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Was tut ein Läufer, wenn er ein sturmfreies Wochenende ohne Termine hat?
Na klar, er sucht sich einen schönen Lauf-Wettkampf aus

Aber was tun, wenn es um die aktuelle Form nicht gerade zum Besten bestellt ist?
Ganz einfach, man sucht sich was verrücktes raus, am besten eine Wettkampfdistanz die man noch nie gelaufen ist.

Also... kurze Distanzen bis HM waren schon mal raus... ein kleiner Marathon auf der grünen Wiese oder ein Ultra sollten es dann schon sein. Und da noch das Jahresziel "mindestens einen Ultra laufen" offen stand, entschied ich mich für letzteres und da ich nicht vollkommen "out of mind" bin, entschied ich mich für die "6 uren van de Haarlemmermeer", ein kleiner aber feiner 6-Stunden Lauf in der Region Amsterdam/Haarlem. Das war zwar länger als ich je läuferisch unterwegs war, aber eben nicht völlig unüberschaubar wie die Alternativen 24h-Lauf oder Ultratrail.

Anfahrt und Renn-Vorbereitungen
So war ich am heutigen Samstag, man schreibt den 29. Juni 2012 um 9 Uhr im Startort Vijfhuizen angelangt. Die Strecke ist ein vermessener Rundkurs von 2227 m über das Gelände der Floriade (bei uns würde man "Bundesgartenschau" sagen) von anno dazumal mit Rundendenstart und Verpflegung unter dem Dach der Expo-Hallen. Einschreibung war schnell erledigt, mit 20 € inkl. Nachmeldegebühr übrigens auch absolut in Ordnung, angesichts des gut sortierten Verpflegungsstands. So entschied ich mich auch, meine mitgebrachten Salzbrezeln und die Cola gar nicht erst aufzubauen.

Blieb nur noch die Schuhwahl und die Frage der Renntaktik. Bei der Schuhwahl war zumindest die Marke gesichert. Da mein Arbeitgeber seit diesem Jahr die Marke Diadora auf dem Deutschen und Holländischen Markt vertreibt, bin ich mittlerweile ganz auf Markenbotschafter gepolt. Beim Modell fiel die Wahl auf den Lightweight-Trainer N-2100, der hier seine Ultra-Feuertaufe bestehen sollte. Sicherheitshalber stellte ich mir aber noch ein Paar Reserveschuhe an den Rand.

Die Renntaktik war weitaus schwieriger... In Topform traue ich mir zu, 80 Km zu erreichen, aber in meiner aktuellen Nicht-Form? Mit 3 Kilo über Wettkampfgewicht, einer durchschnittlichen wöchentlichen Laufleistung von 37 Km seit dem Marathon im Mai und nur einem einzigen längeren Lauf von 28 Km? Ich nahm mir vor, auf keinen Fall schneller als 10 Minuten/Runde (4:29er Schnitt) anzulaufen, aber auch zu versuchen, so lange wie möglich unterhalb von 11 Minuten zu bleiben (4:56). Aber es kam anders...

Das Rennen
Mit dem Startschuss um Punkt 10 Uhr orientiere ich mich nach vorne, lasse die ersten beiden Läufer aber nach vorne ein wenig Abstand gewinnen. Dahinter will aber auch keiner mit mir laufen, sodass ich dann doch den beiden Führenden hinterherstiefelte. Von Anfang an alleine habe ich auch keine Lust. Nach Runde 1 der Blick auf die Uhr: 9:35!!! Runde 2: 9:42!!! Völlig bescheuert...
In Runde 3 versucht einer der Führenden es sogar noch mit einer Tempoverschärfung. Immerhin zwingt mich das dazu, ein wenig abreißen zu lassen. Dennoch laufe ich das bisherige Tempo weiter durch. Der dritte im Bunde fällt bald ab und ich habe den Führenden weiter im Blick. Runde 3: 9:34, Runde 4: 9:37! Der Führende ist übrigens Gert Mertens, im Vorjahr hier Sieger mit 83.636 Km und auch Sieger des 50 Km Herbstwaldwaldlauf in Bottrop. Aber weiter im Text: 9:46/9:41/9:48/9:45/9:44 für die Runden 5-9. 3 Minuten habe ich auf mein geplantes Maximaltempo herausgelaufen. Verpflegt bisher allein durch Wasserzufuhr. Nach Runde 9 sehe ich den eben außer Sichtweite geratenen Gert Mertens am Rand. Pinkelpause. So laufe ich nach 10 Runden zum Erstaunen von Veranstalter und Zeitnehmertisch als Führender in die Halle ein. Nach Runde 11 aber hat mich Gert dann wieder eingeholt. Nach 9:47 und 9.58 ist Runde 12 mit 10.00 die erste Runde im zweistelligen Minutenbereich. Auf Runde 13 erreiche ich die 2 Stunden-Marke und schaffe mit 9:58 auch zum letzten Mal die Runde in weniger als 10 Minuten. Ab diesem Zeitpunkt sollte es abwärts sein. Ich merke, dass ich meine Kohlenhydrat-Speicher in diesen 2 Stunden leergeballert habe und da der Fettstoffwechsel angesichts der "Nicht-Vorbereitung" auch nicht gerade in Topform ist, muss ich mir etwas einfallen lassen... Es sind ja gerade erst gut 2 Stunden vorbei... Also gut, sage ich mir, das Rennen ist zu Ende, der Kampf kann beginnen...

