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Das war für mich als Triathlon-Interessierten schon ein echter Hammer, was ich vorgestern eher zufällig einem Post in Facebook entnommen habe. Die Challenge Kraichgau wird ab sofort, also schon ab der kommenden 2014-Austragung als Ironman 70.3 stattfinden. Ich bin ja noch nicht lang in der Szene unterwegs, dafür aber seit 2 Jahren umso interessierter. Nicht zuletzt, weil ich selbst schon für die Challenge Kraichgau 2014 gemeldet bin, bzw. war, ist das eine hochbrisante Neuigkeit. Ich persönlich finde aber, dass da noch mehr drinsteckt, als nur die Umbenennung eines Triathlon-Halbdistanz-Rennens

Mal kurz der Versuch aus dem Kopf die Hintergründe zu beschreiben. Die neuerliche Erfindung von "Triathlon" (1920 gab es wohl in Frankreich schon Rennen in den drei Disziplinen) findet 1974 in San Diego statt. Einer der Teilnehmer ist dann auch Teil der Gruppe, die 1978 beschließen auf Hawaii den "König der Ausdauerathleten" zu ermitteln. Der IRONMAN ist geboren. Dann fand/findet eine wahnsinnige Wachstumsgeschichte statt, in der die Marke IRONMAN immer wieder - jeweils für immer größer werdende Beträge - den Besitzer wechselt. Im Endeffekt dreht sich aber alles um die Marke. Die Marke IRONMAN wird von der WTC (World Triathlon Corporation) vermarktet - die wiederum im Eigentum der Provdence Equity Securities befindlich ist. Letztlich einer rein privaten, kommerziellen Institution. Alles, was IRONMAN ist, ist also letztlich ein Fun-Event für die Teilnehmer und nicht - wie wir es im Sport sonst kennen - durch Verbände gesteuert oder zumindest überwacht.

Teil der Wachstumsgeschichte IRONMAN war auch das Rennen in Roth, wo bis 2001 das nach Hawaii zweitwichtigste Rennen der Serie stattfand. Der lokale Organisator, Felix Walchshöfer, verlängert aber die Lizenzverträge mit der WTC nicht und macht ab sofort sein eigenes Ding. Das Rennen in Roth ist bis heute das teilnehmerstärkste Triathlon-Langdistanzrennen der Welt. Die Startplätze für die 2014er Austragung waren in etwas über 3 Minuten (!!!) ausverkauft. Walchshöfer konzentriert sich aber nicht nur auf sein Rennen in Roth, sondern gründet mit der "Challenge Family" die m.E. heute einzige ernstzunehmende Konkurrenzorganisation zur WTC. Das Wachstum über die letzten Jahre verläuft recht erfolgreich, wenngleich es bis heute ein ungleicher Vergleich bleibt. Die WTC, bzw. IRONMAN ist der Riese auf dem Markt, mit starkem finanziellen Background, aber auch klarem Fokus auf Profit. Ich bin realistisch genug zu wissen, dass auch die Challenge-Serie finanziellen Gewinn anstrebt. Aber ich bin wohl auch nicht der einzige, der erkennt, dass die Challenge der aus Athletensicht sympathischere Player auf dem "Markt" ist. Chris McCormack (zweimaliger IRONMAN-Weltmeister, heute Botschafter der Challenge-Serie) hat es mal so beschrieben, dass Du an jedem IRONMAN-Rennen der Welt teilnehmen kannst und immer weißt, was Du bekommst (und ich denke er hat es mit Sicherheit positiv gemeint). Die Challenge-Rennen haben alle noch ihren lokalen Charme behalten und sind (ich gebe zu, ich habe noch an keinem teilgenommen - das ist alles, was ich so von Hörensagen aufgreife) jedes für sich ein besonderes Erlebnis. Ich denke es ist für die Beurteilung auch wichtig zu erwähnen, dass ich für die Teilnahme am IRONMAN Frankfurt in diesem Jahr 515 EUR (!) Anmeldegebühr bezahlt habe, während die Teilnehmer in Roth 380 EUR bezahlt haben.

