Benutzerbild von kaiserswerther kenianer

Wenn der Center Court in Wimbledon Boris Beckers Wohnzimmer ist, was ist mir dann die dunkle Suppe des Bocholter Aasees und die seit Jahren immer gleiche zweieinhalb Kilometer lange Laufrunde mit den ungleichmäßig vermessenen Kilometern?
Ein Freudenhaus wegen der vielen gefeierten Höhepunkten…? Eher nicht. Zu oft bin ich zu weit hinten dort ins Ziel gehumpelt, als das ich den Ort mit orgiastischen Champagnerduschen in Verbindung bringen würde.
Ein heimeliger Fernsehsessel vielleicht? Cola gibt es in Bocholt in rauen Mengen, wenn es einen denn danach verlangt, aber jedes noch so langweilige Zweitligaspiel oder die Übertragungen der Dart World Series bieten mehr Abwechslung fürs Auge als die platte Landschaft an der holländischen Grenze und die besagte Laufstrecke, auf der ich nach verifizierten vierundsechzig Runden aber auch jeden Busch, jeden Stein, jeden Hauch einer Steigung und jede Kurve mit Namen kenne. Passt also auch nicht!
Schlafzimmer? Vielleicht. Allerdings bedarf es in Bocholt einer weitaus größeren Bereitschaft, Schmerz zu ertragen um auch die schönen Seiten des Lebens zu erleben. Außerdem ist im Bett Platz für süße Träume, Stunden voll unbeschwerten Schlafes und Erholung für trainingsgeplagte Altmännermuskeln. Also nicht!
Der dunkle Keller kann es auch nicht sein. In dem trage ich zwar -wie zumeist in Bocholt- unnötigen Ballast mit durchs Leben, dafür aber lagern dort noch Reserven, die mir gegen Ende der hundertzwölf Kilometer immer fehlen.
Wenn es nach dem Substanzverlust geht, dann fällt mir spontan nur ein Ort männlicher Freuden ein. Das Klo! Der stille Ort voll komplentativer Meditation und unproduktivem Substanzverlust! Exakt! Zudem ein Platz, an dem ich mich meist länger als nötig aufhalte, was eine weitere Parallele zu den Bocholter Wettkampferlebnissen darstellt.
Genau! Das Klo! Was dem Boris sein Wohnzimmer in Wimbledon ist, ist mir mein Heimklo in Bocholt. Wo ich schon stundenlange Kämpfe gefochten habe, mal trüben, mal frohen Gedanken einsam im inneren Monolog nachhängen durfte, wo ich mich aber bei der anstehenden zehnten Teilnahme auch sicher und geborgen fühle.
Ich habe es gezählt. Tatsächlich bin ich nach zwei Starts im Kurztriathlon (der erste im Jahre 2002) am Sonntag zum achten Mal über die Mitteldistanz am Start. Keine Veranstaltung habe ich bisher öfters mit meiner Teilnahme belästigt.
Schwimmen durch den Aasee um die seit Jahren gleichen Bojen. Vom seit Jahren gleichen Sandstrand aus, begleitet von den seit Jahren gleichen Ansagen des Sprechers („vorne bitte die mit den Tausendmeterzeiten um die 13-14min, der Rest bitte dahinter platzieren…“).
Dann die Radstrecke, die zwar immer mal verändert wurde, mir aber früher, als es noch um enge Kurven und holperige Wirtschaftswege ging, mehr Spaß gemacht hat. Jetzt ist es eine schnurgerade Wendepunktstrecke auf einer frisch asphaltierten Landstraße, unterbrochen von zwei Brückenüberfahrten. Ideal für Schnittfetischisten, wenn nicht gerade mal wieder die obligate steife Brise über den westfälischen Agrarflächen jedes Bestreben um die andauernde 34 auf dem Tacho verbläst.
Zu schlechter Letzt die Laufstrecke. Im Jahre 2002 war sie wohl noch einen Hauch anders, wenn ich mich recht erinnere. Aber seitdem war es immer die gleiche zweieinhalb Kilometerrunde, die ich auf der Jagd nach acht Stoffarmbändern entlang trottete, bis ich irgendwann rechts in den Zielkanal abbiegen darf und mich gänzlich erschöpft in die Obhut mildtätiger Pulverteeverteiler und Obstschneiderinnen begebe.
Warum mache ich das Jahr für Jahr?
Keine Sorge, ich habe jetzt nicht vor, die Frage eigenen Sporttreibens grundsätzlich und ausschweifend zu erörtern. Das würde den Rahmen sprengen.
In diesem Rahmen ist jetzt nur Platz für die Frage: „Warum Bocholt? Warum zum zehnten Mal?“
Die Strecken sind nicht spektakulär, aber ich kenne sie. Aber was noch wichtiger ist, sind die Menschen, die hinter dem Triathlon stehen. Keine marktschreierischen Eventmanager sondern solide Vereinssportler, die mit Unmengen an Herzblut, Routine und Spaß die sechsundzwanzigste Auflage stemmen machen es mir leicht, einmal im Jahr einen festen Termin in der Geburtsstadt meines Vaters zu fixieren.
Hier stehen Sportler am Start, keine Kunden. Die Anzahl der Beipackzettelreklame in der Startertüte ist überschaubar und dass man den Katalog des größten Radsportversandes des Landes bekommt, ist fast schon logisch und zu entschuldigen, wenn man bedenkt, dass die Zentrale desselben für Geübte Werfer vielleicht ein Dutzend Steinwürfe entfernt ist.
Ich brauche keine kreischenden Anglizismen und Großstadtfassaden, um mich selbst zu fordern. Mir ist eine Hüpfburg lieber als ein medizinisches Versorgungszelt, in dem man gegen Aufpreis direkt die Kochsalzinfusionen nach dem Wettkampf buchen kann.
In unserem Wandschrank stapeln sich seit Jahren die Plastikbecher, die ich jedes Mal vom Aaseetriathlon mitbringe.
Dieser Wettkampf ist im Kalender dieser Stadt ein Ereignis, kein lästiges Verkehrshindernis. Jungendliche Helfer an der Strecke, Eltern die ihre Kinder anfeuern und lokale Größen, die wissen, dass dieser Triathlon tiefe Wurzeln in die Stadt geschlagen hat.
Und dann kommt kurz vor Ende meiner neunzig Kilometer noch mein persönliches Highlight auf die Radstrecke. Unmengen an Kindern auf dicken Reifen, die durch den Schultriathlon an den Aasee gelockt werden bevölkern die Straße. Und noch mehr als die Tatsache, dass ich dann hin und wieder sogar überholen kann genieße ich die Anblicke verbissen kämpfender zwölfjähriger in weiten Baumwollshirts.
Auf der Laufstrecke dann der immer gleiche Betreuer, der mit schamlosen Lügen („Du siehst gut aus!“ „Das Wetter wird gleich besser!“) zu motivieren versucht. Der Zuschauer, der am Ende in der einsamen Kurve jeden meiner Durchläufe in den zwei Stunden mit unermüdlichen Klatschen begleitete. Die Jugendlichen, die den ganzen Sonntag an der Verpflegungsstellen Plastikbecher statt bei Facebook Daumen sammeln Das ist der Aasee Triathlon. Deshalb sitze ich jeden Winter am Rechner und nutze das kurze Zeitfenster um mich anzumelden.
Und zum Ende könnt Ihr euch ja auch selber fragen, wo Ihr lieber sitzen wollt:
Auf dem eigenen Klo, wo ihr jede Fliese kennt und euch jeder Kratzer, alle Geräusche und Gerüche vertraut sind oder auf Brillen, von denen ihr gar nicht wissen wollt, wer gerade vor euch da etwas gemacht hat, von dem ihr noch viel weniger wissen wollt, was es war?
Na eben! Ich mag meinen eigenen stillen Ort. Bocholt, ich komme!

