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Eigentlich bin ich nur noch coach der Marathon-Staffel "We are family". 14 Tage vor dem Start sagt Youngster Jonas wegen eines Tenniswettkampfs ab. Ich muss für ihn einspringen – frisch aus dem Urlaub (fast ohne Läufe) zurück mit dem Problem, mich noch in Form zu bringen und per Tapering das Laufprogramm herunterzufahren – geht gar nicht!

Samstags vor dem Rennen legen wir – Schwiegertochter Carina, Tochter Ute und Schwiegersohn Thomas, unser Neuling in der Staffel – bei einer Nudelparty die Logistik fest: wer wem wo welchen Kleiderbeutel mitzubringen hat; jedes Jahr wieder eine heiß diskutierte Sache, die zu Missverständnissen geradezu einlädt.

Der Wettergott scheint am Lauftag gnädig gesonnen: er verlegt den prognostizierten Regen vor auf die frühen Morgenstunden. Während des Laufs fällt nicht ein einziger Tropfen.

Um 12:40 Uhr warte ich nahe beim Rudolfplatz auf Startläuferin Carina. 20 Minuten später biegt sie um die Ecke – der Staffel-Start hat sich – nicht unüblich in Köln – verzögert.

Meine Teilstrecke hat es in sich: 20 Kurven auf 11 km verteilt – ungewohnt. Es erweist sich als Vorteil: nach der Unterführung an der Universität bläst mir voll der Wind ins Gesicht. Das Feld ist weit auseinandergezogen; Windschatten gibt es nicht. Doch die nächste Kurve kommt, und zwar schnell: andere Laufrichtung, kein Gegenwind mehr. So geht das mehrfach.

Geplant ist, langsam anzufangen und die zweite Hälfte zuzulegen. Nach 5 km bin ich über eine Minute schneller als Plan. Dies rächt sich. Nach km 8 kommt mir der Wind auf der Aachener Straße ein weiteres Mal frontal entgegen – ich werde langsamer und verliere doppelt so viel, wie ich zuerst gutmache. Sei´s drum! Das ist mir noch nie passiert, wenn ich in einem Wettkampf allein lief, aber alles ist immer zum ersten Mal.

An Wechselzone 2 – eine gottverlassene Wiese an der Vogelsanger Straße - übergebe ich an Tochter Ute, die später Ehemann Thomas auf die 9 km lange Schluß-Strecke mit den absoluten highlights schickt (Rudolfplatz; Neumarkt; Schildergasse; Hohe Straße; Dom) schickt: ideal für den winkfreudigen Schluss-Läufer, der voll aus sich herausgeht. Im Ziel sammelt Thomas die verdienten Medaillen ein (mit stilisiertem Dom: sehr einfach, ich finde sie schön, andere nicht, über Geschmack kann man nicht streiten).

Thomas ist von uns vieren der langsamste. Trotzdem bringt er die größte Leistung, denn er läuft erst seit kurzer Zeit (im Training normalerweise 5 km mit einer pace von 7:30 Min./km): mehr als 9 km im Rennen mit 6:39 sind für ihn herausragend!

Gefeiert wird dann zu Hause - der 440. Platz bei 472 finishenden Staffeln - in der warmen Stube bei Gulaschsuppe und Reißdorf Kölsch. –

Noch eins: es gibt keim Köln-Marathon nichts, was es nicht gibt. Als ich von Wechselzone 2 zum Friesenplatz (das ist etwa Halbmarathon, also km 21) zurückgehe, kommen mir nur noch ganz wenige Läufer entgegen, dazwischen ein blinkendes Auto, das ich für den Besenwagen halte – und 100 Meter hinter dem Besenwagen zwei Läufer, junge Männer zwischen 20 und 30, die sich offensichtlich noch im Rennen befinden, mit Start-Nummern – Marathon-Nummern, keine Staffel-Läufer mit kurzer Teilstrecke, sie gehen – und einer von beiden zieht genüsslich an einer Zigarette! Wie gesagt: es gibt nichts …..

Und warum ich keine Wettkämpfe mehr bestreiten will? Ich meine, mit 72 will ich nur noch zum Genuss laufen, nicht mehr auf Uhren schauen wegen pace oder Pulsfrequenz oder verbrauchter Kalorien, und bin dankbar, dass ich überhaupt noch schmerzfrei laufen kann. Und das will ich so halten, zumindest, bis ich die nächste Altersklasse erreiche (AK 80+).

Und ich will nicht Gefahr laufen, in unserer Staffel nächstes Jahr pacemäßig das Schlusslicht zu sein, auch wenn es bei unserer Freizeitläufer-Staffel nicht auf die Zeit ankommt. Immerhin bin ich gestern noch der schnellste gewesen (mäßiger Stolz), aber viel langsamer als 2012 (gehöriger Dämpfer).

alterwalker

5
Gesamtwertung: 5 (5 Wertungen)

Alter Schwede,

als Senior der Truppe ohne Training die beste Zeit gelaufen, das nenn ich mal ne Leistung, da braucht der Unterschied zum letzten Jahr nicht stören. Dachte eigentlich, bei den 72jährigen hätte sich langsam rumgesprochen, dass Training wirkt ;-).

Ich kann aber nachvollziehen, dass Dir der Sinn eher nach genüsslichem, stressfreiem Genusslaufen ist. Viel Spaß dabei!

granreserva
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Die Körper wären nicht schön, wenn sie sich nicht bewegten.
(Johannes Kepler)

Soso, ohne Training...

...nennst Du das also. Naja, sind ja erst 2100 km.
Und solange Du der Schnellste in der Familienstaffel bist, brauchst Du Dich wahrlich nicht grämen!
Herzliche Grüße aus dem Westerwald, Conny

Aus gehabtem Schaden gelernt?

@granreserva:
Heute wäre ein richtiger Genusslauf gewesen: 20 km mit 7er-Schnitt, hätte mir nicht die Pulsuhr zwischendurch eine HF(max) von 211 vorgegaukelt (realistisch sind höchstens 180).
Konsequenz: nächstens ohne Pulsuhr mit gefühltem Genuss(max).

@mel72:
können wir nicht tauschen: biete 72 (Alter, sogar ein bisschen weise) gegen 72 (Jahrgang)? Dann käme ich locker laufend in die AK 100+.

@WWConny:
Naja, so ganz ohne Training war´s nicht, aber eben eine ziemlich verkorkste Wettkampfvorbereitung. Peter Greif hat sich in seinem aktuellen newsletter dazu geäußert: "Die groben Fehler in der Marathonvorbereitung" (in der Tapering-Phase versuchen, ausgefallene Trainingsläufe nachzuholen und ein paar Kilo Gewicht abzuspecken). Beides habe ich versucht und die Quittung dafür bekommen. Zum Glück war´s kein Marathon, sondern nur ein Staffel-Viertel davon. Immerhin ist es schön, im Nachhinein wenigstens die Versagensgründe zu kennen. Leider gibt es keine Möglichkeit, die Fehler zu verbessern, denn ... es war das letzte Mal …..

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