Meine Wahrnehmung war bislang, dass ich zwar den durchaus offen ausgetragenen Konkurrenzkampf wahrgenommen habe. Diesen aber nicht als störend, sondern eher als Bereicherung für den Triathlonsport gesehen habe. Beide Serien setzen weiterhin auf Wachstum und da durch den Wettbewerb auch ein gewisser Qualitätsdruck entsteht, ist der Gewinner am Ende der Athlet - also z.B. ich. Es gab auch in den letzten 2 Jahren schon Rennen, die das Label gewechselt haben. Der IRONMAN Canada in Pentiction wurde ein Challenge-Rennen - wenn ich mich recht erinnere, weil die lokale Gemeinde sich gegen die kommerzielle Handlungsweise des lokal ausrichtenden Organisationsteams gewehrt hat. Umgekehrt konnte die WTC die beiden dänischen Challenge-Rennen übernehmen und hat sich schon im gleichen Jahr der Austragung auf die eigene Marke umgelabelt. Das sind aber alles Prozesse, die ich in die Kategorie "ganz normale Wettbewerbssituation" einsortiert hätte. Der Wechsel der Challenge Kraichgau hat aber meines Erachtens eine neue Dimension.

Das Rennen hatte sich neben Roth als die zweite große Erfolgsstory der Challenge-Family heraus kristallisiert. Das Rennen geht über die Halbdistanz (1,9km - 90km - 21,1km) und wurde mir von vielen Seiten als das "MUST-DO-Halbdistanzrennen" angepriesen. Nicht zuletzt deshalb habe ich mich für die Austragung 2014 angemeldet. Ein anderer Hintergrund war aber auch, dass ich einen echten Vergleich "IRONMAN gegen Challenge" haben wollte. Jetzt, da die WTC aber das Rennen übernommen hat, habe ich den Eindruck, dass ein aktiver Verdrängungswettbewerb ausgerufen wurde - das hat mit gesundem Wettbewerb im Sinne des Athleten nichts mehr zu tun. Die WTC hat offensichtlich die deutlich besser gefüllte Kriegskasse und macht jetzt wohl Nägel mit Köpfen. Für mich ist aus der Challenge-Family jetzt aus einem ernstzunehmendem Konkurrenten eine nett gemeinte Triathlonserie rund um einen Hautpwettbewerb geworden.

Nicht falsch verstehen, ich wünsche mir von Herzen, dass dies offensichtlich strategisch ausgeführte Manöver der WTC nicht zum Erfolg führt. Ich möchte an teilnehmerfreundlichen, sympathischen Rennen teilnehmen. Und ich würde mich freuen auch in Zukunft eine Auswahl attraktiver Langdistanzrennen zu haben, wo ich 380 statt 515 EUR bezahle. Aber ich glaube auch, dass sich die Familie Walchshöfer von dem Schock erstmal erholen muss. Ggf. muss das "Geschäftsmodell" mal hinterfragt werden, denn mit Ausnahme von Roth werden die Rennen nur über Lizenzvergabe an lokale Organisations-Agenturen ausgerichtet. Die WTC im Gegensatz dazu, richtet die meisten Rennen wohl selber aus und ist daher gegen solche "feindlichen" Übernahmen viel besser gerüstet.

Wo ich mich in eine Grauzone bewege ist die Frage des Köpfe- und Stühlerückens, was neben dem Rennen im Kraichgau an sich vor sich geht. Was ich aber so gelesen habe, spricht nicht gerade für den Renndirektor im Kraichgau, Björn Steinmetz. Er muss wohl als langjähriger Vertrauter von Walchshöfer mit dabei unterstützt haben über das Rennen im Kraichgau die Challenge-Family zu dem werden zu lassen, was sie zwischendurch wurde. Jetzt verkauft er nicht nur sein Rennen, sondern wird auch Cheforganisator aller deutschen IRONMAN-Rennen. Einem offiziellen Statement von Felix Walchshöfer zufolge hat er diese Entscheidung nach 6jähriger, freundschaftlicher Verbindung, völlig unvorbereitet in einer kurzen Mail mitgeteilt. Ist eine rein subjektive Meinung, ohne alle Hintergründe zu kennen. Aber ich habe den Eindruck, dass sich da jemand ganz schön hat kaufen lassen und seiner Machtgier nachgegeben hat.

Was bedeutet das jetzt alles für mich? Ich glaube ich bin da noch ein recht dankbarer Beteiligter. Im Internet wird dieses Thema in vielen, viele Kommentaren und zum Teil sehr harrschen Wortwechseln diskutiert.

