Benutzerbild von strider

Ich mag Abendläufe. Und ich war noch nie in Luxemburg Stadt. Und da Coach sich als Pacemaker beworben hatte und der Veranstalter noch ein paar Schneckenläufer suchte, war die Entscheidung schnell gefällt. Ab 4:30h konnte ich mir alles aussuchen, in Gedenken an Freiburg entschied ich mich für die 4:44h. Pace 6:42, das klingt gut.
Abendmarathons haben einen Nachteil: Man kommt vorher schon nicht zur Ruhe. Luxemburg empfing uns mit 28 Grad. Wir enterten die Jugendherberge – die Übernachtung wurde den Pacemakern bezahlt – und entschlossen uns die Haltestellen der Shuttle-Busse zu suchen. Diese gute Idee brachte uns eine 90minütige Wanderung zum und über das Kirchberg-Plateau ein – nur die Haltestellen fanden wir nicht (liegt nur an den vorsintflutlichen Handies, die wir haben...). Die Angestellten der Jugendherberge konnten uns auch nicht helfen, empfahlen uns aber doch einfach in Richtung Startgelände zu fahren. Gute Idee. Erstmal landeten wir am Flughafen, aber im zweiten Anlauf hatten wir einen Parkplatz im Klinikgelände und marschierten zur Luxexpo. Gerade noch rechtzeitig, denn als wir im Gebäude drin waren ging ein Gewitter runter: binnen kurzem war der Platz unter Wasser und mit Hagelkörnern übersät. Holla, die Waldfee, mein ohnehin schon geringer Mut sank noch mehr. Die Betreuerin der Pacemaker ließ auf sich warten, der Zeitdruck stieg. Endlich hatten wir unsere „Fähnchen“: überdimensionierte Teile, wie sie sonst vor Optikern oder so stehen. Mit so einer Gurtkonstruktion, die man sich in der Methode mittelalterlicher Keuschheitsgürtel um die Leiste und Oberschenkel wickeln musste und dann die Arme durchstecken. Damit saß die Fahnenstange stramm an der Wirbelsäule und drückte auf selbige. Dafür knallte der Hinterkopf bei jedem Schritt gegen die Stange, die Fahne wickelte sich um den Kopf und sorgte für eingeschränkte Sicht, die Gurte schnürten unten ab und scheuerten. Toilettengänge verbaten sich von selbst. Wer hat so was erfunden??? Viele Pacemaker waren einfach nicht erschienen, damit hatte ich die 4:44h für mich alleine. Dafür fehlte meine Startnummer. Die Zeit drängte. Kurz vor knapp hatte ich dann auch meine Nummer, völlig entnervt wankten wir mit unseren Stangen zum Start und sortierte uns in die Startblöcke. Nichts mehr gegessen, denn sie versprochenen Gutscheine waren samt der Startnummern viel zu spät übergeben worden.
Start um 19 Uhr. Für die Ersten. Mein Startblock überquerte exakt 10min später die Startlinie. Bombenstimmung. Es geht gleich hoch. Man hatte mich gewarnt: Luxemburg ist alles, aber nicht flach. Recht gehabt. Order für uns Pacemaker war auf den ersten 30km etwa 2 bis 3min rauszuholen, da die letzten 10 bis 12km konstant bergauf gehen. Zu Beginn hatten wir noch die Halbmarathonis dabei. Dichtes Gedränge. Ein Sprachengemisch aus aller Herren Länder. Der Marathon ist ausgebucht. Alle paar Kilometer Sambabands am Straßenrand, der Bär steppt. Getränkestellen mehr als reichlich vorhanden. Es ist schwül. Zwischen km 2 und 3 kommt ein weiteres Gewitter runter, wir sind klatschnass. Ansonsten haben wir Glück, es bleibt trocken bei sehr hoher Luftfeuchtigkeit. Die Kilometer fliegen vorbei. Ich bleibe gleichmäßig bei einem Tempo um 6:40. Läuft sich gut. Aber die Fahne bringt mich an den Rand des Wahnsinns. Ein Halbmarathon unterhält sich ein wenig mit mir, bis er abbiegt. Aus lauter Solidarität laufe ich mit und werde von einem Ordner auf die Marathonstrecke gebracht. Äh – danke. Eine Buschpause muss sein, mit dem Teil auf meinem Rücken passe ich nun wirklich in kein Dixie. Also unter der Absperrung durch und ein Büschlein geentert. Muss auch klasse aussehen- die Fahne ragt so minimum 1m über dem Busch heraus.... Schamgefühl wird doddal überbewertet. Zurück auf die Strecke. Und die Gurte wieder zurechtgefriemelt. Alles aufgescheuert. Doof. Nun habe ich nette Mitläufer: ein Duo aus der Schweiz, ein Luxemburger, ein Franzose, alles Ersttäter. Mein Französisch ist sehr begrenzt, also rede ich deutsch, die Schweizer ebenfalls, der Luxemburger und der Franzose Französisch, irgendwie geht das auch. Immer noch stehen Menschenmassen an der Straße. Selbst in den Wohngebieten haben ganze Familien ihr Lager aufgeschlagen. Unverdrossen trommeln die Sambabands, die Kinder wollen abgeklatscht werden, die Erwachsenen feuern an: „Allez, Luxair!