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Der Saar-Hünsrück-Supertrail hatte mich schon seit Längerem fasziniert. Ob sich mein bisheriges Hamburg-Training mit den beiden Etappen (66 und 58 km) und der 3.500 Höhenmeter in Einklang bringen lässt, bezweifelte ich allerdings sehr. Veranstalter Bernhard Sesterheim hatte jedoch auf seiner Homepage einige sehr überzeugende Argumente für diese Ochsentour genannt, bzw. der Ausredenkiller schlechthin war das: Der Saar-Hunsrück-Trail bietet den cut-off-Zeiten unfroh gegenüber stehendem Läufer die Möglichkeit, das Rennen mit Gelassenheit anzugehen und ohne Hetze eins mit der ihn umgebenden Natur zu sein. Frei nach dem Motto „no risk, no fun“ ging die Anmeldung raus und das Abenteuer Wildnis konnte beginnen.

Wir wurden in zwei Startgruppen eingeteilt. Meine Hüttenmitbewohnerinnen waren alle in Startgruppe 1 und ich in 2, die eine Stunde später starten sollte. Da musste wohl ein Versehen passiert sein, was mir jedoch als Morgenmuffel nicht ganz ungelegen kam. Beim Frühstück blieb mir allerdings fast das Herz stehen, da es in meiner Gruppe vor lauter verwegenen Windhunden- und -Hündinnen nur so wimmelte! Denen sah man schon die Schnelligkeit an der Nasenspitze, respektive Uschiwaden an. Darunter natürlich auch die üblichen Verdächtigen, die in so mancher Starterliste hochkarätiger Ultraläufe zu finden sind. Na suuuuper! Und wem soll ich mich da bitteschön anschließen? Immerhin wurde im Vorfeld empfohlen, in Kleingruppen zu laufen. Naja, Augen zu und durch! Es wird schon irgendwie gut gehen, zumal ja Verlaufen bei dieser Veranstaltung auch zum guten Ton gehört!

Doch mit dem Orientierungsproblem hatte offensichtlich nicht nur ich so meine Schwierigkeiten, sondern auch der Busfahrer! Nachdem er sich mit der ersten Startergruppe im Schlepptau so richtig verfranst hatte, wurden wir mit einiger Verspätung in der Nähe von Idar-Oberstein ausgewildert. Von nun an hieß es, dem blau-grün-weißen SH-Logo folgen, was sich als nicht ganz einfach erwiesen hatte. Einerseits musste man auf den Untergrund achten, andererseits auf die Logos, die an den Bäumen angebracht waren. Daher galt die Faustregel, sieht man spätestens nach 500 m kein Logo, lieber umkehren und nochmal nachschauen. Die Windhunde keulten los und ich tippelte reschbeggtvoll hinterher. Schnell zog sich das Läuferfeld auseinander. Wie aus dem Nichts schloss Roland aus Wiesbaden zu mir auf. Kurzes Beschnuppern, nicht ohne sich gegenseitig zu versichern, dass der andere ruhig weiterziehen kann, falls man/frau zu langsam für den anderen sein sollte. Aber das Tempo passte, so dass der Spaßfaktor gesichert war. Nur einen knappen Kilometer hatten wir uns verlaufen, aber ansonsten ergänzten wir uns wunderbar. Nach dieser Ehrenrunde waren wir sensibilisiert, so dass einer immer gerade noch im rechten Moment das so wichtige Logo entdeckt hatte. Irgendwann rauschte ein junger Kerl in zwar hohem Tempo, aber völlig unrund und schwer schnaufend an uns vorbei. Wir waren uns einig, dass wir ihn nochmals zu Gesicht bekommen würden, was dann auch am Verpflegungspunkt am Fuße des Erbeskopfes der Fall war. Um satte 13 km hatte sich der Ärmste verlaufen! Ich kramte meine Stöcke hervor, da mit dem Aufstieg auf den Erbeskopf wieder einige Höhenmeter fällig waren. Mit 816 m ist der Erbeskopf der höchste Berg in Rheinland-Pfalz sowie die höchste deutsche linksrheinische Erhebung. Oben auf der Höhe angekommen konnten wir sogar ein paar Läufer aus der ersten Startgruppe überholen, was unheimlich motiviert hatte. Nach 10:25 h war die erste Etappe geschafft. Mit meinem 8. Platz, bzw. 3. AK-Platz lag ich genau im Mittelfeld.:-) Das Nachlaufessen war absolut lecker und allmählich lernte man immer mehr Läufer kennen. Eine Läuferin schwärmte von der Sauna ein Stockwerk tiefer. Warum erfuhr ich das erst jetzt? Menno! Aber morgen war ja auch noch ein Tag.

