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Ein lockerer langer Trainingslauf sollte es werden. Ein Sightseeingmarathon - mal was zum genießen...Stimmung aufgreifen. Optimalerweise noch ein wenig Motivationshilfe, dass wenn ich einen Marathon etwas verhalten angehe, die 42,2km (oder wie es in Schottland heißt: 26.2 Meilen) ja gar nicht so schlimm sind. Das würde mir bei der Langdistanzvorbereitung sicher helfen, wenn ich dann die gleiche Distanz absolviere, nachdem ich vorher 180km Rad gefahren bin.

Mit dem Edinburgh-Marathon habe ich im Prinzip die bewährte Vorgehensweise der letzten 1,5 Jahre beibehalten: laufe erst einen Marathon auf Zeit, mit punktgenauer Vorbereitung und so. Und ein paar Wochen danach einen zum Spaß - irgendwas besonderes. Im Oktober 2011 wurde es Portland, Oregon - eine Woche nach Köln. Im letzten Juni San Diego, wenige Woche nach Hamburg. Und letzten Oktober bin ich meinen Heimatmarathon Köln gleich nach dem definierten Jahreshöhepunkt in Berlin gelaufen. Das lief soweit immer ziemlich gut. In Portland und Köln bin ich jeweils sogar schneller als beim vorherigen Marathon auf Zeit gelaufen - und das jeweils, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte es eher langsam anzugehen.

Das sollte diesmal aber wirklich anders werden. Vor dem Ironman wollte ich es nicht riskieren nochmal wichtige Energie für die letzten 6 Wochen der Vorbereitung zu verbrauchen. Zu gut liefen die letzten Trainingswochen - in denen ich ganz nebenbei im Halbmarathon (Berlin 1:26 Std.) und Marathon (Hamburg 3:08 Std.) neue Bestzeiten erzielte. Da Hamburg definitiv das absolute Limit ist was ich derzeit laufen konnte, gab es auch gar keinen Grund schneller laufen zu wollen. Also lautete das Ziel 3:30 Std. - die Marathon-Zeit, die ich mir für den Ironman als groben Richtwert gesetzt habe.

Die Rahmenbedingungen waren toll - Freitag abend kamen meine Freundin und ich in der schottischen Stadt an und wurden gleich toll von ihrer Schwester und deren Ehemann in Empfang genommen. Samstag präsentierte sich die Stadt dann von ihrer allerbesten Seite. Strahlendblauer Himmel und T-Shirt-Temperaturen. Das haben wir dazu genutzt zu Fuß gemütlich die Stadt zu erkunden und auf Arthur's Seat zu klettern, den wunderschönen Hügel mitten in der Stadt. Am frühen Abend noch einen kurzen Lauf (6,4km) zum Beine lockern mit 6 Steigerungen um die Muskulatur nochmal an Tempo zu erinnern.

Arthur's Seat
Ein Berg mitten in der Stadt: Arthur's Seat

Sonntag dann das mittlerweile schon routinierte Pre-Marathon-Ritual mit Frühstück, letzten Getränken, Tasche packen, letzte Toilettengänge etc.. Passte alles soweit und so ging ich an den Start für meinen locker, gemütlichen Sightseeing-Marathon. Doch insbesondere der Begriff "locker" verging mir sehr schnell.

Nach dem Startschuss ging es auf den ersten km, nein...ich muss ja sagen "Meilen" gleich mal 40 Höhenmeter bergab. Ich lief einfach locker an und wartete auf das erste Meilenschild. Für die anvisierten 3:30 Std. brauchte ich ziemlich exakt einen 8:00 Minuten-Schnitt pro Meile und als ich nach etwa 11 Minuten immer noch kein Schild gesehen hatte, wuchs bei mir die Befürchtung, dass es hier gar keine Meilenmarkierungen geben sollte. Doch 3:15 Minuten später sollte ich von dieser Befürchtung befreit sein. So wusste ich, dass ich die ersten 2 Meilen (3,2km) in 14:15 Minuten gelaufen war - das war fast meine Hamburg-Pace. Das wollte ich auf keinen Fall durchziehen und nahm Tempo raus.

