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manchmal frage ich mich, warum ich laufe. Selten nach dem wie. Dabei steckt die Antwort nach dem warum im wie:

Es ist Freitag Abend, das wichtigste des Tages wie der Woche erledigt. Granreserva schnallt sich also die Laufschuhe um und begibt sich auf die Straße. Heute ist Tempodauerlauf angesagt. Also fix einlaufen, und dann geht die Post ab. Die Schritte werden schneller, länger, kraftvoller. Die Atmung tiefer und ebenfalls schneller. Ich komme auf Touren. Die Pulsuhr habe ich nicht um, heute wird nach Gefühl gelaufen und später anhand der Satellitenüberwachung ausgewertet. Das Tempo muss ich jetzt sechs bis acht Kilometer halten sage ich mir. Da ich auf der Marathonstrecke um den Baldeneysee laufe habe ich Kilometermarkierungen auf der Straße, die das Orientieren erleichtern. Und heute ist sogar betreutes Laufen angesagt, ich habe sehr angenehme Begleitung auf Inlinern.

Schon recht bald wird mir aber klar, dass das heute kein Spaziergang wird. Die Beine sind schwer, der Dreißiger vom Mittwoch steckt wohl doch noch ziemlich in den Knochen. Aber hilft ja nichts, ich will schließlich einen schnellen Halben laufen, da muss man schon mal was für tun. Also weiter, die Schritte bewusst setzen, nach Hinten lang ziehen. Wenn die Kraft heute nicht da ist musst DU um so mehr auf die Technik achten. Außerdem lasse ich mich von meiner Betreuung unterhalten, selbst reden ist jetzt kaum noch möglich.

Nach einer gefühlten Ewigkeit komme ich zur Markierung des ersten schnellen Kilometers. Das noch sechs mal so lang? Das wird hart. Sage ich mir. Also ist heute Kampf angesagt. Ich bleibe dran, versuche Kraft und Technik zu verbinden, flüssig und leicht zu laufen. Sehr witzig, könnte mal jemand das Blei aus den Schuhen nehmen? Nein? Sind nur Wettkampfschuhe mit ein paar Gramm? Beschiss!

Jetzt schon auf dem zweiten Kilometer wollen die Beine nicht mehr. Nicht mal die beste Aufmunterung, die mir ja gerade zu Teil wird, vermag dies zu ändern. Nach zwei Kilometern habe ich ein Einsehen mit den Gräten und nehme Tempo raus: Locker weiter, dann machen wir deben doch einen entspannten Wochenausklang.

Da die Dämmerung langsam Einzug gehalten hat können wir etliche Fledermäuse auf ihrem abendlichen Besorgungsflug beobachten, das ist eine Wonne diesen eigentümlichen Tieren in ihrem Zickzackflatterflug zuzusehen. Eine schöne Entschädigung für den verpatzten Tempolauf. Schon ein bisschen versöhnt hole ich mein Telefon, um die Aufzeichnung des Laufes bis dahin anzusehen. Immerhin, ich war ordentlich schnell unterwegs gewesen, knapp 10 Sekunden schneller als das anvisierte HM-Renntempo. Und das muss ja auch erst Ende November stehen. Hmmm. Zu schnell gelaufen also. Aber die Luft fühlte sich doch halbwegs gut an?

Egal, erst mal sacken lassen, locker weiter. nach weiteren drei Kilometern und einer kleinen Fledermaus- Flugschau-Pause dann der Rückweg: Langsam war ich wohl in Tritt gekommen. Die Beine machen ihre Arbeit, nicht so flott wie vorhin, aber mühelos. Also ließ ich es rollen, die Beine gehörten jetzt wieder mir, sie würden jetzt in ihrem Element sein, das tun, wofür sie geschaffen sind. Jetzt kann auch ein anderer Prozess beginnen, der des Loslassens, des hinter sich lassens der kleinen Alltagsbürden. Schritt für Schritt werde ich leichter, Schritt für Schritt bin ich näher bei mir, näher bei meinem Tempolauf. Der ist es inzwischen wieder geworden, die Auswertung zeigt im Nachhinein 4 Kilometer mit einer langsamen Steigerung von 10 sec. pro Kilometer, der letzte knapp unter dem geplanten Renntempo. Jetzt könnte ich noch weiter. Jetzt bin ich bei mir, bei meinen Beinen, kein angestrengtes abspulen eines Trainingsprogramms sondern ein gelebter Lauf, in dem ich wieder ein Stück mehr zu mir gefunden habe.

4.88889
Gesamtwertung: 4.9 (9 Wertungen)

sch9n geschrieben

Und ich kann vor allem bestätigen:
Durchs Laufen findet man Stück für Stück zu sich selbst zurück.

Weiterhin eine gute Vorbereitung wünsche ich dir.

Wir sind BORN - Verstand ist zwecklos
Bin nicht gestört und auch nicht schnell - nur verhaltensoriginell

EIns werden

...Jetzt bin ich bei mir, bei meinen Beinen, kein angestrengtes abspulen eines Trainingsprogramms sondern ein gelebter Lauf, in dem ich wieder ein Stück mehr zu mir gefunden habe...

Wird allzu oft vergessen, einfach mal Los lassen.

Manchmal geht es auch über Kampf,...

... aber selten. Da ist Krampf fast immer vorprogrammiert.
Ein Zurückfinden in einen solchen Lauf gelingt mir allerdings dann selten. Klasse!
Dieses Gefühl ist eh unbezahlbar.
;-)

wenn der lauf...

...vom feind zum freund wird, dann ist es ein guter lauf!
sehr schön beschrieben. danke!
____________________
laufend loslassen macht frei meint: happy™

"man muss es so einrichten, dass einem das ziel entgegenkommt." (theodor fontane)

Sehr schön!! :o)

Der Lauf ist wichtiger, als die Zeit!
Die kommt von allein!
Irgendwann! :o)

Lieben Gruß Carla
"Mancher rennt dem Glück hinterher, weil er nicht merkt, dass das Glück hinter ihm her ist, ihn aber nicht erreicht, weil er so rennt!" (Bert Hellinger)

Welch schöne Beschreibung

dessen, was das Laufen uns gibt. Einssein mit sich und der Natur - und entspann nacht Hause kommen.

"Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie..." :).

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