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Der Marathonlauf 40 km nördlich von Köln im Dorf am Zusammenfluss von Rhein und Düssel

Sonntag, 28. April 2013 | 4:00 Uhr | Anspannung

Irgendwie bin ich immer wieder ein klein wenig aufgeregt und angespannt, wenn ein Marathon ansteht. Da mache ich am heutigen Tag, an dem ich bereits meinen achten Marathon laufen werde und mir eigentlich schon so etwas wie Routine dabei zu Eigen sein sollte, keine Ausnahme. Zumal der Marathon heute etwas ganz Besonderes sein wird. Seit über zweieinhalb Jahren trainieren wir nun zusammen. Meine kleine zähe Kampfsau Christine und ich. In dieser Zeit haben wir nicht nur eine schlagkräftige und homogene Trainingspartnerschaft aufgebaut, sondern uns auch als sehr gute Freunde schätzen gelernt. Dabei haben wir, was das Laufen anbelangt, einige Phasen von Höhen und Tiefen, von Erfolgserlebnissen und Rückschlägen, von Spaß und Frust erlebt. Insbesondere Christine hat sich dabei einen Namen als Pechvogel gemacht und aufgrund von Verletzungen schon zwei Mal ihr Marathondebüt verschieben müssen. Beim letzten Mal waren es gerade noch zehn Tage bis zur geplanten Premiere, als plötzlich aufkommende Rücken- und Hüftschmerzen sie zur Aufgabe zwangen. Und das, nachdem sie über Monate fleißig und hart trainiert hat. Heute soll dieses historische Ereignis nun endlich stattfinden. Das Wintertraining verlief nahezu friktionsfrei. Wir sind beide fit und startklar. Was kann jetzt noch passieren? Ich stehe bei Christine im Wort, dass ich sie auf ihren ersten 42,195 Kilometern begleite und mit ihr das Ziel erreiche. Ich bin fest entschlossen, dieses Versprechen heute einzulösen. Jetzt muss es endlich klappen! Alles wird gut!

Auf jeden Fall mag das auch ein Grund dafür sein, dass ich im Vorfeld des heutigen Marathons eine ähnliche Nervosität erleide, wie damals bei meinem eigenen Debüt. Noch bevor mich der Wecker aus dem Schlaf reißen kann, übernimmt das bereits meine innere Anspannung und holt mich eine gute Stunde vor dem verhassten Klingelton aus meinen Träumen. Mich würde es nicht wundern, wenn Christine auch schon vorzeitig, von Aufregung gezeichnet, das Reich der Träume verlassen hat. Wenn sie überhaupt schlafen konnte. Ich teste das mal aus in dem ich ihr eine SMS schicke: „Ich kann nicht mehr schlafen. Ich stehe jetzt auf. Biste fit?“ Ihre Antwort lässt allerdings auf sich warten. Vielleicht schläft sie tatsächlich noch und hat ihr Handy ausgeschaltet.

6:00 Uhr | Vorbereitung

Die letzte Stunde habe ich damit verbracht, die vor einem Marathon üblichen Prozeduren und Rituale zu durchlaufen. Ausrüstung zusammen suchen, Streckenverpflegung herrichten, empfindliche Körperstellen abkleben und einschmieren, Klamotten für hinterher einpacken, eine Kleinigkeit frühstücken und schon mal was Elektrolytenbrause einschmeißen. Mittlerweile ist auch die weltweit beste Ehefrau dem Bett entstiegen und präsentiert sich gerade ausgesprochen unausgeschlafen und knurrig. Das liegt nicht nur an der Erfordernis des Frühaufstehens an einem Sonntagmorgen, sondern leider auch daran, dass sie sich gerade nicht besonders wohl fühlt und über Kopfschmerzen und Übelkeit klagt. Hoffentlich gibt sich das gleich noch, denn einen Marathon ohne meinen Schatz am Streckenrand, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Unser Abkömmling wird dagegen heute erstmalig nicht ihren Papa auf der Marathonstrecke anfeuern und zieht dieses Mal ein Wochenende bei Oma vor.

Mittlerweile ist mir aufgefallen, dass Christine immer noch nicht auf meine SMS reagiert hat. Die wird doch wohl nicht verpennt haben? Soll ich mal diskret anrufen und fragen, ob sie schon wach ist? Ach, Blödsinn! Nachher hält die mich noch für paranoid. Die wird an ihrem großen Tag schon nicht verschlafen. Just als ich diesen Gedanken zu Ende gedacht habe, signalisiert mir mein Handy den Erhalt einer SMS von Christine: „Ich bin fit, mein Bester! Wir sehen und gleich.“

6:45 Uhr | Köln-Buchheim, Treffpunkt

Verabredungsgemäß treffen wir uns mit Christine und ihrem Freund Gustav in Köln-Buchheim. Gustav ist so nett und hat sich bereit erklärt, uns in das Dorf zu fahren, in dem wir heute Marathon zu laufen gedenken. Er wird sich dann mit der weltweit besten Ehefrau gemeinsam an die Strecke stellen und uns, vor allem natürlich seiner Christine, die notwendige moralische und logistische Unterstützung zuteil werden lassen.

7:30 Uhr | Ankunft im Dorf

Egal wo, aber dort wo ein Marathon stattfindet, ist es immer mit einem gewissen Risiko verbunden, mit dem Auto möglichst nah an den Ort des Geschehens fahren zu wollen. Dennoch haben wir uns dazu entschieden, um insbesondere bei der Rückfahrt unabhängiger und flexibler sein zu können, als wir es bei der Nutzung von Bus und Bahn wären. Nach eingehender Konsultation ortskundiger Dorfbewohner haben wir uns den ultimativen Tipp geholt, wo wir am Marathontag strategisch gut und nicht zu weit weg vom Start-/Ziel-Bereich entfernt parken können. Zu dumm nur, dass dieser Tipp die Nutzung eines Parkhauses vorsieht, an dem nun in leuchtend roten Lettern der hässliche Schriftzug „Besetzt“ prangt. Glück im Unglück: vor dem Parkhaus befindet sich eine erkleckliche Anzahl freier Parktaschen, völlig ohne Anwohnerbevorzugung und Parkscheinautomaten, was die nahe liegende Frage aufwirft, warum dann das Parkhaus besetzt ist. Das sind so die Mysterien, mit denen man es hier im Dorf zu tun bekommt. Egal! Hauptsache Parkplatz gefunden. Und auch Markus, unser Kumpan aus der Laufgruppe, mit dem wir heute gemeinsam auf die Strecke gehen werden und uns hier an diesem geheimnisvollen Parkhaus verabredet haben, hat eine kostenlose und legale Abstellmöglichkeit für sein Gefährt gefunden.