Der Kampf
Als erste Maßnahme beginne ich mit der Nahrungsaufnahme. Der Verpflegungsstand bietet süß und salzig und ist auch abwechslungsreich sortiert. Dann nehme ich auch endlich Tempo raus. Nach zwei weiteren durchgelaufenen Runden in 10:21 und 10:47 muss ich nach 2 1/2 Stunden eine erste wirkliche Pause einlegen, 2 Minuten Verpflegungs- und Gehpause, dann wieder antraben. Nach 12:42 bin ich dann wieder rum und hänge gleich noch eine weitere Runde dran... 11:21... 5:10er Schnitt das scheint noch gerade so zu gehen. Dennoch, der Austtieg lockt... noch mehr als 3 Stunden quälen? Aber erstmal wieder Verpflegungspause, diesmal noch länger. Ultra mit einem Ausstieg nach einer nicht-ultrawürdigen Leistung von unter 42 Km, nur weil grad nicht so rund läuft? NEIN, aussteigen is nicht, und wenn ich noch 3 Stunden im Kreis wandere. Dann entsteht die neue Taktik: 2 Runden laufen, dann wieder Verpflegung und vor allem Trinkpause. Wenn ich denn laufe und nicht pausiere, kann ich wie vor einen Schnitt von 5:10-5:15 laufen. 2 Runden später ist nach 19 Runden und 3:20 Std. die Marathon-Marke erreicht. Immerhin wird es ein Ultra-Ergebnis. Zudem bekomme ich mit, dass der 3. und 4. des Rennens ausgestiegen sind, ich liege nach wie vor auf Rang 2 hinter Gert, der mich nun auch überrundet hat. Langsam aber merke ich, dass die Verpflegungsstopps Wirkung zeigen und ich auf diesem Niveau weiter durchlaufen kann, auch wenn die Beine langsam schwerer werden, die Energieversorgung stimmt wieder. Ich hole auch Gert zwischendurch mal wieder ein, der sein kleines Tief hat (ihm fehlen auch Grundlagenkilometer nach Verletzung... auch wenn er vor 3 Wochen den Eifel-Ultra gewonnen hat). So laufe ich wieder mit dem Führenden in einer Runde, aber Gert erholt sich und zieht schnell wieder vorbei und hält seinen Vorsprung von mehr als einer Runde trotz Problemen locker bis ins Ziel. Mittlerweile schiele ich nach überwundenem Tief auf das Podium und beschließe, nur noch alle 3 Runden für die Getränkeaufnahme anzuhalten. Nach 5:10 Std. dann noch mal Trinkpause nach 28 absolvierten Runden. Ich rechne, 4 Runden müssten noch gehen. Auf gehts, Endspurt, jetzt wird durch gelaufen. Und tatsächlich... ich kann zulegen... 11:53 für Runde 30, 11:35 für Runde 31 und dann noch mal 11:02 für Runde 32, meine schnellste Runde der 2. Rennhälfte. Ich habe sogar noch 2:30 auf der Uhr und so packe ich noch 498 Restmeter drauf, bevor ich beim Schlussignal stehenbleibe, dann ins Gras sinke und auf die Vermessung warte.

Ergebnis und Fazit
Tatsächlich bin ich auf dem 2. Platz gelandet. Am Ende sind es 71.762 Km geworden, angesichts der "Vorbereitung" und der Renneinteilung wirklich zufriedenstellend. Belohnt werde ich mit einen Pokal und 30 € Preisgeld, auch an Erfahrungen bin ich nun reicher. Ultra-Stundenläufe sind auch wirklich eine Herausforderung an die Psyche, auch wenn heute die Verlockung auszusteigen nur kurz da war. Und noch etwas sollte ich mir mal merken: Wenn man nicht vorbereitet ist, kann man mit einer guten Grundkondition durchaus auch Ultras laufen, allerdings sollte man es dann doch lieber ruhig angehen lassen.
Und sonst: Sonnenbrand auf den Schultern, eine kleine Blase und ein aufgerissener Nagel. Keine Krämpfe während des Rennens. Muskelkater kann erst Morgen bewertet werden. Fazit: Alles im Lot!

