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Prolog
Wochenlang überlegte ich hin und her. Welcher Frühjahrsmarathon soll es sein? In einer sehenswerten Stadt, nicht zu früh im Jahr und auf keinen Fall nach Mitte Mai. Der gesteckte Zeitrahmen schränkte die Auswahl ein, doch schließlich entschied ich mich für eine Reise nach Prag mit dem Marathon als Höhepunkt. Da diesen Marathon ein Gold Label ziert, es sich um die Goldene Stadt handelt und ich noch nie dort war, sicherlich eine gute Wahl.
In den Wochen vor dem Marathon nahm ich mir einmal mehr einen Angriff auf meine Bestzeit vor. Allerdings stellte ich schnell fest, dass mir das Laufen derzeit zwar enorm Spaß macht, den Trainingsplan ignorierte ich jedoch von Beginn an.
Mit meinen Kilometerumfängen war ich recht zufrieden, viele davon lief ich durch hügelige Wälder.
Aber: So sehr ich allen immer zu möglichst vielen Vorbereitungsläufen über 30 km rate, so gerne ignoriere ich selber diesen guten Ratschlag. Ein einziger trauriger Lauf im genannten Bereich steht bei mir bis zum Tag vorm Rennen zu buche - und diesen bin ich mit meinem Kumpel MKAL mit einem 6:10er Schnitt gelaufen (hüstel).

In den letzten Tagen vor dem Lauf war ich unsicher. Die Vernunft sagte mir, die Geschichte als schönen Sight-Seeing-Lauf anzugehen. Wenn da nicht immer dieser Ergeiz wäre. Am Abend vor dem Rennen schrieb ich einige Uhrzeiten an die Kilometermarkierungen des Streckenplans, zu denen Dani mich dort erwarten könne. Natürlich alles auf einen lockeren 4:30er Schnitt getacktet - Bestzeitenkurs.

Hauptwort
Am Sonntagmorgen bin ich ab 5:30 Uhr wach und höre, wie unten auf der Straße die Absperrgitter zurechtgerückt werden. Als ich endlich vom Wecker erlöst werde und aufstehen darf sehe ich beim Blick aus dem Fenster einen strahlend blauen Himmel. Das war nach den letzten beiden etwas regnerischen Tagen nicht zu erwarten gewesen. Nach dem Frühstück treffe ich die letzten Vorkehrungen und wir gehen bei strahlendem Sonnenschein zur U-Bahn. Schon bevor ich den Startblock erreiche, entledige ich mich meiner Jacke, bei den Temperaturen heute morgen benötige ich sie nicht um mich warmzuhalten.

Um 10 vor 9 stehe ich auf dem Altstadtplatz in meinem Startblock und genieße die freudige Erregung und Nervosität um mich herum und in mir. Unmittelbar vor dem Start wird eine Schweigeminute für die Opfer des Boston-Marathons eingelegt, die stille - nur gebrochen vom Helikopter über dem Platz - bereitet mir Gänsehaut. Nun noch einmal kurz applaudieren, sich selber Mut machen und auf geht's!

Die erste Schleife führt mich entlang der jubelnden Zuschauer nach Norden über die Moldau unterhalb des Königspalastes zurück über die berühmte Karlsbrücke. Schon hier lassen einige Kopfsteinpflaster-Passagen erahnen, was auf den nächsten Kilometern immer wieder auf mich warten wird. Die höheren Bordsteine nach der Brücke sind mit zwei Holzrampen versehen, die schon jetzt verrutscht sind und eine gefährlich große Lücke offenbaren. Nach 5 Kilometern habe ich Dani schon zweimal am Streckenrand gesehen und habe endlich ein vernünftiges Tempogefühl für einen 4:30er Schnitt entwickelt. Auffällig ist, dass ich bereits jetzt für meine Verhältnisse stark schwitze, es ist sehr sonnig und warm.

Die Kilometer 6-12 führen entlang der Moldau in den Nordosten der Stadt. Hier ist absolut tote Hose und selbst eine der Bands, die dort motivieren sollen, ist zum davonlaufen. Einzig der Tesnovsky Tunnel sorgt für etwas Abwechslung, an seinem Ende trommeln ein paar Trommler ein Donnergrollen in die Dunkelheit den Läufern entgegen. Die gleiche Strecke wird mich auf den schwierigen letzten Kilometern nochmal erwarten - na großartig.