Ich werde wohl aber trotzdem am Rennen im Kraichgau teilnehmen, obwohl ich die Möglichkeit habe zurückzutreten und meine volle Teilnehmergebühr zurück zu erhalten. Ich war auch vor dem IRONMAN Frankfurt in diesem Jahr skeptisch, wurde aber davon überzeugt, dass man für das viel zu hohe Startgeld immerhin eine absolut beeindruckende und athletennahe Organisation bekommt.

Meine Sympathie geht aber zu 100% mit der Familie Walchshöfer und dem TEAMChallege. Wie es schon der englische Fußballfan so gerne tut - im Zweifel für den Underdog. Ich werde mich jetzt noch mehr darum bemühen mal an einem Challenge-Rennen teilzunehmen, am liebsten natürlich in Roth. Ich wünsche mir, dass der Wachstumskurs der Challenge-Family nur kurz gestört ist, danach aber umso erfolgreicher fortgesetzt wird.

Und liebe Jungs von der WTC: seht mal bitte zu, dass ihr für DAS Triathlonrennen der Welt eine vernünftige Übertragung auf die Beine gestellt bekommt. 70% aller Menschen auf der Straße denken beim Wort Triathlon nur an den IRONMAN Hawaii und ihr bekommt es nicht auf die Reihe so ein Event in mehr als ein Land auf der Welt live zu übertragen (nämlich Deutschland). Und dann setzt ihr für die Live-Übertragung im Zeitalter moderner Fernsehübertragungen selbst in 2013 nur 3 Kameras ein, zwei auf dem Motorrad im Renngeschehen und eine Heli-Kamera am Ziel. 2012 habt ihr bei der Liveübertragung den Einlauf der drittplatzierten Frau verpasst und uns Fernsehpublikum die letztlich Vierte als Podestplatzierte verkauft. Da könnt ihr übrigens eine ganze Menge von der ITU lernen...aber diese dritte Dimension im Triathlon-Organisationenkampf lasse ich jetzt mal außen vor.

5
Gesamtwertung: 5 (2 Wertungen)

Danke für die ausführliche Information. :-)

"Wenn Du eines Tages vor den großen Schiedsrichter trittst, so wird er Dich nicht fragen, ob Du gewonnen hast, sondern wie Du gespielt hast."

Finde ich...

auch sehr interessant!
Von dem Hickhack hab ich auch ein wenig mitbekommen.
Schon weil ich bei den Laufveranstaltungen den familiären Touch viel lieber mag, als diese kommerzielle Massenabfertigung, und sowieso nicht als Leistungsträger, sondern als Teilnehmerin mit dem " olympischen Gedanken" dabei war, gefällt mir die Challenge besser. Ob Roth nun die Marke IRONMAN getragen hat, oder nicht, die Anforderung und Leistung und Begeisterung ändert sich nicht!
Danke für deine Gedanken!

Lieben Gruss Carla
"Mancher rennt dem Glück hinterher, weil er nicht merkt, dass das Glück hinter ihm her ist, ihn aber nicht erreicht, weil er so rennt!" (Bert Hellinger)

mal ganz ehrlich?

Die Geschichte ist schon ziemlich spannend, aber mal ganz ehrlich? Mir ist es ziemlich egal welcher Markenname auf den Veranstaltungen an denen ich teilnehme, draufsteht. Das macht mir keine schlaflosen Naechte. Ich kann mir nicht vorstellen dass die Qualitaet von Kraichgau 2014 in irgendeiner Weise leidet (Ironman weiss wie man Veranstaltungen aufzieht) und finde es albern seinen Startplatz zurueckzugeben nur weil der Veranstalter wechselt. 2015 mag das anders aussehen: Bei den Ironman Startgebuehren wuerde ich nicht mitziehen und auf den gesamten Ironman Kit bin ich auch nicht scharf.
Unsere hauseigene Langdistanz (Challenge Henley) wurde jetzt eingestampft weil die Gemeinde keine Triathleten ausstehen kann (gucksu hier (click) )Ich kann mir gut vorstellen dss Ironman die Kohle gehabt haette die zustaendigen Politiker davon zu ueberzeugen dass auch ein 'Posh Kaff' wie Henley einen Platz auf der Triathlonlandkarte verdient hat...

cour-i-euse

die antwort kann einfach sein...