8:00 Uhr | Kleiderbeutelabgabe

Nach einem kurzen Fußmarsch erreichen wir den Zielbereich, in dem wir unsere Kleiderbeutel abgeben müssen. Obwohl dieser Marathon hier in Bezug auf die Teilnehmerzahl zwar nicht so ganz klein ist, auf der anderen Seite aber auch nicht zu den allergrößten Marathons in Deutschland gehört, ist hier im Ziel ein ungeheures Gedränge. Wir erreichen kaum das Zelt, in dem wir unsere Klamotten abgeben müssen und der Prozess dauert eine ganze Weile. Das mag wohl daran liegen, dass der Platz in so einem Dorf eher begrenzt ist. Wir haben Glück, dass wir uns in dem Gewusel nicht verlieren.

8:20 Uhr | Startbereich

Noch vierzig Minuten bis zum Start und wir erreichen nun den Startbereich am Joseph-Beuys-Ufer. Es gehört zum üblichen Ritual, dass man kurz vor dem Start noch mal die Örtlichkeiten aufsucht. Bei mir ist aber nicht nur die bloße Routine der Anlass für dieses Verlangen, denn meine Blase ist bis zum Anschlag geflutet und ich muss jetzt ganz dringend mal wohin. Schon bald machen wir eine Reihe von Dixie-Klos aus und steuern zielstrebig auf sie zu. Im ersten Moment freuen wir uns darüber, dass sich vor selbigen untypischerweise keine Menschenansammlung angehäuft hat. Auf den zweiten Blick erkennen wir aber den Grund dafür, warum es hier an Schlangen mit harndranggeplagten Läufern mangelt. Die Klos sind mit Vorhängeschlössern verriegelt. Muss man das verstehen? Jede Menge freie Parktaschen vor einem besetzten Parkhaus und verschlossene Dixie-Klos in einem mit tausenden Läufern gefüllten Startbereich. Das Dorf wird immer geheimnisvoller. Dann müssen wir eben das ganz große Klo nehmen, sprich die benachbarte Grünanlage. Geht auch!

Wir haben heute phänomenales Wetter und meine größte Sorge in Bezug auf die äußeren Bedingungen stellen sich zu meiner großen Erleichterung als unbegründet heraus. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Läuferszene den Winter über bis kurz vor dem Saisonhöhepunkt bei empfindlichen Minusgraden trainieren muss und dann am Tag des Marathons plötzlich mit Temperaturen weit jenseits der Zwanzig-Grad-Grenze konfrontiert wird. Dieses Desaster musste ich schon mal am eigenen Leib erleben. 2010 beim Hamburg-Marathon. Das Wochenende zuvor habe ich noch bei knapp über Null Grad trainiert, beim Marathon waren es dann vierundzwanzig Grad und im Ziel hat sich mein Kreislauf verabschiedet. Heute wird das nicht passieren, denn wir haben genau mein Laufwetter: Sonne und kühle Temperaturen. So kühl, dass sogar ich mit Armlingen an den Start gehe, um am Anfang nicht zu frieren. Halleluja! Das ist ja fast so ein Granatenwetter wie damals in New York!

8:55 Uhr | Der Moment naht

Gleich ist es soweit! Jetzt sollte dem längst überfälligen Debüt von Christine nun wirklich nichts mehr im Weg stehen. Sie sagt mit einem Augenzwinkern, dass selbst wenn jetzt noch was passieren sollte, sie immerhin schon weiter ist, als die beiden Jahre zuvor. Stimmt! Denn heute hat sie wenigstens schon mal die Startnummer eines Marathons am Shirt hängen und hat unter Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Fähigkeiten den Startbereich erreicht. Aber ich denke wir können mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass ihr jetzt auch kein Klavier mehr auf den Kopf fällt und sie auf die Strecke gehen wird. Und wenn sie einmal auf der Strecke ist, dann wird sie, da bin ich mir sicher, das Ding auch durchziehen.

Der Moment ist gekommen, an dem wir nun in unsere Startzone einchecken sollten und unser Fanclub sich in den Zuschauerbereich hinter die Startlinie begeben muss, um sich eine günstige Position zum Filmen zu sichern. Allerdings müssen wir dafür erst unter Androhung körperlicher Gewalt Christine und Gustav voneinander trennen und eine herzzerreißende Abschiedsszene jäh beenden. Die beste Ehefrau von allen hat übrigens mittlerweile ihr Unwohlsein überwunden und ist nun bereit für die Fantour.