Kilometer 12-14 führen über Kopfsteinpflaster durch die belebte Altstadt, hier sauge ich die gute Stimmung in mir auf und auch für ein Küsschen nehme ich mir Zeit. Legales Doping.

Die Kilometer 15-31 bestehen im Wesentlichen aus zwei Wendepunktstrecken dies- und jenseits der Moldau im Süden von Prag. Auf längeren Teilen der Strecke säumen nur wenige Zuschauer den Weg, bei km 16 kommen mir die 10 führenden entgegen, die bereits 24 km hinter sich gebracht haben. Eine kurze, willkommene Abwechslung diese zu beobachten. An den Stellen, an denen Bands, Moderation und Zuschauer zusammenkommen, lassen diese es jedoch immer ordentlich krachen und auch an den Staffelwechselstellen werden die Läufer angefeuert. Die Halbmarathon-Markierung passiere ich nach genau 1:35 h, allerdings drängt sich bei mir spätestens bei km 25 das Bewusstsein auf, dass es noch "spannend" zu werden verspricht. Auch wenn ich dem Gerstensafte durchaus wohl gesonnen bin, vertrage ich den Hopfen-Geruch, der von der Brauerei bei km 27/28 ausgeht überhaupt nicht und verliere bis km 30 gute 30 Sekunden auf meinen Fahrplan.

Bei Kilometer 32-33 kratze ich noch einmal die Altstadt an, lasse meine Beine vom Kopfsteinpflaster vor der Karlsbrücke durchmassieren und mich ein letztes Mal vorm Ziel von Dani motivieren.

Kilometer 34-41,3: Nun ist ohnehin Kämpfen angesagt - ja, ja, ein 10er geht immer - aber nun ausgerechnet nochmal über die gleiche Nordost-Schleife vom Anfang? Ich versuche der Erschöpfung buchstäblich davon zu laufen, auch die bereits erwähnte Band treibt mich noch einmal an. Bei einem leichten Anstieg auf die Brücke über die Moldau verlässt mich dann die Kraft, ich verliere 50 Sekunden auf Kilometer 37, weitere 57 Sekunden auf Kilometer 38. Ich schäme mich vor den einzelnen Zuschauern für meine Schwäche und schaffe es irgendwie wieder ein wenig zu beschleunigen bis ich die letzte Verpflegungsstelle bei km 40 erreiche. Hier nehme ich mir die Zeit und schütte mir Wasser und Iso in den Mund und drücke mir zwei, drei Schwämme über dem Kopf aus, um mich für die letzten zwei Kilometer zu rüsten. Weiter geht es mit einem 5er Schnitt, das Ziel spürbar vor Augen, allerdings werden die Zuschauer am Rand nicht mehr.

So traue ich meinen Augen kaum, als ich am Rand ein Schild lese "900 to go", kurz darauf ein weiteres "800 to go". Ich biege auf die lange Zielgerade in Richtung des Altstadtplatzes und langsam werden die Zuschauer mehr. Mir schießt das Adrenalin in den Körper und es werden nun auch die Kräfte mobilisiert, die bis vor wenigen Sekunden verborgen waren. Noch 200 Meter, der blaue Teppich beginnt, fertigmachen zum Jubeln und nach 3:13:43 h:min:s ab über die Ziellinie!

Epilog
Im Ziel angekommen ist die Freude trotz der um 59 Sekunden verpassten Bestzeit groß, meine Beine sind mir aber über gesonnen und strafen mich mit Krämpfen. Ich treffe Dani an der verabredeten Stelle, verdrücke die obligatorischen Freudentränen und schleppe mich zur Massage. Für den Rest des Tages strahle ich über alle vier Backen und kämpfe mich voller Stolz jede einzelne Treppenstufe hinunter, die sich mir in den Wege stellt.

Fazit: Eine topp organisierte Veranstaltung, die den Spagat zwischen Sight-Seeing-Lauf und schneller Strecke nur bedingt hinbekommt.

Die Daten:
42,195 km
3:13:43 h:min:s
Pace: 4:16 - 5:27 min/km
Puls: 86% (max. 95%)

4.375
Gesamtwertung: 4.4 (8 Wertungen)

Danke für diesen Bericht!

Und Glückwunsch zum Super-Ergebnis!
Prag ist eine der schönsten Städte, die ich kenne, und wenn ich lese "top organisiert", dann hab ich Lust, dort (irgendwann) auch mal zu starten.
Genussvolles Regenerieren wünsche ich!

mein lieber...