...Hannover-Limmer Wasserstadt Triathlon
Langdistanz, 95€ Startgeld, Super Orga, keine “Eventteilnehmer“...
Sport pur!
(Und auch keine TV Coverage)
Also, wem es nur um die Distanz, den Sport und sich selbst geht, kein ChiChi und keine bunten Label braucht - und wer keine Investmentgesellschaft füttern will...
Es gibt auch lokale Veranstalter, allerdings ohne das öffentlichkeitswirksame Renommee, die der IM nun mal hat!!
Ansonsten gilt wie immer “Just Do it“
Gruss Fritze
(Der die Startgebühren - und die Bereitschaft die zu zahlen - zum Teil einfach nur noch pervers findet)

"To finish, you have to start!!"

Beim Geschäft hört die Freundschaft auf.

Ich finde es nicht verwerflich, wenn jemand ein interessantes Job-Angebot annimmt. Hat m.E. nichts mit "kaufen lassen" im negativen Sinn zu tun. Letztlich lassen sich ja viele Menschen einen erheblichen Teil ihrer Lebenszeit abkaufen für mehr oder minder sinnvolle bzw. erfüllende Erwerbstätigkeit.

Ich finde, die "Grenze" verläuft nicht zwischen ironman und challenge, sondern zwischen Vereinssport und Kommerz.
Und mal ehrlich: wenn ich sehe, was man für eine Triathlon-Ausrüstung ausgeben kann (nicht muss), dann wundert es mich wenig, das es viele Leute gibt, die ohne zu zucken >500 Euro Startgebühr hinblättern. Warum auch nicht. Wird ja keiner gezwungen. Der Markt wird's schon richten.

Mir war Limmer zu früh

und Roth / Frankfurt zu früh und zu teuer und ich hatte im August was gesucht. War kein "Serienrennen", dafür mit viel Lokalkolorit. Die Strecken gab's auch - alles von Einsteiger über OD und MD bis LD.

Wem's nur um die Distanz geht, der ist auch woanders gut aufgehoben. Wem's um Zuschauer und Masse geht, der wird wohl eher ein Challenge- oder Ironman-Event vorziehen.

Mir ging's nur um die Distanz und das "Schaffen" - von daher war ich voll zufrieden.

Ich würde beim Wechsel des Ausrichters den bereits gebuchten Triathlon nicht zurückgeben. Aber auch Kraichgau war mir bisher zu "teuer" und noch mit Anfahrt und Übernachtung verbunden. MDs gibt's auch im engeren Umfeld zu günstigen Konditionen.

Erstmal ein Dank an dich

Erstmal ein Dank an dich für die super zusammengefaßten Informationen. Ich habs auch bei Fb gelesen, aber ich habe bisher die daran anschließenden Diskussionen nicht verfolgt. Ich habe Roth für das kommende Jahr aus einem Bauchgefühl und ein paar Vergleichsbeschreibungen im Internet ausgewählt. Daß ich für mein Langdistanz-Debüt zu einem der großen Rennen tendieren würde, war für mich völlig klar, nichts gegen Limmer, aber ich möchte auch nach 12 oder 13 oder... Stunden ins Ziel gefeiert werden und mich als Teil einer besonderen Gemeinde fühlen, wenn ich auf diesen Tag fast ein Jahr lang hintrainiert habe. Also Frankfurt oder Roth... und ohne bisher bei einem IM- oder Challenge-Rennen dabei gewesen zu sein, war Roth mir sympathischer. Ein paar Gespräche noch im Verein und fertig. Beworben, Glück gehabt, Angemeldet. Unter dem Gesichtspunkt, daß also auch ich mich als eher "wenig politisch Interessierte und manchmal auch Un-Informierte" durchaus von den von dir hier beschriebenenen Eigenschaften der Challenge-Serie habe anziehen lassen, bin ich jetzt natürlich am Erhalt bzw. einer Stärkung derselben interessiert und werde das ganze etwas aufmerksamer weiterverfolgen.

LG Britta

Mäckes oder Burgerking?

An den Twist erinnert mich die Diskussion...

Beide Veranstalter wollen Geld verdienen, Konzepte und Profiteure mögen sich unterscheiden, aber der Unterschied zu kleinen Vereinsveranstaltungen ist klar.

Gehe übrigens auch manchmal Burger essen. Aber meistens doch lieber zu Gino im alten Stiftshaus. Der kocht WIRKLICH lecker.

granreserva
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Die Körper wären nicht schön, wenn sie sich nicht bewegten.
(Johannes Kepler)

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