9:00 Uhr | Start

Hier im Dorf geht es insgesamt etwas beschaulicher und unspektakulärer zu. Dieser Eindruck manifestiert sich auch in der Art und Weise, wie hier der Start erfolgt. Kein großes Tamtam, sondern einfach mal die Läufermeute ohne jegliches Getöse auf die Strecke schicken. Den Countdown und den Startschuss haben wir gar nicht so richtig mitbekommen. Dass es losgeht, merken wir eigentlich nur daran, dass sich der Strom der Läufer vor uns langsam in Bewegung setzt und wir es somit als eine gute Idee erachten, es unseren Vorderleuten gleich zu tun. Ob es einen Startsong gegeben hat oder ob die Musik wie vorher unverändert weiter lief, kann ich im Nachhinein gar nicht mehr sagen. An dieser Stelle muss man aber auch mal feststellen, dass unser Heimatmarathon in Köln gerne dazu neigt, die Startphase mit stark karnevalistischem Einfluss zu inszenieren und den ewig selben Startsong einer einschlägig bekannten und gefürchteten Karnevalscombo zu verwenden. Ein Umstand, der einem Karnevalsmuffel wie mir immer wieder die Zehennägel zum Aufrollen bringt. Da das Dorf hier neben Köln als die zweite große Karnevalshochburg im Rheinland gilt, habe ich ähnliche Grausamkeiten auch hier befürchtet. Doch offensichtlich nehmen die Dorfbewohner davon Abstand und verstehen es im Gegensatz zu meinen Kölner Landsleuten (die schon mal dazu neigen den Karneval ganzjährig zu zelebrieren) klar zu differenzieren, wann wir uns innerhalb und außerhalb einer Session befinden. Und im Moment sind wir nun mal außerhalb der Session. Diese Tatsache nehme ich wohlwollend zur Kenntnis und nehme dafür auch den eher langweiligen Start dafür in Kauf. Später auf der Strecke werde ich noch feststellen, dass das Dorf auf jedwede karnevalistische Kontamination der heutigen Marathonveranstaltung verzichtet. Dafür verzeihe ich denen glatt die Nummer mit dem Parkhaus und den Dixie-Klos.

Um wieder zum Thema zurückzukehren: wir nähern uns der Startlinie, klatschen uns noch mal ab und machen uns bereit, unsere Uhren abzudrücken. Endlich ist es soweit: Christine, die kleine zähe Kampfsau, steigt in die Königsdisziplin ein. Kurz hinter dem Start finden wir auch gleich Gustav und die weltweit beste Ehefrau unter den Zuschauern, die nun Zeuge des historischen Moments werden.

Unsere Renntaktik

In den Tagen und Wochen vor dem Marathon haben wir uns eingehend über unsere Zielsetzung für heute unterhalten. Unsere Trainingsergebnisse hätten stellenweise, aber eben nicht durchgängig, eine Zielsetzung von 4:30 gerechtfertigt. Meine bisherige Erfahrung mit Marathonläufen sagt mir jedoch, dass man die Zielsetzung in erster Linie mal realistisch und vielleicht auch eher defensiv definieren und sich dabei nicht von Wunschdenken leiten lassen sollte. Sicher, eine 4:30 zu laufen wäre schon was. Schon oft habe ich mir dieses Zeitziel gesetzt und bin kläglich daran gescheitert. Ich habe Christine, die schon sehr stark mit diesem Zeitfenster geliebäugelt hat, davon überzeugen können, dass 4:45 für uns doch die geeignetere Zielsetzung wäre. Um ehrlich zu sein, richte ich mich lieber nach einer Zielzeit von 4:45 und freu mir dann ein Loch in den Bauch, wenn wir 4:40 schaffen, als dass ich auf die 4:30 abziele und am Ende 4:38 brauche. Entgegen der landläufigen Auffassung unter den Marathonis, werden wir mit einer dynamisierten Marschtabelle laufen, die vorsieht, dass wir für die zweite Hälfte etwas mehr Zeit beanspruchen, als für die erste. Eine schnellere zweite Hälfte ist mir noch nie gelungen, daher versuchen wir das auch gar nicht erst, sondern werden stattdessen das Tempo in beiden Hälften zielführend dosieren. Über diese Strategie haben wir letztendlich Einigkeit erlangt und auch Markus konnte sich damit anfreunden. Für ihn ist nur wichtig heute schneller zu sein, als bei seinem ersten Marathon im vergangenen Jahr. Und da hat er schon ziemlich dicht an der Fünf-Stunden-Grenze gekratzt.

Oberstes Gebot beim Marathon ist natürlich eine strenge Tempodisziplin. Zu glauben, man könnte es am Anfang richtig krachen lassen, um für später etwas Zeitreserve rauszuholen, ist ein fataler Irrtum. Daher gilt ein aufmerksamer Blick der Uhr, den Streckenmarkierungen und dem Lauftempo. Man kann das in gewisser Weise mit dem Autofahren vergleichen. Wenn ich zum Beispiel von Köln nach München fahren möchte, dann kann ich dabei durchaus mit nur einer Tankfüllung auskommen. Voraussetzung dafür ist aber, dass ich den Spritverbrauch durch ein gemäßigtes Tempo in niedrigen Dimensionen halte. Wenn ich aber meine Reisschüssel mal so richtig fordere und den Pinsel bis zum Anschlag trete, dann habe ich wahrscheinlich in Stuttgart schon keinen Sprit mehr. Mit dem Marathonlaufen ist es genauso. Nur dass ich für den Lauf exakt nur eine Tankfüllung zur Verfügung habe, mit der ich aus kommen muss. Beim Autofahren kann ich wenigstens noch rechts ran an die nächste Tanke fahren. Beim Laufen funktioniert das leider nicht. Daher hat ein kraftschonendes Lauftempo, das anfangs vom Gefühl her eher einen unterfordert, oberste Priorität.

Christine und ich gehören zu den Läufern, die gerne mit iPod unterwegs sind und sich den Lauf mit individueller Beschallung untermalen lassen. Wir haben beide mit Bedacht unsere Wiedergabelisten so zusammengestellt und ausgerichtet, dass wir auf der ersten Streckenhälfte mit eher ruhigerer Musik berieselt werden, die uns nicht zum Gas geben verleitet. Denn mal ehrlich: wie soll ich denn diszipliniert eine Pace von 6:35 Min./km halten können, wenn mir gerade AC/DC, Deep Purple oder Guns N Roses aus den Ohrstöpseln dröhnt. Da müssen erst mal die gemäßigteren Songs von Eric Claption, Dire Straits oder Genesis herhalten. Erst auf den letzten zehn Kilometern, wenn wir es dann wirklich nötig haben, gibt es musiktechnisch richtig was auf die Ohren. Markus ist heute allerdings ohne musikalische Selbstversorgung auf der Strecke und versucht sich ausschließlich in Eigenmotivation.

