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Eigentlich ist es für einen Feiertag viel zu früh zum Aufstehen, doch Hamburg lockt an diesem Tag mit einer besonderen Attraktion: heute erobert die Läuferwelt die ansonsten für Radfahrer und Fußgänger unzugängliche Köhlbrandbrücke.

Ich finde mich also fast vor dem Aufstehen auf der A7 wieder und blinzele noch etwas müde in die knallige Sonne. Ein stahlblauer Himmel wird heute den Hintergrund für einen Ausblick auf den gigantischen Hamburger Hafen bilden -- ich freu mich!

Da ich nicht genau weiß, ab wann die Brücke für den Autoverkehr gesperrt sein wird (manchmal sind newsletter ja doch zu was nütze -- dort stand es drin!), fahre ich rechtzeitig los und bin gut zwei Stunden vor Startbeginn vor Ort. Ich habe mich für den 12:00 Uhr Start entschieden, 15:00 Uhr wäre auch noch eine Option gewesen, da der Veranstalter die gut 4000 Teilnehmer in zwei Gruppen aufgeteilt hat. Nun habe ich also genug Zeit smallzutalken und ich treffe kurz vorher sogar beeker, der mich dank neongelbem Shirt gut in der immer größer werdenen Menge erkennen kann.

Es ist frisch -- ein scharfer Ostwind weht und der ist hier meistens kalt; so entscheide ich mich für die leichte Jacke, um oben auf der Brücke nicht zu erfrieren. Schnell laufen soll ja bekanntlich auch warm halten, aber ich will heute nicht ganz volle Pulle laufen, sondern den Lauf als strammen TDL und Sightseeing in einem angehen. Unter einer Stunde darf es schon werden, da sind beeker und ich uns einig. Der Dixiklogang nach dem Einlaufen trennt uns und so finde ich mich im vorderen Viertel der Startaufstellung wieder, als der Startschuß fällt -- quatsch! Wir sind ja in Hamburg: da wird angeglast (oder angelasen?), also eine Glocke geläutet!

Ich will auf die 12km einen 4:55er Schnitt laufen, was so oder ähnlich auch in meinem Trainingsplan steht. Die ersten drei Kilometer sind "Zubringer" und ich beschließe etwas schneller zu machen, da wir auf dem Rückweg Gegenwind haben werden.
Kleine Rampen auf dem Weg und dann bauen sich auch schon die gigantischen Pfeiler auf der langen Geraden zur Brücke vor uns auf. Es geht stetig aufwärts, doch der Wind schiebt. Ich lasse die Gedanken fliegen und schaue auf die kleinen Legosteine im Containerhafen -- so bunt und alles voll mit Krams und Gedöns aus aller Welt!
Linkerhand Schornsteine, die weißen Qualm abgeben. Es riecht streng nach -- Amoniak? Ist es am Ende die Astra-Brauerei, die dort Hopfenmaische ablässt? Wer weiß... Kräne, Tanks, Schrotthalden und Schüttgutberge -- dazwischen Hafenkaianlagen, Containerschiffe und die kleinen Ausflugsbarkassen. Ich kann sogar die Elbphilharmonie sehen, quasi der Berliner Flughafen von Hamburg -- eine never-opening Millionen-Grab-Geschichte. Dennoch: selbst in Bau und von weitem wird sie einmal das Wahrzeichen der Hamburger Hafen-City werden.
Ich bin oben auf der Brücke, der Wind heult zwischen den 10cm-dicken Stahltrossen der Brücke und "wie der Wind" geht es runter zur Wende. Die ersten Läufer kommen uns entgegen und kurz nach der Wende weiß ich auch warum die gar nicht so entspannt aussahen (mal von deren Tempo abgesehen): der Anstieg auf dieser Seite ist strammer und der Wind kommt frontal mit mindestens 40 Sachen auf uns zu. Hier muss jeder beißen. Weder kleinmachen noch Windschatten hilft: nur mit kleineren Schritten und einer ernstzunehmenden Bemühung das Tempo zu halten komme ich wieder am höchsten Punkt an, ohne eine 5 vorn in der Paceanzeige zu sehen. Hatte ich nicht eigenlich Sightseeing gebucht? Daran erinnere ich mich wieder und kann beim runterlaufen noch einmal die grandiose Aussicht genießen und mich gleichzeitig an einen Pacemaker für die letzten drei Kilometer ranhängen. Runter rollt es. Vorerst...
Von mir aus könnte der Lauf nun auch zu Ende sein: ich hab alles gesehen, was ich sehen wollte und der letzte Buckel mit der danach nicht enden wollenden Zielgeraden mit nicht weniger Gegenwind als oben auf der Brücke fordert mehr als ich zu geben bereit bin. Eine Zeit deutlich unter einer Stunde ist sicher drin, also nehme ich etwas raus und genieße den Zieleinlauf mit netter Ansage und viel Applaus von den Zuschauern. Danke Hamburg -- das war außergewöhnlich schön!