“ Gut, steht auf meinem Pacemakershirt, auch wenn ich mit denen gar nichts zu tun habe ;-)) Halbmarathonmarke. Uhr sagt: 2:23h. Hä? Marke ist viel zu weit hinten aufgestellt, wie ich hinterher erfahre. Ich vertraue Garmin und laufe weiter. Ab km 25 gibt es Cola. Den Göttern sei Dank. Mein Kreislauf mag die Schwüle nicht, da kommt das Gesöff gerade recht. Es geht hoch und runter. Und kreuz und quer. Gerade und flach ist hier nichts. Irgendwann kommen die Schnellen uns entgegen. Und ich sehe eine bekannte Fahne: Coach ist da. Kurzes Abklatschen und gestärkt geht es weiter. Es wird langsam dunkel. Schöner Sonnenuntergang. Überhaupt ist Luxemburg eine schöne Stadt. Wenn auch voller Baustellen. Der Luxemburger knurrt, ihm wäre schon klar, warum die immer kein Geld haben....
Es geht auf Kilometer 30 zu. Mir geht es gut, meinen Schützlingen nicht. Einer nach dem anderen lässt abreißen. Es tut mir leid, aber ich versichere ihnen, dass es keine Schande ist bei einem Marathon auch mal zu gehen. Eine Uhr zeigt 23 Uhr und immer noch 20 Grad.
Die Strecke wird nun schwieriger. Es ist stockfinster. In Serpentinen geht es erst steil runter, dann durch einen Park und Festungsanlagen langsam aber stetig hoch. In einem Tunnel bleibt die blöde Fahne an der Decke hängen. Überhaupt macht mich das Teil wahnsinnig: Der Nacken verspannt, weil man unwillkürlich den Kopf nach vorne nimmt um ihn nicht immer an der Stange anzuhauen. Ich zerre die Fahne an der Decke entlang durch den Tunnel, anschließend hole ich sie immer wieder aus den Zweigen der Bäume. Flucht wie ein Kutscher. Überlege das Teil einfach in die Ecke zu schmeißen. Und laufe doch weiter. Immer wieder Kopfsteinpflaster, in der Dunkelheit kaum zu erkennen. Immer noch Menschen, die einen anfeuern und die Sambabands, die kaum zu bremsen sind. Ein großer Platz, da geht der Punk ab. Leider auch ein paar betrunkene Jugendliche, die einen festhalten wollen. Einem gelingt es, er packt mich, ich knalle ihm eine, er lässt los. Laufe weiter. Das wütende Gebrüll aus Letzeburgisch verstehe ich ja zum Glück nicht ;-)) Bis km 37 bin ich alleine unterwegs, sammele gehende Marathonläufer und Team Runners ein. Uhrencheck. Ich habe Zeit ohne Ende. Beruhige die Marathonläufer, die ich einsammele und versuche sie mitzunehmen. Zwei schließen sich mir an. Reden mag keiner mehr :-( Es geht eine lange Brücke hoch. Langsam aber stetig schrauben wir uns hoch. Wieder eine Sambaband. Es ist kurz vor Mitternacht, ich finde es klasse, dass die immer noch trommeln als wären wir die Leadergruppe! Und dann geht es dem Ziel entgegen. Immer wieder checke ich die Uhr, aber das wird eine Punktlandung. Die Halle kommt. Ein Typ brüllt mir von der Seite zu, ich sei 10min zu spät. Hallo? Wir sind 10min später gestartet!
Und dann bin ich in der Halle. Gänsehautfeeling. Frankfurt ist nichts dagegen. Immer noch sind Massen da, die einem zujubeln, Läufer, die sich einfach nur freuen. Mit einem fetten Grinsen laufe ich meine Zielrunde, dann bin ich drin. Und Coach ist – treu wie immer – als erster da. Danke.
4:44,27 eine Punktlandung. Endlich werde ich das blöde Gestänge los. Coach besorgt Wasser und Cola, ich saufe wie ein Kamel. Und dann ist mir bewusst, dass sich der Kreis geschlossen hat: Mein 42. Marathon in derselben Zeit wie mein Erstling in Köln anno 2007. Zahlenspiele sind schön.
Garmin gibt übrigens 1000 Höhenmeter an, also war es doch so ein bisschen ZUT-Vorbereitung. Luxemburg ist zu empfehlen, nicht für Bestzeiten, aber für Stimmung. Aber rechtzeitig anmelden, der ist immer schnell ausgebucht. Es gibt Pacemaker bis 5:29h, und es schämt sich auch keiner auch noch in diesem Zeitfenster mitzulaufen. Warum auch. Einfach nur schön.