KM 4 | Nordpark, Rotterdamer Straße

In Sachen Publikumsfrequenz stellt sich der erste Streckenabschnitt als extrem beschaulich dar. Scheinbar hat das Dorf heute eine Ausgangssperre verhängt und wir laufen daher nun unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Niemand zu sehen oder zu hören an der Strecke. Wenn das so bleibt, könnte es ziemlich langweilig werden. Wir hätten uns besser was zu lesen mitnehmen sollen. Die leeren Bürgersteige eröffnen einem aber auch Chancen und man kann sich hier noch mal ungeniert an den Rand stellen und ohne Aufsehen zu erregen erleichtern. Diese Gelegenheit ergreifen Markus und ich kurz entschlossen.

Als wir unsere Durchgangszeit am vierten Kilometer checken, stellen wir fest, dass uns die Tempotreue offensichtlich heute sehr gut gelingt und wir die ersten Kilometer sehr nah an unserer Marschtabelle laufen. Gut, wir sind ein paar Sekunden zu schnell, aber insgesamt durchaus innerhalb tolerabler Grenzen.

Mit solidarischer Betroffenheit nehmen wir am Streckenrand einen der afrikanischen Läufer wahr, der Startnummer zur Folge einer der Top-Läufer, der offensichtlich schon jetzt das Rennen aufgeben musste. Oh, je! Wie gemein ist das denn? So früh auszuscheiden! Ich kann mir gut vorstellen, dass die Afrikaner ihre liebe Not mit den von mir geliebten kühlen Temperaturen haben und dass der Kollege hier sich wohl irgendwas gezerrt haben muss, weil ihm zu kalt war. Schade!

KM 6 | Kaiserswerther Straße

Unser Tempo ist unverändert diszipliniert und die Publikumsdichte hat sich nicht in die Richtung entwickelt von der man sagen könnte, hier sei was los. Das wiederum hat dann auch Christine einen diskreten Gang in die Büsche ermöglicht. Mittlerweile laufen wir auf Kopfsteinpflaster. Puh! Auch wenn wir erst am Anfang der Strecke sind, ist so was schon ausgesprochen unangenehm und kostet Kraft. Zum Glück haben wir diesen Streckenabschnitt bald hinter uns und wir nähern uns langsam dem Dorfzentrum.

KM 8 | Cecilienallee, Ecke Klever Straße

Na, endlich! Nach acht Kilometern treffen wir erstmalig auf so etwas wie Publikum. In der Kurve, in der der Kurs von der Cecilienallee in die Klever Straße einbiegt, haben sich doch tatsächlich ein paar Dutzend Dorfbewohner zusammengefunden. Allerdings tun sie sich lediglich durch bloße physische Anwesenheit hervor und vermitteln nicht gerade den Eindruck, als hätten sie je zuvor schon mal Marathonläufer gesehen oder ob sie wüssten, dass man bei so einer Veranstaltung durchaus mal applaudieren, jubeln oder irgendeine Regung gleich welcher Art zeigen darf. Fairerweise muss ich aber sagen, dass es bei den Zuschauern genau so ist, wie bei den Läufern: sie brauchen Motivation! Und die sollen sie bekommen!!! Da wir gerade ein gemächliches Tempo laufen, habe ich noch genügend Lungeninhalt übrig, um den Dorfbewohnern einen kleinen Motivationskick zu verschaffen. Mit einem lauten Brüller „DüsselDORF, wir hören nichts!“ gelingt es mir, die Meute für einen kleinen Moment aus der Narkose zu holen. Die dadurch provozierten Gefühlsregungen sind durchaus beeindruckend aber nicht von langer Dauer.

KM 10 | Oberkasseler Brücke

Wir haben soeben einen kleinen Abstecher im Zentrum absolviert und nähern uns jetzt der Oberkasseler Brücke. Dort hat sich unser Fanblock postiert und wir stellen nicht ohne Erleichterung fest, dass es doch den einen oder anderen Dörfler an die Strecke getrieben hat. Die letzten beiden Kilometer hatten tatsächlich eine Tendenz zum Stimmungsvollen und auch die Oberkasseler Brücke ist voll mit Menschen. Na, also! Geht doch! Kurz hinter der Zehn-Kilometer-Marke erblicken wir Gustav und die weltweit beste Ehefrau. Ich nutze die Gelegenheit, mich meiner Armlinge zu entledigen und den beiden zuzuwerfen, da ich mittlerweile eine gute Betriebstemperatur erreicht habe und es auch insgesamt ein paar wenige Grade wärmer geworden ist. Aber trotzdem immer noch kühl genug, sodass ich mich weiter im Wohlfühlmodus befinde.

Christine gehört zu der Sorte Läufer, die erst einmal eine Weile brauchen, um in den Rhythmus zu finden. Daher haben wir die ersten zehn Kilometer zu ihrer Warmlaufphase erkoren und uns darauf verständigt, dass wir genau ab jetzt das tun, was wir im Training schon ein paar Mal gemacht haben, nämlich zweiunddreißig Kilometer laufen. Mit anderen Worten: Schluss mit dem Vorgeplänkel, wir sind jetzt warm, lasst uns mal mit dem Laufen beginnen.

Der Kurs führt nun hinüber nach Oberkassel und wir werden dort knappe neun Kilometer auf der anderen Rheinseite zu laufen haben, bevor es wieder über die Brücke zurück ins Zentrum geht. Diesen Streckenabschnitt kenne ich bereits, denn vor zwei Jahren haben wir schon mal beim Staffelwettbewerb des hiesigen Marathons mitgemacht. Damals war ich der zweite Starter der Staffel und mir oblag die Oberkasseler Runde. Daher weiß ich, dass uns jetzt mit der Luegalle ein Teil der Strecke bevorsteht, auf dem man durchaus Stimmung erwarten kann. Aber auch, dass wir es später wieder mit einigen Streckenabschnitten zu tun bekommen, die die Bezeichnung „Tote Hose“ verdienen. Wahrscheinlich sind diese auch der Grund für die Namensgebung einer überregional bekannten Dorfband.

