Ich stehe in der Startaufstellung ganz Vorn, keiner hinter mir. In den letzten 2 Tagen hibbelte es gewaltig, es war fast nicht mehr auszuhalten. Ich wollte los, will wieder Laufen. Das Schienbein ist besser, was ich auf 2 kurzen Runden am Sonntag und Dienstag probiert hatte. Noch schnell ein paar Lockerungsübungen für die Gelenke, dann wird auch schon der Countdown runtergezählt, 5 – 4 – 3 – 2 – 1 ... und ich bin wieder auf der Straße. 5km sollen es werden, gemütliche 5km sollen es sein und am Ende wollte ich der Gewinner sein.

Langsam hebt sich das Licht und ich laufe dem Sonnenaufgang entgegen. Neben mir höre ich den ruhigen Atmen meiner Laufbegleiterin, ihre Schritte sind lautlos und die Vögel zwitschern auch schon wieder. Dann den ersten Hügel hoch und fast auf der Spitze angekommen, scheinen sie mir direkt ins Gesicht, die ersten wärmenden Strahlen der Morgensonne. Ruhe und Zufriedenheit stellen sich ein, eine Erpelpelle bildet sich und ich bin mir sicher, nicht nur wegen der 0,1Grad heute Früh.
Abgeerntete Stoppelfelder, der noch dunkle Waldrand, der Wasserlauf im Graben neben der Straße, alles reiht sich nahtlos ein in die Gelassenheit dieses Feiertagmorgens. Jetzt kommen Stufen, eigentlich sind es Holzbretter, hinter Pflöcke geklemmt. Gewunden schlängeln Sie sich, mal kurz und steil – mal lang und flach, den Berg hinauf. Der Atem wird kräftiger und meine Partnerin enteilt mir ein wenig. Ein langsamer Lauf soll es werden, also bremse ich mich und auf mein Zurufen lässt sich auch meine Begleitung wieder fallen. Wir verstehen uns halt ganz gut.

Über einen reifverschleierten Wiesenweg geht es jetzt zum Brunnenhaus. Die Sonne erwärmt die Mauern des gewaltigen Turms, auf den in früheren Tagen das Wasser mittels Ochsentretanlage hochgepumpt wurde. Der lange Schatten fällt auf mich und jagt mir die nächste Gänsehaut den Rücken runter. Der Wendepunkt ist erreicht, jetzt geht es bergab und die Beine wollen schneller. Meine Laufpartnerin geht die Temposteigerung mit und wir fliegen, zusätzlich getrieben von den Sonnenteilchen im Rücken, die Feldwege hinunter bis zur Unterführung der Umgehungsstraße. Von hier ist es nur noch ein guter Kilometer zurück. Aber jetzt habe ich blut geleckt, will mehr ... Mehr ... MEHR ... und so biege ich links von der vorgegebenen Strecke ab.

Die Wiesen verlieren langsam ihr weißes Kleid und ich komme zurück in die Stadt. Nach kurzer Zeit erreiche ich den Friedhof und paradoxer Weise, begegne ich hier, wo es am stillsten sein sollte, dem ersten Spaziergänger mit freilaufendem Hund und es wird laut. Der Hund bellt und meine Laufpartnerin wird schon ganz unruhig. Ich kann sie aber beruhigen und wenige Meter später, hinter der nächsten Biegung, kehrt die Ruhe zurück.
Wieder geht’s einen Berg runter, die Beine rollen und jetzt lasse ich auch wirklich laufen. Alle Bedenken sind weg, das Schienbein, was anfangs noch ein wenig zwickte, schweigt jetzt und ich bin wieder voll drin. Vorbei am Pferdehof, rüber über die Kreisstraße und noch runter zur Kläranlage. Das dumme am schnellen Laufen ist, dass alles auch schnell vorbei eilt! So schlich sich im 2. Teil des geplanten Genusslaufs doch noch ein wenig Tempo hinein. Ich kann mich halt kaum zurücknehmen, trotz aller Vorsicht im Hirn und den Gedanken an die vergangenen 10, schmerzbedingten, lauffreien Tage.
Unten angekommen steht mir nun noch die kraftraubendste Passage bevor. 74 Höhenmeter verteilt auf nur 700 Meter bis zum Start-Zielbereich und davon sind die letzten 100 Meter Zielgerade sogar noch eher flach. Die Atmung wird schneller, tiefer und zum ersten Mal heute spüre ich die Anstrengung. Der Anstieg versaut mir zwar die Zeit aber ich komme ohne Gehpause und gleichmäßig, also gut durch.
Dann der Zieleinlauf. Auf den letzten Metern lasse ichs ausrollen, kein Zielsprint, keine Endbeschleunigung, nur ankommen. Meine Laufpartnerin hat noch mehr Energie und zieht mir davon. Jetzt lasse ich sie auch gewähren.

So werde ich leider nur 2. Aber das anschließende üpige Nachlauf-Frühstück entschädigt für diese „Niederlage“.

Das Ergebnis?
7,6km in 50:39 (Pace 6:39), das Schienbein ist auch heute noch OK, nur ein wenig Muskelkater ist in den Oberschenkeln zu spüren (das wird der Schlussanstieg gewesen sein). So kann es jetzt wieder weiter gehen, hoffentlich.

Gruß aNGUS SchuAn.

PS: Es war übrigens nur ein Traininglauf, mit Start und Ziel zuhause, Countdown von der Handy-App und die Laufpartnerin war mein Hund Laila.
Zwar kein großer Wettkampfbericht aber dennoch berichtenswert, jedenfalls für mich!

5
Gesamtwertung: 5 (7 Wertungen)

wie schön! So soll es sein,

wie schön!
So soll es sein, ganz genau so ist laufen!
Ruhe und Zufriedenheit, heimkommen, eins mit sich selbst und der Natur...
Wunderschön geschrieben.
Ich wünsch dir, das dein Schienbein hält :-)

Seit 2011:



"Man muss das Unmögliche so lange anschauen, bis es eine leichte Angelegenheit wird. Das Wunder ist eine Frage des Trainings" (Carl Einstein)

schöner Lauf

schöne Strecke, tolle Trainingspartnerin.
Danke fürs mit nehmen.

Weiterhin so schöne und schmerzfrei Läufe für euch beide

Ja, so schön ist

Ja, so schön ist Laufen.

Laufen macht glücklich!

Wie schön....

... so ein feiertäglicher frühmorgens-Lauf sein kann!

Danke fürs Teilen!

LG Caia

Ich übe noch!

Danke ...

... euch Vieren. Nach den ganzen Helden-, Ultra-, Spartaner- und Marathonberichten dachte ich gehört hier wieder einmal ein Trainingsbericht rein. Zwar hab ich ein wenig "Tarnfarbe" aufgelegt aber sonst wär der schöne Lauf doch unten durch gerutscht!

Gruß aNGUS SchuAn.


Aller Anfang sollte leicht sein, schwerer mach ich's mir ganz von allein!

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