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Mit der Verrazano Narrows Bridge ist es ein bisschen wie mit Amerika an sich. Von weitem toll, von nahem sieht man den Rost. Ich wollte da schon vor einem Jahr am Start stehen, das hat aus bekannten Gründen nicht geklappt. Am Sonntag war es dann so weit. Wer nicht bis zum Ende auf die Zeit warten will: Ich war so eben unter 3:04 im Central Park.

Im Mai hatte ich mich kurzfristig mit einer Halbmarathon-Zeit in die kleinere Auslosung für Leute mit Qualifikationszeiten bemüht und hatte tatsächlich einen Platz bekommen. Seitdem lief die Vorbereitung, auch die logistische. Anreise am Freitag, zum Auflockern kurz in den Central Park, dann früh ins Bett.

Samstag ganz früh wach, zeitig per Bus zur Messe, gut essen, Beine hoch und wieder ganz schnell das Licht aus. Sonntag kurz vor sechs an der U-Bahn in Manhattan, Fahrkarten von gestern galten gleich und nicht für heute. Mist, zurück ins Hotelzimmer und Geld holen. Geplante Bahn weg, erwische aber auch mit der nächsten noch die Fähre um 6.45 Richtung Staten Island.

Im Terminal ein schwer bewaffneter Polizist, dazu Spürhunde, später Hubschrauber und Absperrungen - Marathon, Du hast Deine Unschuld verloren. Auch auf der Fähre Aufpasser, während es unter dem grauen Himmel hell wird und wir dicht an Miss Liberty vorbeifahren.

Danach noch 20 Minuten im Bus zum Start, im Stehen, das nervt mich. In Ford Wadsworth durch die Sicherheitsschleuse, andere werden abgetastet. Nach zwei Stunden endlich da, Punkt acht die Nationalhymne - vom Glockenspiel der Kirche auf dem Gelände.

Ich sitze vielleicht zehn Minuten, da muss ich schon zu meinem Startsektor. Gut, dass ich Banane, Riegel und Getränk dabei hatte und mich nicht anstellen musste. Schnell ein paar Klamotten gespendet, dann meinen Zugang gesucht und gefunden. Da muss ich warten, zum Glück hab ich bei dem kalten Wind noch was Langes an.

Ich habe eine unverschämt niedrige Startnummer und bin deswegen so früh dran. Aber im Block heißt es nun stehen. Neben uns starten die besten Frauen, die Busse, an die einige pinkeln, versperren die Sicht. Eine gute halbe Stunde später sind wir dran.

Nationalhymne vom Kinderchor, New York, New York von einem Frankie-Imitator, und nach einer guten halben Minute mache ich mich ohne Warmmachen auf die Reise.

Meile 1: Zum Aufwärmen gemächlich den langen Anstieg die Brücke hoch. Auf einen Drei-Stunden-Schnitt (6:50 pro Meile) ist gleich eine Minute weg. Das ist ja okay. Es pustet uns nämlich fast von der Brücke, aber der Blick ist gigantisch.

Meile 2: Hinunter lasse ich es laufen, dadurch natürlich schneller. Gut, dass ich das Boston-Trikot mit den langen Ärmeln anhabe. Es passt sowieso, weil an die Bomben erinnert wird.

Meile 3/Km 5: Unten wieder eine Welle, dann vereinigen wir uns mit den Leuten von der anderen Seite. Gute Minute hinter 4:15er-Schnitt.

Meile 4: Irre viele Zuschauer hier in Brooklyn, dazu noch Bands. Hier ist der Teufel los.

Meile 5: Noch laufe ich Meilen unter 7 Minuten. Auf meinem Trikot habe ich meinen Namen befestigt. Mann, hab ich viele Fans.

Meile 6/Km 10: Die Qualität der Straße ist nicht dolle, mein Tempo etwas schneller, die Ärmel oben. Knapp 44 Minuten.

Meile 7: So richtig gut fühlen sich die Beine nicht an. Immer geradeaus bei bester Atmosphäre am Straßenrand.

Meile 8: Hinter dem markanten Hochhaus geht es rechts rum und nun hinauf. Wir werden gefeiert, dass es eine Freude ist.

Meile 9: Nicht meine erste Meile über 7 Minuten. Schneller wäre aber Unfug, weil sich der rechte Oberschenkel hinten gemeldet hat.

Km 15: So um die 2 Minuten hinter einem Drei-Stunden-Schnitt. Am Start stand vor mir der 3:05-Hase, da dachte ich mir schon, das ist heute realistischer.

Meile 10: Um mich herum schwatzen ein paar Deutsche, wohl auch aus Berlin. Möchte wissen, was sie laufen wollen, kriege aber eine Blödel-Antwort. Na schön.

Meile 11: Irgendwann waren sie hinter mir. Ruhe auch am Straßenrand, ganz viele orthodoxe Juden beobachten uns mit etwas Befremden.

Meile 12: Es bleibt windig, kühl und ist wieder grau. Die Ärmel sind längst wieder unten.

Km 20: Langsam raus aus Brooklyn, ich laufe jetzt mein Tempo dieses Tages.

Meile 13/HM: Die Pulaski Bridge hoch bläst es wieder sehr unangenehm. Zur Halbzeit 1:32:20, den langsamen Start abgezogen, das geht Richtung unter 3:05.

Meile 14: Jetzt in Queens. Ich spreche einen Deutschen in Schwarz-Rot-Gold an, der lange in Sichtweite war. Er war zu schnell, sagt er. Mach's gut.

Meile 15: Nun die Queensboro Bridge hoch. Kurzer Plausch mit einem Australier aus Sydney. Auf der Brücke ist es ohne Zuschauer ruhig - eine Pause vom Trubel.