Gleichzeitig merkte ich aber schon, dass es kein "Tag der guten Beine" werden sollte. Schon hier nahm ich meine Oberschenkel-Rückseiten wahr, aber andererseits hoffte ich, dass ich diese erst locker laufen musste, damit mich die Beine über die verbleibenden 37km tragen sollten. Die Temporeduzierung reichte um bei der 10km-Matte in 45:15 Minuten gestoppt zu werden. Das war 4:32-Pace (= Marathon in 3:11 Std).

Mittlerweile waren wir aus der Innenstadt von Edinburgh raus und an der Küste angekommen. Der Rest des Laufes sollte eigentlich nur noch eine Wendepunktstrecke entlang am Wasser werden - 9 Meilen nach Norden, umdrehen, und auf der gleichen Straße wieder 9 Meilen zurüch ins Ziel im Vorstadt-Kaff Musselburgh. Neben den immer merklicher werdenden Oberschenkel-Rückseiten-Schmerzen, tat jetzt auch noch der linke Fußballen von den starken Erschütterungen des Auftretens weh. Und die gesamte Zeit war die Straßenqualität so schlecht, dass man den Untergrund nicht als ebene Fläche, sondern eher wie einen Schotterweg wahrnahm. Bis zum Halbmarathon sollte mir dann zum Glück schon die Entscheidung leicht fallen doch noch auf eine gute Zeit zu laufen. Die Uhr blieb bei 1:39:02 Std. stehen, hochgerechnet 3:18 Std - das sollte doch in die richtige Richtung gehen. 3:30 Std. vornehmen und irgendwo zwischen 3:19 und 3:29 rauskommen klang doch ganz gut.

Gleich nach der Halbmarathon-Marke stellte sich aber aus mehreren Gründen die nächste Ernüchterung als Ergänzung zu den immer stärker werdenden Schmerzen ein. Erstens war ich soeben am Ziel vorbei gelaufen, wusste aber, dass ich noch gut 1 1/2 Stunden joggen musste um mich dann dort entspannen zu können. Zweitens wurde die Strecke jetzt so richtig unattraktiv - es ging an einen hässlichen Kraftwerk vorbei und obwohl man wirklich weit nach vorne schauen konnte, waren kaum noch, bis gar keine Zuschauer mehr zu sehen. Und drittens nervten mich die Meilenmarkierungen. Die waren nämlich offensichtlich sehr ungenau. Zwischendurch ging mal eine Meile in 8:14 Minuten raus, dann 7:03 Minuten, dann wieder 8:22 Minuten und gleich die nächste in 7:24 Minuten. Ich glaube die haben die Schilder auf gut Glück aufgehangen. Am bezeichnendsten fand ich, dass das 13 Meilen-Schild des Halbmarathon und das 26 Meilen-Schild des Marathon an der gleichen Straßenlaterne hingen, obwohl beide Läufe über die gleiche Ziellinie gingen. D.h. ab dort sind noch 0,1 Meilen im HM (=160m) und 0,2 Meilen im M (=320m) zu laufen...sehr witzig. Gleichzeitig ist die Analyse der km-, bzw. Meilenzeiten das, womit ich mir beim Laufen die Zeit vertreibe. Wenn das alles auf völlig absurden Daten beruht, ist es doch total witzlos.

Die ohnehin schon stark leidende Motivation sank noch weiter ab, als ich - endlich am Wendepunkt angekommen - sah, dass nach 27km katastrophalem Asphalt jetzt tatsächlich auch noch grobkörniger Schotterweg kommen sollte. Genau auf diesem Stück - es führte ansonsten immerhin landschaftlich Reizvoll durch einen Park rund um ein Castle oder so - kam dann auch die Meile (19), die ich handgestoppt in 11:22 Minuten gelaufen sein soll, das baut nicht gerade auf. Als dann Meile 20 wieder in 6:06 Minuten rausging, hatte ich keine Lust mehr mir die Mühe zu machen und auf die Stoppuhr zu drücken. Die offizielle Zeitmessung bei km30 sagte 2:24:41 Std.. In der Hoffnung, dass zumindest die offiziellen Zwischenzeiten in der Entfernung korrekt sind, wäre das immer noch eine 3:22 Std. Zielzeit geworden. Aber jetzt kam so richtig die Zeit des Leidens.