Am zweiten Tag wurden wir nahe Trier ausgesetzt. Ich war hundemüde. Bernhard Sesterheim meinte noch am Vortag, der Schweinehund werde kommen, aber der pure Wille, anzukommen solle da helfen. Roland und ich planten, auch heute gemeinsam zu laufen, aber da sein schnarchender Hüttengenosse vorzeitig abgereist war, konnte er sich über eine geruhsame Nacht freuen und war dementsprechend fit am Start erschienen, während mir permanent die Augen zugefallen sind. Das hat man davon, wenn man bei den großen Hunden mitpinkeln will, aber selbst sein Bein nicht heben kann! Menno! Ich ließ ihn ziehen und versuchte, meinen eigenen Rhythmus zu finden.
Allmählich kehrten meine Lebensgeister wieder zurück und ein Holländer half mir galant, eine Schwimmbadleiter emporzuklettern. Wieder packte ich meine Gehhilfen aus und knibbelte mich diesem Daueranstieg hinauf. Bäh! Aber dann! Kilometerlang ging's nur bergab! Jetzt machte ich so richtig einen auf Downhillsau! Erst mal am Holländer vorbei und da vorne ist ja noch jemand... Geil! Doch kaum zu Ende gedacht, kam gleich hinter einer Kurve wieder die nächste Rampe, so dass ich bei Läufer Nr. 2 sofort wieder ins Hintertreffen geraten bin. Aber: Roland war wieder in Sichtweite. Allerdings nur kurz, weil erst mal wieder Wildnis angesagt war. Alles sah hier gleich aus. Aber Sch... wo ist das Logo? Doch andererseits waren da vertraute inov-8 und Salomon-Fußspuren im schlammigen Untergrund zu sehen. Ich musste also richtig sein. Durch das Logo Suchen hatte ich etwas Zeit verbraten, aber bald kam ein Verpflegungsstand, von welchem sich gerade zwei weitere Holländer davontrollten. Langsam schöpfte ich Hoffnung, dass es heute vielleicht doch noch etwas werden könnte mit diesem Lauf. Zur Abwechslung gab's erst mal wieder 'ne kräftige Steigung. Ich kam kaum vom Fleck. Wo ist das drecks Logo? Aber da waren wieder die Spuren einschlägiger Trailschuhmarken. Passt. Gerade als ich mich schon ganz alleine auf dieser Welt wähnte, rief plötzlich jemand von hinten: „aaaahh, da sind ja wieder diese tollen Beine!“ Schlammeingesäut wie ich war, musste ich grinsen. Da geht frau am Stock und bekommt sogar noch ein Kompliment! Den Hölländer, den ich beim Downhill überholt hatte, hatte wieder aufgeschlossen. Am Vortag hatte er wohl überzockt und hatte nun einen Tiefpunkt, der sich gewaschen hatte. Ommmmhh..., beschwor ich ihn. Jetzt geht’s nur um's gesunde Ankommen und das Naturerlebnis. Zunächst haderte er mit sich, weil er wohl als Ironman eine andere Einstellung zu Ergebnissen hatte als eine Ultröse, konnte sich dann aber doch noch humorvoll mit dieser ulkigen Situation im finsteren Walde arrangieren, wozu mein Handy mit seinem Dauergebimmele sein Übriges beitrug. Bei Ultratrails lasse ich es ja immer an, falls etwas von Veranstalterseite sein sollte. Wie sich jedoch herausstellte, waren das lauter sms-spams von irgendwelchen Anbietern und wir staunten nicht schlecht, als sich auf dem Display nun ein luxemburgischer Anbieter breit gemacht hatte. Nee jetzt, oder? Also Luxemburg stand aber nicht in der Ausschreibung! Doch unser SH-Logo war nach wie vor zu sehen.

Weiter ging's, doch dann war's passiert. Ich übersah eine Wurzel und lag erst mal flach. Dabei bin ich mit einem Oberschenkel auf eine andere Wurzel gekracht, doch zum Glück war der Schreck größer als alles andere und ich konnte mich gleich wieder aufrappeln. Die Stelle war leicht geschwollen und inzwischen zeugt ein riesiger grünlich-blauer Fleck vom Abenteuer Saar-Hunsrück-Trail! Das nenne ich mal eine echte Trail-Trophäe! Eine beträchtliche Kilometerzahl sind wir nur gewandert, die Anstiege oder die Passagen über Wiesen waren einfach zu kraftraubend. Naja, vor Einbruch der Dunkelheit könnten wir es noch schaffen, frotzelte ich. Zu guter Letzt hatten wir uns dann doch noch um etwa 3 km verlaufen, weil ein Trail einfach zu gut versteckt war! Am Verpflegungsstand bei etwa km 50 eröffnete man uns, dass kurzfristig die Strecke von 58 auf 64 km (tatsächlich waren's 62 km) verlängert worden sei. Streckenverlängerungen sind für mich Ultrakiller! Nä, sagte ich auch im Hinblick auf die Schienbeinschmerzen des Holländers, lass uns aufhören! Somit war noch ausreichend Zeit für eine gemeinsame Nachlaufwurst, bevor es wieder in Richtung Ländle ging. Eine Rechnung habe ich jetzt allerdings noch offen! ;-)

4.333335
Gesamtwertung: 4.3 (6 Wertungen)

Männergesichter ...