Km 25: Noch auf der Brücke nach Manhattan. Hab hinauf viele überholt, aber bei 1:49:30 ist amtlich: Drei Minuten auf die drei Stunden sind nicht zu holen.

Meile 16: Ist ja auch nicht schlimm. Soll doch auch Spaß machen. So wie nun auf der 1st Avenue. Diese Schallmauer ist schon am Ende der Brücke zu hören.

Meile 17: Auf der langen Gerade muntere ich einen Matthias auf, Name steht hinten drauf. Er ist überrascht und erfreut.

Meile 18: Es ist wellig, dazu zwischen den Hochhäusern wie befürchtet der fiese Wind von vorn. Spüre längst auch die Waden und hänge ein bisschen durch.

Km 30: Hmm, die letzten 5 Km nach meiner Rechnung nur in 4:24 pro Kilometer.

Meile 19: Aber: Gleich endet die lange Gerade, dann geht es über die nächste Brücke kurz in die Bronx. Gut zu wissen.

Meile 20: Das kleine Tief ging auf der Brücke vorbei, so dass mich sogar einer anfeuerte, den ich abgehängt habe. Noch 10 Km bis zum Ziel, noch immer die 3:05 in Reichweite.

Meile 21: Jetzt bekommt einer meine guten Wünsche, der mich auf der Brücke zurück nach Manhattan überholt. Vor uns haben wir die 5th Avenue.

Km 35: So etwa 2:33, das müsste doch reichen. Hellerer Himmel, weniger Wind, also hoch mit den Ärmeln. Auf geht's.

Meile 22: Natürlich bin ich schon müde, doch dafür habe ich trainiert! Wir sind bereits am Central Park.

Meile 23: Der Anstieg auf der Fünften ist echt nicht ohne und zieht sich. Aber ich arbeite mich gut hoch und überhole reichlich. Das bringt Anfeuerungsrufe.

Meile 24: Endlich am Guggenheim-Museum vorbei im Park. Jetzt ist es ein Heimspiel, so oft wie ich hier gelaufen bin. Ich mache Meilen unter 7 Minuten und lasse es hinab rollen.

Meile 25/Km 40: Auch die letzte Welle habe ich prima gemeistert. Gut 10 Minuten bleiben, um unter 3:05 anzukommen. Reicht dicke, also vielleicht sogar unter 3:04.

Meile 26/Ziel: Das letzte Stück zum Columbus Circle und hoch zum Ziel tut dann doch richtig weh. Aber tatsächlich, ich hab es gerade noch unter 3:04 und sogar fast unter die ersten 1000 geschafft - hier und heute ganz fein. Im Ziel waren wegen der Sicherheitsmaßnahmen wohl weniger Zuschauer als früher, schreibt die New York Times am Montag. Ich lasse mich erst in Folie wickeln, dann in einen warmen Poncho. Einen Kleiderbeutel habe ich nicht, schnell mit der U-Bahn zum Hotel. Fahre erst in die falsche Richtung und denke auch, ich hätte meinen Goody Bag verloren. Hängt über meiner Schulter - ich bin doch noch leicht durch den Wind. Aber sonst geht's gut. Und heute immer noch :)

Grüße aus New York,
Robert

5
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Respekt und herzlichen Glückwunsch

Hallo Robert,

ich habe mir den kompletten NYC Marathon nur über den Eyewitness Livestream anschauen können. Da kommt sicherlich nur ein Bruchteil der Emotionen rüber, die einen während des Laufs übermannen müssen.

Erst vor zwei Wochen war ich eine Runde über die Brooklyn Bridge joggen.
Der Anblick war so atemberaubend, dass mir die Luft weg blieb.
Ich kann mir im Ansatz vorstellen, wie das 26,2 Meilen lang gewesen sein muss - mal abgesehen von den vielen Zuschauern.

Leider bremst mich mein Schweinehund bei 25km beharrlich ein.
Aber bei den Bildern im Fernsehen denke ich nun doch über ein 42km Training nach.
Man muss ja Ziele haben.

Ich wünsche Dir weiterhin verletzungsfreie Läufe und brenne Dir die Erinnerungen in die Gehirnrinde ein. Das war ein einmaliges Erlebnis.

Viele Grüße,
Tilo

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Wow!

Glückwunsch und danke fürs Mitnehmen - ich habe mich ja manchmal schon ein bisschen gefragt, was Menschen, die so schnell laufen können, am Rand der Strecke noch so wahrnehmen. Jetzt weiß ich, es ist eine total doofe Frage, genauso viel, wie die, die langsam laufen natürlich.

Tolle Zeit, herzlichen Glückwunsch!
yazi

Klasse Bericht!

Die Strecke ist ja wohl nicht ganz einfach zu laufen und hat ein paar Höhenmeter - also geht die sub 3 sicher ein anderes mal flöten! Den Lauf genossen (in DER Zeit!) und viel Spaß gehabt. Das Ziel schon unterwegs angepasst und alles erreicht was zu holen war an dem Tag. Was will man mehr?

Erhol Dich gut - und dann auf zu neuen Taten.

Herzlich Glückwunsch zu

Herzlich Glückwunsch zu diesem tollen Lauf! Toller Bericht! An die Meilenangabe muss man sich erst gewöhnen. Das hat natürlich den Vorteil, dass man dann nicht so viel schreiben muss. ;-)

Gruß

Sirius
...der immer nur Kilometer rennt.

Unter 3:04h....

.....und das in New York, riesen Respekt und ganz fetten Glückwunsch!!! Dein Blog liest sich richtig toll und wer zu Anfang die 3:04h liest, wird sowieso neugierig;-) Vielen Dank fürs Mitnehmen!

Lieben Gruß
Tame

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