Kurz nach Verlassen der Brücke nehme ich plangemäß ein Kohlehydrate-Gel zu mir. Wie bei meinen Marathons zuvor werde ich auch hier ein Vier-Gel-Strategie fahren: bei Kilometer 10, 18, 26 und 34.

KM 14 | Lohweg

Wir laufen wie ein Uhrwerk und liegen nur leicht vor der Marschtabelle. Ein klein wenig Zeitreserve kann nicht schaden, daher sehen wir den Umstand, dass wir knapp vier Minuten Vorsprung auf unsere Sollzeit haben überaus entspannt und fühlen uns nicht zu irgendwelchen Gegenmaßnahmen im Sinne von Temporeduktion veranlasst. Erwartungsgemäß bewegen wir uns nun durch die ruhigeren Wohngebiete, in denen die Publikumsdichte wiederum sehr spärlich ist. Aber wenigstens gibt es hier ein paar vereinzelte Unentwegte, die das Läuferfeld anfeuern. Ganz so tot wie auf den ersten Kilometern ist es hier zum Glück nicht. Das absolute Highlight erfahren wir dann aber kurz vor der Vierzehn-Kilometer-Marke, als wir an einem Altenheim vorbei laufen. Offensichtlich haben sich die dort wohnhaften Senioren und Pfleger kurzerhand dazu entschlossen, das schöne Wetter auszunutzen und sich den Marathon anzuschauen. Am linken Straßenrand tut sich somit ein Spalier von mindestens dreißig Rollstühlen auf, in denen gute gelaunte und mit Kuhglocken, Rasseln und anderen Accessoires ausgestattete ältere Damen und Herren sitzen und uns zujubeln und anfeuern. Einfach nur klasse!

KM 17 | Kaiser-Friedrich-Ring

Der Kurs sieht nun vor, dass wir uns langsam wieder auf die Oberkasseler Brücke zubewegen, aber erst mal unter ihr herlaufen, dann nach einer Schleife von circa zwei Kilometern wieder über sie drüber laufen und die Rückreise zur anderen Rheinseite antreten. Unsere Fans haben in der Zwischenzeit auch den Abstieg von der Brücke gewagt und stehen nun unten auf der Strecke, um uns zu empfangen. Gustav als Abklatscher und die weltweit beste Ehefrau mit der Videokamera in der Hand.

Kurz nach unserem Rendezvouspunkt laufen wir in den Windschatten eines Häuserblocks hinein. Da sich die Sonne mittlerweile komplett gegenüber den Wolken durchgesetzt hat, haben wir es kurzzeitig mit einem gefühlten Temperaturanstieg zu tun, der zwar bei weitem kein Problem darstellt, aber trotzdem irgendwo in mir die Sorge aufkeimen lässt, ob das Wetter sich nicht doch noch zu meinen Ungunsten entwickelt. Eine Sorge, die sich später zum Glück nicht bestätigen wird.

KM 20 | Oberkasseler Brücke

Auf der restlichen Runde durch Oberkassel war uns wieder eine Publikumsbeteiligung vergönnt, die eines Marathons würdig ist. Der Spalier der Zuschauer zieht sich erneut bis auf die Brücke, auf der sich auch wiederum unser Fanblock positioniert hat. Kurz zuvor habe ich mein zweites Gel konsumiert und bekomme jetzt plangemäß von der weltweit besten Ehefrau zwei neue Gels gereicht, die ich dann auf der zweiten Streckenhälfte einnehmen werde. Auch Christine wird von Gustav mit neuen Gels versorgt. Markus hat sich dafür entschieden, später bei den offiziellen Verpflegungsstationen ein Gel zu nehmen.

KM 25 | Euler Straße

Die vergangenen fünf Kilometer verliefen weitgehend unspektakulär und plangemäß. Wir haben nach wie vor ein diszipliniertes Tempo und ein gute Einstellung zu dem Lauf. Der Kurs führt uns jetzt in verschiedenen Schleifen zwischen Zentrum und Wohnvierteln hin und her. Die Stimmung an der Strecke ist übersichtlich und im Vergleich zu anderen prominenten Marathons
in Deutschland eher unterdurchschnittlich. Aus irgendeinem Grund stört uns das gar nicht mal so sehr, vielleicht weil wir diesbezüglich mit einer nicht allzu hohen Erwartungshaltung hierhergekommen sind.

An der Verpflegungsstelle kurz vor KM 25 signalisiert Christine, dass sie noch mal austreten müsse. Da wir nun mitten im Dorf sind, ist das nicht so einfach, also muss dieses Mal dann doch das Protokoll beachtet werden und das Dixie-Klo direkt neben der Verpflegung herhalten. Christine gelingt es gerade noch, einen Streckenposten zu verscheuchen, der vor ihr in dem Häuschen verschwinden wollte. Läufer haben Vorfahrt! Wir liegen mittlerweile fast sechs Minuten vor der Marschtabelle, daher wirft uns die Dixie-Pause überhaupt nicht aus der Bahn. Allerdings hat Markus, der zu dem Zeitpunkt wenige Meter vor uns herlief, Christines Boxenstopp nicht mitbekommen, sodass er uns nun ausbüchst. Wir werden ihn später wieder einsammeln.

KM 28 | Fritz-Wüst-Straße

Bei KM 27 kam uns die Zwischenzeit etwas komisch vor. Demnach wären wir im Tempo eklatant eingebrochen, ohne dass wir das im Geringsten vom Laufgefühl her wahrgenommen hätten. Jetzt beim KM 28 relativiert sich das allerdings wieder, denn hier sagt die Zwischenzeit, dass wir auf dem letzten Kilometer fast eine Minute zu schnell waren. Daraus schlussfolgern wir einfach mal, dass die Streckenmarkierung bei KM 27 nicht korrekt gesetzt war und zu weit hinten stand. Der Mittelwert aus den beiden unplausiblen Zwischenzeiten sagt uns, dass wir nach wie vor sehr gut im Einklang mit der Marschtabelle laufen, was sich auch absolut mit unserem Gefühl deckt.

