedacht, wie über diesen und habe gerade festgestellt, dass ich, sollte ich meine Mara-Zeit verbessern wollen, mein Training stark überdenken muss. Andererseits habe ich auch vieles richtig gemacht. Ich liebe es zu inprovisieren. Ständig werden (unwichtige) Pläne über den Haufen geworfen, denn es ist ja "nur" ein Hobby. So weiß ich beispielsweise heute noch nicht, ob ich morgen einen Longjog mache. Wenn ja, nehme ich sicherheitshalber meinen Laufrucksack und/oder bissl Geld mit für den Fall, dass er statt geplanter 25 vielleicht 35 oder gar 45km lang wird. Ich laufe also selten bis nie nach Trainingsplan sondern nach Zeit, Lust und Laune. Das macht nicht unbedingt schneller, aber glücklich;-)
Dir wünsche ich, dass sich dein Traum erfüllt und du in Köln mit einer schicken Zeit über die Ziellinie schießt! Aber bis dahin ist es noch ein langer TrainingsWeg, den du hoffentlich zufrieden und insbesondere gesund und stressfrei zurücklegen wirst! Und sollten unverhofft Schwierigkeiten auftreten, wirst du sie meistern...du liebst die Herausforderung!;-)
Lieben Gruß
Tame

Danke!

5 Sterne für deine Gedanken!

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

@ all

Diesen Blog haben einige jogmaper kommentiert, die ich noch nicht
kannte. Das freut mich.

Und dass ich meinen Buddies und "Bekannten" etwas interessantes zu Lesen geben konnte, das freut mich auch.

... immer schön gesund bleiben...

"Wenn Du eines Tages vor den großen Schiedsrichter trittst, so wird er Dich nicht fragen, ob Du gewonnen hast, sondern wie Du gespielt hast."

Interessant

bringt mich weiter zu meinem Ziel, 660 km nonstop, längster Nonstoplauf Europas, danke, fast 1:1 übertragbar

Der Tag geht zu Ende: Überdenke noch einmal, was er dir an Sorgen gebracht hat. Ein paar davon behalte, die anderen wirf weg! Calvin O. John

sehr interessant

bin weit entfernt von allem was Du machst, aber danke fürs auschreiben.
Weiter so!!
Obwohl mir Deine "schlafende" Nervosität besser gefallen hat ;-)
Aber ich will ja jetzt kein Kaffeekränzchen draus machen...
LG, KS

Willst Du wohl... :-)

"Wenn Du eines Tages vor den großen Schiedsrichter trittst, so wird er Dich nicht fragen, ob Du gewonnen hast, sondern wie Du gespielt hast."

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