5
Gesamtwertung: 5 (3 Wertungen)

schön geschrieben und wie wahr!

Ähnliches gibt es bei uns leider nur auf den Volksdistanzen, aber deshalb findet man uns eigentlich jedes Jahr in Illingen und St. Ingbert ;-)

Saarvoir courir - laufen wie bekloppt im Saarland

Kenianer, das macht Lust auf Triathlon

Ich habe bis eben noch mit mir gehadert, ob ich Sonntag bei einem Volkstriathlon bei uns um die Ecke starten soll oder nicht. Jetzt habe ich mich entschieden. Erfahrungen sammeln ist immer gut.
Dir viel Spaß und Erfolg in Bocholt!

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Hach herrlich! :o))

jeder hat wohl irgendwo sein Lieblingsklo, wo er schon viel eigenen Mist fabriziert hat und viele andere wohl auch!
Diese Privatklos weiß man ja auch erst besser zu schätzen oder zu gefallen, wenn man die anderen mal kennen gelernt hat. ;o)
Möge die Brille noch lange warm sein und halten!
Viel Spaß beim Tria! :o)

Lieben Gruß Carla
"Mancher rennt dem Glück hinterher, weil er nicht merkt, dass das Glück hinter ihm her ist, ihn aber nicht erreicht, weil er so rennt!" (Bert Hellinger)

Selten so eine schöne Liebeserklärung....

...ans eigene Klo.. nee, an den nicht verkommerzialisierten Sport gelesen.
Danke dafür! Und viel Spaß in Bocholt!
Außerdem freu ich mich, dass Du Deine Schreib-Unlust inzwischen überwunden hast.
Viele Grüße, Conny

Sehr schön,

"Keine marktschreierischen Eventmanager sondern solide Vereinssportler..."
Di sprichst mir aus der Seele, nichts dagegen mal abundzu nen "Event-Lirmes-Rummel"Wettkampf mit allen bunten Farben zu machen, aber so richtig schön ist es doch, wenn der "echte" Athletengeist den Tag bestimmt!
Toller Blog, wieder mal.
Danke und Gruß
Fritze

"To finish, you have to start!!"

Da wünsche ich Dir

viel Spaß bei der Jubiläumsveranstaltung! Hört sich sehr nett an - fast wie "unser" Triathlon. Auch alles Vereinsmitglieder und Angehörige als Helfer und Ordner und und und. Und da gibt es in "unserer" Ecke noch jede Menge von! Ganz ehrlich: ich war noch nicht auf so einem richtig kommerziellen "Challenge" oder "Ironman" oder wie die alle heißen Triathlon. Die familiären Veranstaltungen mit allem von Hollandrädern bis hin zu Zeitfahrrädern mit Scheibe haben ihren Charme. Leider meist nur VD, ok Dumeklemmer hat KD - und Bocholt gar MD!

Schön beschrieben..

...diese liebevoll ausgerichteten Triathlons.
Ich freue mich schon auf mein Klo am Sonntag in Peine.

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