... sollen ja durch Narben erst richtig interessant werden - wie das wohl mit tollen Frauenbeinen ausschaut? Ein "riesiger grünlich-blauer Fleck" als "echte Trail-Trophäe" tut's dafür bestimmt auch ;-)

Klingt alles nach högscht schtrukturierter HH-M-Vorbereitung - naja, da wird die Strecke wohl wenigstens nicht nachträglich verlängert werden ...

Leeven Jrooß & keep on running

Don Carracho

DON'T PANIC

Verlaufen inclusive

Das Verlaufen gehört dort wirklich dazu. Die Leute, die den Premiumwanderweg eingerichtet haben, müssen den Wegweiserdiebstahl fürchten, wie die Pest. Die Schilder hängen meiner Meinung nach relativ hoch an den Baumstämmen.

Gut, dass Deiin Sturz glimpflich vonstatten gegangen ist. Apropos "Trailtrophäe": Von meiner Teilnahme am SHUT 2011 habe ich noch immer ein Mitbringsel, nämlich meine Tigerkrallennarbe am Unterarm.

Für einen Ausstieg so kurz vor dem Ziel kommt im Bericht nicht viel "Leidenszeit" rüber. Trotzdem hattest Du sicher Deine Gründe.

cherry65

Jeder, der vor mir läuft, hat es sich verdient

Au backe ...

... so kurz vor dem Ziel die Reißleine ziehen müssen, ist dir sicher schwerer gefallen als es hier zu lesen ist ;-). Aber offensichtlich hattest du Spaß, reichlich viel Trail, konntest ein paar Komplimente einheimsen und echtes Orientierungstraining machen. Und die Sauna? Noch dran gedacht?

"Das wichtigste Argument für den Breitensport ist aber, dass die Menschen davon schön müde werden. Wer des Abends müde ist, geht zu Bett und treibt keinen Unfug." (Max Goldt)

Nee, wirklich gelitten hatte ich auch nicht...

das war vor allem ein mentales Problem. Wie damals bei unserer denkwürdigen bekloppten Grüngürtelrunde hatte mir die unvorhersehbare Streckenverlängerung mehr oder weniger das Genick gebrochen. Wenn dann noch die Beschilderung mangelhaft ist und/oder die eigene Konzentration nachlässt, ist das einfach zu viel des Guten. Wegen des Sturzes war ich dann auch noch irgendwie geläutert. Hinzu kam noch eine gewisse Furcht vor Überlastung, die sich jedoch zum Glück als unbegründet herausgestellt hatte. So gesehen war das nach den vielen Asphalt-Kilometern schon mal eine gute Einstimmung in die Trailwelt 2013!
:-)

Vorzeitig die Reißleine ziehen ist immer doof

war aber besser so (s.o.). Man muss eben darauf vertrauen, dass es irgendwann mal wieder besser läuft.
Sauna vergessen? Wo denkst du hin?!?! Ich doch nicht!
;-)

was !!

beim giro wurden am we die touren verkürzt weil auf den pässen schnee lag...
und ihr solltet WEITER statt kürzer laufen??
nee nee nee, das geht gar nicht !!
und ausserdem soll man ja auch aufhören,
wenn´s am schönsten ist ;)

g,c

Uff, was ein Abenteuer...

da hast Du Dir die Sauna aber redlich verdient!

Viele Grüße,
Anja
--------------------------------------------
Ich will - ich kann - ich werde es schaffen... solange es Spaß macht!!!

Ach MC...

... du hast da ein Hammerding gestellt und wegen popeligen 12km weniger hast du das Rennen trotzdem gewonnen!!!

Fetten Handschlag, dass hast du gut gemacht :0)...!
Gruß,
Kaw.

Du warst beim SH-Trail?

... und ich hatte echt überlegt außerplanmäßig doch noch mitzumachen. ;-(
Ist doch eine tolle Veranstaltung!
nur an die eine oder andere Sache solltest du vielleicht das nächste Mal denken. Ohrstöpsel fallen mir da ein. Und was ich so jedem eigentlich raten würde ist die Strecke auf Laufuhr oder Smartphone zu ziehen. Aber was rate ich dir da? ;-))
Irgendwann muß ich da auch noch mal hin.
Vielleicht sehen wir uns ja dann da.
;-)
PS: Stöcke braucht man da aber nicht wirklich.