...esel *strengguck* so einen satz wie "Ich schäme mich vor den einzelnen Zuschauern für meine Schwäche und schaffe es irgendwie wieder ein wenig zu beschleunigen..." will ich nich nochmal lesen, ja?!
was du da in den asphalt gebrannt hast, war aller ehren wert und ne hammerzeit! glückwunsch herzlichsten!
____________________
laufend findet das ne starke leistung: happy™

"man muss es so einrichten, dass einem das ziel entgegen kommt." (theodor fontane)

Mist

schon wieder einer auf der To-Run-Liste!!! =)
Danke fürs Mund-wässrig-machen: Prag und der Marathon dort ist wohl auf alle Fälle eine Überlegung wert, insbesondere, wenn man (wie ich) definitiv auf "Sightseeing" laufen würde...

Ganz großartige Zeit! Weiter grinsen!!!

Gruß, Dominik
_____________________
"Wochenenden zählen nur, wenn man sie mit völlig sinnlosen Dingen verbringt!"

Was für ein geiles Erlebnis

hattest du da. Ein superschöner Bericht von einem einmaligen Ereignis.
Gratulation zur tollen Zeit. Und wenn du einmal älter und reifer bist - also ein echter grauer Esel - dann wirst du auch noch flotter. Du wirst sicherlich noch einmal als erster echter Ruhrie die 3-Stundengrenze bezwingen, davon bin ich überzeugt.

LG
Many

Lieber Rennesel,

Glückwunsch zu diesem tollen Laufergebnis! Und danke fürs erzählen!

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Glückwunsch.....

Der Esel in Prag!

Guuuuuuuut gemacht!!

gruss efjot

..DIE RUHRIS.....DIE Laufgruppe im Ruhrgebiet

Prag

ist immer eine Reise wert, aber gleich einen Marathon, das finde ich doch sehr mutig.

Ich kenne die Stadt nur allein vom Sightseeing und das war "sauanstrengend".

Sofort musste ich deinen Bericht lesen, um zu erfahren, wie sich 42 Kilometer in der unebenen hügeligen Stadt so anfühlen und wie es dir ergangen ist.
Es klingt besser als ich erwartet habe (also von der Strecke her), aber schwierig war es bestimmt trotzdem. Kopfsteinpflaster gibt es dort ja nicht gerade wenig.

Das dabei aber so eine klasse Zeit rauskam: Respekt-Respekt.

Ein toller Bericht und eine super Zielzeit, das kann sich mehr als sehen lassen.

Wir sind BORN - Verstand ist zwecklos
Bin nicht gestört und auch nicht schnell - nur verhaltensoriginell

Ich bin da sehr stolz auf

Ich bin da sehr stolz auf Dich. Prima geschrieben und gekämpft.
Und so eine Zeit bei einem !!!! für Dich sehr laaangsamen 30er ist verdammt gut.
Rechne die Wärme, Kopfsteinpflaster und so weiter ein dann ist die Zeit verdammt viel wert !!

Weiter so.

Viele Grüße vom Sportprinzen bis bald mal...

www.sportprinz.info

Prag mit Dani und Sonne und Marathon??

Na das konnte ja nur gut werden! Glückwunsch zu dem Lauf und der Zeit!! Aber was passiert eigentlich, wenn Du mal richtig trainierst?

Hammer! Freu mich auf den Montag!

ZüperOli

naja... geht so...

... ich mein so 59sec langsamer als Bestzeit - wie assich ist das denn bitte schön???

Rest so mittelmäßig gut, Wetter wird überbewertet, Musik auch.

"Ein Leben ohne Mießmacher ist denkbar, jedoch sinnlos"

Schleswig-Holstein im Herzen,
BORN im Kopf

The show must go on!

Wenn das eigentlich nicht notwendige Schämen vor den (wenigen) Zuschauern nützt, um sich selbst in den A*(llerwertesten) zu treten und mit der geilen Performance weiterzumachen, dann ist auch dies legitimes Doping.

Auf einer nicht ganz flachen Kopfsteinpflasterstrecke die PB wackeln zu lassen, muss man auch erst mal hinbekommen. Herzlichen Glückwunsch.

cherry65

Jeder, der vor mir läuft, hat es sich verdient

Topp !!! Da gehen beide Daumen hoch !

Endlich durfte ich mal wieder einen Marathon im Schweinsgalopp mitlaufen und auch ankommen - 1000 Dank für's Mitnehmen!!!

Erster Neben-dem-Esel-Läufer beim nächsten Ruhrie-Event ohne Streit !!!


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