4.5
Gesamtwertung: 4.5 (8 Wertungen)

1764 ;-)

Ein Marathon mit 1000HM? Und dann mit so einer Keuschheitsgürtel-Stopper-Fahne, die wunde Stellen und Genickstarre verursacht? Und dann noch Prügeleien mit Betrunkenen auf der Laufstrecke? Und dann noch bei 20 Grad plus und mit Gewittereinlage?
Liebe strider, da hast du ganz Großartiges geleistet! Allerherzlichste Glückwünsche zu 1764 gelaufene Marathon-Wettkampf-Kilometern!

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

:-))

Diese Bilder im Kopf von Dir und der Fahnenstange :-))
Strider, dass war ja wirklich wieder mal ein Erlebnis Deinen Blog zu lesen.
Unter den Umständen hast Du tolles vollbracht.
Organisation ist wohl nicht die Stärke der Luxemburger ;-))
Gratulation zum 42. !!
LG, KS

42 herzliche...

...glückwünsche! super gemacht! und ich bewundere deine geduld. ich bin mir sehr sicher, dass dieses fahnestangengedöns nicht mit mir ins ziel gekommen wäre... *breitrins*
____________________
laufend hätt gern mal die pacemakerfoltervorrichtung gesehen: happy™

"man muss es so einrichten, dass einem das ziel entgegen kommt." (theodor fontane)

Wie immer...

..... bin ich mächtig stolz auf dich.. Hast du super gemacht :-)) bin seeehr stolz auf dich! Jetzt weißt du auch wo ich meinen Marathon laufen will ;)

@ Bilder

kommen noch, Coach hat ein Foto geschossen, aber leider wird da nicht das volle Ausmaß der Folterung deutlich ;-))

Saarvoir courir - laufen wie bekloppt im Saarland

Sach mal...

