Schon merkwürdig, dass mir diese Überschrift immer wieder durch den Kopf ging in der Vorbereitung auf den Hannover Marathon am vergangenen Sonntag. Nach der doch souveränen SUB 3 aus dem letzten Jahr in meinem zweiten Marathon, wollte ich dieses Jahr in Richtung 02:50 laufen.

Warum Hangover? Und doch nicht mir!

Reduziere ich die Vorbereitung rein nach sportlichen Gesichtspunkten, lief alles gut. Die Inhalte hatte ich hier wöchentlich in mein Trainingstagebuch eingestellt. Irgendwann Weihnachten ging es los, bis Sonntag hatte ich u.a. 10 LDL über mind. 34 KM absolviert, diese regelmäßig mit einer Endbeschleunigung im MRT.
Ob ein Plan gut ist und zu einem passt, stellt sich zwar auch schon im Training heraus, aber erst im Wettkampf gibt es das Ergebnis. Ich hatte aber im letzten Jahr gute Erfahrungen damit gesammelt und für dieses Jahr etwas mehr Umfänge und natürlich ein höheres Tempo vorgesehen. Es lief gut.

Eine Vorbereitung hat aber auch andere Komponenten. Insgesamt drei auswärtige Seminarwochen, teilweise im tiefsten Winter, sowie damit zusammenhängender beruflicher Streß lassen sich nicht wegdiskutieren.
Auch in diesen Phasen konnte ich das gewünschte Pensum allerdings leisten bzw. nutzte ich diese Wochen für leicht reduzierte Umfänge.

Gesundheitlich kamen immer mal wieder kleine Beschwerden auf. Eine leichte Zerrung in der Wade im Februar, die obligatorischen Schmerzen in der Achillessehne über drei Tage Anfang Januar sowie eine Sehnenreizung auf dem rechten Spann Ende März. Alles nicht dramatisch, kaum eine Einheit viel aus und die Symptome klangen jeweils schnell ab.

Mitte April machte sich dann ein Außenband im rechten Knöchel nach einer Tempoeinheit bemerkbar. Im Alltag nicht sehr behindernd, beim Laufen schon zu spüren. Ich setzte auf die Tapering-Phase und achtete in den Läufen darauf, keine Bewegungen über die Außenkante zu machen. 5 Tage vor Hannover hätte ich nicht starten können, zum Sonntag erschien es mir wert, es zu probieren.

Das Rennen:

Eigentlich schnell erzählt. Meiner Meinung nach gute Bedingungen mit Sonne (beim Start 14 Grad) und wenig Wind. Ich hatte mir vorgenommen, auf den ersten KM meine Pace von 04:00m/Km zu finden. Nach dem ersten Verpflegungsstand bei KM 5 sortierte sich das Feld doch bereits deutlich, so dass ich nur noch in einer kleinen Gruppe war. Hieraus löste ich mich und ein Mitstreiter bei KM 8 heraus. Wir beide liefen von nun an zusammen und die Durchgangszeiten bei KM 10 in 39:52 sowie zur Hälfte in 01:24:11 waren planmäßig und vielversprechend. Ab KM 20 liefen wir die Lücken zu den offensiver gestarteten Läufern mehr und mehr zu, so dass wir bei KM 30 in 02:00:07 in den TOP 30 und immer noch perfekt unterwegs waren. Dann machte sich der Knöchel doch wieder bemerkbar. Erst leicht, aber dann doch so, dass der Laufstil schwerer und unrunder wurde. Ich musste abreißen lassen und sofort überlegte ich, die Geschichte für heute zu beenden. Die erste S-Bahn Station lies ich noch passieren, aber bereits ein paar hundert Meter weiter bei KM 34, nachdem die Pace in Richtung 04:15 sank, blieb ich bei einer weiteren Station stehen und fuhr in Richtung Ziel.