Mittlerweile haben wir hier einen Streckenabschnitt erreicht, der sich stimmungsmäßig deutlichvon den bisherigen abhebt. Als wir in dieses Wohnviertel hier einbiegen, nehmen wir als erstes ein quer über die Straße gespanntes Transparent wahr, auf dem sinngemäß geschrieben steht „Die Anwohner der Fritz-Wüst-Straße begrüßen alle Läufer“. Gleich dahinter zu beiden Seiten eine dicht gedrängte Menschenmenge. Hier haben sich die Anwohner nicht lumpen lassen und den Umstand, dass heute der Marathon durch ihr Wohngebiet führt, als Anlass für ein kleines Straßenfest genommen. So ist das toll! Da kommt direkt Stimmung auf! Und die Menschen hier muss man auch nicht groß auffordern, uns anzufeuern. Trotzdem lasse ich es mir nicht nehmen, durch Gesten und Zurufe den Geräuschpegel des Publikums noch weiter anzuheben. Leider ist die Fritz-Wüst-Straße nicht sehr lang und das Straßenfest nur von überschaubarer Größe, aber immerhin! Kurz nach verlassen dieses Hot Spots nehme ich, etwas später als geplant, mein drittes Gel zu mir.

KM 30 | Lindemannstraße / Brehmplatz

Wir nähern uns der magischen Dreißig-Kilometer-Marke, der man nachsagt, sie markiere den eigentlichen Beginn des Marathons. Jetzt dauert es nicht mehr lange bis wir in einen Distanzbereich kommen, den wir im Training vorher nicht gelaufen sind. Ich erkundige mich nach Christines Wohlbefinden und sie gibt mir durch gereckte Daumen zu verstehen, dass bei Ihr alles im Lack ist. Mittlerweile haben wir Markus wieder gesichtet. Er läuft ungefähr fünfzig Meter vor uns und wir rücken langsam zu ihm auf. An der kurz hinter dem Brehmplatz auftauchenden Verpflegungsstation haben wir ihn dann wieder eingeholt.

Wir laufen immer noch innerhalb der zeitlichen Vorgaben der Marschtabelle und haben unseren Vorsprung von rund sechs Minuten auf die Sollzeit weiterhin gehalten. Obwohl ich bis hierhin mein Gehirn gegen diese Gedanken abgeschottet habe, erwische ich mich nun dabei, wie ich darüber nachdenke, dass wir heute nicht nur unter unserer Sollzeit bleiben können – es wäre im achten Marathon das erste Mal, dass mir das gelingen würde – sondern dass wir auch noch meine bisherige zweitbeste Marathonlaufzeit knacken können, wenn wir den Sechs-Minuten-Vorsprung bis ins Ziel retten würden. Ich schüttle den Gedanken ganz schnell wieder ab, denn meine Erfahrung aus den früheren Marathons sagt mir, dass auf den letzten zehn bis zwölf Kilometern noch viel passieren kann und der Drops noch lange nicht gelutscht ist. Hinten sind die Schweine fett! Und das fatale ist ja nun mal, dass so ein Einbruch immer aus heiterem Himmel kommt. Du kannst dich jetzt in diesem Moment wohl fühlen und von einer Minute auf die andere haut es dich um und du hast das Gefühl, du kannst keinen Schritt mehr vor den anderen tun. Viel zu oft habe ich diese Situationen schon erlebt. Im Training und im Wettkampf. Daher werde ich den Teufel tun und schon jetzt von einer guten Zielzeit träumen.

KM 32 | Vagedesstraße / Prinz-Georg-Straße

Dem KM 32 schenken wir nun besondere Aufmerksamkeit. Denn ab jetzt wird unsere Debütantin Christine in eine Distanz hineinlaufen, die sie zuvor noch nie gelaufen ist. Selbst wenn sie aus irgendwelchen Gründen – was ich absolut nicht glaube – das Ziel nicht erreichen sollte, ist es jetzt schon die weiteste Strecke, die sie je gelaufen ist. Damit hat sie bereits zu diesem Zeitpunkt einen persönlichen Rekord gebrochen. Die Zwischenzeit zeigt uns, dass wir mittlerweile einen Vorsprung von 6:15 Minuten auf die Marschtabelle haben und von der Zeit und Geschwindigkeit her ungefähr in dem Bereich laufen, wie beim letzten langen Trainingslauf über zweiunddreißig Kilometer. Es läuft super! Wir machen unsere Sache hier heute richtig gut!

Direkt neben der Staffelwechselzone gleich hinter dem KM 32 haben sich Gustav und die weltweit beste Ehefrau in die Sonne gefläzt und haben sich quasi einen Logenplatz besorgt. Da wir sie auf der anderen Straßenseite vermutet haben, hätten wir sie beinahe verpasst. Das Wetter hat sich stabilisiert, die Sonne hat endgültig die Wolken vertrieben und die Temperaturen sind nach wie vor ausgesprochen angenehm. Die Publikumsbeteiligung ist in der zweiten Streckenhälfte deutlich besser geworden, was mit Blick auf die Tatsache, dass man die Anfeuerungen am Ende immer besonders nötig hat, natürlich von Vorteil ist.