Es war gar nicht so der "Mann mit dem Hammer", kein schlagartiger Einbruch. Sondern ich muss sukkzessive immer noch langsamer geworden sein. Genau festmachen kann ich es nicht - habe ja keine weiteren Zwischenzeiten mehr gesammelt. Aber kurz nach der 30km-Markierung habe ich immerhin ein paar Läufer eingesammelt, die die ganze Zeit zuvor deutlich vor mir gelaufen waren. "Jetzt kommt meine Zeit" dachte ich mir noch, denn in Hamburg war ja genau meine Stärke, dass ich auch jenseits der 30km-Marke keine Geschwindigkeit einbüßen musste. "Viel Spaß beim Einbrechen" dachte ich mir beim Überholen und hoffte darauf, dass ich zum Ziel hin vielleicht noch etwas zulegen konnte. Aber auch dieses kurze Zwischenhoch verging, als mich genau die Leute ein paar Kilometer später selbst wieder überholten. Mittlerweile tat einfach alles weh, die Oberschenkel, der linke Fußballen und ganz, ganz doll auch meine Gehirnwindungen. "Wozu mache ich das eigentlich hier?".

Einzig überhaupt noch am Laufen hielten mich drei Dinge: Erstens war ich noch keinen meiner 10 vorherigen Marathon komplett durchgelaufen. Selbst in Hamburg habe ich kurz an einem Baum zum pinkeln angehalten. Zweitens stand meine Freundin im Ziel und die war noch nie vorher bei einem Sportwettbewerb live vor Ort. Da konnte ich mir keine Blöße geben. Und drittens dieser verdammte Wendepunktkurs. Ich wusste genau, dass ich sowieso jeden Meter zum Ziel zurück legen musste - eine Abkürzung gab es nicht...immer nur km für km an der Küste entlang. Und da konnte ich doch lieber laufen als gehen, dann bin ich wenigstens früher da.

Bei Meile 25 (wer weiß, wie viel ich da tatsächlich schon gelaufen war) war mir dann sogar klar, dass es nicht mal mehr für die 3:30 Std. reichen würde. Nach zuletzt 3:12, 3:16, 3:19, 3:13 und 3:08 sollte ich die Ziellinie in Edinburgh nach 3:32:43 Std. überschreiten. Ich war komplett durchgelaufen, das war wahrscheinlich der einzige positive Effekt des Rennens. Aber an diesem Tag war keine Sekunde schneller möglich.

Arthur's Seat
Ende des Leidens: die Ziellinie in Musselburgh

Jetzt, einen Tag später, wo alles vorbei ist und die Muskulatur schon wieder in Normalmodus übergegangen ist, sehe ich es zum Teil auch schon wieder positiver. Ich habe mir das Finishershirt verdient, den Kampf gegen die Schmerzen und die Unlust gewonnen und einen weiteren Marathon im "Haben" zu verbuchen. Aber gleichzeitig stellen sich auch allerhand Fragen: Wie wird der Marathon in Frankfurt nach 3,8km Schwimmen und 180km Radfahren? Werden die Schmerzen dann noch schlimmer, oder wird es besser weil ich wieder Motivation habe (in Edinburgh gab es für mich nichts zu erreichen, das Ironman-Finish ist ein Lebenstraum)? Wo ist meine schöne Grundlagenausdauer hin, wenn ich trotz langsamem Tempo zum Ziel hin keine Mitläufer einsammeln kann? Habe ich irgendwas falsch gemacht? Hätte ich nicht zu Fuß am Tag vor dem Rennen die Stadt erkunden sollen? Hätte ich nicht auf Arthur's Seat klettern sollen? Hatte ich einfach nur einen schlechten Tag? Sind meine Wettkampfschuhe "durch" und ich sollte mich mal um neues Material kümmern? Was war los?