So weit, so schlecht. Zunächst konnte ich mit meiner Entscheidung gut leben, aber in den Tagen danach wurden die Zweifel immer größer. Hatte ich wirklich alles versucht? Schmeißt man die Vorbereitung so einfach weg? Wäre der nächste Verpflegungsstand so weit weg gewesen? Wie vermessen muss man sein, davon auszugehen, ohne Probleme einen Marathon zu laufen?

Ich hatte danach weder ein gesteigertes Durst- und Hungergefühl. Körperlich ging es mir nicht schlechter als nach manch langem Lauf. Dem Knöchel hat es nicht geschadet, die zaghaften Regenerationsläufe in der Woche, um die Muskulatur zu lockern, verliefen mittlerweile nahezu schmerzfrei. Und trotzdem aufgehört.

Ich stand in Hannover zusammen mit meiner Frau noch einige Minuten im Zielbereich und beobachtete die im Zeitbereich von 03:50 – 04:15 ankommenden Läufer. Einigen ging es mit Sicherheit schlechter als mir beim Ausstieg, vielen konnte man die Freude und den Stolz beim Zieleinlauf in den Gesichtern ablesen.
Ich hatte das Gefühl, dass ich mich selbst um dieses Gefühl betrogen hatte.

Im Zug nach Hause las ich dann einige Glückwunsch-Nachrichten von Freunden, die im Internet meine Zwischenzeiten beobachtetet und die hochgerechnete Zeit von 02:48:... irrtümlich bereits als Zieleinlauf gelesen hatten. Ich überschlug schnell im Kopf: Wenn ich die letzten KM in 04:40 gelaufen wäre, hätte es immer noch zu einer PB gereicht, so groß war der Puffer zum Vorjahr. Meine Frau pflegt dann immer zu sagen : „ Hätte, hätte, Fahrradkette!“
Sie hat Recht – aber ich habe es nicht versucht.

Zwei Dingen nehme ich von Sonntag mit: Es gibt Gründe einen Lauf, insbesondere einen Marathon, vorzeitig zu beenden. Aber vorher sollte man genau überlegen, ob nicht doch ein Weiterlaufen zu verantworten wäre. Man kann nicht immer PB laufen.

Die zweite Erkenntnis ist hoffentlich tiefgreifender. Nachdem es bislang mit dem Laufen leistungsmäßig nur nach oben ging, bin ich mal wieder geerdet worden. Ein bischen mehr Demut und Respekt vor den Wettkämpfen, bei allem Ehrgeiz auch mit Teilerfolgen zufrieden sein, Spaß und Freude vor und bei den Wettkämpfen – all dies ist irgendwann abhanden gekommen. Und wenn ich es dann noch schaffe, auf das bisher Erreichte auch mal ein wenig Stolz zu sein, hat der Ausstieg doch noch etwas positives.

Die hoffentlich vorhandene Form möchte ich in nächster Zeit für max. 1-2 Wettkämpfe nutzen, und ansonsten bis Anfang Juni deutlich weniger Umfang machen. Ich muss einfach mal raus dem Hamsterrad Training/Wettkampf. Danach beginnt die Vorbereitung auf einen HM Ende August. Mit Zielen bin ich momentan sehr vorsichtig.

Bleibt gesund!

Berti

5
Gesamtwertung: 5 (2 Wertungen)

Ich kenne diese Gedanken auch

und finde sie gut und richtig. Manchmal bin ich ausgestiegen und es war gut so. Manchmal muss ich im Nachhinein zugeben, dass einfach der Schweinehund gesiegt hat als die Zielzeit weg war. Heute war es gut durchzulaufen (auch wenn die Bestzeit weit verfehlt wurde), beim nächsten wird es vielleicht anders sein.

Dennoch bin ich nach wie vor der Ansicht, dass ein Ausstieg zumeist sehr viel vernünftiger ist - die Notarztwagen auf der Strecke reichen mir völlig. Respekt verdient eine solche Entscheidung allemal.

Saarvoir courir - laufen wie bekloppt im Saarland

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