KM 35 | Reichsstraße

Erneut müssen wir feststellen, dass hier stellenweise was mit den Kilometermarkierungen nicht stimmt. Bei KM 34 hatten wir wiederum eine eklatant schlechte Zwischenzeit, die sich aber bei KM 35 wieder aufgehoben hat. Der Mittelwert aus beiden Zeiten deckt den Fehler aber auf. Trotzdem gehen wir aber so langsam an die Zeitreserven ran, denn nun zeigt die lange Strecke ihre Zähne. Es passiert genau das, was ich immer wieder beim Marathon erlebe: ich habe einen Durchhänger und kann das Tempo nicht mehr halten. Auch Markus kämpft. Er hat Krämpfe und muss stellenweise gehen oder gar stehen bleiben. Das bleibt mir wenigstens erspart und ich kann zwar langsamer, aber zumindest gleichmäßig weiter laufen. Ausgerechnet Christine, unser Novizin, hat noch die meisten Körner und übernimmt nun in stiller Übereinkunft die Rolle des Hasen. Zwar hat sie mir kurz vorher noch zu verstehen gegeben, dass auch sie das Ganze jetzt fürchterlich anstrengt, aber im Moment ist sie in der Tat noch die fitteste von uns. Markus ist hinter uns und er versucht immer wieder an uns ran zu kommen und den Anschluss zu halten. Christine läuft ein Stück vor mir und ich versuche an ihr dran zu bleiben. Immer wieder dreht sie sich nach mir um und lässt sich zurückfallen, wenn ich nicht mehr nachzukommen scheine. Ruhig Blut! Wir haben eine komfortable Zeitreserve raus gelaufen. Es ist nicht mehr weit und wir werden unter den 4:45 bleiben. Das kann eigentlich nicht mehr schief gehen.

KM 39 | Graf-Adolf-Straße, Ecke Königsallee

Wir erreichen die legendäre Kö, dem Prachtboulevard hier im Dorf. Die Zuschauer sind nun, je näher das Ziel rückt, deutlich präsenter. Ich kämpfe immer noch, während Christine mich zieht. Das Gute ist, dass ich trotz meines Einbruchs weiterhin ein konstantes Tempo halten kann, dass zwar niedriger ist, aber sich nicht weiter verlangsamt. Christine wirkt immer noch vergleichsweise frisch. Oh, Mann! Sie wird gleich ihren ersten Marathon finishen. Sie wird es kaum erwarten können und ich bremse sie gerade. Aber immerhin werden wir unsere Sollzeit unterbieten. Wir haben trotz der Probleme von Markus und mir immer noch gut fünf Minuten Vorsprung. Das lassen wir uns nicht mehr aus der Hand nehmen. Ich laufe nur noch stur geradeaus und hefte mich an Christines Hacken. Ich bin nicht mehr in der Lage mich umzudrehen und nach Markus zu schauen, aber er ist dicht hinter mir, hat den Anschluss noch nicht verloren.

Plötzlich trifft mich ein Gedanke wie ein Blitz: „Hast Du überhaupt Dein viertes Gel schon genommen?“. Ich dämlicher Vollpfosten habe das doch glatt vergessen, ich hätte das laut meiner Planung doch schon vor drei Kilometern einwerfen müssen. Schnell ziehe ich die Trinkflasche aus dem Patronengurt und sauge in einem Zug die süße Flüssigkeit in mich hinein. Eigentlich könnte ich mir das jetzt schenken, es sind keine drei Kilometer mehr bis zum Ziel. Aber das Zeug jetzt nachher ungenutzt ins Klo schütten ist auch irgendwie doof. Hätte ich meinen momentanen Durchhänger vermeiden oder wenigstens teilweise heilen können, wenn ich das Gel nicht vergessen hätte? Ich weiß es nicht. Einfach nicht drüber nachdenken. Wir haben satten Zeitvorsprung, das ist das Wichtigste!

KM 41 | Graf-Adolf-Straße

Es ist soweit! Wir brechen den letzten Kilometer an. Unsere Zwischenzeit liegt jetzt bei 4:32:15. Das geht auf keinen Fall mehr schief. Wir werden unsere Wunschzeit erreichen. Eigentlich können wir das Ding locker nach Hause laufen. Doch dann fällt mir plötzlich auf, dass wir in der Tat noch meine zweitbeste Marathonzeit unterbieten können. Die liegt bei 4:40:07 und ich bin sie 2007 in Berlin gelaufen. Obwohl ich diesen Gedanken schon vor zehn Kilometern verdrängt habe, lecke ich Blut, nehme auf dem letzten Kilometer noch mal alle Kräfte zusammen und forciere das Tempo. Christine hat keine Probleme, die Tempoverschärfung mitzugehen. Sie ist ja noch fit wie ein Laufschuh! Hoffentlich wird Markus uns nicht verfluchen und das als Ausreißversuch ihm gegenüber missdeuten.

KM 42,195 | Rheinwerft

Wir laufen wie in Trance! Bevor wir die Zielgerade am Rheinufer erreichen, müssen wir einen kleinen Abhang hinunter. Dadurch nehmen wir noch mal etwas Fahrt auf. Das Ziel nähert sich gleichermaßen langsam und unaufhaltsam. Die Sekunden auf der Uhr verstreichen gnadenlos. Ich habe mein Gehirn völlig ausgeschaltet und will einfach nur noch mit meiner kleinen zähen Kampfsau ins Ziel. Und ich will meine Berlin-Zeit versenken. Nur schemenhaft nehme ich Gustav und die weltweit beste Ehefrau am Streckenrand wahr, die sich nur wenige Meter vor der Ziellinie einen Platz ergattern konnten. An den Händen haltend und mit einem Urschrei der Freude überlaufen wir die Ziellinie. Nur verschwommen kann ich so gerade noch erkennen, dass wir in etwa eine Zeit von 4:39 geschafft haben. Damit ist es nun amtlich: Christine hat endlich ihren ersten Marathon gefinisht, und das in einer respektablen Zeit. Und ich kann mich über eine neue zweitbeste Laufzeit freuen. Nur wenige Sekunden nach uns kommt auch Markus ins Ziel. Er hat den Anschluss halten können. Erfolg auf der ganzen Linie!