Das hört sich doch nach einem richtigen

schönen Trail-Erlebnis inklusive Erinnerungsstückchen an. Wo willste denn hin dieses Jahr? Da muss noch an der mentalen Einstellung gearbeitet werden - Mehrkilometer gehören bei Trails dazu und oft sind am Ende noch ein paar "Schikanen" eingebaut. War aber trotzdem eine gute Einstiegsübung und hört sich fast nach Orientierungslaufen an :grins:. Nächstes Mal mit Karte und Kompass!

Wie immer hast du mal wieder

Wie immer hast du mal wieder einen Lauf wunderbar zu ende gebracht. Ohne Gejammer, ohne Selbstzweifel und ohne Mitleid suchend, hast du dich den äußeren und inneren Umständen angepasst und bist deinen Lauf gelaufen. Das bewundere ich immer so an dir, bist eben halt eine wirklich große Läuferin.

Was für eine Leistung!

Respektvolle Grüße, liebe MC!

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Ich kann dich sooooooo gut verstehen!

In allem!! Nur so schnell wie du wäre ich nicht gewesen ;-)

Wir sehen uns am Freitag!

Saarvoir courir - laufen wie bekloppt im Saarland

Euch allen vielen Dank! :-)

@Don Carracho
nicht schdruggdurierde Vor,- sondern Nachbereitung von Hamburg! ;-))
@schalk
dein Einwand mit dem GPS ist wirklich berechtigt! Eigentlich hasse ich es, einen Naturlauf zu sehr zu technisieren, werde aber wohl umdenken müssen! Mist! Hinterher kann ich natürlich leicht behaupten, dass das Stockgehen nur der Erfahrung/Übung diente! ;-))
@fazer
Das mit dem Mentalen wird schon wieder. Je mehr Trail-Km ich sammele, desto mehr dürfte dann auch wieder das Selbstvertrauen zurückkehren. Jetzt heißt's erst mal, sich sachte an das Zugspitztraining heranzumachen...
@Fairy
Danke dir! Jammern nutzt ja ooch nüschd. Vorrangiges Ziel ist jetzt erst mal verletzungsfrei aufzubauen und Kräfte für den Tag X, also die Zugspitze, zu sammeln. Zeiten haben daher momentan keine Brioridäd! Los lassen, genießen und einfach mal nur die Laufkarosserie für die Langstrecken behutsam zu tunen ohne demboomäßige Hintergedanken scheint mir momentan besser zu bekommen. Hie und da zwar schon mal einen 10er oder einen kurzen Berglauf in der Gegend, das schon, aber ohne Bestzeitendruck. Gommd Zeit, gommd Demboo! Dass ich da vielleicht mal so manch heilige Kuh in Form eines DNF schlachten muss, ist mir momentan weitaus lieber als eine Verletzungspause!

:-)

Hallo MC,

Statt Medaille eine grün/blaue Erinnerung ist mal was anderes.
Trotz Verlaufen (das aber wirklich Mist ist),dem kraftraubendem Auf und dem entspannendem Ab, alles viiieeel besser als ein Stadtlauf.
Wir seh`n uns am Rennsteig.

Respekt!

Vor dem ganzen Ding!
Dem Lauf!
Deiner Entscheidung!
Das war stark...verdammt stark!!
MC weiß, wie es läuft! :o)

Lieben Gruß Carla
"Mancher rennt dem Glück hinterher, weil er nicht merkt, dass das Glück hinter ihm her ist, ihn aber nicht erreicht, weil er so rennt!" (Bert Hellinger)

Cool!

Streckenverlängerung?!
Nöö, ohne MC.
Einfach so.
Hut ab vor Deiner Entscheidung. Finde ich echt cool.
Einfach aufgehört mit dme Hölländer :-))
Gratulation zu dem Lauf und dem schönen Bericht.
LG, KS

Alles richtig! ...

... Dass man an de Zugspitze Dembo braucht, wäre mir auch neu. Dort reicht es, wenn du ab km 54 noch Laufen und ab km70 noch joggen kannst. Dann bist du schneller als alle die dort Gehen.
Die Ausrede mit dem Üben wußte ich doch schon, als ich das Schrieb. ;-)
Verletzungsfrei km und Höhen-km sammeln. Das sollte die Marschroute sein. Alles andere ist Zusatz und eigentlich unnötig, man könnte auch sagen wird überbewertet.
Bis Samstag!
;-)

Freud'scher Vertipper

Vor lauter grüner Hölle...
;-))

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