Fragen auf die ich wohl nie eine Antwort bekommen werde. Ich hoffe nur, dass es meine letzten Wochen der Ironmal-Vorbereitung nicht negativ beeinflusst. Fest steht, dass jetzt kein "Spaß-Marathon" mehr kommt. Jetzt zählt nur noch der 7.Juli und der Weg dorthin. Ich hoffe dann wieder positivere Wettkampfberichte schreiben zu können.

5
Gesamtwertung: 5 (2 Wertungen)

Ist der Lauf nicht dein Freund

...so ist er dein Lehrer.
Langweilige Strecke, lahme Beine vom Vortag, schlechte gesetzte Meilenschilder, die dir die Freude am Rumrechnen verdarben...eigentlich hast du schon alles genannt, was dir die Lauffreude verdorben hat. Das mit den Schuhen kannst nur du selbst beurteilen.
Der Marathon in Frankfurt wird viel emotionaler, selbst wenn die Strecke dort vielleicht auch langweilig ist. Aber dort gibt es viele Zuschauer und dann letztendlich dein Lebensziel zu erreichen. Hake es als suboptimalen Trainingslauf ab und dann schau nach vorn und freu dich deinen Ironman!

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Es wird viele Gründe geben

aber es ist völlig egal. Zu Recht bist du enttäuscht und hättest gerne eine Antwort. Aber du bist nicht ausgestiegen (ich bin es schon, und nicht nur einmal) und durchgelaufen. Das nenne ich Kampfgeist. Und die Zeit hätte ich mal gerne, wenn ich groß bin ;-)))
Nein, es wird dich nicht negativ beeinflussen. Die Negation hast du jetzt weg, jetzt hast du dir Erfolg verdient. Ich drücke dir ganz fest die Daumen und beneide dich zutiefst um den 7. Juli. Hol dir den Traum! Alles Gute!!!

Saarvoir courir - laufen wie bekloppt im Saarland

Nein

Frankfurt wird nicht schlimmer

Ganz sicher nicht. Das wird dein Tag

Wir sind BORN - Verstand ist zwecklos
Bin nicht gestört und auch nicht schnell - nur verhaltensoriginell

Du hast uns hier ja schon an

Du hast uns hier ja schon an Deine unterwegs-Berechnungen gewöhnt, aber jetzt das ganze in Meilen... ich glaube, das hätte ich mir gespart bzw. gar nicht erst hinbekommen, das hätte mich total wuschig gemacht, und wenn dann noch so ein Müll ausgeschildert ist, kann man sich ja noch nichtmal auf die eigenen mühsamen Berechnungen verlassen. Lang lebe GPS oder kalibrierte Laufschuhsensoren oder sonstwas vergleichsweise Zuverlässiges, ich könnte nicht ohne.

Wie schade, daß Dir das passiert ist, aber wer weiß auch, was Du alles für einen IM Nützliches daraus ziehen kannst. Wie Sonnenblume schon sagte: Blöde äußere Bedingungen, ein schlechter Tag, müde Beine - auch Du bist trotz aller Berechnungen und Pläne keine Maschine. Du hast eine eigentlich zu diesem Zeitpunkt unerwartete Boston-Quali mitten in der Vorbereitung gelaufen, und jetzt kam mal ein unerwarteter Ausschlag in die Gegenrichtung. Das große Ziel aber bleibt bestehen, Probleme auf dem Weg dahin müssen analysiert und dann aber schleunigst abgehakt werden. Wichtig ist: Du bist trotz allem durchgelaufen, hast die böse Seite gesehen und bezwungen, das ist doch eine wichtige und vor allem positive Erfahrung für das Anstehende!

Du wirst das Beste daraus machen, da bin ich mir sicher.
LG Britta

Marathon in der IM-Vorbereitung

Du hast einen Marathon aus der IM-Vorbereitung heraus gelaufen, hast gekämpft, alles gegeben. Da Du anscheinend die Endzeit nicht so sehr im Fokus hattest, ist das doch ein Riesen Erfolg!! Diese Gedanken kannst Du dann in Frankfurt herausholen - solche Erfahrungswerte wirst Du brauchen!

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