Nachzielbereich

Irgendwie können wir noch keinen klaren Gedanken fassen. Christine hat noch gar nicht realisiert, was sie da gerade vollbracht hat. Nachdem wir unsere Medaille empfangen und uns mit einer Warmhaltefolie ausgestattet haben, bleiben wir eine Weile zusammen stehen und müssen uns erst einmal sammeln. Was für ein Tag! Wir sind einfach nur glücklich, zufrieden und total geschafft. Um diesen Moment angemessen zu verewigen fotografieren wir uns gegenseitig, um die Bilder in Echtzeit in alle Welt zu schicken.

Irgendwann treiben uns Hunger und Durst weiter in den Nachzielbereich zu den Versorgungszelten. Als wir endlich das Erdinger Alkoholfrei in der Hand halten, an das ich irgendwie unterbewusst schon die letzten zehn Kilometer gedacht habe, verstärkt sich mein Gefühl der Genugtuung. Wir holen unser Klamotten am Kleiderbeutelzelt ab und entscheiden uns einstimmig gegen das Rudelduschen in den Containern. Ein trockenes Shirt und etwas Deo müssen reichen. Lieber heute Abend zu Hause ausgiebig die heimische Sanitärinfrastruktur nutzen. Wir wollen jetzt einfach nur zu unseren Lieben, die bereits Stellung in der After-Run-Location bezogen haben und dort auf uns warten. Wir wollen jetzt unseren Erfolg mit ihnen feiern und außerdem habe ich Kohldampf für Zehn.

Fazit

Was hat der Tag aus meiner persönlichen Sicht gebracht? Mal ganz davon abgesehen, dass ich mich unglaublich darüber freue, dass Christine das Ding endlich gerockt hat, kann ich auch für mich selber ein überaus positives Fazit ziehen. Meine Laufzeit lag heute bei 4:39:42, was mit Blick auf meinen momentanen Leistungsstand für mich ein tolles Ergebnis ist. Christine hat es schon wieder irgendwie geschafft, dass sie eine Sekunde schneller war als ich. Wie macht die das eigentlich immer? Ist auch egal, die Sekunde hat sie sich verdient, nachdem sie mich am Ende über die Strecke gezogen hat. Markus ist übrigens in 4:40:01 rein gekommen.

Es war der Marathon, der aus Sicht der Renneinteilung und des Rennverlaufs für mich am besten gelaufen ist. Von dem kleinen Durchhänger am Ende abgesehen, der rein rechnerisch gerade mal knapp zwei Minuten gekostet hat, bin ich noch nie so konstant über die 42,195 Kilometer gekommen wie heute. Zudem war es der erste meiner acht Marathons, bei dem ich meine Wunschzielzeit unterbieten konnte. Dass es für mich von der Laufzeit her auch noch der zweitbeste Marathon war, ist noch die Sahne auf dem Kaffee. Vor allem wenn man bedenkt, dass ich damals in Berlin, als ich meine bisherige zweitbeste Zeit gelaufen bin, knapp sechs Jahre jünger und gut acht Kilo leichter war.

Ansonsten muss ich sagen, dass mich der Dorf-Marathon nur mäßig begeistert hat. Zugestanden: meinen letzten Marathon bin ich New York gelaufen und von daher etwas verwöhnt, daher wäre ein direkter Vergleich mehr als unfair. Hier im Dorf finde ich zwar die Strecke vom Verlauf und vom Profil her durchaus ansprechend, die Publikumsbeteiligung und die Stimmung insgesamt an der Strecke, abgesehen von den wenigen Hot Spots, sind dagegen eher dürftig. In punkto Organisation (Website, Teilnehmerinfo, Kleiderbeutelabgabe, Nachzielversorgung, verschlossene Dixie-Klos, fehlerhafte Streckenmarkierungen) sowie in Sachen Rahmenprogramm ist auch noch ordentlich Potenzial zu finden. Aber ich will nicht meckern, es war ein geiler Tag!!!

Jetzt werden wir uns lauftechnisch eine Ruhephase können, bis wir das nächste Projekt in Angriff nehmen: Berlin-Marathon am 29. September 2013. Die Startplätze sind gesichert, die Unterkunft schon gebucht. Packen wir’s an!!!

3
Gesamtwertung: 3 (2 Wertungen)

Na wenn sich

Na wenn sich schon mal einer aus Brühl-Nord in meine Stadt verirrt und dann noch ein Erfolgserlebnis hat, muss ich wohl im Gegenzug im Oktober mal ein wenig Richtung Süden fahren, um etwas um die große Kirche rumzulaufen. Vielleicht läuft es bei mir auch so gut.
Mit dem etwas mauen Puplikum hast du leider völlig recht und die freien, kostenlosen Parkplätze kannst du als Gastgeschenk an Auswärtige sehen.
Ansonsten meinen Glückwunsch an euch für ein richtig geplantes und durchgeführtes Rennen.

Gruß
good news

Verstehen kann man das Leben nur rückwärts,
leben muss man es vorwärts.
Sören Kierkegaard

So'n kleines Dorf

und so viele Straßennamen - und dann noch ein Marathon, der das Dorf gar nicht verlässt. Das kann Dir nur in diesem Dorf passieren.

Gratulation zum Finish in Wunschzeit - und natürlich zum Debüt Deines Igels, der zum Hasen mutierte!

Erholt euch gut.

ein wunderbarer Bericht

bei dem ich das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht kriege - als jemand, der in Köln studiert und im Dorf gewohnt hat ;-)) Köln bin ich schon gelaufen, D'dorf nicht, steht noch auf der Liste.
Und wenn du mal einen Marathon mit noch weniger Stimmung machen willst: Gelegenheit verpasst, denn der in Saarbrücken wird nicht mehr stattfinden. Da hattest du das Gefühl dich bei den Leuten an der Laufstrecke entschuldigen zu müssen, dass du es wagst zu stören...

Einen feinen Job hast du da gemacht, herzlichen Glückwunsch! (Deine Musikliste klingt übrigens wie meine ;-))

Saarvoir courir - laufen wie bekloppt im Saarland

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