Der erste Ultra-Pokal
Das isser...der erste Ultra-Pokal

5
Gesamtwertung: 5 (6 Wertungen)

Glückwunsch

Moritz,
zum ersten Ultra-Pokal, das hat sich doch gelohnt! Ich möchte mir gar nicht ausmalen, was es geworden wäre, wenn du in Form gewesen wärst ;-)
Hut ab davor, dass du noch weitergekämpft hast, da hätten viele sicher die Flinte ins Korn geworfen, wenn es nicht so läuft, wie man sich das vorstellt. Also, echt stark!
Vielleicht können wir bald mal wieder zusammen losziehen...
Beste Grüße!

Man, bist Du ein starker Läufer und Talent!!!

Moritz, ganz großes Kino und ich gratuliere Dir ganz herzlich!
Saustarke Leistung!!!
Und taktisch sehr klug gelöst! :o)
Der nächste Pokal kommt bestimmt.
Ich hoffe nur, der Kater wird nicht zu schlimm.
Wenn am ersten Tag danach noch nichts ist, kommts meistens die nächsten beiden Tage richtig dicke.
Vielleicht hast Du ja auch da Glück.
Ich drück die Daumen.

Lieben Gruß Carla
"Mancher rennt dem Glück hinterher, weil er nicht merkt, dass das Glück hinter ihm her ist, ihn aber nicht erreicht, weil er so rennt!" (Bert Hellinger)

Für "nach 2h alle"

eine sehr starke phsychische und physische Leistung. Dazu einen tollen Pokal, der Dich zukünftig daran erinnern wird Ultras demütiger anzugehen und nicht am Anfang schon "das Pulver zu verschießen".

Das Startgeld hast Du ja fast um's Spritgeld aufgestockt wiederbekommen - cool.

Der Hammer! Total klasse Leistung! Gegen einen erfahrenen Ultraläufer darf man als Ultraneuling (das war Dein zweiter, oder?) auch mal "nur" Zweiter werden!

Hut ab, da stimmt einfach alles.

Cooler Pokal, der würde bei

Cooler Pokal, der würde bei mir sofort im WoZi stehen. Cooler Bericht und merkst was, los gelaufen wie wenn in Form(also wie immer), zu wenig Nahrhaftes auf die ersten zwei Stunden und schon haben sie eine Wand für dich aufgebaut. Ging mir bei den 6h von Ottobrunn ähnlich. Ich hatte zwar gut trainiert, aber zu wenig Nahrung unterwegs, so dass ich von 43-55km voll dringehangen hab. Dann gings wieder und gesamt dritter geworden mit 69,83km. Und so ein Kreislauf ist doch gar nicht so langweilig, wie viele sich nicht vorstellen können, oder? Ich warte ja immer noch auf die 70km-Marke. Du schaffst das einfach so, das ist lässig.

Ja... langsam legst Du ja wieder los...

Hey Sky, Danke für deine Glückwünsche.

Ich sehe ja, Du legst auch schon wieder langsam los...

Der nächste Ultra kommt bestimmt. ;)

Der Kater ist nur ein Kätzchen...

Hey Carla-Santana,

danke für die Gratulation und der Kater scheint wirklich handzahm zu sein.
Kann noch wunderbar die Treppe runter laufen. :)

Hm... mit 10 € bis Holland und zurück?

Na, das reicht aber auch nur "fast" für den Sprit. :D

Aber Lehrgeld ist sowieso unbezahlbar... und Spaß hats auch noch gemacht...

Insofern... gelungener Ausflug.

Ach komm... die 70 fallen auch bei dir noch...

..schließlich hat dir heuer ja trotz Hänger nur eine winzige Minute gefehlt.

Aber erstaunlich finde ich ja, das man die Wand auch überwinden kann, wenn man das richtige tut (auch wenn man das Anfangstempo nicht mehr erreicht).

Keep on tryin', keep on runnin' :)

10 Euro reichen

von Eindhoven nach Holland :kicher: - hast Du als Standort angegeben.

Auch in Holland...

kann man durchaus 10 € Sprit verfahren. So klein ist das Land jetzt auch nicht :D

Ja stimmt, ich hab auch ein Zimmer in Eindhoven. Allerdings allein dem Firmenstandort geschuldet. Ein wirklicher "Standort" ist das nicht.

Und von Eindhoven nach Holland (bzw. nach Vijfhuizen) sind es immerhin auch noch gut 100 Km. Muss ich also sparsam fahren, dann reicht es für eine Fahrt...

Donnerschlag!!!

*sprachlos*! Ganz fetten Glückwunsch!!!

Lieben Gruß
Tame

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