Im Zielkanal gibt's eine sher hübsche Medaille und Sponsor-Alkfrei, das ich wieder windgeschützt in strahlender Sonne mit beeker genießen kann -- der war nämlich trotz Berlin in den Beinen extrem flott unterwegs: Respekt!

Ach ja: der Abriss der Köhlbrandbrücke ist beschlossene Sache: zu klein für die neuen Riesen-Schiffe, zu marode für den Schwerverkehr ist die Bauweise aus den 70er Jahren. Zum Glück soll das erst 2028 bittere Wahrheit werden -- Zeit genug um noch ein paar Jahre lang diesen Lauf genießen zu können!

[edit: offizielle Zielzeit ist 0:55:38]

4.8
Gesamtwertung: 4.8 (5 Wertungen)

Recht hast Du, schön wars.

Recht hast Du, schön wars.
Das Wetter, Der Lauf und
dich zu treffen und ein wenig zu plauschen.

bis demnächst
grüsse
beeker

unglaublich,

und schön, virtuell mit dir gelaufen zu sein.

LG vom Lurch

Regenfetischisten = die "normalste" Laufgruppe im Universum
wird nur von NEONGELB getoppt!

sehr schön ...

... naja, bevor die Brücke abgerissen wird, muß ich da wohl auch noch mal drüber laufen. Gerade hat mich dein Bericht dazu motiviert. Danke.

Seit Jahren

steht der Lauf auf meiner Wunschliste und soll mit nem Besuch beim Sohnemann verbunden werden. Und seit Jahren ist er genau am Tag es Wettkampfs nicht zu Hause, tststs. Aber gut, ein paar Jahre habe ich ja noch Zeit:-)
Hey du bist ja wieder fix unterwegs gewesen, trotz Wind und hm! Und jetzt stell dir diesen Lauf mal bei strömendem Regen vor....;-)

Lieben Gruß
Tame

@ Tame

Ich gehöre zwar nicht zu den Regenfetischisten, aber ich kann mir das bei der Kulisse auch gut vorstellen. Zumindest für Hamburg auch ein realistisches Szenario!
Die schönen Läufe ware tatsächlich bei mir immer mit Sonne verbunden -- irgendwann werde ich mich darauf einstellen (müssen) auch den Regen zu genießen!

Gruß, Dominik
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"Wochenenden zählen nur, wenn man sie mit völlig sinnlosen Dingen verbringt!"

Wunderbarer Lauf mit toller Aussicht!

Fast hätte ich wegen der vielen Staus bei der Anfahrt nach Hamburg den Start zur zweiten Runde um 15:00 Uhr verpasst! Es wäre echt schade gewesen, denn der Köhlbrandbrückenlauf ist ein echt tolles Event. Du hast alles genauso beschrieben, wie es war. Nur die drei Pipers, die auf der höchsten Stelle auf uns gewartet haben, hast Du unterschlagen. Macht nix: nächstes Jahr findet der 4. Köhlbrandbrückenlauf statt und ihr alle könnt sie dann selber hören!

Das war eine schöne

Das war eine schöne windumblasene Tour durch den Hamburger Hafen mit Dir! Ich hoffe, bis 2028 war ich da auch mal dabei ;) - Super gemacht, vor allem jetzt zum Saison-Ausklang (?) und beschrieben,
LG Britta

Sehr schöner Blog

... bin beim "Debut-Lauf" 2011 auch mitgelaufen und JA diesen "Sightseeing-Lauf"
sollte man(n oder Frau) mindestens 1x im Leben mitgemacht haben !
Aber eben nicht im vollen WK-Modus !!!

Hast ALLES richtig gemacht !

Gruss Markus - een neongelbe Löper ut´n Norden

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