... das mit der Fahnenstange habe ich nicht so ganz kapiert :0(! Hey, wenn man sich schon wundscheuert :0(! So was kann ich ja grad mal garnicht ab!!

Aber wenn ich demnächst eine Fahne einen Meter aus ner Hecke rausschauen sehe, gehe ich lieber nicht gucken, sonst bekomme ich noch eine geknallt :0))))))))))))))))...

Hey, habt ihr beide wieder super gemacht :0)!

Behandle deine Scheuerstellen gut!

Gruß,
Kaw.

ROFL

ich stell mir das grad so vor, wie wenn man bei GoogleMaps ne Stelle markiert :-) mit so ner Fahne ... markiert hast du aber anders *frechgrinsundweg*

Pacemaker kannst du schön langsam zum Beruf machen ... aber sowas von genau ... prima gemacht !

VLG
Uwe

Da laufen gerade

Bilder in meinem Kopf ab, als wenn ich dabei gewesen wäre.

Tolle Leistung.



manchen bei youtube

Ey, hattest Du "Folter" extra gebucht?

Menno, das hört sich extrem störend und schmerzhaft an! Doofe Idee das. Die Ballons mit Bändern sind doch viel angenehmer!

Aber die Stimmung - und das Ergebnis! Strider pur mal wieder. Glückwunsch zu dieser Leistung - und das beim 42. genau die Zeit vom "Erstling" rauskam ist doch total super. Aber jetzt wird's Zeit aus dem Kreis auszubrechen!

Erholt euch gut.

jaja

strider-label - das drumrum zumindest ;)
den lauf haste super gemacht
42 mara/ultra ?
der wahnsinn
gratuliere !
lg
c

Nur Engel tragen

Nur Engel tragen Flügel.

Glückwunsch zum 42. Jubilämslauf.
Super gemacht.

.....Der Schmerz geht, Aufgeben bleibt für immer!.....

Glückwunsch zur Punktlandung!

...und zum 42. (!) Marathon/Ultra!
...und zum Fahnengedöns NICHT-Wegschmeißen!
...und zur deiner Schlagfertigkeit! =)

Diese Bilder im Kopf...

Beste Grüße, Dominik
_____________________
"Wochenenden zählen nur, wenn man sie mit völlig sinnlosen Dingen verbringt!"

Himmel, du bist im Ernst

Himmel, du bist im Ernst 42km mit diesem Ding auf dem Rücken belaufen???
Ich fass es nicht!
Die sind komisch, die Leute in Luxemburg...*kicher*
Das heisst aber auch, der Coach hatte auch so ein Ding aufm Kreuz? Ich schmeiss mich wech... :-D

Seit 2011:



"Man muss das Unmögliche so lange anschauen, bis es eine leichte Angelegenheit wird. Das Wunder ist eine Frage des Trainings" (Carl Einstein)

@ brihoha

Eigentlich hättest du ja

4:42h laufen müssen, aber o.k. die 42 steckt ja auch in 4:44:27h, du bist also entschuldigt;-) Hey liebe strider, ich gratuliere dir ganz herzlich zum 42en Mara und zur tollen Punktlandung, klasse!!! Und all das bei DER Strecke. Jaja, bald bist im 100er Club;-)


Lieben Gruß
Tame

Autsch!

Die Sache mit der Fahnenstange und den Scheuerstellen klingt echt grausam, wer hat sich sowas nur ausgedacht???
Der Rest des Berichts liest sich aber grandios und mit dem Teil auf dem Buckel war das eine Bomben-Leistung. Eine super Vorbereitung auf den ZUT war es allemal - immerhin dann leicht und frei OHNE Fahne ;-).
Glückwunsch zum Lauferlebnis und zum 42. Marathon!

Viele Grüße,
Anja
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Ich will - ich kann - ich werde es schaffen... solange es Spaß macht!!!

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